Der englische Gärtner: Foxit nach Kirgisien

Der Oxforder Geschichtsprofessor Robin Lane Fox wird den meisten deutschen Lesern als Autor glänzend geschriebener Bücher (siehe: https://www.klett-cotta.de/suche?vt=Robin+lane+fox) über die Antike bekannt sein.

 

Robin_James_Lane_Fox,_FRSL
Abb.: Robin Lane Fox; Bildquelle: Wikipedia

 

Besonders bekannt ist seine stilistisch brillant verfasste Alexanderbiographie. Die badische Zeitung schrieb hierzu: »… beste britische Geschichtsschreibung. Die obligatorische Gelehrsamkeit, die die griechischen und römischen Quellen zusammen mit ägyptischen, babylonischen, persischen und indischen Quellen auswertet und auch neuere archäologische Erkenntnisse einbezieht, wird mit leichter Hand dargeboten, seriös und unterhaltsam, nicht zuletzt witzig, wo der Stoff das zulässt, immer spannend ohnehin.«

Alexander Eroberer der Welt

 

Den Regisseur Oliver Stone beriet er bei dessen Film Alexander. Für die einen großes Kino in der Tradition der legendären Sandalenfilme; für einen Freund von mir, nennen wir ihn Harry, schon alleine sehenswert aufgrund der Hochzeitsnacht-Szenen mit Rosario Dawson als persische Prinzessin.

 

Alexander Oliver Stone

 

Da er als britischer Gentleman alter Schule in England ein hervorragender Reiter ist und die berittene Fuchsjagd liebt, konnte er sich bei den Dreharbeiten den Traum eines Antiken-Liebhabers erfüllen und Attacken in der makedonischen Kavallerie mitreiten.

 

Alexander's Cavalry Charge

https://www.youtube.com/watch?v=US2t6jM3Ies
https://www.youtube.com/watch?v=rjMcKcL5JY4&pbjreload=10

 

Britische Leser kennen ihn hingegen vermutlich eher durch seine jahrzehntelange Tätigkeit als Gartenkolumnist der „Financial Times“. Klug und unterhaltsam schreibt er seit 1970 nicht nur über die Gartenkunst, sondern lässt seine Leser auch an seinen botanischen Exkursionen teilnehmen. Diese Reise zu Pferde durch Kirgisien ist eine davon.

 

