Eine ganz andere Jagdgeschichte

von Micha Unger

Man glaubt es nicht! Meine Herzbuttertäschchen war eingeladen, ich durfte auch mitmüssen.

Bekannte von Freunden feierten irgendetwas, ich gratulierte artig. An den Anlass kann ich mich aber nicht mehr erinnern. Ich nehme an, sie wollten einfach ein wenig Abwechslung in ihren eintönigen Lebensvollzug bringen. Es war eingedeckt und angerichtet, Tafelsilber, feinstes Porzellan und Kerzen sollten ihrem tristen Dasein Glanz und Gloria verleihen. Nun gut, man kennt so was. Ich schaute mich um, in der Hoffnung, einen gleichgesinnten Zechkumpanen zu finden, mit dessen und der Hilfe geistiger Getränke ich das Beste aus dem Abend machen wollte. Leider gab sich unter den anwesenden Herren niemand als verlässlicher Trinkpartner zu erkennen. Meine Frau fiel ja nun mal naturgemäß zu diesem Zwecke aus, sie musste mich ja nach Hause fahren, schließlich hatte ich die Mühe auf mich genommen, uns hierher zu kutschieren. Die vielen unterschiedlichen Gläser auf dem Tisch stimmten mich aber insgesamt hoffnungsfroh.

Während des allgemeinen Plauderns vor dem Aperitif nahm ich die Inneneinrichtung unserer Gastgeber in Augenschein. Das Übliche: ein paar antike Möbel, einige Designklassiker, Drucke an der Wand, mundgeblasene Glaskugeln von brandenburgischen Straßenkindern. Oder peruanischen? Egal, sah alles irgendwie gleich aus.

Endlich zu Tisch, servierte Gastgeberin Gisela, eine klapperdürre Endfünfzigerin, als ersten Gang Meeresfrüchte und Einsichten zur Überfischung der Weltmeere, garniert mit allgemeinen Betrachtungen zur Klimaerwärmung unter besonderer Berücksichtigung der verheerenden Folgen für das kleine Inselvolk der I-Kiribati. Ich warf vorsichtig ein, dass Klimawechsel kein ganz neues Phänomen seien, erdgeschichtlich gesehen. Ganz furchtbar ereiferte sich Gisela daraufhin, die armen I- Kiribati saufen ab, die Runde murmelte Worte des Bedauerns und stieß mit einem trocknen Weißwein an.

Mittlerweile hatte ich rausgefunden, dass alle anderen Gäste miteinander verwandt waren und sich schon seit frühester Kindheit kannten. Bis auf die Angeheirateten natürlich. Mir schwante Fürchterliches. Alle hatten sich wohl im Laufe der Jahrzehnte in ihr Schicksal ergeben und ließen die Monologe von Gisela über sich ergehen, ohne Widerspruch und verzweifelt hoffend, dass der Abend irgendwie zu Ende ging.

Der zweite Gang wurde aufgetragen: Wachtelbrüstchen glasiert mit Granatapfelsauce an Lamento zum Weltfrieden. Das Essen war gut, die Monologe ermüdend, auch ich war nun bereit, mich in mein Schicksal zu fügen und die weiße Serviette zu hissen.

Der Hauptgang wurde mit dem Satz „Eigentlich essen wir gar kein Fleisch!“ eingeleitet, gefolgt von der Feststellung: „Das kann man ja gar nicht mehr verantworten.“ Beifälliges Gemurmel von den Damen am Tisch, stummes, schicksalsergebenes Nicken der Herren. Aufgetragen wurde Hirsch(!), von dem – nur so viel vorweg – nichts übrig blieb. Gisela begleitete das Mahl mit einem appetitlichen Vortrag zur Massentierhaltung. Sie selbst kam kaum zum Essen, da sie die Gelegenheit weiterhin dazu nutzte, pausenlos auf ihre wehrlosen Opfer einzureden. Diese – wohlerzogen – sprachen nicht mit vollem Mund und hatten auch nicht die Gelegenheit, die Tafel zu verlassen, ohne grob unhöflich zu werden. Mir erklärte sich nun, warum die Dame so entsetzlich dürr war. Meine Gedanken schweiften ab, ich dachte an den letzten Hirsch, den ich strecken konnte.

„… Jäger!“ Hatte Gisela „Jäger“ gesagt? Ich erwachte aus meinen Träumereien und straffte mich. Meiner Gattin blieb dies nicht verborgen, sie bedachte mich mit einem mahnenden Blick. Gisela schwadronierte nun munter, von jeder Fachkenntnis ungehindert, über die Jagd im Allgemeinen und die Jäger im Besonderen. Freundlich und mit sanfter Stimme fragte ich sie nun, die Tritte meiner Gattin unter dem Tisch ignorierend, woher sie dies alles wisse und ob sie selbst Jägerin sei. „Nein, welch absurde Vorstellung“, entgegnete Gisela, niemals könne sie ein fühlendes Lebewesen töten. Sie würde Jäger, die Lust am Töten hätten, verachten.

Mein Herzbuttertäschchen ging nun dazu über, heftig, aber unauffällig, an meinem Ärmel zu zupfen. Zwischen zwei Zupfern trat sie mich weiterhin unter dem Tisch. Mir sei die Lust am Töten auch fremd, entgegnete ich. Als Jäger wüsste ich aber, dass der Tod zum Leben gehöre und dass jeder auf dieser Welt, der leben wolle, den Tod anderer in Kauf nehmen müsse. Dies könne man bewusst und verantwortungsvoll tun oder aber scheinheilig große Reden halten ohne Substanz und Folgen.

Die gesamte Gesellschaft erstarrte, einschließlich meiner Gattin. Gisela blieb der Mund offen stehen. Das Maschinengewehr der moralischen Überlegenheit war zum Schweigen gebracht! Einer der Herren durchbrach die Stille und fragte, wo ich jage und was es dort für Wild gäbe. Nun kam ich ins Erzählen. Von meinem letzten Hirsch, von meinem ersten Bock und von den Wildschweinen, die so schwer zu bejagen sind. Zu den​Wildschweinen gab es dann noch viele Fragen, einige der Gäste kamen aus Berlin und wussten zu berichten. Gisela schmollte, das stand ihr gut, auf jeden Fall war es besser als das unsägliche Geplapper. Es wurde dann doch noch ein schöner Abend. Meine Gattin fuhr mich später nach Hause und machte mir Vorhaltungen.

Ich glaube, ich muss in Zukunft zu solchen Einladungen nicht mehr mitmüssen.

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Jagdliche Schnurren und andere Merkwürdigkeiten

Autor: Micha Unger

Illustration: Lucy Hobrecht https://schnellzeichnerin-hobrecht.de/

Verlag: Neumann-Neudamm Melsungen

Verlagslink: https://www.jana-jagd.de/6368/unger-jagdliche-schnurren-und-andere-merkwuerdigkeiten

ISBN: 978-3788817220

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