Mein Jahr als Jäger und Sammler: Was es wirklich heißt, von der Natur zu leben

Buchvorstellung

John Lewis-Stempel, Nachfahre von Bauern aus Wales und den West Midlands sowie erster Akademiker und Buchautor seiner Familie beschreibt in Mein Jahr als Jäger und Sammler einen waghalsigen Selbstversuch:
Ein Jahr lang ernährt er sich nur von dem, was er zuvor auf seinem Farmland Trelandon gesammelt, gejagt oder gefischt hat.

»Wäre es nicht wunderbar, einfach nur davon zu leben, was die Natur einem gibt?« , fragt sich Lewis-Stempel eines Morgens beim Streifen über seine Wiesen, inspiriert von der Überforderung seiner finanziellen Mittel bei der galaktisch schiefgelaufenden Renovierung seines historischen Bauernhauses. Aufgrund seines persönliches Versagen war sein Selbstbild zerstört und musste mit dem Durchstehen eines Abenteuers neu aufgebaut werden. Aus dieser »fixen Idee« entwickelte sich ein 12-monatiges Survival-Experiment. Entschleunigung, gesundheitsbewusste Ernährung und Nachhaltigkeit inklusive.
»Der grundlegendste Aspekt des menschlichen Daseins ist es, Essen und Trinken aus der Natur zu beschaffen. Wenn man das kann. kann man alles.«

Und was sagte seine Frau zu dieser wahnwitzigen Idee?
»„Du bist so sehr du.“«

Die Entdeckung der mit einem Fasanenkopf geschmückten Plakette der British Association for Shooting and Conversation an der Heckscheibe eines Landrovers inspiriert ihn dazu, sein Jahr des wilden Essens am 1. Oktober, dem Beginn der Fasanenjagd, zu beginnen.

Da es sich bei den größten essbaren Säugetieren auf seinem Land um Kaninchen handelt, befindet er sich während der 12 Monate viel auf der Pirsch und am Schießen. Das Töten bereitet ihm zwar keinen Spaß, aber er weiß, dass es sich – wenn man die Sentimentalität unserer Zeit hinter sich lässt – richtig anfühlt, eine Waffe in der Hand und totes Fleisch vor den Füßen zu haben.
»Eine atavistische männliche Aufgabe ist erfüllt: Der Höhlenmensch hat ein Mammut für den Stamm erlegt. und ich weiß noch etwas: Ein Wildtier zu töten hat etwas befreiend Ehrliches, weil man die Verantwortung für den Tod nicht an anonyme Arbeiter im Schlachthof delegiert. Wenn man eine Schusswaffe in der Hand hält, sind all die ethischen Aspekte des Fleischessens präsent, in einem einzigen, intimen, puren Moment, und lassen sich nicht ignorieren.«

Das klingt jetzt bewundernswert männlich und archaisch, aber John Lewis-Stempel zeigt das ganze Bild. Wenn Du Kaninchen zerhackst und aufschneidest, klebt an Deinem Arm mehr Blut als am Arm Macbeths, nachdem er Duncan ermordet hat. Dies ist ein Teil der Wirklichkeit, den die kunstvoll arrangierten Hochglanzfotos von Kochbüchern und Illustrierten gerne aussparen. Ausgerechnet in so einem Moment betritt seine Frau, eine Vegetarierin, den Raum und spricht en passant, »„Auf gar keinen Fall, wirst du mich in der kommenden Woche mit irgendeinem Teil dieses Arms berühren, von der Schulter bis zu den Fingerspitzen.“«
Die Ehegesponse der Neandertaler werden weniger zimperlich gewesen sein.
»Es ist allerdings bekannt, dass die Frauen von Schafzüchtern diese in der Zeit des Lammens nicht an sich heranlassen: die Vorstellung von Männerhänden, die den ganzen Tag lang im Inneren eines Schafes stecken, ist ein überaus verhütungswirksamer Gedanke. Wie Wyn von der White Hall Farm immer im Februar sagt: „Im Herbst gibt es bei den Schafzüchtern nicht viele Kinder.“«

Was John Lewis-Stempel anfangs unterschätzt und wovon man sich als normaler Mensch kein Bild macht: Das ausgesprochen mühsame Unterfangen Essen aufzutreiben und zu verarbeiten, hält einen den ganzen Tag auf Trab. Oft von sechs Uhr morgens bis neun Uhr abends.

