Vom ersten Male (1/2)

von Christian Carl Willinger

Es ist nun schon eine kleine Ewigkeit her [Anm. d. Verf.: 1997], doch ich erinnere mich daran, als wäre es erst gestern gewesen. Von München war ich nach London geflogen, und der erste Tag in der Themsestadt war dazu bestimmt, mir eine richtige, gut gearbeitete Jagdpeitsche und ein wirklich festes tweed-jacket gegen alle Unbilden angelsächsischen Wetters zu kaufen. Bei Swane Adeney’s (siehe: https://www.swaineadeneybrigg.com/collections/all), damals noch in der Old Bond Street. Und schließlich mußte ich wie bei jedem Londonaufenthalt bei H&H’s (siehe: https://www.hollandandholland.com/)vorbeischauen. Für mich ist das wie eine Wallfahrt zum höchsten Heiligtum der Göttin Diana. Was könnte das Herz eines alten „Afrikaners“ mehr entzücken als dieses Heiligtum zu betreten ?

Den afternoon tea gab’s – auch wie immer – im Ritz (siehe: https://www.theritzlondon.com/), das war so Tradition bei mir, und gute Traditionen gilt es zu pflegen. Außerdem ist das alles nur ein paar Gehminuten voneinander entfernt. So wie eine Reihe anderer Adressen von Interesse: Lock (siehe: https://www.lockhatters.com/), Lobb (siehe: https://www.johnlobbltd.co.uk/), Evans (siehe: https://www.williamevans.com/), Schnieder (siehe: http://www.schniederboots.com/), Norton (siehe: https://www.nortonandsons.co.uk/), Weatherill (siehe: https://bernardweatherill.com/), Maxwell (siehe: http://www.henrymaxwell.co.uk/), Cordings (siehe: https://www.cordings.co.uk/) …

Am nächsten Tag fuhr ich nach Leicester, wo mich Brian abholte. Wir fuhren zur Farm der Spencers bei Ab Kettleby, nahe Melton Mobray, der „Welthauptstadt der Fuchsjagd“. Nach einem ausgiebigen Spaziergang mit Mrs. Spencer auf der Farm bereitete ich alles vor für den nächsten Tag, an dem ich mit der Quorn-Meute auf den Fuchs jagen sollte. Prince Charles pflegte seinerzeit oft mit der Quorn zu jagen und war auch schon zum Tee bei Spencers, um der aufdringlichen Presse beim meet zu entkommen. Eine Lithographie im Hause erinnert daran.

Abb.: Das Crown in Exford, zur Jagdzeit für viele Jahre des Autors Domizil; Bildquelle: Christian Carl Willinger

Schon um sechs Uhr morgens gab es ein reichliches englisches Frühstück, ehe wir zum meet aufbrachen. Mein Pferd Fostey war eine mittelgroße, hellgraue Schimmelstute, die sich bald als mittelgradiger Puller erweisen sollte, aber mit gutem Springvermögen und einer wahrlich herzhaften Lust am Springen. Es nieselte ein wenig, bald jedoch wich der Regen einer windigen Wechselbewölkung, welche die Sonne immer wieder durchkommen ließ. Trotzdem blieb es kühl, und wenn der Wind pfiff, konnte es empfindlich kalt werden. Ich war vorsorglich vierschichtig bekleidet: Thermounterwäsche, Hemd, Weste und Jackett hielten Kälte und Wind auch bei den zahlreichen Stehpausen ab, waren aber für schnellen Galopp fast schon zu warm.

Die Frage der Kleidung ist übrigens bei den renommierten Jagden eine äußerst delikate: Vor dem opening meet, also in der cub-hunting season, trägt man ratcatcher, bestehend aus einem festen Tweet-Jackett über einem hellen Hemd mit farbiger Krawatte, dazu beige, feste breeches und schwarze oder braune Stiefel. Eine braune Reitkappe mit weggenähter Masche (der schwarze Helm und die hängende Masche stehen nur dem Jagdpersonal zu) hat heute den bowler weitgehend ersetzt.

Wenn die eigentliche Jagdsaison mit dem opening meet begonnen hat, trägt man full hunting dress: als Gast am besten ein festes, schwarzes Jackett (black hunting coat, nicht ein leichtes, viel zu kühles und wasserdurchlässiges Turniersakko !) mit drei Knöpfen, weißes Hemd und weiße, feste breeches, einen weißen stock tie mit horizontaler Goldnadel, eine graue Reitkappe mit weggenähter Masche und schwarze Stiefel ohne Stulpe.

