Die Rauhnächte oder: Warum man zwischen Weihnachten und Drei Könige nicht jagen sollte

von Harald Schweim

Die zwölf Nächte (genannt Rauhnächte) zwischen Heiligabend 24.12 und dem Drei-Königs-Fest 06.01 gelten seit jeher als unheimlich. Doch was hat es mit ihnen eigentlich auf sich? Um sie herum hat sich eine Menge unheimlicher Aberglauben angehäuft, der sich in vielen Einschränkungen manifestierte. Für Jäger galt: Jagen? Verboten! Für alle: Wäsche waschen? Gefährlich! Unordnung im Haus? Nicht gut. In der Dunkelheit noch auf die Straße, besonders als Frau? Lieber nicht.

Ursprünglich hießen sie vermutlich Rauchnächte, da Häuser und Ställe mit Kräutern geräuchert wurden, um so Dämonen und böse Geister zu vertreiben. Weitere Namen für die Rauhnächte sind auch Raub-, Zwölf-, heilige oder schwarze Nächte. Als Losnächte haben sie zudem schicksalhafte Bedeutung im Volksglauben und Brauchtum. Die magische Zeit ist voller Legenden, Märchen und Mythen. Es sind zumeist zwölf Nächte und jede einzelne soll als eine Art Omen (Losnacht) für das kommende Jahr stehen. Sie sind zudem Sinnbild für die 12 Monate des Folgejahres und bilden eine Brücke zwischen Diesseits und Jenseits. Das Wetter in der Rauhnacht bestimmt, wie die Wetterlage im jeweils zugeordneten Monat wird. In diesen Nächten sollen Tiere mit den Toten sprechen oder Ahnen und Geister erscheinen. Daher soll man in dieser Zeit besonders auf seine Träume, Gefühle sowie auf das Wetter, Erlebnisse und Nachrichten achten.

Besonders gefürchtet wird in dieser Zeit die Wilde Jagd, eine in vielen Teilen Europas verbreitete Volkssage, dass eine Art Höllentruppe, die brausend am Himmel umherzieht und die auf keinen Fall ins Haus gelangen darf. Türen und Fenster wurden verschlossen, sicher war es – dem Volksglauben nach – nur Zuhause.

Abb.: Asgårdsreien, Gemälde von Peter Nicolai Arbo, 1872; Bildquelle: Wikipedia

Die Wilde Jagd ist eine Art übernatürlicher Jägertruppe, die als Gefahr für den Menschen gilt. Der Begriff ist in Grimms Wörterbuch verankert, aber es gab ihn schon lange vorher. Man sagt, es seien verstorbene Jäger, die „vor ihrer Zeit“, also gewaltsam, ums Leben kamen.

Daher war für den realen Jäger sehr gefährlich in dieser Zeit zu jagen, die Wilde Jagd konnte ihn „mitzwingen“ um an der Jagd teilzunehmen. Wer der Wilden Jagd begegnete, galt in manchen Gegenden als dem Tod geweiht. Statt sich draußen umherzutreiben, blieb man also sicherheitshalber zuhause. Ihren Ursprung hat die Wilde Jagd einerseits ganz prosaisch in den Winterstürmen, aber auch in der nordischen Mythologie. Odin, der mit seinen Mannen durch die Lüfte zieht, sollte ihr Anführer gewesen sein.

Zudem steht in diesen Nächten das Geisterreich offen, sprich: Die Seelen der Verstorbenen treiben sich auf der Erde herum. Darüber hinaus kann man in diesen Nächten Orakel befragen, woher sich der noch heute gebräuchliche Spaß des Bleigießens an Silvester erklärt.

Abb.: Bleigießen zu Silvester; Bildquelle: Wikipedia

Auch Wäsche durfte nicht gewaschen werden, damit sich die Geister nicht in den Laken fingen und diese dann als Totenhemden nutzen. Überhaupt durfte auch im Haushalt nur wenig getan werden: Backen, Spinnen, Putzen, alles musste vor den zwölf Nächten abgeschlossen sein. Das Haus musste in Ordnung sein, die Hausfrau an den Tagen ruhen. So erklären sich auch langhaltende Backwaren wie der Weihnachtsstollen, der vor den Festtagen zubereitet wurde und sich über die ganzen Tage hielt. Wichtig auch: Vor Weihnachten mussten alle Schulden beglichen sein, sonst winkte Unglück. Zudem durften in manchen Gegenden Frauen und Mädchen in den Nächten nicht nach draußen gehen, weil es die wilde Jagd besonders auf sie abgesehen hätte.

Abb.: Wahrsagen in den Rauhnächten, russische Illustration, 1885; Bildquelle: Wikipedia

Seinen Ursprung hat der Brauch vermutlich in der Zeitrechnung nach einem Mondjahr. Ein Jahr aus zwölf Mondmonaten umfasst nur 354 Tage. Im Mondkalender muss man, mit dem Sonnenjahr in Übereinstimmung zu bleiben, elf Tage – beziehungsweise zwölf Nächte – „einschieben“.

Von solchen Tagen wird in Mythologien oft verbreitet angenommen, dass die Gesetze der Natur außer Kraft gesetzt seien und daher die Grenzen zu anderen Welten fielen. In vielen Kulturen, die so ein Kalendersystem verwenden, verbindet sich diese Zeitspanne oftmals mit Ritualen und Volksbrauchtum.

Die Zeit „zwischen den Jahren“ ist eine Zeit des Wechsel und des Wandels, eine Übergangszeit. Man schaute auf Vergangenes zurück, schließt ab und macht sich bereit für neue Ziele und Wege. Das alte Jahr ist vorbei, das neue hat noch nicht begonnen. Das erklärt auch die Redewendung „zwischen den Jahren“ für die Spanne zwischen Heiligabend und Drei Könige.

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Es freut mich, dass das „Rauh“ mit „h“ nach alter Rechtschreibung verwendet wurde. „Rau“ zu lesen, ist doch schmerzhaft, oder?

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Harald Schweim

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Anmerkungen

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