Man muss ihn sich vorstellen, denn sein Lebensraum ist so extrem, dass er für den Menschen praktisch unerreichbar bleibt. Ein torpedoförmiger, graugrüner Körper, der in Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt durch das Schwarz der Tiefe zieht. Somniosus microcephalus heißt er in der Wissenschaft – der Träumer mit dem kleinen Kopf. Wir kennen ihn als Grönlandhai oder Eishai. Kaum eine Kamera bekommt ihn je zu fassen, noch seltener ein Taucher. Und doch wächst unser Bild von diesem Tier mit jedem Puzzleteil, das Forschung und Zufall freilegen: ein Räuber von fast unvorstellbarer Lebensdauer, langsam, beharrlich und an eine Welt angepasst, die für uns kaum zugänglich ist.
Wie alt kann ein Fisch werden? Bei keinem Wirbeltier reicht die Spanne so weit. Der Grönlandhai wächst gemächlich, im Durchschnitt nur etwa ein Zentimeter pro im Jahr, und trägt sein Alter im Auge: In der Linsenchemie stecken Radiokohlenstoff-Signaturen aus der Ära der Atombombentests – ein Marker, mit dem sich Jahrgänge kalibrieren lassen. Aus solchen Daten entsteht ein verblüffendes Bild: Ein Weibchen wurde auf etwa 392 Jahre datiert, mit breiten Unsicherheiten nach oben und unten; einzelne Tiere könnten die Fünfhundert streifen. Das hieße: Es schwimmen heute Haie, die schon lebten, als in Mitteleuropa der Bauernkrieg tobte – und andere, die bereits alt waren, als Shakespeare seine Dramen schrieb.
Dieser Zeitreichtum hat Gründe. In eiskaltem Wasser laufen Herz und Stoffwechsel wie auf Sparflamme, oxidativer Stress bleibt gering. Dazu passt, was Genetiker berichten: ein ungewöhnlich großes Genom mit vielen Kopien von Reparaturgenen, die Schäden am Erbgut korrigieren – womöglich ein Schlüssel, warum Sinnesgewebe wie Netz- und Hornhaut selbst bei sehr alten Tieren erstaunlich intakt bleiben. Die oft milchig getrübten Augen – fast immer von dem Ruderfußkrebs Ommatokoita elongata besiedelt – täuschen. Der Hai sieht in Restlicht offenbar besser, als man annahm. Und er braucht die Augen in der lichtlosen Dunkelheit nicht, um zu jagen: Geruch und die Lorenzinischen Ampullen, feine Elektrorezeptoren, tasten das Leben im Dunkel ab. Es sind gallertgefüllte Kanäle in seinem Maul mit denen er SpannuGrönngen von bis zu einem Milliardstel Volt wahrnehmen kann. Die von seinen Beutetieren verursachten winzigen Veränderungen in der elektromagnetischen Spannung, führen in direkt zum Ziel.

Sein Revier ist groß: arktische und subarktische Bereiche des Nordatlantiks, von flachen Schelfkanten bei hundert Metern bis in die große Tiefe. Ein ferngesteuertes U‑Boot filmte vor South Carolina einen Grönlandhai in rund 2.200 Metern – eine der tiefsten und südlichsten Beobachtungen überhaupt. Der Körper ist kompakt, die Flossen klein, die Haut von winzigen Dentikeln wie Schmirgelpapier überzogen: in Strömungsrichtung glatt, gegen den Strich messerscharf. Früher nutzte man solche Häute – wie die anderer Haie und Rochen – tatsächlich als Schleifmittel.

Grönlandhaie sind keine Sprinter. Messgeräte an frei schwimmenden Tieren zeigen: Die Tiere sind langsamer als ihre Beute und legen keine erkennbaren Spurts hin. Warum also finden sich in ihren Mägen regelmäßig Ringelrobben, Seehunde, Bart- und – dazu Kabeljau, Schellfisch, Seewolf, ja sogar Reste kleiner Wale? Die Antwort liegt nicht im Aas, sondern in der Logik des Schlafs. Robben sind hoch entwickelte Säugetiere, doch der Tiefe Schlaf macht sie verwundbar. Manche sinken zum Ruhen auf den Grund, mit heruntergefahrener Aktivität in beiden Hirnhälften. Dann zieht ein langer, zigarrenförmiger Schatten über den Boden: langsam, lautlos, geführt vom Geruch, vom kaum messbaren Strom eines schlagenden Herzens, den seine Ampullen erfassen. Der Hai braucht keinen Sprint, nur Geduld. Wenn der Biss kommt, arbeitet ein Maul wie ein Werkzeugkasten: Oben haken spitze, längere Zähne ein, unten sägt eine Kante – und saugende Lippen fixieren große Beute am Maul. Wer in diesem Moment erwacht, ist zumeist schon verloren. Der deutsche Filmemachers Werner Herzog schrieb:
„Das Leben der Tiefsee muss höllisch sein. Eine grenzlose, gnadenlose Hölle ständiger höchster Gefahr. So höllisch, dass einige Arten – darunter der Mensch – im Lauf der Evolution daraus hervorgekrochen sind und sich aufs Trockene einiger kleiner Kontinente gerettet haben, wo die Lektionen in Finsternis weitergehen

