Ein 13-Gänge-Menü der anderen Art

von Hanno Zwickl

Ein gesundheitliches Problem hat mich hier in Asunción, der Hauptstadt und zugleich größten Stadt Paraguays, zu einem 13-Gänge-Menü der anderen Art geführt. Bereits im Januar vor unserer Abreise spürte ich alle paar Tage einen sehr leichten Druck im rechten Bauchraum und wie wir Männer nun einmal so sind, habe ich dem nicht besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt. Im März sind wir in Südamerika angekommen und wir haben uns von der unbeschwerten Art der Einheimischen aufsaugen lassen. Hier kann man sich wunderbar mit Angeln, Jagen, Pflanzenkunde, Kriechtieren, Geschichte und bestem Rindfleisch ablenken.

Leider hat sich das bereits in Deutschland bemerkte kleine Problem im Bauchraum deutlich verstärkt und ich konnte dies nicht weiter ignorieren. Die Diagnose erspare ich den Lesern, es war jedoch äußerst beunruhigend.

Ich stand nun vor der Wahl in welche Klinik ich mich einweisen lasse und hatte bereits eine ausgesucht. Ein einheimischer Freund schlug mir vor, mich zu jemanden zu bringen der mich behandeln kann und sollte dies nicht erfolgreich sein könnte ich mich immer noch in die Klinik einweisen lassen. Gut, dachte ich, weshalb auch nicht.

Er führte mich zum Mercado Quattro Asuncións, einem dauerhaften unüberschaubaren Markt, wo Waren und Dienstleistungen aller Art angeboten werden.

Bildquelle: Hanno Zwickl

Wir schlängelten uns durch die engen Gassen an unzähligen Ständen vorbei und landeten in einem kleinen Laden den ich sicherlich aus eigenem Antrieb nicht betreten hätte.

Bildquelle: Hanno Zwickl

Unzählige Statuetten von Madonnen, Göttern, Teufeln, Indianern, Zigeunern (ja das darf man hier noch sagen) und Voodoo-Zubehör in Regalen aufgestapelt und mittendrin ein netter jüngerer Mann an einem kleinen Tischchen in einem Sessel. Er begrüßte mich freundlich und bat mich ihm gegenüber Platz zu nehmen.

Bildquelle: Hanno Zwickl

Ich setzte mich und er musterte er mich einige Minuten lang und zu meiner Überraschung bekam ich dieselbe Diagnose wie die des Arztes. Er sagte mir in aller Seelenruhe: Du bist sehr krank, wir haben nicht mehr viel Zeit zu verlieren. Er legte mir dreimal nacheinander die Karten, wobei ich nicht alles verstand was er dabei analysierte (er spricht eine Mischung aus Spanisch und Guarani). Nach dem legen der Karten nahm er ein kleineres Stück Papier, einen Kohlestift, sein Pendel und griff meine Hand. Ich musste meinen vollen Namen aussprechen und er fing an Fragen zu stellen und schrieb die Antworten welche das Pendel über meiner Handfläche gab auf seinen Zettel (und ja, das Pendel hatte teilweise heftig reagiert). Am Ende war der Zettel voll und ich verstand was und mit wem er da verhandelt hat. Er hat mit verschiedenen Gottheiten die Opfergaben und die Rituale für meine Genesung ausgehandelt, sozusagen klassische Bestechung. Zum Abschluss rechnete er alles was er für das Ritual benötigt wurde zusammen und meinte augenzwinkernd „Zweihundert Euros Germani“. Ich willigte ein und wir vereinbarten das ganze zwei Tage später durchzuführen. Zum Abschied noch eine Ermahnung, ich solle ausschließlich weiße Unterwäsche an diesem Tag tragen. Die Unterwäsche habe ich mir dann noch auf diesem Markt besorgt, bestes weißes Feinripp.

Am Tag der Behandlung habe ich also meine Feinripp angezogen und bin mit gemischten, eher ungläubigen Gefühlen mit UBER zum Mercado Quattro gefahren. Am Mercado angekommen fand ich dann im dritten Versuch den Laden wieder und stellte mich dem was da auch immer kommen sollte. Ich wurde freundlich begrüßt und mir wurde seine Gehilfin vorgestellt, eine Voodoo-Meisterin die auch einem James Bond Film entsprungen sein konnte. Ausgerechnet dieses „Bond-Girl“ durfte ich leider nicht fotografieren. Bemüht Euer Kopfkino…

Das „Menü“ für die Gottheiten zu meiner Behandlung war schon vorbereitet, da standen sieben Tonschalen mit jeweils Mais, Reis, Maniok, Bohnen, Chia, und Süsskartoffel. Alles war eingeweicht und zu jeweils acht großen Knödeln geformt. Daneben rohe Eier, vier Käfige mit je einem schwarzen, einem roten und zwei weißen Hähnen und ein kleiner Käfig mit einer weißen Taube (alle lebend) und eine weitere Schüssel mit einer Art Popcorn mit Honig beträufelt. Mehrere weiße Teller und kleine weiße Gottesdienstkerzen lagen auch bereit.

Ich musste nun in einen Raum im Hinterhof, beim Betreten sah ich direkt in einer Ecke eine Art Altar mit brennenden Kerzen, Rosen in verschiedenen Vasen, und mehrere Figuren welche eindeutig dem Voodoo-Kult zuzuordnen waren.

