Jagdkunde

am

Buchvorstellung von Traugott Heinemann-Grüder

Eckhard Fuhrs zeitgemäße Betrachtungen über ein altes Handwerk gliedern sich in zehn Kapitel: Einen Prolog sowie Literaturhinweise. Die Kapitel umfassen den Jagdschein, das Gewehr, das Revier, den Hund, den Hirsch, das Reh, die Sau, den Wolf, den Hasen und das Rebhuhn sowie das Schüsseltreiben.

Die einzelnen Kapitel haben den Umfang von jeweils circa 15 Seiten. Die Lektüre des 175 Seiten umfassenden Büchleins, das gänzlich auf Bilder und Grafiken verzichtet, ist von mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahrenden Pendlern auf dem Arbeitsweg innerhalb einer Woche gut zu schaffen. Der nichtjagenden Leserschaft und denjenigen, die ihren Jagdschein per Speed-Dating bei der Prüfungskommission erworben haben, werden alle weidmännischen Begrifflichkeiten verständlich erläutert. Das Buch liest sich kurzweilig und haucht den Atem der sogenannten ökologischen Jagdphilosophie.

Drei kurz vorgestellte Kapitel sollen Pate für die anderen Kapitel stehen. Nämlich das Revier, das Reh und der Wolf. Die Lektüre des Prologs empfehle ganz an den Schluss zu verlegen; dann liest sich das Büchlein unvoreingenommener zustimmend oder unvoreingenommener kritisch.

Das Revier
Dies ist das spannendste Kapitel überhaupt. Allein wegen dieses 18 Seiten umfassenden Abschnitts lohnt der Erwerb des Büchleins. Es informiert kurz und knapp über die Entstehung des deutschen Jagdwesens mitsamt seiner Philosophie der sogenannten Deutschen Weidgerechtigkeit. So erfährt man, dass das feudale Jagdrecht mit der Revolution von 1848 verbürgerlicht wurde. Fortan sei das Recht zu jagen nicht mehr an den Adelsstand gekoppelt gewesen und der Bauer musste nicht länger die Verwüstungen durch die hochherrschaftliche Jagd auf seinen Feldern erdulden. Die jagdliche Enteignung des einfachen Volkes, zumal der Bauern seit dem Mittelalter, habe ein Ende gefunden. Noch im gleichen Revolutionsjahr habe die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche denn auch das Jagdrecht mit großer Dringlichkeit behandelt. Es habe – man höre und staune – Eingang in den Katalog der „Grundrechte des Deutschen Volkes“ gefunden. Das Jagdausübungsrecht durften demnach fortan nur Grundbesitzer wahrnehmen. Circa 85 Jahre später – so wird beschrieben – wurde unter dem Reichsjägermeister Hermann Göring das Jagdwesen für ganz Deutschland einheitlich geregelt. Man erfährt, dass das Reichsjagdgesetz abzüglich nationalsozialistischer Phrasen in seinen wesentlichen, sachlichen Bestimmungen als Bundesjagdgesetz von 1952 bis heute fort gilt; gleichwohl sei dies seit der Föderalismusreform 2006 für die Länder nicht mehr bindend. Kritiker sähen darin damals wie heute die „Refeudalisierung“ der Jagd bestätigt, weil unter anderem nur natürliche Personen und nicht etwa Vereine oder Jagdgesellschaften Reviere pachten könnten, eine Hürde, die für viele Bauern und „einfache Leute“ nicht zu überwinden sei. Versuche, im Einigungsvertrag von 1990 das Jagdausübungsrecht vom Grundeigentum zu entkoppeln, seien an zentralen Forderungen der westdeutschen Jagdlobby gescheitert.

Das Reh
Zunächst widmet Eckhard Fuhr seitenweise der Entstehungsgeschichte, der Wirkungsweise und den Folgen der Mystifizierung Bambis. Hier die Gutmenschen, dort die blutrünstigen Grünröcke, die dem zarten Wesen nach dem Leben trachten. Der hohen Jagd bot es nicht genug Gegenwehr und damit Anreiz. Das Reh komme indes dort am häufigsten vor, wo sein Lebensraum am stärksten von Landwirtschaft und Industrie überformt sei. Deutschland sei mithin und inzwischen der Hotspot des Rehs schlechthin. Noch im 19. Jahrhundert soll seine drohende Ausrottung durch bürgerliche Sonntagsjäger und bäuerliche Aasjäger von Jagdschriftstellern beschwört worden sein. Heute liefere die stickstoffaufgepumpte Turbolandwirtschaft indes Mast zuhauf, und selbst die Jagdstrecke von mehr als einer Million Rehe pro Jahr schöpfe vermutlich nicht einmal den jährlichen Zuwachs ab. Und da der Umbau des von Nadelholzmonokultur geprägten Waldes hin zu einem artenreichen Mischwald mit dem die jungen Baumtriebe liebenden Reh nicht machbar ist, müsse noch stärker draufgehalten werden. Es sei genug davon da. Ganz nach dem Motto, nur ein totes Reh sei ein gutes Reh. Dass ein mehrstufiger Mischwald, nach Möglichkeit gar mit hohem Totholzanteil, einen kaum zu beziffernden, positiven Beitrag zum Klima(-schutz) leistet, wird inzwischen wohl kaum mehr infrage gestellt werden. Warum allerdings der Waldumbau auf dem Rücken des Schalenwildes ausgetragen werden soll, erschließt sich mir als Rezensent nicht; zumal das Schalenwild mit großer Sicherheit nicht Schuld am desaströsen Zustand des Monokulturwaldes ist. Wenn die Waldstrategie 2020 der Bundesregierung fordert, wie der Leser erfährt, dass sich die Jagd den forstlichen Zielen unterzuordnen und für eine Reduktion der Wildbestände zu sorgen habe und die Jagd nur als Teil der Land- und Forstwirtschaft Bestand haben werde, dann würde man sich als Leser gerade vor dem Hintergrund der mehrseitigen historischen Abhandlungen in allen einzelnen Kapiteln der „Jagdkunde“ wünschen, das Denkanstöße zu einer grundsätzlichen Jagdreform für das 21. Jahrhundert gegeben werden. So bleibt der schale Geschmack der mit dem ökologischen Jagdverband in Verbindung gebrachten Maxime „Wald vor Wild“.

