Im Wald – Eine Wortwanderung durch die Natur

Buchvorstellung

Waldmenschen sind wir Deutschen, dieses Urteil des römischen Historikers Tacitus über die Germanen, bleibt bestehen. Der Wald ist der Ort, wo unsere Märchen handeln. Der Wald ist der mystische Ort an dem seit Varus übermächtige Invasionsarmeen zurückgeschlagen wurden. Tacitus schrieb von »grauenerregenden Wäldern und grässlichen Sümpfen«, Wäldern wo »die Bäume so gewaltig sind, dass die Legionäre unter ihren Wurzeln hindurchreiten konnten«.

Die grünen Kathedralen bleiben das Jagdrevier passionierter Jäger und Sammler. Den Dichtern und Denkern der Romantik war der Wald eine Seelen- und Sehnsuchtslandschaft. Das wunderschöne und unübersetzbare deutsche Wort »Waldeinsamkeit« ist ein Schlüsselbegriff dieser Epoche. Er umschreibt eine im inneren wie äußeren Erleben harmonische Welt. Die Nationalsozialisten ideologisierten den deutschen Wald und in den Heimatfilmen der Nachkriegszeit bildete er die Bühne für eine heile Welt, in der wieder alles in bester Ordnung war. So ähnelten die guten Stuben der Wirtschaftswunderjahre mit ihren Bildern von röhrenden Hirschen und massiven Eiche-Rustikal-Schrankwänden Försterstuben. Vor dem Haus der Jägerzaun. Auch heute ist der Wald als das Refugium vor der Moderne, in die man sich zum Waldbaden zurückzieht oder seine Kinder in den Waldkindergarten schickt. Die Vernichtung von Wäldern – vom fiktionalen Waldsterben der 80er Jahre bis zum realen Plattmachen von Grimms Märchenwald, dem Reinhardswald, rufen mehr Empörung hervor, als die Zerstörung von Museen.

»Der Mensch und der Wald: Das ist, seit die beiden in grauer Vorzeit erstmals aufeinandertrafen, eine Geschichte großer Gefühle Im grünen Dämmerlicht der Wälder entdeckten die Menschen wie außerordentlich Natur sein kann, wie außerordentlich bereichernd für die eigene Existenz. Faszination und Staunen, auch Beklemmung, und Angst, begleiteten diese Enteckung. Was immer dem Menschen widerfuhr – der Wald war für sie ganz großes Kino: mal düster und gefährlich, mal verborgen und idyllisch, mal wild und frei und ursprünglich. So begannen sie, sich einen Reim zu machen auf all das, was da lebte und wuchs. Bäumen, Pflanzen und Tieren wurden Namen verliehen und Begriffe zugeordnet. Sie erhielten damit einen Platz im Kosmos der menschlichen Gedanken- und Bildwelten – und zugleich eine Art kulturellen Ritterschlag: Natur wurde zu einem Teil der menschlichen Kultur.«

Abb.: Adler; Illustration: Hanna Zeckau

Die Autorin Rita Mielke liebt insbesondere den stillen Wald.
»Der stille Wald ist der schönste Wald. Die stimmungsvollsten, poetischsten Beschreibungen gelten dem Wald, wenn er schweigt und – idealerweise – noch im Mondlicht versinkt. Es war Wilhelm Grimm, der in der Einleitung zu dem gemeinsam mit seinem Bruder Jacob gesammelten Kinder- und Hausmärchen explizit die *Wälder in ihrer Stille* als einen der Orte bekannte, die denen symbolisch deutsches Kulturgut gesichert und überliefert wurde.«

Die Wortwanderung ist eine hundertundsechzig Seiten lange – eigentlich viel zu kurze – Reise durch die Sprachgeschichte. Die Erklärung der meisten Tiernamen beginnt mit den Tabus unserer indogermanischen Ahnen. In einer Zeit, in der man an den Dualismus von Name und Existenz glaubte und daraus abergläubische Namenszauber ableitete, konnte das Aussprechen eines Namens üble Folgen nach sich ziehen. Somit wählte man verhüllende Bezeichnungen, um in keine magische Falle zu tappen. Um Bienen durch das Aussprechen ihres Namens nicht zu vergrämen, bezeichnete man sie als die Bauenden, woraus sich unser heutiges Wort Biene ableitete. Um den Fuchs nicht anzulocken, sprach man vom Langschwanz. Mittelhochdeutsch »vuhs«, althochdeutsch »fuhs« , englisch »fox«. Bei Pflanzen war weniger Obacht geboten. Die sprachgeschichtliche Wurzel der Brennessel lautet »Gespinstpflanze« (Gespinst = Gesponnenes), da man aus Nesselfasern nicht nur Fischernetze und Schnüre mit hoher Zugkraft, sondern auch Unterkleidung für Frauen herstellte.