Bildquelle: Hanno Zwickl

Die Mehrheit dieser Figuren auch eher aus der Unterwelt und eine Figur welche ich sofort erkannt habe: der heilige St. Georg, der den Drachen tötet. An dem Drachen war frisches Blut. Auch in diesem Raum durfte ich keine Fotos machen.

Mir wurde eine Ecke von der Voodoo-Meisterin zugewiesen und da stand ich nun barfuß in meiner weißen Feinripp-Unterwäsche und wartete gespannt. Sie begann in einer Art Sprechgesang mich von Kopf bis Fuß (immer in dieser Richtung) mit den Knödeln abzureiben und warf diese dann zu Boden, immer die letzten zwei Knödel musste ich in den Händen zusammenpressen und auch auf den Boden werfen. Weiter ging es mit den Eiern, auch mit diesen rieb sie mich vorsichtig wieder von Kopf bis Fuß ab und warf auch diese zu Boden. Da geschah das erste Mal etwas was mich dann doch etwas verunsicherte. Ein Ei explodierte regelrecht an genau der Stelle, wo ich den sehr unangenehmen Druck verspürte und an Ihrer Reaktion war klar abzulesen das auch sie etwas erschrocken war. Die letzten zwei Eier musste ich wieder mit den Händen zerdrücken und auch auf den Boden werfen.

Dann wurde ich mehrmals mit den Tellern abgerieben und auch diese wurden auf den Boden geschmettert.

Nun sollte ich mich umdrehen um besser „geschützt“ zu sein, sie nahm die Kerzen, entzündete diese und streifte mich von oben bis unten damit ab. Währenddessen musste ich die Augen schließen und beide Ringfinger zur Handfläche pressen. Bis ich die Augen wieder öffnete dachte ich, „naja, mal schauen“. Die Meisterin zeigte nach oben an die Decke und da befand sich eine ca. 50 cm dicke Schicht von schwarzem Rauch. Wirklich sehr schwarzer Rauch und dieser war zudem geruchlos. Für mich unerklärlich, da Gottesdienstkerzen eigentlich rauchlos sind.

Sie verließ den Raum und kam zurück mit einem weißen Hahn, welchen sie mit beiden Händen fixiert hatte und rieb mich wieder mit einem Sprechgesang damit ab. Der Hahn hat das relativ gut weggesteckt. Dann musste ich Duschen und mich umziehen (wieder keine schwarze Unterwäsche, aber blaue war in Ordnung.

Nun musste ich in den Innenhof unter einen sehr alten Baum und der Meister kam persönlich, diesmal in weißem Gewand und Kettenbehangen. Er holte einen Hahn nach dem anderen, ich wurde wieder abgerieben und nach jedem Abreiben öffnete er dem Tier den Schnabel und ich musste da reinsprechen was er mir vorgesagt hatte. Dieselbe Prozedur erfolgte auch mit der weißen Taube.

Nun kam das „Poppcorn“, ich musste es in den Mund nehmen, zerkauen und in eine eigenartige Vase spucken. Zum Ende wurde meine Feinripp-Unterwäsche zerschnitten und alles was auf dem Boden lag incl. der Vase und der Teller in einem Fass verbrannt.

Ich fühlte mich leicht wie eine Feder.

Der Meister legte mir nochmals die Karten und pendelte aus ob es gelungen ist. Er war zufrieden.

Bildquelle: Hanno Zwickl

Er schickte mich nach Hause und meinte ich soll mich die kommenden 9 Tage von schwarzen Getränken, schwarzer Kleidung, Hühnerfleisch und vor allem von sexuellen Beziehungen zwingend fernhalten.

Zuhause angekommen schlief ich drei Tage und Nächte nahezu durch. Es hat sich angefühlt wie wenn Körper und Geist neu programmiert wurden.

Und nun zum Ergebnis: Meine Erkrankung ist komplett verschwunden! Ich bin solchen Dingen gegenüber im eigentlichen nicht sehr aufgeschlossen und musste mich real überzeugen lassen.

Vielen Dank an den heiligen Sankt Georg und auch an die dunklen Gesellen!

Bildquelle: Hanno Zwickl

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Hanno Zwickl veröffentlichte diesen Bericht samt Fotos am Montag, dem 28. November in der KRAUTJUNKER-Facebookgruppe. Der Text wurde von mir nur minimal überarbeitet.

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Hanno Zwickl

Jahrgang 1969, verheiratet, eine Tochter, Jäger in fünfter Generation, Hundeführer und Angler zudem. Sein jagdlicher Mentor war, neben seinem Vater und Großvater, Mathias Stinnes, von dem er seine erste Waffe erhielt, einen Drilling von Hugo Stinnes. Jagdlich und menschlich lernte er viel auf Burg Schlitz. Nach einer handwerklichen Ausbildung arbeitete Hanno später im Vertrieb, anschließend in weiteren Positionen . Beruflich verschlug es ihn unter anderem nach Schweden, Sibirien und die Karpaten. Er entwickelte Sportgeräte und suchte Gold in Kalifornien. Zur Zeit baut er sich eine neue Home-Base in Paraguay auf.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Becher aus Porzellan und Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

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