***

Foxit nach Kirgisien

von Robin Lane Fox

Im Kielwasser des Brexit riss ich, schockiert von dem, was geschehen war, nach Kirgisien aus, in das abgelegene Hochgebirge Kungej-Alatau. Mein Plan sah völlig anders aus als der von Cassian Schmidt, dem scharfsinnigen Leiter des Hermannshofs. Während er in einem Landrover über blühende kirgisische Wiesen kurvte, war ich mit fünf Hengsten, zwei kirgisischen Führern und der unerschrockenen Harriet aus Devon unterwegs, die fest entschlossen war, auf dem Boden einer Jurte zu schlafen und mit wehendem Haar am Fuße von Gletschern Richtung Westchina zu galoppieren. Eines unserer Ziele bestand darin, neun Tage lang den ganzen Tag zu reiten. Außerdem wollten wir unseren botanischen Blick erweitern und die Blumen einer Landschaft kennenlernen, in die nicht einmal Alexander der Große vorgedrungen war. Diesen beiden Zielen gesellte sich dann bald noch ein drittes hinzu: Überleben.
Es begann alles sehr idyllisch. Als es dunkel wurde, saßen wir in einer gemütlichen Unterkunft, während gastfreundliche Damen Hammelfett-Pasta für sechs Leute vorbereiteten. Ein älterer kirgisischer Besucher griff nach seiner Kormuz, einem Zupfinstrument mit drei Saiten, das ein wenig einer Mandoline ähnelt, und eine Stunde lang erfreute er uns mit auswendig vorgetragenen Gesängen. Seine Glanznummer war eine Melodie, die für einen Boten komponiert worden war, der die Nachricht überbringen muss, dass bei der Jagd der Sohn des Herrschers von einem Wildschwein getötet wurde. Der Herrscher droht, den Mund des Mannes dafür, dass er eine so grauenhafte Botschaft übermittelt, mit geschmolzenem Blei zu füllen. Daraufhin erklärt der Bote, dass seine Kormuz, nicht seine Stimme die Botschaft übermittelt habe. Und die Kormuz kann nicht mit Blei gefüllt werden, weil sie kein Loch hat. Konstantin, erster christlicher Herrscher des römischen Reichs, ordnete an, dass jedem, der einem Mädchen dabei half, wegzulaufen, um vorehelichen Sex zu haben, heißes Blei in den Rachen gegossen werden sollte. Manche Historiker sind der Meinung, eine solche Bestrafung sei nicht möglich gewesen. Für das antike Zentralasien war sie es jedoch durchaus.
Während er sang, dachte ich wie immer an Homers Ilias. Homers Achilles spielt, ebenfalls in einem Zelt, die Leier und singt dazu. Ein Bote fürchtet um sein Leben, als er Achilles die Nachricht überbringt, dass sein geliebter Patroklos getötet wurde. Wie homerische Rhapsoden rezitieren professionelle kirgisische Sänger ein altes episches Gedicht über den mächtigen Manas, die kirgisische Antwort auf Achilles. Das Gedicht hat immerhin einen Umfang von 20.000 Versen. Unser kirgisischer Führer Ulubec erzählte, es werde von kirgisischen Jungen erwartet, dass sie ohne Lesen oder Niederschreiben die Namen und Geschichten von sieben Generationen ihrer männlichen Vorfahren auswendig lernen. In Oxford reicht nur bei wenigen jungen Männern das Wissen über ihre Großväter hinaus. Und trotz 43 Jahren in der EU beherrschen sie auch nur wenige, wenn überhaupt irgend- welche, Fremdsprachen. In Kirgisien sprechen Schuljungen kirgisisch und russisch und fangen im Alter von fünf Jahren mit englischer Grammatik an.
Am nächsten Tag trafen wir unsere Pferde. Sie waren nicht das, was der Dichter Matthew Arnold als „shaggy ponies from Pamir“ [zottelige Ponys aus Pamir] bezeichnete. Mein Tier, schwarz und draufgängerisch, hieß Kara. Unter heißer Sonne trabten wir immer höher, vorbei an wilden weißen Rosen und Gebirgswiesen, auf denen Steinbrech und Glockenblumen in Hülle und Fülle wuchsen. Die Felder leuchteten von lila-blauem Eisenhut und rosa-pinkfarbenem Klee. Wir sahen Hunderte von Salbeipflanzen, eine Blumenart, bei der ich zögere, sie in der Nähe von Oxford anzupflanzen. Es ist immer aufschlussreich für Gärtner, die Pflanzen wildwachsend zu erleben. Als Kara anfing, übermütig zu werden, rückte ich meine weiche Kappe zurecht, ein Geschenk von einer ehemaligen Studentin in Oxford, die in Nord-Pakistan unterrichtete. Sie erstand sie für ein Pfund auf einem Markt in Chitral, das früher von Alexanders Makedonen erobert worden war. Interessanterweise haben Gelehrte diese Kappenform von der „Kausia“ abgeleitet, der flachen Kappe, die die Makedonen trugen. Ich fühle mich geehrt, mit dergleichen Legenden in Verbindung gebracht zu werden; unsere beiden Führer gingen dann sogar so weit zu behaupten, dass Alexander bis nach Kirgisien gekommen sei und die wilden Walnussbaum-Wälder aufgesucht habe. Um Arslanbob stehen sie noch heute, und darunter wachsen Gruppen von Riesen-Steppenkerzen, eben jenes Eremurus, dem ich auch schon am Fuß des riesigen Münchner Alpinums begegnet war. Die Führer klärten uns auf, dass sämtliche Walnussbäume in Griechenland von jenen kirgisischen Walnüssen abstammen, die Alexander mit nach Hause nahm. Tatsächlich wachsen die besten griechischen Walnüsse mittlerweile im nördlichen Euböa. Artemisische Walnüsse, die bei „Harrods“ erstanden werden können, werden von Bäumen gepflückt, die von einem Baumschulbesitzer in der Provence stammen.
Abends galoppierten wir zu unserer Jurte auf der Kuppe eines Berges. Die Jurte war aus gebogenen roten Stäben aufgebaut und mit Seidenstoffen bedeckt. Die Stoffe waren – ein floraler Willkommensgruß – mit grünen und pinkfarbenen Pfingstrosen gemustert, und darauf gedruckt war, auf den Kopf gestellt, das englische Wort „Love“. Am normalerweise völlig klaren zentralasiatischen Himmel fehlten lediglich die Sterne. Ihre Abwesenheit war ein Omen.
Am nächsten Tag bestiegen wir nach Tagesanbruch unsere Pferde, und Harriet erklärte unseren exzellenten Führern, dass ich an einer Universität unterrichtete. Ehrfurchtsvoll staunten sie über das Wort „Oxford“ und sahen angemessen ratlos aus, als ich Cambridge erwähnte. Sie wussten sogar Bescheid über Englands skandalöse Studiengebühren, ich nutzte also ein- mal mehr die Gelegenheit, über diese jüngste Rache an der hart arbeitenden Jugend herzuziehen. „Ist Oxford in London?“, fragten sie mich. Sie hatten nie zuvor englische Reiter auf dieser beschwerlichen Strecke begleitet, einmal waren sie jedoch mit einem Engländer geritten, der 71 Jahre alt war. Und, so erzählten sie weiter, dieser habe zweihundert Länder besucht, seit er sich aus dem Berufsleben zurückgezogen hatte. Harriet war angewidert, als sich bei mir Rentner-Konkurrenzgefühle bemerkbar machten.

