Wie Tiere hämmern, bohren, streichen: Werkzeuggebrauch und Bandbreite der Kultur bei Tier und Mensch

Buchvorstellung von Thomas Thelen

Das Tierreich ist auch nix anderes als eine wilde Horde Baumarktkunden. So könnte man – ein wenig kurz und vielleicht ein ganz klein wenig zu pointiert – das ebenso detailreiche wie einen breiten Überblick gebende Buch Tiere hämmern, bohren, streichen – Werkzeuggebrauch und Bandbreite der Kultur bei Tier und Mensch von Peter-René Becker beschreiben. 

Mit dem bei Hirzel verlegten Band hat der promovierte Biologe und Ethnologe eine neue, aktualisierte Auflage seines bereits 1993 erstmals erschienenen Klassikers vorgelegt. Der lange Titel, der zwei Drittel der vorderen Umschlagseite einnimmt, ist eine präzise, wenn auch nicht vollständige Inhaltsangabe des 232 Seiten-Werkes.

Wir erfahren viele Details anhand von Beobachtungen aus aller Welt, der Text ist klar und gut lesbar. Weder ist es ein hochanspruchsvolles Wissenschaftsbuch noch modernes nature writing, sondern einfach ein aktuelles Sachbuch, in dem Becker eine animalische Werkzeug-Nutzung nach der anderen sorgfältig differenziert darstellt und erzählt. Was doch ein wenig trocken klingen mag, ist spannend und lehrreich, wenn man beim Leser ein wenig Interesse voraussetzen darf.

Wie aber unterscheiden sich Werkzeuge von einfachen oder komplexen Objekten?

»Das hängt genau davon ab, ob wir einem handelnden Tier – ebenso wie einem Menschen – zuerkennen können, dass es Funktion und Passung eines bestimmten Gegenstands erkannt hat. Durch die spezielle Verwendung dieses Objektes wird dann aus einem schnöden Gegenstand ein >Werkzeug<. Aus demselben Grund können auch Materialien wie Wasser oder Sand als Werkzeuge eingesetzt werden. Werkzeuge sind grundsätzlich körperfremde Gegenstände, die von einem Tier zur Erlangung eines kurzfristigen Ziels eingesetzt werden. Ein und dasselbe Werkzeug kann wiederholt eingesetzt werden und manche Tierarten stellen ihr Werkzeug sogar selbst her, indem sie nicht passende Objekte in passende verändern.«

Zunächst ordnet der Biologe anhand der gewählten Werkzeuge seine Beobachtungen: Hammer, Amboss, Stochern (mit Stöckchen et al.), einfallsreiche Versorgung und Wurfgeschosse sind die Themen dieser Kapitel; dann kommt der Ethnologe stärker durch und Becker widmet sich Themen wie arteigener oder sozialer Werkzeuggebrauch; Werkzeug, Symbole und Bewusstsein – was macht Kultur aus? Und beantwortet am Ende seines Werkes die Frage: Was bleibt als Wesentliches?

Auffallend bei dem Band ist, dass die wenigen Abbildungen in einer relativ schlechten Qualität daherkommen, was ich nicht vorwurfsvoll meine. Ich vermute, dass die Abbildungsqualität daher rührt, dass die meisten Bilder Zufallstreffer sind, die eben den wertvollen wissenschaftlichen Beleg für eine bereits (mehrfach) gemachte, aber bisher noch nicht fotografisch dokumentierte Beobachtung liefern. Viele der Fotos sind aus relativ großer Entfernung oder bei relativ schlechten Lichtverhältnissen gemacht worden – alles Faktoren, die wir als Makel der Bilder wahrnehmen. Das liegt sicher auch mit daran, dass wir heute verwöhnt sind von einer Flut hochqualitativer, zumeist professionell überarbeiteter Fotos, die weltweit entstehen. Diese werden vor allem aufgrund ihrer Ästhetik und weniger aufgrund ihres aussagekräftigen Bildinhaltes publiziert.

Das handliche Lese- und Nachschlagewerk motiviert stets zum eigenen Aktivwerden, zur Beobachtung des Lebens auf dem Balkon, im Garten, in Feld, Wald und Flur, im Revier. Denn mit offenen Augen und Geduld können wahre Schätze gehoben – und vielleicht sogar dokumentiert werden!

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Thomas Thelen

Thomas Thelen ist Deutsch-Drahthaar-Bändiger, Leihhund-Bespaßer, Fliegenfischer, Holzwerker und Genießer – und eher nebenher Unternehmensberater und Autor.
Zuhause in den südbadischen Weinbergen, hält er nicht nur nach Schwarz- und Rehwild Ausschau, sondern auch nach empfehlenswerter Lektüre und leckeren Rezepten. Wenn sie seinen Geschmackstest bestehen, werden sie hier umgehend weiterempfohlen – oder kritisch betrachtet.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Wie Tiere hämmern, bohren, streichen: Werkzeuggebrauch und Bandbreite der Kultur bei Tier und Mensch

Autor: Peter-René Becker

Verlag: S. Hirzel Verlag

Verlagslink: https://www.hirzel.de/titel/1114.html

ISBN: 978-3777628486

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