Jedoch: »Produktiv beschäftigt zu sein, von früh bis spät, jeden Tag, verhindert Nabelschau. Umgekehrt sorgt Müßiggang für seelisches Unheil. … Die Ernährung aus der Natur verbessert offensichtlich das seelische Wohlbefinden, weil sie durch eine geringere Zufuhr an Zucker und Kohlenhydraten die Benommenheit verhindert, die mit einem Zuckerrausch einhergeht. Außerdem setzt die zum Sammeln und Jagen dieser Nahrung notwendige ständige Bewegung Endorphine frei, die Glückspillen der Natur. Mehr noch: Wie Forschungsergebnisse zunehmend bestätigen, ist der Aufenthalt in der Natur an sich positiv, selbst in geringem Ausmaß…«

Die Veränderungen durchs Draußensein beschreibt er wie folgt:
»Meine Sinne sind inzwischen anders gestimmt. Um ehrlich zu sein, verunsichert und erschreckt mich das. Ich kann Farben besser sehen, ich kann Spitzmäuse in der Hecke hören, ich kann Bestandteile statt Mischungen riechen. Und da ist noch etwas, etwas, wofür ich kein Wort habe: Mein Kopf tastet ständig seine Umgebung ab und nimmt manchmal, nicht immer, Wildtiere wahr, obwohl ich sie weder sehen noch hören kann.
In Wahrheit weiß ich nicht, ob dieses schnellere, schärfe Ich durch meine Ernährung von der Natur oder durch die ständige Gewohnheit des Jagens entstanden ist. Ich weiß nur, dass es real ist. Bei einem Weihnachtsausflug in den Zoo von Bristol kommen wir zufällig an einer „Tierolympiade“-Maschine vorbei, an der man die eigenen Reflexe testen kann. Meine sind fast so schnell wie die einer Schlange.«
»Wie ein jagender Onkel einst zu mir sagte, ist der beste Rat, dem ein Schütze folgen kann, der von Obi-Wan an Luke Skywalker in Star Wars: „Nutze die Macht, Luke!“ Damit meinte mein Verwandter: Sei im Moment, folge Deinem Instinkt. Sei natürlich.«

Industriell hergestellte Lebensmittel beginnen ihn anzuwidern.
»Unentschlossen knabbere ich an einem Käsesandwich; obwohl ich diesen reifen Bio-Käse früher liebte, zerlegt er sich in meinem Mund auf ekelerregende Weise in Salz und Fett. Was das Brot angeht, bringt mich seine Zähigkeit beinahe zum Würgen. Meine Begegnung mit dem Schinkensandwich verläuft nicht besser; ich kann die Angst des Schweins auf seinem Weg zu seinem langwierigen Tod im Schlachthaus schmecken. Außerdem hat das Fleisch nicht die feste, muskulöse Konsistenz von Wild – Wild, das frei herumgelaufen oder geflattert ist; Wild, das dies und jenes gefressen hat statt nur dies; Wild, dessen Fasern vom Dasein in einer vielfältigen, natürlichen Welt belebt wurden.«

Logischerweise ist das Buch in die vier Jahres Zeiten unterteilt und wird jeder Monat mit einem Kapitel gewürdigt und beschrieben. In jedem dieser Kapitel finden sich mehrere Rezepte wie Fasan in Cidre-Sud oder dem morgendlichen Löwenzahnkaffee. Zum Schluss folgt eine Aufzählung der Nahrungsmittel im sogenannten »Kalender der wilden Nahrungsmittel von Trelandon«. Im September sind dies für ihn: »Saatkrähen, Dohlen, Stockenten, Forellen, Elritzen, Kaninchen, Löwenzahn, Gänsefingerkraut, Sauerampfer, Grüne Anis-Trichterlinge, Brombeeren, Holunderbeeren, Haselnüsse, Eicheln, Schopf-Tintlinge, Weißdornbeeren.

