Das Gastmahl des Trimalchio

von Vincent Klink

Neureiche gab es schon immer. Der Protz Trimalchio aber, mit Minderwertigkeitskomplexen beladen, wie das solche Leute grundsätzlich an sich haben, war ein besonderes Kaliber.

Was hier berichtet wird, ist nicht irgendeine Fama, sondern stützt sich auf die gesicherten Schriften eines gewissen Petronius, der sein Opus Magnum Satyricon nannte und als Berater am Hofe Kaiser Neros wirkte. Er wird von Tacitus als intelligenter Tunichtgut beschrieben Tacitus nennt ihn einen Gigolo, einen Mann von unbekümmerter Lässigkeit, der den Tag mit Schlafen und die Nacht mit vergnüglichen Visitemachen verdaddelte. Mit seinem Nichtstun hatte er sich einen stattlichen Namen gemacht. Wen wundert es dass er neben seiner Dauerparty nebenbei noch etwas schriftstellerte? Petronius firmierte – irgendeinen Beruf muss man ja angeben, damals wie heute – als Dichter mit Dauerschreibhemmung.

Wie es sich für diesen Berufsstand gehört, trank er nebenbei kräftig und war berühmt dafür, gewaltige Räusche mit Grandezza zu bewältigen Trotzdem brachte er noch soviel zu Papier, dass von ihm die Schilderung einer Monsterparty bis in unsere Tage erhalten blieb. Petronius packt in Satyricon eine Erzählung hinein, in der ein freigelassener Sklave als Sprachrohr der Geschehnisse dient. Dieser Encolpius wird mit einem anderen Schwerenöter ins Haus des reichen Trimalchio geladen, eines gesellschaftlichen Senkrechtstarters, der aus dem Sklavenstand durch Glück und Gaunerei zu gewaltigem Vermögen gekommen war. Geld war alles, was er hatte, und das musste auch satt und fett gezeigt werden.

Die Fanfaren schmetterten das Echo verlor sich in den Säulengängen, da wurden die Tische von Krümeln befreit und eine Handvoll Bediensteter schleppte weiße, rasierte Schweine auf die gewaltigen Tische.

Abb.: Szenefoto aus Frederico Fellinis Film Satyricon

Die Viecher waren mit Schellen, großen und kleinen Glöckchen geschmückt ganz so wie wir es von Pfingstochsen kennen. Drei Prachtsauen waren es. Eine war zwei-, die andere dreijährig und die Monstersau gar sechsjährig. Dies alles wurde mit Aplomb vom Haushofmeister mit Aplomb vom Haushofmeister mit Stentorstimme verkündet. Die Gäste dachten gar nicht ans Essen, denn die Schweine sahen sehr lebendig aus. Man erwartete irgendeine Zirkusnummer, den Sprung durch den brennenden Reif oder eine sonstige Volksbelustigung auf Kosten der Kreatur. Schweres Rätselraten hub an, bis der Hausherr Trimalchio den Vermutungen ein Ende bereitete. Er rief aus: „Welche der Sauen wünscht ihr, verehrten Freunde, gleich zum Mahle hergerichtet? Arme Teufel begnügen sich mit Hahnenkammragout und sonstigen Kinkerlitzchen. Meine Köche pflegen jedoch ganze Kälber in Kesseln zu schmoren!“ Damit hatte der Gute auch mitgeteilt, dass ein Haus über größere Töpfe als der Kaiser verfügte. Trimalchio fackelte nicht lange und nahm seinen Gästen die Entscheidung ab: „Schlachtet das größte Schwein!“ Die Schweine wurden abtransportiert.

Encolpius hatte schon viele Parties erlebt, aber dass eine Riesensau abgeführt und Minuten später fertig gegart in den Saal getragen wurde – nein, das war unglaublich. Sein Staunen nahm kein Ende, als das gewaltige Tier, auf einem Tisch abgeladen, sich köstlich duftend breitmachte. Die Gäste waren, um es knapp zu formulieren, völlig baff. Selbst ein Hahn hätte nicht so schnell gegart werden können. Trimalchio zog nun seine Show ab:

„He, ihr Köche, Nichtswürdige, habt ihr vergessen, das Schwein auszuweiden? Kommt her, dass ich euch abstrafe!“ Die Köche rutschten mit ohnehin schon wunden Knien auf ihren Bonzen zu, ließen die Köpfe hängen, als erwarteten sie den Henker. Der Chefkoch, ein Kerl, der doppelt so dick war wie der Hausherr, wuchtete seinen Körper in die Senkrechte und schniefte. „Herr, in der Tat, ich habe vergessen, dem Braten die Gedärme zu entnehmen.“ Trimalchio schrie mit überschnappender Stimme: „Du hast es vergessen, das Schwein auszuweiden, hast womöglich Kümmel und Pfeffer auch übersehen! Elender! Herunter mit deinen Kleidern!“ Schergen zerrten an ihm, und mit einem Wimpernschlag stand der Held der Töpfe genauso bleich wie die gekochte Sau zwischen zwei Marterknechten. So dick wie er war, er entsprach immerhin dem damaligen Schönheitsideal. Die Gäste beeilten sich, den Hausherrn günstig zu stimmen, rangen um das Leben des Köchleins. Sie baten: „So etwas kann verkommen, gebt ihn frei! Ja, wenn er sich nochmals so verkocht und verwürzt, ja, wir versprechen es, dann werden wir uns nicht mehr für ihn verwenden.“ Encolpius war nicht so entgegenkommend und meinte zu seinem Freund dass er einen solch nichtsnutzigen Sklaven abmurksen würde. Damals waren übrigens Köche grundsätzlich Sklaven, das hat sich bis heute so gehalten und in den letzten Jahren sogar verschlimmert, seit Herr Kerner beim ZDF wild den Probierlöffel schwingt.

