von Rolf. D. Baldus
Jeder Jäger hat bei der Ausbildung für den Jagdschein gelernt, dass es den großen und den kleinen Leberegel gibt und welchen Kreislauf die Parasiten zwischen Schnecke und Leber unseres Schalenwildes durchlaufen. Es gehört zur guten Jagdpraxis, dass man die Lebern aller erlegter Stücke begutachtet. Befall ist selten, und die meisten Jäger bekommen deshalb niemals einen der bis zu 3 cm großen Leberegel zu Gesicht.
Ein Zuwanderer aus dem 19. Jahrhundert
Neuerdings ist jedoch ein weiterer Leberegel dazu gekommen. Es ist der Große Amerikanischen Leberegel (Fascioloides magna). Nur wenige Jägerinnen oder Jäger haben bislang davon überhaupt gehört, geschweige einen gesehen. Das könnte sich aber ändern.

Wie der Name schon sagt, handelt es sich um einen Zuwanderer. Er stammt aus Amerika, wo er vor allem Weißwedelhirsche und Wapitis befällt. Mit solchen kam er ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Wildparks nach Italien und ins heutige Tschechien. Im königlichen Park von La Mandria nahe Turin in Italien wurde er bereits 1875 nachgewiesen. Weitere stabile Populationen etablierten sich in Tschechien, entlang der Donau-Auwälder in Österreich und der Slowakei, in Ungarn und in Polen. In Deutschland beschrieb man den Parasiten erstmals 1932. Im Nordosten Bayerns häufen sich die Funde seit 2010.
Entwicklungszyklus
Sein Entwicklungskreislauf entspricht in etwa dem der hiesigen Leberegel. Befallene Rothirsche als Endwirt scheiden die Eier über ihre Losung aus. In den Eiern entwickeln sich Larven. Sie bohren sich in Schlammschnecken als Zwischenwirt, wo sie sich zu sogenannten Zerkarien entwickeln. Die werden ausgeschieden und heften sich an Pflanzen an. Werden diese dann von Wildtieren aufgenommen, vor allem von Rotwild, aber auch von Damwild, Rehen und anderen Huftieren, entwickeln sich im Lebergewebe bis zu 10 cm lange und 3-4 cm breite, blattförmige Leberegel. Sie legen Fraßgänge an, und im Endstadium ist die Leber stark geschädigt. Da jeder Egel täglich tausende von Eiern produziert, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass viele Larven eine Schnecke finden.

Auswirkungen
Erkranktes Rotwild kann abmagern und kümmern. Die Geweihgewichte sinken. Möglicherweise nimmt auch die Fertilität weiblicher Stücke ab. Die Mortalität ist unterschiedlich. Es wird in der Literatur sowohl über geringe als auch hohe berichtet.
Neben Rot-, Dam- und Sikawild als spezifische Endwirte gibt es auch sogenannte Sackgassenwirte, die die Parasiten einkapseln und damit Befall überstehen. Dazu gehören Sauen, Elche, aber auch Rinder und Pferde. Am schwersten von einer Infektion betroffen sind Irrwirte wie Reh, Mufflon und Gams sowie Schafe und Ziegen. Sie haben eine geringe Immunabwehr und verenden meist, bevor die Eier ausgeschieden werden. Bei Rehen wurde die vollständige Auslöschung von Beständen beobachtet.
Der Verzehr des Wildbrets erkrankter Stücke ist unbedenklich. Eine Beschau kann je nach Befall erforderlich sein. Auf Menschen wurden die Amerikanischen Riesenleberegel bislang nicht übertragen. Landwirtschaftliche Nutztiere, wie Rinder, Pferde, Ziege und Schafe, sind auch gefährdet, können aber therapiert werden, da man einen unmittelbaren Zugriff auf die erkrankten Tiere hat.

