Hütten: Obdach und Sehnsucht

Buchvorstellung

Die Hütte wurde uns Europäern in das kulturelle Gedächtnis eingraviert. Kein Wunder, ohne Hütten hätte Der nackte Affe ebensowenig nördlich von Afrika überleben können, wie ohne Kleidung und Feuer. In unserer Kindheit leben wir spielend die Entwicklungsschritte unserer Ahnen nach, indem wir Banden bilden und Buden bauen. Notfalls verwandelt sich für Kinder der Küchentisch, über den Decken geworfen werden, in ein behagliches Refugium vor den Zumutungen der Erwachsenen-Welt.

Petra Ahne, die nach einem Studium verschiedener Geisteswissenschaften als Redakteurin in Berlin arbeitet, erwarb aus Stadtmüdigkeit einen DDR-Bungalow an einem See in Brandenburg. Sie ersetzte das morsche Gebäude durch eine stylisch-minimalistische Hütte und untersuchte in diesem Zuge intensiv das kulturgeschichtliche Phänomen Hütte. In ihrem Büchlein mit dem Untertitel Obdach und Sehnsucht, erklärt sie, warum uns Hütten an etwas erinnern, was wir womöglich gar nicht selbst erlebt haben, und uns Europäern das Ideal des einfachsten aller Häuser inmitten der Natur so tief im Innersten berührt.

»Mit dem Architekten Vitruv bin ich auf die Suche nach der ersten, der Urhütte, gegangen, und mit den Denkern der Aufklärung über 1500 Jahre später auch. Ich bin mit Alexis de Tocqueville in der Zeit Zeit zurückgereist, zu den Blockhütten amerikanischer Pioniere, und mit dem 100 Jahre alten Tagebuch eines Mitglieds einer Antarktisexpedition zu einer Insel im Südpolarmeer, auf der er mit 21 anderen in einer wackeligen Hütte im Eis überlebte. Ich habe über 200 Jahre alte Zeitschriften gelesen, in denen man sich in Hüttenzeichnungen hineinträumen konnte wie heute in die verführerischen Hüttenfotos de Coffee-Table-Bücher. Ich habe einen Mann getroffen, der seit 55 Jahren allein in einer Hütte lebt, und ein junges Paar, das seine Wohnung gegen ein sogenanntes Tiny House getauscht hat. Ich stand in der winzigen >Cabanon< an der Riviera, in der der Architekturvisionär Le Corbusier glücklich war wie nirgends sonst, vor dem Nachbau des Holzhauses, in dem Henry David Thoreau das Hüttenleben für immer zum Ideal hat werden lassen, und vor der Hütte, in der der Harvard-Absolvent Ted Kaczynski über 20 Jahre hinweg Briefbomben baute und mit ihnen seinen Hass auf die Moderne explodieren ließ.«

Die Hütte ist der Anfang, weil sie ein Drinnen schafft, wo vorher nur Draußen war. »Im ersten Haus steckt schon das ganze Versprechen der Zivilisation: Der Mensch benutzt die Natur, um sie hinter sich zu lassen.«

Doch wer in der Moderne gezwungen ist, in einer Hütte zu leben, träumt zumeist von einem Haus in der Stadt. Hütten können auch für Armut und Unterdrückung stehen, wie das berühmteste Zuhause eines Sklaven, Onkel Toms Hütte. Viele Stadtmenschen hingegen sehnen sich wieder zurück in die idealisierte Idylle. Die Protagonistin aus D.H. Lawrence‘ Roman Lady Chatterly’s Lover entdeckt bei einem Spaziergang eine Jagdhütte, die sie alsbald für eine ausschweifende Sex-Affäre mit einem Wildhüter nutzt.

Gott weiß wieviele Großstadtbewohner in ihren Appartements mit Zentralheizung und Digitalisierung im Internet durch Cabin Porn (siehe: https://krautjunker.com/?s=cabin+porn) surfen. Selbst Le Corbusier, einer der radikalsten Architekten der frühen Moderne, der seine Häuser als Wohnmaschinen bezeichnete, fühlte sich in seiner nur vier mal vier Metern messenden Hütte aus halbierten und nur grob behauenen Baumstämmen, am heimeligsten.