Trimalchio übernahm wieder die Dramaturgie und schleuderte dem Smutje den Befehl entgegen: „Nimm es aus, vor unseren Augen!“ Der Koch warf sich seine Tunika um die Hüften, und es wurde ihm ein großes Messer gereicht. Nach allen Regeln der Tranchierkunst setzte er das Werkzeug an. Stupor mundi, das Staunen der Welt legte sich über den Saal. Aus allen Schnittwunden des schweinischen Leibes kullerten Würste und Karbonaden. Die Gäste schrien auf, und der Jubel kannte keine Grenzen. Ihre Blicke richteten sich nach oben, denn die Decke öffnete sich. An einem Seil schwebte ein gewaltiger Reif aus der Vertäfelung. Die Hälse der Gäste reckten sich in fiebriger Erwartung. Am eisernen Reif hingen goldene Kränze mit Flaschen wohlriechender Essenzen, die als Geschenke von den Lakeien verteilt wurden.

Es kam große Hektik auf, weil eine Unmenge von Sklaven Speisen weiterhin beischleppte, als gelte es, das gesamte Großkapital des römischen Reiches zu stopfen. Die Mitte des Saals nahm ein aus Honig gefertigter Priap ein. Priapus, schwuler Gott der Fruchtbarkeit, war mit allerlei obszön geformten Früchten drapiert. Encolpius griff danach – aber es waren Attrappen, die Körpersäfte von sich gaben. Drückte man einen Kuchen oder eine Frucht, so verspritzten sie Safransaft und verhalfen so den Lachenden zu goldenen Freudentränen.

Abb.: Statue des Priapus

Nach einer Pause wurde der Nachtisch serviert. Der Fußboden war mit Rötel und Safran bestreut, und die Sklaven trugen aus Teig geformte Krammetsvögel mit einer Füllung aus Rosinen und Nüssen auf. Quitten wurden gereicht, die Stachel hatten und wie Igel aussahen. Die Gäste waren vollends im Taumel, als eine prächtige gemästete Gans, garniert mit Fischen und allerlei kleinen Vögeln auf einem Silbertablett hereingetragen wurde.

Trimalchio war in seinem Element. „Freunde, alles was hier aufgetragen wird, ist aus einem Grundstoff geformt. Glaubt mir, so wahr ich zu wachsen hoffe – an Vermögen, nicht am Leib -, so hat mein Koch dies alles aus den Schweinen gehackt, geformt und gegart. Unglaublich, was für ein wertvoller Mensch er ist! Auf Wunsch macht er aus Schweinshoden einen Fisch, aus Pökelfleisch eine Turteltaube und aus einem Hüftsteak eine Henne!“

Verehrte Leser, so ging es grad dahin, und des stimmt nachdenklich. Nicht etwa, weil der Exzess zu verteufeln sei, o nein, bewahre. Ohne Exzesse gibt es kein wirkliches Leben. Nehmen wir die Natur, die immerfort die Bäume sprießen lässt, um im Herbst Unmengen von Blättern zu verstreuen. Zuviel Wasser kommt vom Himmel, und Äpfel hängen in Massen an den Zweigen. Nein, was nachdenklich stimmen sollte: Alle Hochkulturen, der Überfeinerung und dem schnellen Reiz folgend, entfernen sich gern von der Natur. Nun die Frage: Läutet das den Abstieg ein?

Die berühmten Köche unserer Tage hantieren mit Stickstoff und Espumas. Schokolade schmeckt nach Kümmel oder wird gar mit Kaviar vermengt. Gemüse ist aus Gelatine geformt, karamellisierte Entengrieben leuchten in allen Farben. Nichts ist, wie es ist, und nichts schmeckt, wie es aussieht: Der Kulturmensch strebt nach Verfeinerung, die Messlatte wird immer höher gelegt – so lange, bis sie den Exzess markiert. Was wie Brombeersorbet daherkommt, schmeckt nach Tabak, und es wird an Eisschalen experimentiert in die man heiße Suppe füllen kann. Moderestaurants mit diesen Fürzen sind ständig ausgebucht … Man sollte dabei immer wieder mal an Trimalchio denken. Die Trümmer des Römischen Imperiums kann man südlich des Limes in großer Zahl besichtigen.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Becher aus Porzellan und Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Häuptling Eigener Herd, Heft Nr. 29

Herausgeber: Wiglaf Droste und Vincent Klink

Verlag: © 2006 Edition Vincent Klink

Website: https://vincent-klink.de/

ISBN: 3-927350-27-3

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Die Veröffentlichung erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Vincent Klink, Küchengott im Restaurant Wielandshöhe in Stuttgart. Ich empfehle den Besuch seines Gourmet-Tempels.

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