Verbreitung
In Deutschland sind bislang nur bestimmte Gebiete (Mittel- und Oberfranken, Oberpfalz) in Bayern betroffen. König und Ehrmanntraut schreiben in Wildlife Biology (2025) vom „Risiko einer großflächigen Infektion des einheimischen Rotwildes in ganz Bayern“. Da sich der Parasit nicht an Landesgrenzen hält, kann man „Bayern“ auch durch „Deutschland“ ersetzen. Fascioloides magna breitet sich aus. Gibt es in einem Gebiet besonders günstige Bedingungen wie Wasser, Schnecken und Wildkonzentrationen kann der Befall explodieren. In Teilen Bayerns haben wir bereits eine Rotwildkatastrophe.
Das Rotwild, kürzlich von der Deutschen Wildtier Stiftung zum Tier des Jahres 2026 ernannt, wird nicht aussterben, könnte aber mancherorts stark zurückgehen. Zumindest ist tröstlich, dass nur Reviere mit ausreichend Feuchtgebieten betroffen sein werden und der Parasit offenbar nur langsam wandert. Ohne Zweifel sind bei der Verhinderung der weiteren Ausbreitung die Jäger in der Pflicht. Es wird sich zeigen, ob ihnen das Rotwild tatsächlich so am Herzen liegt, wie Festredner auf Hegeringversammlungen nicht müde werden zu betonen. Dasselbe gilt für die Jagdverbände. Aber was kann man tun?
Was tun?
Grundsätzlich kann man auf drei Arten einwirken:
- den Transport der Parasiten in neue Gebiete unterbinden;
- dien Zwischenwirt bekämpfen;
- die schon befallenen Wildtiere medikamentös behandeln oder reduzieren.
Die Wege möglicher Übertragungen sind vielfältig und unzureichend erforscht. Sicher sind Wanderungen des Rotwilds eine Ursache. Ob deren Einschränkung Sinn macht, ist strittig. Einzäunen funktioniert nicht und ist auch unerwünscht. Professor Andreas König von der TU München plädiert dafür, das Auswandern erkrankten Wildes aus befallenen Gebieten zu unterbinden, z.B. dadurch, dass man rotwildfreie Gebiete auch tatsächlich mit der Büchse freihält. Die Deutsche Wildtier Stiftung hält dagegen und sieht keinen Grund, die aus ihrer Sicht dringend notwendige Vernetzung der Lebensräume zu stoppen. Anders ausgedrückt: Genetische Verarmung ist schlimmer als der Amerikanische Leberegel, so jedenfalls die Stiftung. Denkbar ist auch die Übertragung durch Besatzfische und Heu aus befallenen Gebieten. Solche Transporte können aber kaum unterbunden werden. Ähnliches gilt für das illegale Aussetzen von Hirschen, die möglicherweise befallen sind.
Eine Bekämpfung des Zwischenwirts über Kalkausbringung ist in Gehegen machbar und sinnvoll. In freier Wildbahn ist es zwecklos, da ein geringer Bestand an überlebenden Schnecken für einen vollständigen Befall des Rotwilds ausreicht. Dagegen sprechen auch Naturschutzgründe. Kalken wäre ein massiver Eingriff in die Ökosysteme, die häufig einen Schutzstatus haben.
Eine medikamentöse Behandlung von freilebendem Wild im Rahmen von Fütterungen mit Wurmmitteln (Anthelminthika) ist im Grundsatz möglich und wurde auch praktiziert, beispielsweise in Tschechien und Kroatien. Das funktioniert durchaus. Es gibt aber vielerlei praktische Probleme, und man erreicht nie alle Tiere. Das Wildbret behandelter Tiere kann vorübergehend nicht konsumiert werden. Die Behandlung von freilebendem Wild mit Medikamenten ist in der EU verboten. Ausnahmegenehmigungen sind aber nicht ausgeschlossen. Auf jeden Fall sollte diese Möglichkeit weiter untersucht, vielleicht auch einmal in einem besonders betroffenen Gebiet getestet werden. Nicht zuletzt deshalb, weil das Siechtum stark betroffener Tiere eine elende Quälerei darstellt. Allerdings deuten alle empirischen Berichte darauf hin, dass die bisherigen Versuche nicht erfolgreich waren. Als Jäger muss man sich außerdem fragen: Öffnet man mit der medizinischen Behandlung von Wildtieren nicht möglicherweise eine Pandorabüchse?
Es bleibt das Absenken der Zahl des Rotwildes durch erhöhte Abschüsse. Dies wurde auch im Veldensteiner Forst in Bayern praktiziert, als hier ein überhöhter Bestand befallen war. Zweifellos kann totes Rotwild weder sich noch andere anstecken. Aber erreicht eine Verdünnung des Bestandes sein Ziel? Professor Sven Herzog von der TU Dresden dazu: „Eher nicht, denn der Befall ist vor allem lebensraumabhängig.“ Das Rotwild absenken würde demzufolge allenfalls die lokale Parasitenlast etwas verringern, aber keinesfalls die Verbreitung in andere Gebiete verhindern. Viele Jäger sehen in den propagierten Abschüssen auch in erster Linie einen Vorwand für die ohnehin gewünschte Reduzierung der Bestände. Eine massive Verringerung der Zahlen würde – laut Herzog – im Übrigen auch dazu führen, dass zu viele mögliche Träger von Resistenzen entnommen werden. Analog zur Myxomatose beim Feldhasen oder der Afrikanischen Schweinepest erscheint nämlich die Entwicklung solcher Immunantworten möglich. Fraglich ist allerdings die Zeitdauer. Im Übrigen werden mögliche Resistenzenträger auch bei der normalen Bejagung entnommen.

