Sapiens – Der Aufstieg

Buchvorstellung

Der Verlag beschreibt diese Graphic Novel wie folgt:
»Yuval Noah Harari ist seit einigen Jahren der erfolgreichste Sachbuchautor der Welt. Von seiner „Kurzen Geschichte der Menschheit“ wurden in Deutschland über eine Millionen Exemplare verkauft. Jetzt erscheint der Weltbestseller in vier Teilen als Graphic Novel.
Den Anfang macht „Sapiens. Der Aufstieg“. Harari noch zugänglicher, noch unterhaltsamer, aber genauso intelligent und lehrreich – ein Muss nicht nur für seine Fans. Vor Millionen von Jahren war der Mensch bloß ein relativ unbedeutender Vertreter der Tierwelt. Wenn die Erde ein Königreich gewesen wäre, hätten andere Tiere auf dem Thron gesessen – Löwen vielleicht oder Elefanten. Heute besitzen die Menschen Kräfte, derentwegen sie den anderen Tieren wie Götter vorkommen müssen. Wie konnte ein körperlich relativ schwacher Affe sich zum Herrn der Welt aufschwingen? Und was musste er tun, um sich die Erde untertan zu machen? In „Sapiens“, der Graphic Novel, tritt Yuval Noah Harari selber auf. Gemeinsam mit seiner Nichte Zoeund anderen geht er diesem Rätsel auf den Grund. Sie erkunden das Schicksal der Neandertaler, schauen sich die Gameshow «Evolution» an und verfolgen die Abenteuer von „Prehistorik Bill“. Schon bevor die Menschen sesshaft wurden, waren sie die Könige der Welt. Wie es dazu kommen konnte, zeigt dieses Buch mit viel Witz, unwiderstehlichem Charme und einer Menge an schrägen Ideen. Wer sich bisher dem Bann von Hararis Büchern hat entziehen können, der wird jetzt kapitulieren.«

Das ursprüngliche Sachbuch habe ich nicht gelesen, bei der Graphic Novel konnte ich jetzt nicht widerstehen. Ich erlag der irriger Vorstellung dass es sich um eine illustrierte Evolutionsgeschichte handelt, der auch Grundschüler folgen können, sofern man ein paar Grundlagen erklärt. Trotz aller Wissbegierde stieg mein siebeneinhalbjähriges Töchterlein nach dem ersten Viertel aus, da ich bald mehr erklärte, als vorlas. Kein Vorwurf an das Buch, es wird einfach schon einiges an Wissen und Abstraktionsvermögen vorausgesetzt.

Harari führt in diesem Buch unterhaltsam durch die erste Phase der Menschheitsgeschichte verschiedener Menschenaffen und Urmenschen bis zum Ende der Phase als der Homo sapiens als einziger Jäger und Sammler übrigbleibt und in den Startlöchern zum Ackerbau steckt.

Jahrzehntelang erfahren mit biografischen und Sach-Comics für Kinder übersetzten der belgische Texter David Vandermeulen und der französische Zeichner Daniel Casanave das Werk in eine flott erzählte Bildergeschichte.

Abb.: David Vandermeulen und Daniel Casanave; Bildquelle: © Roberto Frankenberg

Grafisch ist das natürlich weit weg von Manara, Moebius oder Brockbank (siehe: https://krautjunker.com/2020/04/26/mezolith-1/). Fairerweise muss man sagen, dass die Qualität dieser Künstler vermutlich den Zeitrahmen und das Budget des Buchprojektes gesprengt hätten.

Der berühmten Autor tritt hierbei als allwissende ikonische Erzählerfigur auf, etwas überzeichnet dargestellt als ein dünner Eierkopf, wie das Klischee des vergeistigten Professors, der sich von Ideen ernährt.

Seine Nichte Zoe stellt ihm Fragen und gemeinsam reisen sie zu anderen Wissenschaftlern, um sich archäologische, biologische oder andere Theorien erklären zu lassen. Dazu gehören der britische Psychologe Robin Dunbar und die fiktive indische Biologin Professor Saraswati.

Das Format der Graphic Novel gibt dem Team die Möglichkeit, weitere vergnüglich-informative Geschichten in der Geschichte einzubetten.

So sind im Stil alter Zeitungscomics in Fred-Feuerstein-Manier Geschichten unseres personifizierten Vorfahren Prehistorik Bill eingefügt, den wir bei allerlei Abenteuern und Entdeckungen verfolgen. In der Gameshow namens Evolution müssen diverse Urmenschen Challenges meistern, bis der Homo sapiens den Planeten gewinnt.