Der Wolf
Für die einen erfülle der Wolf die Sehnsucht nach Wildnis, für die anderen sei er ein Eindringling in eine Kulturlandschaft, in die er nicht gehöre. Manche der Jägerkollegen von Herrn Fuhr würden ihn  „Wolfskuschler“ nennen. Längere Zeit glaubte der Autor, dass sich die Jäger in Deutschland langsam von ihrer Selbstüberschätzung als Superregulatoren der Wildbahn verabschieden würden. Die Stimmen würden sich hingegen mehren, dass dem wölfischen Treiben endlich Grenzen gesetzt werden müssten. Gleichwohl würde sich der Wolf natürlich nicht für die Grenzen der Jagdbezirke interessieren. Er jage naturgemäß revierübergreifend und hole sich so auch manchen „Zukunftsbock“. Zudem stehe der Wolf für die Anpassungsfähigkeit, Zähigkeit und Lebensenergie, die ihn neben dem Menschen zu dem am weitesten verbreiteten Landsäuger der nördlichen Hemisphäre machten. Artenschutz sei also nicht vergebens. Im Gegenteil. Die großen Beutegreifer Wolf, Luchs und Bär erlebten eine erstaunliche Renaissance in der vom Menschen überformten Naturlandschaft. Ganz nüchtern wird aber auch festgestellt, dass wir diese Wildtiere in unserer Nachbarschaft haben oder eben gar nicht. Wildtiere besetzten ganz einfach aufgrund ihres natürlichen Raumverhaltens diejenigen Landschaftsräume, die gute Lebensbedingungen versprechen. Wichtigste natürliche Voraussetzung für die Wiederausbreitung dieser großen Beutegreifer sei ein historisches Populationshoch der Paarhufer Reh, Rothirsch und Wildschwein. Die Mehrheit der Europäer stünde den rückkehrenden Raubtieren als notwenigen Teil einer insgesamt schützenswerten Natur wohlwollend gegenüber, womit allerdings noch nicht die Frage beantwortet sei, ob der einzelne diese Tiere in seiner unmittelbaren Nachbarschaft haben wollen würde. Unter den Konflikten, die die Wiederkehr des Wolfes verursache, sei der zwischen Weidwirtschaft und Wolfsschutz der gewichtigste, ja relevanteste. Gleichwohl seien die immer ausgeklügelteren Methoden des Herdenschutzes nichts anderes als Intelligenztests für den Wolf, die er früher oder später immer bestehen würde. Zugute gehalten werden müsse den Wölfen, dass sie in der Regel das fressen, was sie sollen, nämlich Rehe, Hirschkälber und Wildschweinfrischlinge. Und wenn sie das nicht tun, dann müssten sie eben robust als Problemwölfe abgeschossen werden. Es komme allerdings darauf an, die richtigen zu schießen, diejenigen eben, deren Verhalten nicht akzeptabel sei. Anmerkung THG: Ich sehe den Autor schon durch Deutschlands Wälder streifen, wo er den Wölfen durchnummerierte Trikots überstreift, mit denen dann die abschussreifen Problemwölfe eindeutig identifizierbar werden.

*

KRAUTJUNKER-Rezensent

Traugott Heinemann-Grüder ist Jäger und führt im Rahmen des Wolfsmanagements unter anderem Rissgutachten im Land Brandenburg durch.

Mit seinem Unternehmen Erlebe Wildnis e. K. bietet er als zertifizierter Natur- und Landschaftsführer Wanderexkursionen und Trekkingtouren in ostdeutsche und skandinavische Natur- und Nationalparke an, die Dich auf naturnahe und naturschonende Art und Weise in die Wildnis in Deiner Nähe und Ferne bringen. Buchungsanfragen unter:

www.erlebe-wildnis.de

Titel: Jagdkunde

Autor: Eckhard Fuhr

Verlag: Matthes & Seitz Berlin

Verlagslink: https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/jagdkunde.html

ISBN: 978-3-95757-760-3

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