Abb.: Eiche; Illustration: Hanna Zeckau

Von den 32 Essays wurden 20 ganz wunderbar von Hanna Zeckau illustriert. Sie tragen folgende Titel:
Adler / Ameise / Biene / Birke / Brennnessel / Buche / Dunkelheit / Eiche / Eichhörnchen / Einsamkeit / Eule / Fichte / Fledermaus / Fliegenpilz / Fuchs / Haselnuss / Hexe / Hirsch / Kuckuck / Lichtung / Linde / Mistel / Nachtigall / Räuber / Reh / Specht / Stille / Tanne / Waldgeister / Weide / Wildschwein / Wolf.

Der Text über das Wildschwein wurde bereits auf KRAUTJUNKER als Leseprobe veröffentlicht. Bestürzenderweise fehlen einige ganz entscheidende Essays. Wo ist der Bär, der König des Waldes (siehe: https://krautjunker.com/2019/03/11/der-bar-geschichte-eines-gesturzten-konigs/) und wo der Dachs? Sehen wir es optimistisch und hoffen auf einen weiteren Band, schließlich bietet der Wald Material für eine ganze Schrankwand wunderbarer Texte.

Abb.: Fliegenpilz; Illustration: Hanna Zeckau

Staunend folgt man Rita Mielke auf ihrer Wortwanderung über germanische Mythen, antike Sagen, Bibelauszügen, mittelalterliche Vorstellungen, Liedern und Gedichten der Romantik bis zu zeitgenössischen Texten.

Abb.: Rothirsch; Illustration: Hanna Zeckau

Die Texte über kleine und unscheinbare Lebewesen bildeten für mich die größte Überraschung. Eichhörnchen beispielsweise. So war man in der Antike der Ansicht, dass sich diese Tierchen mit ihrem gewaltigen Schwanz selbst Schatten spenden können, worauf die lateinische Bezeicnnung Sciurus verweist. Entgegen der auch im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm vertretenen These verweist ihr deutsche Name nicht auf die Eiche. Das erste Wortglied leitet sich vom indogermanischen *aig- ab, was für »sich schnell bewegen« steht. Von der Antike bis zum Mittelalter hielt man die schnellen Hörnchen als Spielgefährten für Kinder und Schmusetiere für Damen der besseren Gesellschaft. Ganz im Gegensatz zu dem positiv-verniedlichenden Bild sind die zahlreichen Bezüge, welche Eichhörnchen als Symbol des Teufels sehen. Dies leitet sich darauf zurück, dass im germanischen Weltenbaum Yggdrasil das îkorni Ratatöskr unaufhörlich auf und ab läuft und teuflischen Gefallen daran findet, Feindschaft zwischen dem Adler hoch oben im Baum und dem Drachen in den Wurzeln zu stiften.

Ein wunderbar illustriertes Büchlein, dessen Essays immer wieder lesenswert sind. Es passt in die Beintaschen von Outdoor-Hosen, so dass man Im Wald unterwegs leicht mit sich führen kann. Sollte man beim Pilzesuchen vom Regen überrascht werden oder sich auf dem Hochsitz langweilen, ist die ideale Lektüre zur Hand. Der schöne Einband macht auch auf dem Coffeetable einen schlanken Fuß. In vielem halte ich es mit dem geistreichen P. J. O’Rourke, der schrieb: »Lies immer das, was dich gut aussehen lässt, wenn du mitten drin stirbst.«

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Titel: Im Wald – Eine Wortwanderung durch die Natur

Autorin: Rita Mielke

Illustration, Umschlaggestaltung, Layout und Satz: Hanna Zeckau http://www.kiosk-royal.com/

Verlag: DUDEN

Verlagslink: https://shop.duden.de/Shop/Im-Wald

ISBN: 978-3-411-74258-5

*

Bereits veröffentlichte Leseprobe:

https://krautjunker.com/2019/11/01/wortwanderung-zum-wildschwein/

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Sybille Lengauer sagt:

    Die Illustrationen sind eine Augenweide!

    Gefällt 1 Person

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