Die feine New Yorker Farngesellschaft: Eine Reise nach Mexiko

Buchvorstellung

Oliver Sacks, der Dichter unter den Neurologen, errang dank seines Schreibtalentes internationales Ansehen. Zu seinen besonderen Fähigkeiten gehörte es, komplexe Krankheitsbilder im unterhaltend anekdotischen Stil anhand von konkreten Patientenbeispielen zu beschreiben. In seinem neuropathologischen Erfolgsbuch Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte, beschrieb er Patienten, die aufgrund von physischen Veränderungen ihres Gehirns aus der Realität herausfielen. Der Schauspieler Robin Williams verkörperte ihn in dem Film Zeit des Erwachens. Oliver Sacks war ein analytischer denkender, moderner Mediziner, der das Ziel verfolgte, vor lauter moderner Wissenschaft nicht den betroffenen Menschen aus dem Blick zu verlieren. Er hielt dazu an, hinter jeder Krankheit das persönliche Schicksal zu sehen und die eigene Normalität in Frage zu stellen.

Sein liebevoller Blick auf die Schrullen und Geisteskrankheiten seiner Mitmenschen lässt uns begreifen, dass Abweichungen von der Norm keine Bedrohung darstellen.

Auch nach seiner Pensionierung fand sein rastloser und kindlich-genialer Geist keine Ruhe. Die angenehme und unverdorbene Atmosphäre einiger wissenschaftlicher Laienvereinigungen, die nicht von Geld- oder Geltungssucht, sondern der Liebe zur Erkenntnis und Abenteuern gespeist werden, faszinierten ihn seit jeher. Zumeist handelt es sich hierbei um Vereine mit naturkundlicher oder historischer Ausrichtung, deren stille und doch bedeutende Existenz der breiten Öffentlichkeit vollkommen unbekannt sind.

Abb.: Farne; Bildquelle: Photo by Joanna Kosinska on Unsplash

Seitdem er im London der Dreißigerjahre in einem Haus aufwuchs, dessen Garten voller Farne war, hat ihn die Passion zu diesen urzeitlichen Pflanzen nie verlassen. Es war ein Erbe seines Großvaters, der in den Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts nach England gekommen war, wo seinerzeit noch die Pteridomanie – die viktorianische Farnbegeisterung – grassierte.

»Farne gefielen mir wegen ihrer Schnörkel, ihrer eingerollten Blatttriebe, ihrer viktorianischen Erscheinung (die zu den geklöppelten Sesselschonern und Spitzenvorhängen in unserem Haus passte). Doch auf einer tieferen Ebene erfüllten sie mich mit Staunen, weil sie so uralt waren. Die Kohle, mit der wir unser Haus heizten, war, wie meine Mutter mir sagte, unter starkem Druck aus Farnen und anderen primitiven Pflanzen entstanden, und wenn man ein Stück Kohle teilte, fand man manchmal den fossilen Abdruck eines Farnwedels. Farne hatten mit geringfügigen Veränderungen 350 Millionen Jahre überdauert. Andere Lebensformen (wie zum Beispiel die Dinosaurier) waren entstanden und wieder ausgestorben, doch die scheinbar so schwachen, empfindlichen Farne hatten alle evolutionären Wechselfälle, alle anderen untergegangenen Arten überlebt. Mein Bewusstsein von einer prähistorischen Welt, von gewaltigen Weltzeitaltern, wurde durch Farne und ihre Fossilien geweckt.«

Abb.: Farn; Bildquelle: Photo by Davide Sacchet on Unsplash

So schloss sich Sacks der New Yorker Farngesellschaft an, in der mit Freiheit, Leichtigkeit und Schrulligkeit die Liebe zur Botanik ausgelebt wird. Die »subtile Art ihrer Sublimierung« ihrer Mitglieder lässt den akademischen Geist Alexander von Humboldts wiederaufleben, dessen »aus der Mode gekommenes Denken« ein universales Weltbild kultivierte. Dieses Buch des Genres New Nature Writing ist der mit liebevollem Humor verfasste Reisebericht einer Gruppe ergrauter Amateurforscher ins mexikanische Oaxaca. Passenderweise war Alexander von Humboldt bereits 1803 nach Oaxaca gereist und hatte seine Betrachtungen in den Ansichten der Natur niedergeschrieben.

Bereits im Flugzeug nach Mexiko entwickelte sich die sonnige und fröhliche Atmosphäre eines mexikanischen Wochenmarktes mit ihrer Missachtung von Vorschriften und kühler Zurückhaltung.

