Das letzte Gericht: Was berühmte Menschen zum Schluss verspeist haben

am

Buchvorstellung von Matthias Heine

Richard Fasten setzt sich in seinem Buch Das letzte Gericht mit den letzten Mahlzeiten verstorbener Persönlichkeiten auseinander. In breiter Recherchearbeit gewährt er uns einen Einblick in das Leben und den Tod verschiedener Prominenter. Die letzten Gerichte werden analysiert und neben die jeweiligen Persönlichkeiten gestellt. Was für ein Bild entsteht daraus?

Wie geht man mit dem Tod um? Eine Frage, die wahrscheinlich erst im 21. Jahrhundert wieder aufgetaucht ist. Noch im 20. Jahrhundert war es trauriger Standard, dass nicht alle Kinder das Erwachsenenalter erreichten. Angehörige wurden durch Krieg und Seuchen hinweggerafft. Und da man häufig in Familienverbänden unter einem Dach lebte, war der Tod omnipräsent.

Seit nunmehr 75 Jahren leben wir in einer Phase durchgehenden Friedens, des Wohlstandes, des medizinischen Fortschritts, der stetig steigenden Lebenserwartung (im privilegierten Mittel- und Westeuropa). Aber auch in einer Phase der Selbstoptimierung, der Selbstverwirklichung, des Egoismus. Jeder lebt sein Leben. Alter und Tod haben da keinen Platz. Sie sind unangenehm. Man blendet sie aus.

Richard Fasten holt den Tod zurück. Er untersucht sowohl die Todesumstände berühmter Persönlichkeiten, als auch die Mahlzeiten, die sie kurz vorher zu sich genommen haben. Das klingt erstmal makaber. Ich sage nur: mit Rezepten. Und ja, an mancher Stelle dachte ich, muss das jetzt sein? Ja, es muss. Denn zu keinem Zeitpunkt wirkt das Buch empathielos oder voyeuristisch.

Warum erinnere ich mich daran, dass man David Carradine nackt in einem thailändischen Hotelzimmerschrank hängend, gefunden hat. Oder Elvis Presley beim starken Pressen in seiner Keramikabteilung einen Herzinfarkt erlitt? Es ist die Absurdität der Situation. Meine Verehrung dieser Persönlichkeiten nahm dadurch keinen Schaden. Vielleicht kann man Richard Fastens Buch in diese Kategorie packen. Wobei man natürlich differenzieren muss. Die oben erwähnten Todesumstände wären an sich eine Meldung wert gewesen. Das letzte Gericht würde ohne Prominente nicht funktionieren.

Die letzten Prominententode, die mich bewegt haben, waren die von Udo Jürgens und Lemmy Kilmister.

Udo Jürgens strotzte vor Energie, war vital, hatte eine wahnsinnige Ausstrahlung. Der Mann als Pflegefall? Niemals! Und so ging Jürgens mit 80 Jahren am Bodensee spazieren, brach zusammen und war Tod. Beneidenswert!

Lemmy Kilmister hingegen lebte wie eine Sau. Hauptnahrungsmittel war Jacky Cola. Aber auch er schien unkaputtbar. Keine peinlichen Aussetzer, wie bei anderen Promis. Bei ihm wirkte der Alkohol so natürlich, wie bei Normalsterblichen die Tasse Kaffee. Dass das auf Dauer nicht gut gehen konnte, war klar. Und was machte ein gnädiger Gott? Gab ihm mit 70 Jahren die Diagnose Krebs und zwei Tage später war der Mann tot. Kann man sich sowas ausdenken?