Seinen großen Erfolg verdankt der Autor unter anderem seiner Fähigkeit fremde, aber bisher wenig beachtete Erkenntnisse, einleuchtend und humorvoll darzustellen.

Obwohl ich schon einiges über die Steinzeit gelesen hatte, wurde mir erst jetzt richtig klar, dass die Fiktion eine der stärksten Erfindungen der Menschheitsgeschichte ist.

Harari führt den Erfolg unserer Art auf die vor etwa 70.000 Jahren stattgefundene kognitiven Revolution. Menschen begannen sich Geschichten zu erzählen. Zusammengehalten durch Mythen, Riten und Religionen entstanden komplexere Gesellschaftsstrukturen, in denen man Fremden vertrauen und mit ihnen kooperieren konnte. Eine wesentliche Fähigkeit, die Sapiens von anderen Tierarten und vermutlich dem Neandertaler unterscheidet, wurde zum Fundament der modernen Welt.

Das wichtigste für uns Menschen sind also Dinge, die es nur in unseren Köpfen und Seelen gibt: Religionen, Firmen, Menschenrechte, Nationen, Gesetze, Parteiprogramme oder die eigene Ehe. So besteht die menschliche Kultur nicht aus Atomen und Eiweißen, sondern Geschichten.

Erklärt wird all dies durch den androgynen schwarzen Superhelden (oder doch -heldin?) Doctor Fiction. Dem irritierten Firmengründer von Peugot erklärt es: »Unternehmen werden genauso geschaffen wie Götter – sie erzählen Geschichten und überzeugen alle, daran zu glauben.“

Auf welche Konflikte steuern wir zu, wenn die Identifikation mit einer gemeinsamen Kultur schwindet und wir aufhören an die gleichen Geschichten und ihre Werte zu glauben, fragt sich der Leser unwillkürlich beim Lesen.

Im letzten Kapitel, zerrt eine Polizistin Prehistoric Bill aufgrund der Ausrottung zahlloser Tierarten vor ein Gericht. Das Urteil am Ende des Buches wird für die ganze Menschheit gefällt: »Wir sind alle verantwortlich, und wir werden alle für unser Tun Rechenschaft ablegen müssen.« Das Buch endet 12.000 Jahre vor unserer Zeit, vor dem Beginn der landwirtschaftlichen Revolution.

Der Charme des Buches ist, dass ein allwissender Erzähler bildhaft, durch die Menschheitsgeschichte führt. An den besten Stellen des Buches vertreten verschiedene Koryphäen ihre unterschiedlichen Thesen, etwa über das Aussterben der Neandertaler. Schwächer ist es, wenn Harari seine Theorien als der letzter Schluss darstellt. Der asketische Geschichtsprofessor ist ein überzeugter Veganer und Atheist, der mit seinem Ehemann in einer genossenschaftlich organisierten Siedlung in Israel lebt und im öffentlichen Dienst angestellt ist und um seine Bücher mittlerweile ein zwölfköpfiges Unternehmen aufgebaut hat. Natürlich blitzen seine persönlichen Ansichten überall durch. Bei wem auch nicht? So betrachtet er staatliche Organisationen als Problemlöser. Das mag ein Grund sein, warum er bei Politikern wie Obama populär ist, Liberale sehen es anders und behaupten, die Geschichte gebe ihnen recht.

So sehr man Harari, anderen Denkern oder gar sich selber folgt, sollte man bei aller Zustimmung oder Ablehnung eines nicht vergessen:
Sofern nicht die inneren und äußeren Feinde des westlichen Denkens über uns triumphieren und der wissenschaftliche Fortschritt im gleichen Tempo weiterläuft, werden in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten alle zeitgenössischen Theorien so unvollkommen sein, wie die Lehren der mittelalterlichen Alchimisten. Friedrich August von Hayek warnte daher zurecht immer vor der Anmaßung von Wissen. Die wissenschaftliche Erkenntnis von heute ist der Irrtum von morgen.

»Wir wollten mit neuen Wegen experimentieren, Geschichte zu erzählen, um ein möglichst breites Publikum zu erreichen«, verkündete Harari. Dieses Experiment ist gelungen, denn es ist ein lesenswertes Buch, das zum Denken anregt. Kommendes Jahr soll nicht nur der Folgeband, sondern auch eine Version für Kinder folgen. Ich bin dabei.

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Sapiens: Der Aufstieg

Autor: Yuval Noah Harari

Texter: David Vandermeulen

Zeichner: Daniel Casanave

Verlag: C.H.Beck; 1. Edition (26. Oktober 2020)

Verlagslink: https://www.chbeck.de/harari-sapiens/product/31134395

ISBN: 978-3406758935

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