Am Boden angekommen füttert die Beschreibung dieser Expedition den Leser unterhaltsam mit Wissen. Was gibt es alles zu erfahren, über Kakteen, Azteken, Chillischoten, koschere Heuschrecken oder die Mythen und Legenden, die sich um Kakao und Kautschuk ranken…

Abb.: Farne; Bildquelle: Photo by Annie Spratt on Unsplash

Das Hauptaugenmerk liegt naturgemäß auf der wunderbaren Welt der Farne. Sacks und seinen Reisegefährten geht das Herz bei jeder Art und jedem Detail auf. »Blumen mit ihrer Unverhülltheit, ihrer Unverblümtheit, finde ich ein bißchen aufdringlich«, gesteht er. Um wieviel anziehender wirkt auf ihn die sympathische Zurückhaltung, mit der Farne ihre Fortpflanzungsorgane »mit einem gewissen Feingefühl an der Unterseite der Farnwedel verborgen« halten. Auch seinen feingeistigen Reisekameraden wird beim Anblick eines Elaphogossum ganz blümerant. »„Oh!“« bricht es aus dem Gründer New Yorker Sektion der altehrwürdigen Amerikanischen Farngesellschaft heraus. »„Ist das nicht toll? Verschmierte Sporangien auf der Unterseite!“« John Mickel, so heißt der Farnliebhaber, vergleicht Farnsporen mit kostbarem Kaviar. Seine Freunde bezeichnen solche Gefühlsausbrüche hinter vorgehaltener Hand als »pteridologische Orgasmen«.

Da die zarten Geschlechtsorgane der Farne so lange unentdeckt blieben, galt ihre Fortpflanzung bis ins 18. Jahrhundert als ein Rätsel. Aus diesem Grund schrieb man den unsichtbaren Samen magische Eigenschaften zu. »„Wir haben das Rezept von Farnsamen, wir gehen unsichtbar umher“, sagt in Heinrich IV. einer von Falstaffs Gefolgsleuten.“«.

Doch auch für Leser, die sich weniger für historische Literatur als vielmehr einen handfesten Rausch interessieren, bietet das Büchlein erstaunliche Inspiration. So nutzte Oliver Sacks während seiner Zeit im Kalifornien der Sechzigerjahre Purpurwindensamen, um sich einen bewusstseinserweiternden Trip zu gönnen. Für gewöhnlich erwarb er zu diesem Zwecke drei oder vier Päckchen Samen der Sorte Heavenly Blue, zerrieb dieses natürliche LSD zu Pulver und vernaschte es mit Vanille-Eis. Nach einer anfänglichen starken Übelkeit folgten »Visionen sehr persönlicher Paradiese und Höllen.«

Abb.: Farne; Bildquelle: Photo by Agathe Marty on Unsplash

Sacks philosophiert beim Anblick des Zapoteken-Palastes Mitla über den Ursprung der kunstvollen und komplexen geometrischen Muster. Sie erinnern ihn an maurische Arabesken und die Muster auf Navajo-Teppichen. Wurden die Künstler durch Halluzinationen nach dem Genuss von Purpurwinden inspiriert? Gibt es also neurologische Grundlagen für universelle halluzinatorische Formkonstanten, welche in vielen Kulturen zu finden sind?

Eher interessant für die Praktiker unter den Lesern, die gerne ihren Verstand behalten möchten: Adlerfarn verfügt über ein ganzes Arsenal insektenvernichtender Waffen, weswegen er als »Lucrezia Borgia der Farne« bezeichnet werden kann. Daher benutzten ihn die Römer in ihren Viehställen als Hauptbestandteil der Streu. »In einem solchen Stall aus dem 1. Jahrhundert fand man 250.000 Stallfliegenpuppen, die allesamt Fehlentwicklungen zeigten.«

Abb.: Farne; Bildquelle: Photo by Teemu Paananen on Unsplash

Eine Passage, die ich beispielhaft für die romantische Wissenschaft der feinen New Yorker Farngesellschaft erachte, ist die folgende, in der beim Betrachten eines riesigen Kiefernzapfens ästhetisches Empfinden, botanisches Wissen, Spiritualität und Mathematik ineinander fließen:
»Während unseres kurzen Stopps hat er einen riesigen Kiefernzapfen gefunden, und nun markiert er (mit meinen roten und grünen Stiften) den spiralförmigen Verlauf der Schuppen, die in festen numerischen Serien rings um den Zapfen angeordnet sind: „Wie kann man die Schönheit eines Kiefernzapfens wirklich würdigen, wenn man die Fibonacci-Zahlen nicht kennt?“, sagt er. (Er hat schon einmal eine ähnliche Bemerkung über die logarithmischen Spiralen der jungen Blatttriebe von Farnen gemacht.)
„Klasse!“, sagt Nancy Bristow und untersucht den Zapfen. Nancy hat Mathematik studiert und ist von Beruf Mathematiklehrerin, doch ihr Herz gehört der Botanik und der Ornithologie. Ich frage sie, was sie mit „klasse“ meint.
„Elegant … perfekt angeordnet … symmetrisch … vollkommen … die Verbindung von Ästhetik und Mathematik.“ Ich habe sie gezwungen, ihren Ausruf „Klasse!“ zu hinterfragen, und nun sucht sie nach Worten, nach Konzepten.
„Ist die Goldbach’sche Vermutung klasse?“, frage ich sie. „Oder Fermats letzter Satz?“
„Na ja“, sagt sie, „der Beweis ist äußerst schwierig.“
„Was ist mit dem Periodensystem?“
„Das“, sagt Nancy, „ist besonders klasse, so klasse wie dieser Kiefernzapfen. Es ist eine Art von Klasse, wie sie nur Gott oder ein Genie zustande bringen kann: göttlich ökonomisch, die Umsetzung der einfachsten mathematischen Gesetze.“ Nancy und ich verstummen, überrascht von dem unerwarteten Fahrwasser, in das uns die Erforschung des Begriffs „klasse“ geführt hat.«