 

Reiter Wiesen voller Edelweiss
Abb.: Der Autor reitet über Wiesen voller Edelweiß; © Harriet Rix

 

Den Vormittag über ritten wir über hügelige Wiesen und so viel Edelweiß, dass ein Baron von Trapp ein ganzes Leben damit hätte zubringen können, sie zu besingen. Um die Mittagszeit ging es wieder abwärts, zwischen Vergissmeinnicht, blauem Enzian und glänzend gelben Butterblumen, während Herden wilder Pferde am Fuß der mit einer Schneehaube gekrönten Berge weideten. In Bath fand während der Sommermonate im dortigen Holburne Museum eine Ausstellung mit dem Titel „Stubbs and the Wild“ statt. Wenn dieser bedeutende Pferdemaler Kirgisien besucht hätte, dann hätte er wilde Stuten und Fohlen in einer authentisch wilden Landschaft malen können.

 

Stubbs-and-the-Wild

https://www.holburne.org/product/stubbs-and-the-wild/

 

Nachmittags war ich dann vollauf damit beschäftigt, mental mit dem zuvor erwähnten englischen, 71-jährigen Reitersmann auf einer Höhe zu bleiben. Der Himmel hatte sich zugezogen, und ein heftiger Wind drang durch meine Daunenjacke. Meine Reiterhosen klebten mir auf der Haut und wickelten sich schmerzhaft um meine Beine. Der Regen hörte auf, kehrte dann aber mit verdoppeltem Blitzaufkommen zwischen den Gipfeln und Seen zurück, auf die nie zuvor englische Blicke gefallen waren. Nach vier Stunden in Regen und Sturm wurden wir von Schäfern aufgenommen, die jedes Jahr mit ihren Jurten und Herden in diese Gebirgsregionen kommen. Bei ihnen wurden wir dem ultimativen Test unterzogen: Stutenmilch in Schalen, erwärmt auf einem Herd, der mit Pferdedung befeuert wurde; Letzterer wird gesammelt, getrocknet und dann von älteren Familienmitgliedern in Stücke geschnitten. Während ich langsam wieder warm wurde, dachte ich über die in England übliche Heizkostensteuerbefreiung für Rentner nach. Im Sommer könnten wir in die Jahre Gekommenen uns damit fit halten, dass wir menschlichen und tierischen Mist sammeln und lagern. Den könnten wir dann drinnen verfeuern und uns so den ganzen Winter über warmhalten. Die Abschaffung dieser Steuerbefreiung würde die Abschaffung der Studiengebühren für die jungen Leute ermöglichen, einem Greuel, das in Deutschland, nachdem man kurz mit der Idee geliebäugelt hatte, schnell wieder ausgemustert wurde.
Die Tage 2, 4 und 6 wurden, jeweils immer am Nachmittag, ähnlich her- ausfordernd und stürmisch. Kara weigerte sich, bergauf zu traben, und zwischen bewundernden Blicken auf herrliche Alpenprimeln bekam ich in Höhen oberhalb von 4000 Metern nur noch mühsam Luft. Abends lagen wir auf Jurtenböden in unseren tropfnassen Reiterhosen, während Mädchen in schimmernden Seidengewändern Pferde-Rahm von Pferde-Milch trennten, indem sie mit Stöcken in metallenen Butterfässern herumrührten. Ohne Ofen zitterte ich vor Kälte, bis ein muskulöser Schäfer mir – ich fühlte mich an flüssiges Blei erinnert – Schnaps in die Kehle goss. Der Aufkleber seiner Flasche zeigte einen springenden Steinbock, der aussah, als habe er gerade ein Legal High konsumiert. Während seine Tochter rührte, kam ein Hemd zum Vorschein mit dem aufgestickten Logo „Style is Lourdes“. Bei diesem Anblick empfand ich tiefe Dankbarkeit für das alkoholische Wunder, das ihr Vater gewirkt hatte.
