Waldgipfel

von Dr. Florian Asche

„Timeo Danaos et dona ferentes!“ Der alte Priester Laokoon blickt misstrauisch auf das Holzpferd am Strand des Mittelmeeres, das die Griechen, die Homer Danaer nennt, nach 10 Jahren Krieg dort zurückgelassen haben. Und tatsächlich hat der alte Mann allen Grund für seine Vorsicht. Schließlich sitzen in dem hölzernen Geschenk Soldaten, die nur darauf warten, von den Trojanern als „Siegeszeichen“ in die Stadt geschleppt zu werden. Laokoon ahnt das Verhängnis und stickt mit einem Speer auf die Holzplanken ein. Doch bevor er die Kriegslist enttarnen kann, schickt die Göttin Athene, eine Freundin des griechischen Strategen Odysseus, zwei Schlangen, die den Priester und seine Söhne am Strand erwürgen. Wir wissen wie die Geschichte weiterging: Als die Trojaner, das hölzerne Geschenk in ihre Stadt bringen, öffnen die darin sitzenden Griechen nachts die Stadttore. Die Bevölkerung Trojas wird von ihnen niedergemetzelt, die Stadt dem Erdboden gleich gemacht. Gaben mit unangenehmen Begleiterscheinungen nennen wir seit dieser Zeit Danaer-Geschenke.
Die Waldbesitzer Deutschlands werden vielleicht in den kommenden Jahren noch häufiger an den Waldgipfel bei der Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner zurückdenken und an ihr Danaergeschenk. 547 Mio. EUR hat die Ministerin unseren Waldbauern als Soforthilfe zugesagt, um die Dürreschäden, insbesondere durch Borkenkäfer, auszugleichen. Zusammen mit den Beihilfen der Länder dürfen sich die deutschen Privatförster über 800 Mio. EUR freuen. Doch wer sind die Griechen, die im Bauch dieses vergoldeten Pferdchens sitzen?
Die Antwort liefert die Ministerin prompt:
Man werde durch eine Anpassung des Bundesjagdgesetzes endlich die Voraussetzungen schaffen, um eine optimale Waldentwicklung zu ermöglichen. Hinter diesem Euphemismus steckt nichts anderes als eine verstärkte Kampfansage gegen das Schalenwild in deutschen Wäldern. Mit Hilfe der Nachtzieltechnik und ähnlicher Schweinereien sollen wir uns klar machen zum 24-Stunden-Gefecht gegen die bösartigen Rindenbeißer. Ob auf Reh oder Hirsch, endlich bekommen Deutschlands Jäger das moderne Gerät um dem Schalenwild zu zeigen, was moderne Waldwirtschaft ist. „Nimm das, Reh! Du widerlicher kleiner Schädling!“
Jagdethisch ist die Politik dabei natürlich auf sicherem Terrain. Schließlich geht es um nichts anderes als um die Erhaltung unserer Mutter Erde durch einen optimierten Klimaschutz. Jedes bei Nacht liquidierte Reh gleicht damit einer gewonnenen Schlacht auf dem Weg zur Planetenrettung. Vor diesem Hintergrund werden die rechtlichen Möglichkeiten einer verbesserten Bejagung auch bald nicht mehr nur Möglichkeiten sein, sondern zwangsweise verordnete Bejagungsmittel.
Doch was will man dagegen einwenden? Schon der Volksmund kennt die Weisheit „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“ Wer sich also Schäden an seinem Wald vom Staat bezahlen lässt, der muss wohl oder übel dafür einstehen, dass die öffentlichen Gelder nicht sinnlos vertan werden. Der Staat wird deshalb darüber bestimmen wie ein Wald der Zukunft auszusehen hat und wie er durch jagdliche Maßnahmen zu sichern ist. Da unsere Politiker aber selbst keine Ahnung vom sachlichen Hintergrund ihres Tuns haben (warum gäbe es sonst wohl so viele gut bezahlte Berater?) werden sie diese Verantwortung an Peter Wohlleben und seine Freunde abtreten. Vielleicht wird dann endlich Schluss gemacht mit dem Wald als „Holzfabrik“. Die ersten Petitionen laufen ja schon. Wieder einmal werden gutgläubige Stadtnasen dafür eingespannt, die Ideen der Neuförster mit dem Öl des „Wählerwillens“ zu salben.

Dabei hätte man durchaus fragen können, ob die aktuellen Fichtenschäden in Deutschland nicht vielleicht Ausdruck einer langfristig verfehlten Forstpolitik waren. Was hatte die Fichte eigentlich in der norddeutschen Tiefebene verloren? Auch ein Blick auf die vielen vorangegangenen Borkenkäfer-, Kiefernspanner und Foreulenkalamitäten der Jahrhunderte wäre hilfreich gewesen. Damals redete kein Mensch vom Klimawandel. Fraßschäden waren vielmehr periodische Begleiter der Existenz des Waldbauern. Selbstverständlich zahlte damals auch niemand für die entstehenden Schäden, die doch Teil des allgemeinen Lebensrisikos waren. Wenn die Waldbauern Deutschlands heute für ihr Existenzrisiko Geld nehmen, dann machen sie sich zum Gehilfen einer Forstpolitik, die ihnen etwas nehmen wird, für das der Wald steht, nämlich die Freiheit und Eigenständigkeit ihrer Entscheidungen.
Vielleicht werden sich unsere Waldbauern dann an den Waldgipfel als ein Danaer-Geschenk erinnern. Als sie es auspackten, da verloren sie ihr Eigentum und ihre Freiheit.

*

KRAUTJUNKER-Kommentar:

Es gibt wenig Wohltäter, welche nicht wie Satan sagen:
„Knie nieder und bete mich an!“
Nicolas Chamfort
*1741; † 1790

Das ist die größte Gefahr, die heute die Zivilisation bedroht: die Verstaatlichung des Lebens, die Einmischung des Staates in alles, die Beanspruchung jedes spontanen sozialen Antriebs durch den Staat; das heißt die Unterdrückung der historischen Spontaneität, die letzten Endes das Schicksal der Menschheit trägt, nährt und vorwärtstreibt.
José Ortega y Gasset
* 1883; † 1955

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Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Der Rechtsanwalt Dr. Florian Asche ist Vorstandsmitglied der Max Schmeling Stiftung und der Stiftung Wald und Wild in Mecklenburg-Vorpommern.
Einem breiten Publikum wurde er bekannt durch seinen literarischen Überraschungserfolg über den göttlichen Triatlhlon: Jagen, Sex und Tiere essen (siehe: https://krautjunker.com/2017/01/04/jagen-sex-und-tiere-essen/& https://krautjunker.com/2017/09/19/sind-jagd-und-sex-das-gleiche/)

Website der Kanzlei: https://www.aschestein.de/de/anwaelte-berater/detail/person/dr-florian-asche/

Titelbild: Photo by Elijah Hiett on Unsplash

Autorenfoto: Dr. Florian Asche

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