Dass der Buchtext nicht zur moralinsauren Predigt eines ökologisch vorbildhaften Lebens gerät, verdankt sich dem amüsanten und lebendigem Schreibstil des Autors in der britischen Tradition des new nature writing. Eine Fülle informativer Details sowie persönlicher Erfahrungen, verbunden mit einem großen Maß an Ehrfurcht vor dem göttlichen Geist der Natur. Unangestrengt und witzig flechtet er historische, literarische und pop-kulturelle Anspielungen in seine Sätze ein. Hut ab vor dem geistreichen Schreibstil des Autors, der Bildung und Tiefgang mit leichtem Witz verbindet.

Bedingt durch seinen Aufbau verfügt Mein Jahr als Jäger und Sammler nicht über den Spannungsbogen eines raffinierten Romanes, aber dafür kann man jeden Monat einzeln lesen und sich zu Jäger-und Sammler-Abenteuern samt passender Natur-Rezepte inspirieren lassen. Es ist ein außerordentlich lehrreiches und unterhaltsames Buch über Selbsterfahrung im Spiegel der Natur.

*

https://www.dailymail.co.uk/femail/article-1178227/Im-bit-wild-man-How-hard-father-cut-household-bills-living-land.html

*

»John Lewis-Stempel [schreibt] keine Fiktion, aber makellose Prosa. Guter Mann .[…] Gute Bücher für jeden.«
Mark Knopfler

»Der Autor beherrscht Selbstironie, Hochkultur und er kann teuflisch gut schreiben. Obendrein gibt es zahlreiche Wildrezepte und britischen Humor als Garnierung obendrauf«
Robert Elstner, EKZ BIBLIOTHEKSSERVICE

»Ein ebenso raues, metaphysisches, poetisches, geerdetes und vor allem humorvolles Buch.«
Marika Schärtl, FOCUS ONLINE

»Ein spannendes Experiment – und very british: Ein Jahr lang lebt der für seine außergewöhnlichen Schilderungen des Landlebens bekannte Engländer nur von dem, was sich in Wald und Wiese sammeln und jagen lässt. Und muss erkennen, wie unglaublich anstrengend so ein Leben ist. Sein Buch ist genau das Gegenteil davon: ironisch und heiter.«
DEUTSCHLANDFUNK KULTUR

»Ein Brite will nur von dem leben, was die 16 Hektar seines Anwesens hergeben. Klingt spinnert? Ist es auch. Aber toll aufgeschrieben: Wie man Löwenzahn zu Wein verarbeitet und Grauhörnchen zu Burgern – und was das mit einem anstellt. Naturbeobachtung einmal
anders. Und ziemlich gut.«
Stephan Draf, P.M.-MAGAZIN

»Selbsterfahrung im Spiegel der Natur«
Anne Haeming, SPIEGEL ONLINE

*

Verlagsinformation über den Autor:

Abb.: Autorenfoto © privat

John Lewis-Stempel ist Farmer und Autor zahlreicher in England hochgelobter Bücher. Mit ›Ein Stück Land. Mein Leben mit Pflanzen und Tieren‹ erschien 2017 bei DuMont sein erstes ins Deutsche übersetzte Buch. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebt er an der Grenze zwischen England und Wales.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe.

Titel: Mein Jahr als Jäger und Sammler: Was es wirklich heißt, von der Natur zu leben

Autor: John Lewis-Stempel

Übersetzung: Sofia Blind

Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Verlagslink: http://www.dumont-buchverlag.de/buch/lewis-stempel-jaeger-und-sammler-9783832184551/

ISBN: 978-3832183851

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hört sich nach kurzweiligen Lesestunden an 🙂

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    1. KRAUTJUNKER sagt:

      Ja, sehr zu empfehlen, wenn einen die Thematik interessiert.

      Gefällt 1 Person

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