Abb.: Kahlwild auf dem Dunkery Beacon, der mit 520 m höchsten Erhebung auf Exmoor; Bildquelle: Carl Christian Willinger

Wem die hunt buttons verliehen worden sind, hat das Recht, den Jagdrock als Jagdfrack in der Traditionsfarbe der jeweiligen Jagd zu tragen, meist rot, aber auch blau, gelb, grün, dazu Stiefel mit cremefarbenen Stulpen und einen hohen Zylinder.

Master und Jagdpersonal tragen den Roten Rock mit vier, der huntsman mit fünf Knöpfen, die Goldnadel senkrecht, die schwarze Kappe mit hängender Masche, die Stiefel mit Mahagonistulpen.

Diese Vorschriften haben auch praktischen Wert, soll man doch jederzeit und sofort den Master und das Jagdpersonal anhand der Kleidung erkennen können, gerade in der größten Hektik einer brisanten Situation.

Die Jagd begann in langsamem Tempo, und das Feld war um eine Dickung postiert, welche die Hunde, 14½ Koppeln, stumm durchstöberten. Die Zahl der Hunde wird immer in Koppeln, also in Paaren angegeben, und es ist traditionell auch immer eine ungerade Zahl an Hunden, zu der geritten wird. Wenn der erstbeste Hund Witterung aufgenommen hat, wird er spurlaut (hounds begin to speak), und bald sind weitere Hunde auf dem scent, bis die ganze Meute in full cry dem Fuchs oder besser seiner Witterung folgt. Angespornt vom Tröten des Hornes geht nun die wilde Jagd über Stock und Stein, und das Feld folgt nach, so gut es eben kann.

Abb.: The Quorn in Leicesershire; Bildquelle: Christian Carl Willinger

An diesem Tag wurde reichlich galoppiert, so dachte ich wenigstens, weil ich noch nie im Leben so viel galoppiert war und weil ich nicht wußte, was in den nächsten Tagen noch auf mich zukommen sollte. Auf Exmoor jedenfalls erlebte ich dann, was eine schnelle und lange Jagd wirklich bedeutet, als wir von dreißig Kilometern an die zwanzig wohl galoppiert und zehn im Mittel- und starken Trab zurückgelegt hatten, so daß du betest, es möge doch endlich alles vorbei sein, und doch mußt du weiter, mußt dich mit den Fäusten am Pferdehals stützen, weil dich die Oberschenkel nicht mehr tragen und die Knie wundgescheuert sind und die Knöchel schmerzen. Und wieder ein Galopp und einen Steilhang hinauf und drüben hinunter, und du kannst nicht mehr, und doch willst du dies alles , wolltest, daß du es jeden Tag haben könntest, so schön, so ungeheuer erhebend, so unbeschreiblich faszinierend ist die Jagd in diesen Hügeln, im Moor auf den Hirsch, immer den Hunden nach, weiter und weiter, obwohl du nicht mehr weißt, wie du dich auf deinem Rosse halten kannst.

Nun, der erste Tag war also ein gemütlicher, und wir standen viel um Dickungen herum, welche die Meute durchstöberte. Plötzlich rast ein Fuchs, flach und lang wie ein roter Strich in wilder Flucht aus dem Dickicht hinaus auf das Feld, und hinter ihm her die Meute mit hellem Geläut, ein fliegender Schwarm, und der leitende Hund schon fast gleichauf, da erreicht der Rotrock den nächsten Streifen der Dickung, gerade als hinter ihm schon die scharfen Kiefer zusammenschlagen, und rettet sich unter die Erde.

Wir alle stehn da, erregt vom Schauspiel, mit klopfendem Herzen, und die Gänsehaut läuft über den Rücken, doch der letzte Akt, die durchdringende Dramatik, wenn der Tod Endgültigkeit schafft, diese Katharsis, die nur der Jäger verstehen, nur der Jäger empfinden kann, ist uns nicht mehr gegönnt.

Wieder heißt es warten. Der huntsman läßt die Hunde stöbern, doch der Fuchs hat längst die Dickung verlassen. Die Meute nimmt die Witterung auf und folgt ihr über Wiesen und Felder, von Dickung zu Dickung, Das Feld hinterher, bei Feldern die Ränder entlang galoppierend, auch wenn der Boden zwei Hände tief ist, über Wiesen im ungezügelten Renngalopp, in flottestem Trab die Asphaltstraßen entlang. Das stärkt die Sehnen, sagt man in England. Und ich denke an unsere Sportpferde, die man am liebsten nur auf einem dicken Seidenteppich reiten würde.

