In den dichten Urwäldern der südchinesischen Provinz Yunnan wächst ein Wesen, das unsere gewohnte Wahrnehmung der Natur auf den Kopf stellt. Der Name des Lebewesens ist Lanmaoa asiatica und in ihm verbirgt sich ein mykologisches Mysterium. Wer diesen Pilz anschneidet, wird Zeuge eines chemischen Spektakels: Das zunächst gelbliche Fleisch färbt sich bei Kontakt mit Sauerstoff augenblicklich tiefblau – ein Prozess, der durch die Oxidation von Pulvinsäure-Derivaten ausgelöst wird. Es wirkt, als würde man eine verborgene Essenz wecken, die direkt aus einem psychedelischen Labor stammen könnte.

Doch das eigentliche Wunder von Lanmaoa asiatica offenbart sich erst nach dem Verzehr – vorausgesetzt, man bereitet ihn unsachgemäß zu. In Lewis Carrolls Alice im Wunderland reicht ein Bissen von einem Pilz, damit Alice schrumpft oder in die Höhe schießt. In Yunnan verhält es sich anders: Du veränderst nicht Deine Größe, dafür tauchen rundherum winzige Menschlein auf.
Stelle Dir vor, wie Du nach dem Genuß einer Pilzsuppe plötzlich hunderte winziger Gestalten in bunten Fantasy-Kostümen bemerkst, die Deine Tischdecke marschieren! Sie springen in die Schüssel, schwimmen darin herum und klammern sich an Deinen Löffel und tanzen um das Besteck. Auf dem Boden marschiert eine bizarre Parade von Kobolden und überall wimmelt es von ihnen.
Ein Professor aus Yunnan berichtete detailreich von diesem Phänomen: Nachdem er die Tischdecke anhob, sah er hunderte Kobolde wie Soldaten marschieren. Sie waren zwei Zentimeter groß, grinsten und tanzten. Laut Aufzeichnungen der Krankenhäuser in Yunnan berichten 96 Prozent der Patienten von diesen Lilliputaner-Halluzinationen.
Was wie eine lokale Kuriosität wirkt, hat weltweite Parallelen. In den 1930er Jahren beobachteten Forscher in Papua-Neuguinea den sogenannten Pilzwahnsinn nach dem Genuss der Nonda-Pilze. In den Bergen der Philippinen suchen indigene Gemeinschaften nach dem Sedesdem, der Visionen von Zwergen – den Ansisit – hervorruft.
Albert Hofmann, der Chemiker, der LSD entdeckte, scheiterte daran, die Wirkstoffe dieser Pilze zu isolieren. Erst heute nehmen Forscher wie der Mykologe Colin Domnauer die Spur wieder auf. Er identifizierte in Lanmaoa asiatica eine unbekannte Substanz, die keine flüchtigen Farbmuster erzeugt, sondern ein bis zu 24 Stunden anhaltendes Delirium. Das Erstaunliche: Die Wirkung variiert kaum von Person zu Person. Es scheint, als würde der Pilz einen universellen, präzisen Schalter in unserem Gehirn umlegen.
Der Mykologe Colin Domnauer und sein Team an der University of Utah nehmen Lanmaoa asiatica derzeit unter das mikroskopische Visier – und was sie dort finden, sprengt den Rahmen rein botanischen Interesses. Domnauer ist überzeugt: „Dieser Pilz ist eine mahnende Erinnerung daran, dass das Reich der Fungi Geheimnisse und Wunder hütet, die unsere Vorstellungskraft schlichtweg übersteigen.“
Dabei geht es um mehr als nur exotische Rauschzustände; es geht um die fundamentale Frage, wie unser Gehirn das konstruiert, was wir als „Realität“ bezeichnen. Ein faszinierendes Detail sticht in den Analysen des Forschungsteams besonders hervor: Im Gegensatz zu klassischen Halluzinogenen, deren Wirkung stark von der individuellen Tagesform und Persönlichkeit abhängt, zeigt Lanmaoa asiatica eine verblüffende Konstanz. Die Visionen variieren kaum von Person zu Person – ein Indiz dafür, dass der Pilz einen spezifischen, bisher völlig unbekannten Mechanismus in unserem Gehirn mit chirurgischer Präzision aktiviert.

Dieser Pilz fordert unser Verständnis von der Wirklichkeit heraus. Während klassische Psilocybin-Pilze oft individuelle, abstrakte Visionen auslösen, liefert Lanmaoa asiatica ein konsistentes Drehbuch. Das wirft fundamentale Fragen auf: Wie konstruiert unser Gehirn Realität? Und warum reagieren wir alle so ähnlich auf dieses spezielle Gift?
Vielleicht ist dieser Pilz ein Schlüssel zu den verborgenen Mechanismen unserer Sinne. Ein daoistischer Text aus dem 3. Jahrhundert erwähnt bereits einen Fleischgeistpilz, der bei rohem Verzehr die Fähigkeit verleiht, kleine Wesen zu sehen und „Transzendenz zu erlangen“. Schätzungsweise sind weniger als fünf Prozent aller Pilzarten wissenschaftlich beschrieben. Lanmaoa asiatica ist nur die Spitze eines unterirdischen Eisbergs, der Wurzeln, Gehirn und Wahrnehmung verbindet.
Man könnte es provokativ formulieren: Was, wenn diese Elfen und Kobolde immer da sind und wir sie erst sehen können, wenn der Pilz den Filter unseres Alltagsbewusstseins deaktiviert? In Yunnan weiß man jedenfalls: Wer Lanmaoa asiatica nicht mindestens 15 Minuten lang scharf anbrät, lädt sich Gäste zum Essen ein, von denen er sich fragt, ob sie nur erst jetzt sichtbar wurden.
***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe und viele weitere Blogbeiträge über Pilze wie diese hier…
Entdecke mehr von KRAUTJUNKER
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
Das ist ja hochgeradig faszinierend.
LikeLike