Abb.: Kiefernzapfen; Bildquelle: Photo by Natalie Grainger on Unsplash

Die Rezension in der FAZ über den Farnwahn endet mit einem Resümee, dem ich mich nur anschließen kann:
»Sacks‘ Herz aber gehört zuallerletzt weder den Arsensulfiden noch den Fossilien oder den kryptogamen Pflanzen, sondern dem Menschen. Wann immer er ihn beschreibt, beiläufig, als Freizeitforscher und Amateur, als sonderbare Spezies und wunderbare Eigenart, wird dies kleine Journal zum feinen Bestimmungsbuch menschlicher Natur.«

Abb.: Farn und Mensch; Bildquelle: Photo by Asso Myron on Unsplash

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Verlagsvorstellung des Autors

OLIVER SACKS, geboren 1933 in London, war Professor für klinische Neurologie am Albert Einstein College in New York. Bekannt wurde er als Autor zahlreicher Bestseller, u.a. Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte und Der Tag, an dem mein Bein fortging. Seine bahnbrechende Studie über die Schlafkrankheit wurde unter dem Titel Zeit des Erwachens mit Robin Williams und Robert De Niro verfilmt. Sacks’s Werke  wurden in 21 Sprachen übersetzt und mit dem Hawthornden Prize sowie dem Wingate Literary Prize ausgezeichnet. 1996 wurde er in die American Academy of Arts und Sciences aufgenommen. Oliver Sacks war Mitglied des New Yorker Klubs für Mineralogie, der Stereoskopischen Gesellschaft sowie der Amerikanischen Farngesellschaft. Er verstarb 2015.

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PRESSESTIMMEN

THE NEW YORK TIMES
Oliver Sacks‘ grenzenlose Neugier ist ein Gewinn für jeden Leser.

BRIGITTE
Wir werden „mitgerissen“ von diesem Buch. „Weil Sacks sich für alles interessiert und es daher auch für uns interessant macht. Weil er klug, mit Ehrfurcht und Liebe auf die Welt blickt. Und weil man nach Lektüre dieses Buches nicht nur seine Zimmerpflanzen mit anderen Augen ansehen wird.

P.M.
Sacks‘ Reisetagebuch berichtet von aufregenden Entdeckungen und erstaunlichen Erlebnissen. Vor allem aber macht es klar, wo der Anfang aller Wissenschaft liegt: in unbändiger, aufrichtiger Neugier.

DIE KLEINE ZEITUNG
Einblicke in einen Mikrokosmos, der einen auch nicht alle Tage streift. Dort, wo große Kerle bei Farnen aller Art begeistert „Ahs“ und „Ohs“ in die Wälder rund um Oaxaca schmettern. Wo Pflanzensex schon mal die Herzen höherschlagen lässt und wo man gerne einen Bandscheibenvorfall für einen Ausflug in den Regenwald in Kauf nimmt. Oder würden Sie nicht auch für ein Elaphoglossum Ihr Leben riskieren? Eben. Eine Feldforschung der ganz besonderen Art.

FOCUS
Sacks ließ sich anstecken von der Begeisterung der Farnverehrer, vertiefte sich in die Farnforschung und entdeckte die Schönheit dieser uralten, eigentlich unscheinbaren Gewächse – bis plötzlich irgendwo im mexikanischen Dschungel das Glück still und leise neben ihm stand.

Der Tagesspiegel
Als Leser fühlt man sich nach der Lektüre gleichermaßen bereichert wie beglückt.

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Deutschlandfunk
Der Dichter unter den Neurologen: https://www.deutschlandfunkkultur.de/zum-tod-von-oliver-sacks-der-dichter-unter-den-neurologen.2165.de.html?dram:article_id=329710

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Titel: Die feine New Yorker Farngesellschaft: Eine Reise nach Mexiko

Autor: Oliver Sacks

Übersetzung: Dirk van Gunsteren

Verlag: Verlagsbuchhandlung Liebeskind GmbH & Co. KG

Verlagslink: https://www.liebeskind.de/buecher/buchtipp/item/die-feine-new-yorker-farngesellschaft

ISBN: 978-3954381098

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