Hier haben wir die zwei Todesarten, die bei Richard Fasten eine nicht unwesentliche Rolle spielen: entweder schnell und unerwartet oder mit einer gewissen Vorbereitungszeit. Wer plötzlich und unerwartet stirbt, kann sich logischerweise nicht vorbereiten. Im Idealfall spiegelt dein Umfeld im Moment des Todes dein Leben, deine Persönlichkeit und erwischt Dich nicht in einem thailändischen Hotelzimmerschrank, obwohl natürlich auch das deine Persönlichkeit spiegeln kann. Wer noch etwas Zeit geschenkt bekommt, wobei auch dieses Geschenk eine hässliche Vase sein kann, erhält die Möglichkeit zu entscheiden, wie er oder sie dem Tod entgegen treten. Richard Fasten konzentriert sich auf den interessanten Aspekt des Essens.

Plötzlich und unerwartet

Beginnen wir mal mit der plötzlichen Variante. Ich sehe schon meine erbärmliche Schlagzeile: „Fertigfrikadellen ohne Brötchen – der Tote ohne Hose lebte wie ein Schwein!“ Meinen Kumpel KRAUTJUNKER hingegen findet man wahrscheinlich im Ohrensessel, ein gutes Buch auf dem Knie und neben sich ein Glas vorzüglichen Rum. Die Autopsie rekonstruiert ein dreigängiges Menü mediterraner Köstlichkeiten. Im Bericht steht dann explizit: „Chapeau, der Mann wusste zu leben!“

Rinderfilet Madagaskar

Ich erinnere mich noch gut bzw. eher betroffen an die Meldung vom überraschenden Tod Dirk Bachs und das aus mehrfacher Hinsicht. Der breiten Öffentlichkeit war Dirk Bach als offen schwul lebender Komödiant bekannt. Das jemand schwul ist, sollte heute kein großes Ding mehr sein, damals war es das. Und Dirk Bach nutzte seine Bekanntheit und sympathische Art, das Schwulsein aus der Schmuddelecke dorthin zu bringen, wo es hin gehört: in die Mitte der Gesellschaft, in die sogenannte „Normalität“. Darüber geriet eine Sache leider häufig in den Hintergrund: Dirk Bach war in aller erster Linie Schauspieler. Und als Schauspieler hatte in Dieter Hallervorden (mittlerweile glücklicherweise auch als hervorragender Schauspieler anerkannt) für sein Schlosspark Theater engagiert. Kurz vor der Premiere des Kleinen Königs Dezember gingen Teile des Ensembles inklusive Dirk Bach zum Stammitaliener „La Castellana“. Dirk Bach war bekennender Vegetarier. Doch an diesem Abend bestellte er zur Verwunderung seiner Begleiter ein „Rinderfilet Madagaskar“ mit Pommes. Dem Regisseur des Stückes war aufgefallen, das Dirk Bach einen erschöpften Eindruck machte. Daher brachte er ihn persönlich zu seinem Appartement. Am nächsten Tag fand man den herzkranken, unter Bluthochdruck leidenden Schauspieler tot in seinem Appartement auf.

Ist Dirk Bach an dem Rinderfilet gestorben? Wahrscheinlich nicht. Seine Krankengeschichte erklärt relativ gut sein verfrühtes Ableben. Ist es außergewöhnlich, dass Vegetarier Fleisch essen? Nicht unbedingt. Ich kenne Vegetarier, die kein Fleisch essen, da sie die industrielle Fleischproduktion ablehnen, bei „gutem“ Fleisch aber auch mal eine Ausnahme machen. Wer das zur Sensation macht, hat den Hintergrundgedanken nicht verstanden. Aber natürlich macht das die Geschichte „pikant“. Warum zur Hölle stirbt ein Vegetarier ausgerechnet an dem Tag, an dem er sich ein Rinderfilet gönnt. Und genau da betreten wir wieder das thailändische Hotelzimmer. Hätte Dirk Bach etwas anderes bestellt, wenn er gewusst hätte, dass das sein letztes Gericht wird? Vielleicht hätte er noch ein zweites Rinderfilet bestellt und hinterher ein großes Spaghetti Eis. Wir werden es nie erfahren. Glücklicherweise ist ein „Rinderfilet Madagaskar“ das „Eigenartigste“ an seinem Tod. So bleibt uns Dirk Bach als hervorragender Schauspieler, Komödiant, wahnsinnig sympathischer Mensch und mutiger Vorkämpfer der LGBT Community in Erinnerung. Ruhe in Frieden!