Doch wer sich freiwillig aus der menschlichen Gemeinschaft und städtischen Zivilisation zurückzieht, erregt auch Verdacht. Dies gilt insbesondere für Frauen, die früher schnell als Hexen galten, wenn auch die geschichtliche Einordnung der Autorin falsch ist. Die Hexenverfolgung wurde nicht durch den Klerus im Mittelalter, sondern durch die Bevölkerung in der frühen Neuzeit initiiert.

»Vielleicht war es auch schwer zu ertragen, dass eine Frau sich so selbstbestimmt befreite. Constance Chatterley hat mit der Jagdhütte, die vorher nur der Wildhüter genutzt hat, auch einen Ort der Männlichkeit erobert.
Selbstgenügsamkeit, Entgrenzung, Konfrontation mit der Natur und mit sich selbst: Es sind traditionell als männlich gesehene Bedürfnisse und Fantasien des Sich-selbst-Beweisens, für die das abgeschiedene Hüttendasein steht. Wahrscheinlich sind deswegen historische, ausgedachte und auch reale Hüttenbewohner selten Frauen. Männern wird ein solcher Rückzug noch eher zugestanden. Wenn er auch Misstrauen erregt, besteht doch die Möglichkeit, dass er, wie im Fall der Eremiten, von höheren Dingen motiviert ist. Eine Frau, die Gleiches tut, macht sich dagegen umgehend verdächtig. Zu offensichtlich verweigert sie sich den ihr zugeschriebenen Eigenschaften, sozial, fürsorglich, nährend zu sein.«

Gebildete Menschen, die sich vom Hüttenleben angezogen fühlen, hadern oft mit dem verschwenderischen Überangebot der Moderne. Schnell fallen Namen wie die der Philosophen Jean-Jacques Rousseau und Martin Heidegger, des Unabombers Ted Kaczynski oder des Autors Henry David Thoreau.
»Vielleicht liegt die Erlösung für Menschen von heute eben nicht im Verzicht, sondern in der erkenntnisstiftenden Wirkung leiser Selbstironie «, resümiert die Literaturkritik der FAZ.

Obwohl ich den technologischen Komfort unserer Zeit sehr schätze und mich zu den klassischen westlichen Werten der Freien Welt bekenne, die sich in Deutschland traditionell gegenüber romantischen Utopisten in der Defensive befinden, berührt die Ideenwelt um Hütten auch meine archaischen Instinkte. Die einsam an einem Waldsee gelegene Hütte mit Kaminofen und Veranda… was für ein Traum! Die Lektüre von Hütten: Obdach und Sehnsucht war mir ein Vergnügen, wozu auch die feine grafische Gestaltung von Pauline Altmann ihren Teil beitrug.

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Pressestimmen

Die Journalistin Petra Ahne erforscht in ihrem neuen Buch die mit der Hütte verbundenen gesellschaftlichen Projektionen, Wünsche und Sehnsüchte. Aus dem Motiv arbeitet sie weitaus mehr heraus als das träge Moment einer urbanen Mittelschicht, die zum Ausgleich des stressigen Alltags einen entschleunigten Rückzugsort sucht. […] Die Autorin benennt die Hütte, die unweigerlich Gefühle in uns auslöst, als Teil eines kulturellen Gedächtnisses.«
– Kim Gundlach, BauNetz

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Verlagsvorstellung der Autorin Petra Ahne

Petra Ahne, 1971 in München geboren, studierte Komparatistik, Kunstgeschichte und Publizistik in Berlin und London. Sie ist Redakteurin der Berliner Zeitung.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe und Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Hütten: Obdach und Sehnsucht

Autorin: Petra Ahne

Herausgeberin: Judith Schalansky

Illustratorin: Pauline Altmann

Verlag: Matthes und Seitz Berlin

Verlagslink: https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/huetten.html

ISBN: 978-3-95757-710-8

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