Das alte Bild vom trägen Aasfresser greift zu kurz. Telemetriedaten und Magenanalysen zeichnen einen Generalisten, der Chancen nutzt – aktiv jagend, wenn die Situation es erlaubt, Aas nehmend, wenn es vor die Schnauze treibt. Aus der Historie sind drastische Fundlisten überliefert: Robben neben Leng und Walspeck, manchmal Reste von Landtieren, die eher über Flüsse, Treibgut oder Unglücke ins Meer geraten sein dürften. Legenden über Angriffe auf Kajaks gehören in die Folklore.
2003 kam es nahe Kuummiut an Grönlands Ostküste zu einer speziellen Begegnung: Crewleute eines isländischen Trawlers standen knietief in einer blutigen Brühe aus Fischabfällen, als vom Deck aus ein dunkler Schatten im Wasser entdeckt wurde – ein Grönlandhai, der langsam auf die Männer zuhielt. Der Kapitän, Sigurður Pétursson, Spitzname der Eismann, galt als furchtlos. Er sprang ins Wasser, trieb den Hai in Richtung Ufer und tötete ihn schließlich mit seinem Ausweidemesser. Später erklärte er, aus Sorge um seine Männer gehandelt zu haben. Nüchtern betrachtet ist es aber der Angriff eines Menschen auf einen Grönlandhai – nicht umgekehrt.
Sein Lebenstempo bestimmt auch seine Fortpflanzung. Der Grönlandhai ist ovovivipar: Die Jungen schlüpfen im Mutterleib und werden lebend geboren; Neugeborene messen um vierzig Zentimeter. Weibchen werden erst bei Längen um vier Meter geschlechtsreif – Schätzungen setzen das deutlich jenseits der Jahrhundertmarke an, teils bei 150 Jahren. Wie häufig Nachwuchs kommt, ist unklar; vieles spricht für seltene, kleine Würfe. Die Paarung selbst ist wie bei vielen Haien ein brutaler Akt: Da Haie weder Arme noch Hände haben, um sich im dreidimensionalen Raum des Meeres aneinander festzuhalten, muss das Männchen das Weibchen beißen. Das Männchen verbeißt sich meist tief in die Brustflossen (Pektoralflossen) oder den Nacken des Weibchens. Erst dieser schmerzhafte Griff stabilisiert die beiden Tiere im Wasser, sodass das Männchen seine Begattungsorgane (Klasper) einführen kann. Die Evolution hat die Weibchen geschützt. Die Haut weiblicher Haie ist oft drastisch dicker als die der Männchen – bei manchen Arten bis zu fünfmal so dick. Diese evolutionäre Rüstung schützt die inneren Organe des Weibchens vor den scharfen Zähnen des Männchens während des Paarungsbisses. Nach der Paarungszeit tragen fast alle geschlechtsreifen Haiweibchen tiefe Narben (mating scars), die jedoch schnell und meist infektionsfrei verheilen. Die Paarung geschieht nicht willkürlich. Weibliche Haie senden chemische Botenstoffe (Pheromone) aus, wenn sie paarungsbereit sind. Die Männchen folgen dieser Spur über weite Strecken im Ozean.

Diese Biologie macht die Art verletzlich. Direkt bejagt wurde sie früher vor allem wegen des Vitamin‑A‑reichen Leberöls; heute landen Grönlandhaie vor allem als Beifang an Langleinen für Heilbutt oder in Grundschleppnetzen – mit hoher Sterblichkeit, oft schon an Deck. Eine Art, die spät reift, selten reproduziert und sich nur langsam erholt, verträgt solche Verluste schlecht. Der Grönlandhai zeigt, wie gut Evolution funktioniert, wenn die Umwelt verlässlich bleibt – und wie schnell eine solche Wette kippt, sobald der Mensch daran rüttelt. In dieser Erkenntnis liegt seine stille Dringlichkeit.
Wer frisches Eishaifleisch isst, kann in einen eigentümlichen Rausch geraten: die Sprache zerfasert, Bilder flackern wie Halluzinationen, der Gang wird schwankend, das Verhalten entgleist. Wenn Betroffene schließlich wegdämmern, sind sie kaum zu wecken. In Notzeiten landete es trotzdem auf Tellern und in Hundemäulern – mit den beschriebenen Folgen.

Vermeiden lässt sich das nur mit der richtigen Behandlung des Fleisches: Zunächst das Tier rasch ausbluten lassen, danach das Fleisch trocknen oder in mehrfach gewechseltem Wasser auskochen. In Island gilt Hákarl als Spezialität (Rezept und Story hier: https://krautjunker.com/2016/09/23/islaendischer-verrotteter-hai-kaestur-hakarl/). Dort wird das Fleisch so verarbeitet, dass die problematischen Stoffe verschwinden – traditionell durch mehrmaliges Kochen und Trocknen oder, klassisch, indem man es vergräbt und fermentieren lässt.

Hákarl heißt diese Spezialität in Island. Es riecht streng nach Ammoniak und schmeckt – nun ja – nach Geschichte. Wer sich heranwagt, hält sich gerne die Nase zu und spült mit Brennivín, dem starken isländischen Branntwein nach. Skál, aber bitte keine Portion für mich!
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