Keine Hochzeit auf Tara

von Florian Asche

Erinnern Sie sich an Vom Winde verweht? Scarlett O‘Hara und Rhett Butler flanieren, abwechselnd schwer verliebt und zutiefst unglücklich über die rote Erde von Tara. Im Sonnenschein leuchtet die weiße Fassade des prächtigen Gutshauses und Mummys Unterrock rauscht dazu wie ein Schwarm von Engelsflügeln.

Oder wie ist es mit Fackeln im Sturm? Leidenschaftlich küsst Orry Main seine geliebte Madelaine vor der traumhaften Fassade von Mont Royal. Im historischen Hintergrund donnern die Kanonen des Sezessionskrieges.

Die Pflanzerkultur der amerikanischen Südstaaten mag seit langem untergegangen sein, doch ihre sagenhaften Bauwerke zeugen noch immer von einer Kultur des Landadels, die der Ästhetik unserer ostelbischen Gutshäuser durchaus gleich kam, sie mitunter übertraf. Darin lag auch der Zauber, der diese steinernen Denkmäler nach dem Ende der Grundbesitzerherrlichkeit zu einem attraktiven Touristenziel machte. Als Scarlett unter den alten Eichen zu flanieren, oder gemeinsam mit Rhett Butler vor den Traualtar zu treten, dieses nostalgische Gefühl machte die alten Herrenhäuser zu den perfekten „Eventlocations“.

Doch diese Zeiten scheinen vorbei zu sein. So berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dass ihre geistige US-Schwester, die New York Times in ihrem legendären Hochzeitsteil mittlerweile Ehen ignoriert, die auf Südstaatenplantagen geschlossen werden. Schon 2012, so berichtet die Zeitung, mussten Ryan Reynolds und Blake Lively schwere mediale Prügel einstecken, als sie sich in Boone-Hall bei Charleston in South Carolina das Eheversprechen gaben. Mittlerweile, so die FAZ, rufen nicht nur die Bürgerrechtsorganisationen der USA dazu auf, nicht mehr auf Südstaatenplantagen zu heiraten, sogar die führenden Hochzeitsplaner nehmen diese Eventlocations aus ihren Programmen.

Wieder einmal fallen historische Plätze einer Art damnatio memoriae zum Opfer und sollen aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschen getilgt werden. Das hört sich zuerst durchaus verständlich an. Schließlich wurden viele dieser prächtigen Fassaden mit Hilfe von Blut und Tränen errichtet. Doch wird man der Geschichte gerecht, wenn man sie negiert?

Für den Bau vom St. Petersburg starben viele tausend Bauern und Bauarbeiter. Das ewige Rom wurde von den Muskeln der Sklaven emporgetürmt. Australien begann als Kolonie von Straftätern, ausgespien von ihrem britischen Vaterland. Doch die traurige Vergangenheit ändert nichts an dem großen Erfolg der australischen Gesellschaft oder der Schönheit Roms und St. Petersburgs. Die Steine können nichts für ihre Geschichte. Doch die vielen Tränen, mit denen der Baum der menschlichen Kultur gedüngt wurde, sollen heute Grund für ein gesellschaftliches Stigma sein. Der Hochzeitsbann der Südstaatenplantagen steht dabei nicht allein. Das historische Reinigungsunternehmen hat Hochkonjunktur.

Das Denkmal von Cecil Rhodes zum Beispiel, wurde von der Cape Town University entfernt, da der Imperialist das Gefühl der Studenten beleidigte. Historiker des Münchener Stadtarchivs regten kürzlich an, die Franz Josef Strauß Straße kritisch zu kommentieren. Der legendäre Ministerpräsident habe sich „in Afrika von den Mächtigen hofieren lassen und habe auf Jagdsafaris Antilopen geschossen“. Na endlich. Richard Wagner steht natürlich auch auf der Liste der Verdammten, als notorischer Antisemit. Doch was würden seine vielen jüdischen Gönner zu einer Umbenennung seiner Straße sagen? Zum Beispiel Alfred Pringsheim, der Schwiegervater Thomas Manns, der mit dem Antisemiten eine lange Korrespondenz führte, die er auch ins Exil mitnahm. Er wäre nicht zufrieden mit den Münchener Historikern. Wer die Vergangenheit stigmatisiert, der zeigt, wie wenig er ihr entkommen ist.

Vor ein paar Jahren wurde ich zu einer Jagd in der Nähe von Braunschweig eingeladen. Ich kam extra ein gutes Stück früher und als ich auf dem weitläufigen Gutshof stand, da atmete ich tief durch und genoss die Stimmung ganz still für mich allein. Mein Ur-Ur-Großvater hatte hier vor 1848 noch Hand- und Spanndienste leisten müssen. Wer nicht flott genug arbeitete, der bekam eins hinter die Ohren. Ich stellte ihn mir vor wie er auf dem Hof den Hut in den Händen drehte.

Wäre ich ein politisch korrekter US-Journalist, dann hätte ich die Einladung ablehnen müssen. Schließlich war dieser Gutshof auch durch den Schweiß und die Unfreiheit meiner Vorfahren am Laufen gehalten worden. Doch gerade die Mentalität, sich dauerhaft zum historischen Opfer zu machen, auch nach dem Sieg der eigenen, richtigen Sache, ist ein Fehler. Er zeigt, wie sehr die Betroffenen noch immer in der Unterlegenheitspositur der Vergangenheit verharren. Doch wer diesen Fehler macht, für den gilt Faulkners Erkenntnis:

„Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.“

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Dieses Essay wurde am 18. Februar 2020 auf dem Facebook-Profil von Dr. Florian Asche veröffentlicht. Seitdem ist der Zeitgeist tatsächlich noch ein bisschen verrückter geworden.

Mein Lieblingszitat von Faulkner ist: „Glück bedeutet einen anständigen Whisky, ein anständiges Essen, eine anständige Zigarre und eine anständige Frau … oder eine unanständige Frau, je nachdem, wieviel Glück man vertragen kann.“

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Florian Asche

Der Rechtsanwalt Dr. Florian Asche ist Vorstandsmitglied der Max Schmeling Stiftung und der Stiftung Wald und Wild in Mecklenburg-Vorpommern.
Einem breiten Publikum wurde er bekannt durch seinen literarischen Überraschungserfolg über den göttlichen Triatlhon: Jagen, Sex und Tiere essen (siehe: https://krautjunker.com/2017/01/04/jagen-sex-und-tiere-essen/https://krautjunker.com/2017/09/19/sind-jagd-und-sex-das-gleiche/)

Website der Kanzlei: https://www.aschestein.de/de/anwaelte-berater/detail/person/dr-florian-asche/

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Mehr von Dr. Florian Asche: https://krautjunker.com/?s=florian+asche

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Becher aus Porzellan und Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

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