Die Uhr tickt

Abgesehen von Bewohnern amerikanischer Todeszellen und Todkranken wissen maximal noch Suizidkandidaten, dass die Uhr tickt. Suizidgefährdete werde ich hier logischerweise aus Pietätsgründen ausblenden. Was Todeskandidaten in amerikanischen Gefängnissen betrifft, habe ich tatsächlich am Rande eines Artikels schon mal eine Auflistung der „Henkersmahlzeiten“ gefunden. Offensichtlich legen amerikanische Gefängnisse großen Wert auf die Abläufe kurz vor einer Hinrichtung. Eine Wertung unterlasse ich an dieser Stelle. In Erinnerung blieb mir 1 kg Pfefferminzeis, welches sich ein Insasse gewünscht hatte.

Wie man dem Tod entgegentritt, weiß man in der Regel vorher nicht. Wie in allen Krisensituationen können sich in einer solchen Phase die besten, aber auch die schlechtesten Charaktereigenschaften offenbaren.

Ortolane

Francois Mitterand war eine der prägenden, politischen Figuren des 20. Jahrhunderts. Als Vertreter des französischen Sozialismus formte er sein Land. International trat er als Freund Deutschlands und Wegbereiter der deutschen Einheit in Erscheinung. Gleichzeitig blieb er zeitlebens eine nebulöse Persönlichkeit. In seinem Umfeld blühte die Korruption, er selbst lebte ein nach deutschem Verständnis dekadentes Leben und führte jahrzehntelang de facto eine Doppelehe mit seiner Geliebten. Bereits 1981 wurde bei ihm Prostatakrebs diagnostiziert, den er mit gefälschten ärztlichen Dokumenten vor der Öffentlichkeit verbarg.

Am Silvesterabend des Jahres 1995 versammelte Mitterand ein letztes Mal seine engsten Freunde zu einem Festdinner in seinem Landhaus in Südfrankreich. Der ehemalige Präsident wusste, dass er nur noch wenige Tage zu leben hatte. Schwer von der Krankheit gezeichnet, dämmerte er vor sich hin, bis sein Herzenswunsch aufgetragen wurde: „Ortolane“. Dieses für deutsche Gemüter fast unerträglich dekadente Essen besteht aus Singvögeln*, die erst gemästet und dann in Armagnac ertränkt werden, bevor man sie im Ganzen brät. Die Kunst des Verzehrs besteht darin, den Vogel in Gänze in den Mund zu schieben, den Kopf unter einer Stoffserviette zu versenken, damit keine Aromen verloren gehen und dann den Vogel halb lutschend, halb kauend zu verzehren. Mitterand gönnte sich in dieser gespenstischen Kulisse zwei dieser Vögel. 8 Tage nach diesem Zusammentreffen verstarb Francois Mitterand ohne bis zu seinem Tode nochmal irgendetwas anderes gegessen zu haben.

Mitterand liebte die Außenwirkung. War seine Persönlichkeit auch immer Geheimnis umwittert, legte er ebenso großen Wert auf Akzente. So bezeichnete er sich selbst einmal als den „letzten großen Präsidenten“. Bei aller Heimlichtuerei bin ich mir sicher, dass dieses Essen überliefert werden sollte. Ein großer Mann verabschiedet sich mit einem außergewöhnlichen Essen stilvoll von seinen Freunden. Ist es nicht das, worum wir unsere Nachbarn immer beneidet haben? Stil und Lebensart. Mittlerweile ist das Verspeisen von Singvögeln (bzw. deren Bejagung) in Frankreich verboten.

Francois Mitterand blieb als der große Politiker in Erinnerung, der er war. Ein paar ertränkte Vögel änderten daran nichts.