In den 1060er Jahren verfasste der bedeutendste Dichter Kirgisiens, Yusuf Balasaguni, ein langes Reimgedicht in Turksprache über einen jungen Wesir namens „der Hochgepriesene“. Der Bruder des Hochgepriesenen war ein gelehrter Einsiedler, genannt „der Hellwache“, der allein, erleuchtet, in den Bergen lebte. Nachts sympathisierte ich mit dem Hellwachen – meinerseits hellwach, allerdings in einer Jurte mit sieben schnarchenden Körpern neben mir und wilden Pferden, deren Wiehern von draußen in die Jurte hineinscholl. Unsere Hengste witterten die Stuten in den Bergen und drehten vor Begierde durch.
Tag für Tag hob die wechselnde Flora unsere Stimmung. Im Sumpfgebiet in der Nähe eines fischreichen Flusses stießen wir auf Flächen von purpur-pinkfarbenen und weißen Pedicularis rhinanthoides, eine unbekannte kirgisische Schönheit, die bei unserer Rückkehr die Spezialisten in den Kew Gardens in Erstaunen versetzte. Cremefarbene Clematis sibirica wand sich durch die weiße Rose fedtschenkoana, von der heute aufgrund genetischer Tests angenommen wird, dass sie die Mutter aller zweimal blühenden Rosentypen ist.
An kurios aussehenden Disteln erstaunten uns flaumige Blütenköpfe. An der Schneegrenze stießen wir auf Exemplare des eisblauen Trollius lilacinus, den großartigsten Fund unserer Reise. Vieles der dortigen herrlichen Flora ist noch unerforscht, und ich kann nicht für alle Blumen, die wir sahen, die Namen nennen. Am achten Tag stiegen wir zu einer kurzen unbefestigten Straße ab und stießen auf drei Wagenladungen israelischer Damen. „Was gibt es da oben zu sehen?“, fragten sie uns. Primeln, kilometerweit Enzian, fingen wir an … „Nein nein“, fielen sie uns ins Wort, „Wasserfälle?“
Wir trabten schwermütig zu unserem letzten, oberhalb eines Tals mit blassblauen Astern gelegenen Lager. Auch sie haben meinen Gärtnerstil verändert, ich pflanze jetzt mehrere Astern divaricatus zwischen blassgelben Potentilla recta an, was entfernt an die Farbkombination im kirgisischen Hochland erinnert. Außerdem ist mein Respekt vor der Schönheit von Disteln angewachsen, vor allem für Golddisteln und Kratzdisteln und deren schimmernde Plastizität. Die ultimative Distel, Schmalhausenia nidulans, muss leider im Reich meiner Erinnerung bleiben, da das silbrige Gewirr aus Stacheln und Flaum im feuchtkalten englischen Klima nie gedeihen würde.
Meine Aktivität als Gärtner wurde neu bestärkt. Und dasselbe gilt für meine Moral. Jener 71 Jahre alte Engländer, so enthüllten unsere Führer schlussendlich, ritt lediglich fünf Stunden. Er wollte nichts weiter als auf einem Berg mit Panorama-Blick stehen. Wenn gilt: „Style is Lourdes“, dann darf man sagen: Kondition ist eine Woche zu Pferd, und der Verzehr von Stutenmilch bei Regen und Sturm, Blitz und Donner. Wenn die Brexit-Verhandlungen scheitern, dann, so glaube ich fest, kann ich ohne Weiteres eine botanische Oxford-Kirgisien-Entente vermitteln.

 

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook

Der englische Gärtner

Titel: Der englische Gärtner – Leben und Arbeiten im Garten

Autor: Robin Lane Fox

Verlag: Klett-Cotta

Verlagslink: https://www.klett-cotta.de/buch/Leben/Der_englische_Gaertner/90548

Titel-Foto: © Harriet Rix

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s