Gesprungen wird heute nicht viel, aber Fostey ist mit größtem Eifer dabei, und als sich das Feld vor einem Sprung infolge einer Verweigerung staut, kann ich sie nur mit Mühe in eine Volte zwingen. Am liebsten hätte sie die viel höhere Nachbarstelle des Zaunes, voller Unterwuchs und mit ungewissem Jenseits, anvisiert, aber ich kann sie energisch herumdrehen und schon zieht sie auf den inzwischen freigemachten Sprung los. Das Gras ist halblang und es geht deutlich bergab. Ein mächtiger Satz in die Weite, und wir landen sicher auf der weiter abfallenden Wiese. Leider bleibt es bei einer Handvoll Sprüngen. Es hängt ganz vom jeweilig bejagten Landstrich und vom Fluchtweg des Fuchses ab, wieviel gesprungen wird. An diesem Tag sehen wir noch zwei Füchse, aber zur Strecke kommt keiner. Es gibt auch Tage, wo ein halbes Dutzend und mehr erlegt werden. Die Chancen jedenfalls, die Meister Reineke hat, sind mit siebzig Prozent recht gut, und man spricht sehr zu Recht von fair chase. Good sport aber heißt, daß man einen ordentlichen run bekommt. Wie sagte doch Sir Alfred Pease: A really first class run with foxhounds beats everything. Den allerdings hatten wir heute nicht. Trotzdem, nach über vier Stunden, bei Sonnenschein und angenehmer Wärme, als wir wenigen, die wir bis zum Schluß dabei sind, uns mit einem traditionellen „good night“ verabschieden – das tut man auch, wenn es erst zehn Uhr vormittags ist, und es ist ein so wunderbar diskreter Hinweis darauf, daß die Jagd das einzige ist, was zählt, das wichtigste im Leben, daß eben der Tag zu Ende ist, wenn die Jagd zu Ende ist, und daß alles andere nur finstere Nacht ist, und unbedeutend und nur wert, verschlafen zu werden – nach diesen vier gemütlichen Stunden also, mit viel Tratsch in den Zeiten des Wartens – wie sagte jemand zu mir: Jagdreiten ist stundenlange Langeweile unterbrochen von kurzen Momenten halsbrecherischer Hektik – kann ich auf einen Tag zurückblicken, der als einer der schönsten in meinem Leben gelten darf. Doch immer, wenn man etwas an sich schon Grandioses zum ersten Mal tut, kann es, falls die Dinge halbwegs glatt laufen, nur ein einzigartiges Erlebnis werden.

Nachmittags besuchte ich die Quorn-kennels, wo an die hundert Hunde untergebracht sind, samt Stallungen für die Pferde des Jagdpersonals und das Wohnhaus für den huntsman. Die ganze Anlage zählt zu den schönsten ihrer Art und wurde erst vor wenigen Jahren für eine Million Pfund neu errichtet. Immerhin hat die Quorn wohl die größte Mitgliederzahl aller Jagden in England und ist zugleich eine der teuersten. Jeder, der glaubt, etwas auf sich halten zu müssen, ist bei einer der vier renommiertesten Jagden Großbritanniens eingeschrieben: the Beaufort, the Quorn, the Belvoir and the Cottesmore. Das heißt aber nicht, daß andere Jagden schlechter wären. Von den fast 450 Meuten auf den Britischen Inseln zählen wohl mehrere Dutzend zu den wirklich hochklassigen Jagden, und in fast jeder Grafschaft gibt es ein, zwei herausragende, weithin bekannte und berühmte Meuten.

Abb.: Die Devon and Somerset Staghounds auf dem offenen Moor. Im roten Rock Huntsman Donald Summersgill, rechts davon Lady-Master Diana Scott; Bildquelle: Christian Carl Willinger

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Dies ist der erste Teil des Kapitels. Der Zweite folgt in Bälde. Die Weblinks zu den Londoner Traditionsgeschäften sind von mir. Es soll keine Werbung, sondern Service sein, denn mich hat es selbst interessiert. Von Christian Carl Willinger gibt es noch einige lesenswerte Beiträge auf dem Blog. Der Weblink hierzu findet sich in den Anmerkungen. Die Bücher sind natürlich besser als jeder Blogbeitrag.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Good Sport & Fair Chase: Weidwerk im Geiste ritterlicher Jagdkultur

Autor: Christian Carl Willinger

Verlag: CCW-Verlag

ISBN: 978-3200033016

Mehr vom Autor: https://krautjunker.com/?s=Christian+Carl+Willinger

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