Was peinliche, rechtswidrige und arrogante Auftritte aus dem „Kanzler der Wiedervereinigung“ gemacht haben, wissen wir.

Fazit

Richard Fasten gelingt ein bunter Mix aus Personen der Geschichte, wie John F. Kennedy, Künstlern, wie Ernest Hemingway, bis hin zu berühmten Kriminellen, wie Jesse James. Ich habe das Buch in einem Stück runter gelesen. Kurzweilig, interessant, unterhaltsam – ich könnte die Aufzählung fortsetzen. Ein rundum gelungenes Buch. Die Zusammenarbeit mit dem Koch Andreas Staack bereicherte den Unterhaltungsteil um die dazugehörigen Rezepte. Rinderfilet mit Pommes hört sich für mich super an, aber ich bin ja auch ein Banause.

Achillesferse

Richard Fasten studierte unter anderem Geschichte. Meine Wenigkeit auch. Unter „Holy chicken fort he preacher man – Martin Luther King“ schreibt er: „Die Black Panther Party um Malcolm X…“. Der Black Muslim Aktivist Malcolm X wurde am 21.2.1965 ermordet, die marxistisch- leninistisch orientierten Black Panther gründeten sich im Oktober 1966…

Ja, sie sahen sich in der Tradition von Malcolm X, aber Tote können sich auch nicht gegen ihre Vereinnahmung wehren. Von der „Black Panther Party um Malcolm X“ zu sprechen, ist also schlicht und ergreifend falsch. Mindert das den Unterhaltungswert des Buches? Nein! Es wirft nur einen leichten Schatten auf die Recherchetiefe.


*KRAUTJUNKER-Kommentar: Den Fettammern werden nach dem Fang entweder die Augen ausgestochen oder die Käfige abgedunkelt, damit sie das Zeitgefühl verlieren und etwa 14 Tage lang ununterbrochen fressen.

*

KRAUTJUNKER-Rezensent

Matthias Heine, geboren als „Theo wir fahr’n nach Lodz“ von Vicky Leandros in den Top Ten war. Seine Geburtsort im deutschen Arbeiter- und Bauernstaat ist die „Stadt des Schwermaschinenbaus“. Ich genoss das große Vergnügen und Privileg ihn im vergangen Jahrtausend bei seinen ersten Studien in und im Nachtleben von Leipzig zu begleiten. Schlussendlich erwarb er nach seinem Studium der Archäologie der römischen Provinzen, der Klassischen Archäologie sowie der Mittleren und Neueren Geschichte an der Universität Köln seinen Abschluss als Magister Artium. Mittlerweile arbeitet er als Archäologischer Forschungstaucher und Tauchlehrer. Weiterhin entwickelte er sich zum Forscher, Weltreisenden und Autor. Wenn Matthias streng schaut, erinnert er an den Reichsmarschall Hindenburg, doch in seiner Brust schlägt das Herz eines Jedi-Ritters. So verzeiht er es den Ägyptern großmütig, dass sie ihn als „Mr. Mattjes“ ansprechen. Er kann ebenso unter Eis nach Steinzeit-Artefakten tauchen, wie den Pangalaktischen Donnergurgler auf Ex trinken oder feine Verse zitieren. Alle Jubeljahre organisiert er für einen erlauchten Kreis von Zeitreisenden das exzentrische Schliemann-Wochenende. Kochen kann er nicht und sein heiseres Lachen hört man drei Straßen weiter, but who’s perfect?


Tauchschule: https://www.vip-dive-center.de/
Matthias Heine bloggt hier: https://www.lexibo.com/de/blog/

*

Titel: Das letzte Gericht: Was berühmte Menschen zum Schluss verspeist haben

Autor: Richard Fasten

Verlag: be.bra verlag, Medien und Verwaltungs GmbH

Verlagslink: https://www.bebraverlag.de/verzeichnis/titel/877-das-letzte-gericht.html

ISBN: 978-3-86124-731-9

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s