Handeln statt Ratlosigkeit
Festzuhalten bleibt, dass in Deutschland, mit Ausnahme des Veldensteiner Forstes in Bayern, bislang keine Maßnahmen gegen die weitere Ausbreitung des Leberegels ergriffen worden sind. Auch ein breites Monitoring findet nicht statt. Das wäre aber wichtig, um die weitere Ausbreitung wissenschaftlich zu verfolgen. Ein großflächiges Monitoring erscheint deshalb dringend geboten.
Es gibt bisher kein Rezept, wie der Amerikanische Leberegel in freier Wildbahn wirksam und umweltfreundlich bekämpft oder wie seine Ausbreitung verhindert werden kann. Nichtstun ist aber auch keine Lösung. Höchste Zeit, dass Wissenschaft und jagdliche Praxis zusammenfinden, um mögliche Handlungsstrategien zu finden.
Der Beitrag ist die bearbeitete Fassung eines Artikels, der in der „Wild und Hund“ erschienen ist und erscheint mit deren freundlicher Genehmigung.
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Erfahrungen aus Bayern
Ein Blick in den Veldensteiner Forst (Nordostbayern) zeigt, wie der Prozess verlaufen kann. Die ersten Erkrankungen wurden 2015 festgestellt. Gleichzeitig etablierte sich eines der ersten bayerischen Wolfsrudel. Heute gibt es dort so gut wie kein Rehwild mehr und der vormals offenbar überhöhte Rotwildbestand hat sich – nach weiterer Reduktion durch robuste Bejagung – auf einem um etwa zwei Drittel niedrigeren Bestand eingependelt. Das überlebende Rotwild soll trotz weiter bestehendem, wenn auch niedrigerem Befall in einem guten körperlichen Zustand sein und es gibt auch weiterhin reife Hirsche.
Auf dem nahegelegenen Truppenübungsplatz Grafenwöhr hatte sich der Parasit seit einigen Jahren angekündigt. Immer wieder fand man einzelne erkrankte Tiere. Doch im letzten Jahr ist der Befall explodiert. Auf den Drückjagden wurden 460 Rotwildlebern untersucht. Im Schnitt zeigten sich Befallsraten von 6% bei Kälbern, 56% bei Schmaltieren, 84% bei Alttieren, 75% bei Dreierhirschen und 100% bei älteren Hirschen. Fallwild findet man, doch der Wolf ist meistens schneller. Die Geweihgewichte sind gefallen, mindestens um ein Drittel. Mittelalte Hirsche dominieren das Brunftgeschehen. Viele Alttiere führen keine Kälber. Ob das nur dem Wolf geschuldet ist oder auch die Fruchtbarkeit erkrankter weiblicher Stücke gelitten hat, bedarf weiterer wissenschaftlicher Abklärung.
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Literatur:
Franke, Frederik et al., Der Große Amerikanische Leberegel im Böhmerwald-Ökosystem, Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft:
König, Andreas und Ehrmantraut, Christian, Occurrence, ecology and management of Fascioloides magna in Bavaria, southern Germany, in: Wildlife Biology, Vol. 2025,5 (https://nsojournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wlb3.01277 )
Zetsche, Maria et al., Ein Leberegel erschließt sich Europa: Fascioloides magna im Rotwildbestand des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr, in: Beiträge zur Jagd- und Wildtierforschung, Bd. 47(2022) 253-261
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Rolf D. Baldus

Dr. Rolf D. Baldus ist ein deutscher Diplom-Volkswirt und Jagd- und Wildschutzfachmann. Jahrgang 1949. Jagdschein 1976. Studium der Volkswirtschaftslehre und Promotion (1976) an der Philipps-Universität Marburg. Forschung und Lehre an der Universität Marburg, Leitung eines mittelständischen Betriebes, internationale Beratungstätigkeit, Referent und Referatsleiter im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Referatsleiter im Bundeskanzleramt sowie 13 Jahre Projektleiter Wildschutz und Regierungsberater in Tansania. Wissenschaftliche Veröffentlichungen sowie zahlreiche Bücher und Artikel zu Jagd und Naturschutz in Afrika. Zwei Jahrzehnte ehrenamtliche Tätigkeit für den Internationalen Jagdrat (CIC). Präsident der CIC-Kommission für Tropenwild und Berater von vier CIC-Präsidenten in Afrikafragen. Lebt heute im Naturschutzgebiet Siebengebirge am Rhein.
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