„Mit den Fischen ist es wie mit den Pilzen“

von Christoph Schwennicke

Die Leute glauben, wir angeln, um Fische zu fangen. Ach, die Leute. Sie verstehen uns nicht. Was verstehen sie schon.

Ich jedenfalls will keine Fische fangen. Man stellt sich nicht stundenlang an einen Fluss, man übernachtet nicht tagelang an einem Weiher, man kämpft nicht einen endlosen Tag auf See gegen den Brechreiz, um Fische zu fangen. Man macht das, um meistens keine Fische zu fangen. Das ist der tiefere Sinn der Sache. Viele von uns verhindern es geradezu absichtlich, Fische zu fangen. Man macht das, um meistens keine Fische zu fangen. Das ist der tiefere Sinn der Sache. Viele von uns verhindern es geradezu absichtlich, Fische zu fangen. Sie knipsen den Widerhaken am Haken ab. Man nennt das artgerechtes Angeln. Sie angeln nicht an den Stellen, an denen der Fisch steht, sondern dort, wo er fast nie steht. Man nennt das Berücksichtigung der Schongebiete. Sie fischen nicht in den Zeiten, in denen der Fisch beißt, sondern in Zeiten, in denen er nicht beißt. Man nennt das Berücksichtigung der Schonzeiten.

Meistens keine Fische zu fangen – darin liegt der Reiz, das höchste Glück, das nur noch vom Glück übertroffen wird, ab und zu mal einen Fisch zu fangen. Wer Fische nach Hause tragen will, geht zur „Nordsee“ oder zu REWE um die Ecke. Zum Angeln aber geht der, der Fische nach Hause tragen möchte, nicht.

Pilzsucher und Angler haben sehr viel gemeinsam, weshalb sie oftmals in Personalunion auftreten. In meiner Person beispielsweise. Im Herbst, wenn das Licht intensiv und die Blätter golden und rot werden, dann kann ich mich oft nicht entscheiden: auf Hecht an den See oder auf Steinpilze ins alte Übungsgelände der sowjetischen Armee in der Nähe des Sacrower Sees.

Es gibt kaum ein größeres Gefühl der Wollust, als kleine wohlgewachsene Steinpilze unter einer Eiche stehen zu sehen, sie vorsichtig aus dem Boden zu lösen und behutsam in einen Korb zu legen. So ein kleiner Steinpilz sieht aus wie ein Champagnerkorken, ist prall und feist und rund und sinnlich wie die Venus von Willendorf. Er ist erotisch, verströmt einen diesem Lebensbereich nicht so fernen Geruch, wie etwa Günter Grass in der Blechtrommel seinen Oskar Matzerath erstaunt feststellen lässt. Kurzum: So ein Korb voller kleiner praller Steinpilze aus dem Wald ist schierer Sex.

Ein Korb Steinpilze vom Gemüsehändler ist das nicht. Er ist einfach ein Korb Steinpilze, der ein Vermögen gekostet hat. Was Steinpilze zu einem erotischen Objekt macht, ist die Eroberung, die Suche, die lang vergebliche Suche, die Enttäuschung, die unerfüllte Sehnsucht, und endlich: auch einmal die Erfüllung. Ich habe mich schon von Pilz zu Pilz mit einem Jauchzen und orgiastischen Stöhnen geworfen, dass Menschen, die in dem Moment mit mir am Handy verbunden waren, völlig falsche Assoziationen hatten – oder eben so falsche auch wieder nicht. Der Sammeltrieb und der Jagdtrieb sind starke und sehr archaische Triebe des Menschen, mag er inzwischen auch mit dem Handy im Wald telefonieren, während er sich von Kappe zu Kappe stöhnt.
Mit den Fischen ist es wie mit den Pilzen. Keiner würde auf die Idee kommen, zu sagen: Ich gehe Pilze holen im Wald. Genauso wie keiner sagen würde, ich gehe Fische fangen im See. Wir gehen Pilze suchen und angeln. In diesen Bezeichnungen ist das Scheitern als Normalfall schon sprachlich berücksichtigt.
Wir Fischer scheitern meistens, und wir scheitern gern. Im Fischen findet das Scheitern seinen höchsten Ausdruck. Denn nur wenn wir neunmal gescheitert sind, können wir einmal auch ein überglücklicher Mensch sein.

 

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Dieser Text ist die Einleitung aus dem Buch Das Glück am Haken: Der ewige Traum vom dicken Fisch des Autors und Journalisten Christoph Schwennicke. Ich danke der Verlagsgruppe Droemer Knaur für die Erteilung der Veröffentlichungsrechte.

das-gluck-am-haken

Beispielsweise auf Buch.de oder Amazon geht diese Leseprobe noch etwas weiter. Bei der Veröffentlichung des Buches 2010 haben sich die Feuilletons und Kultursendungen, von der ZDF-Sendung Die Vorleser, über das Handelsblatt bis hin zu der ZEIT förmlich vor Begeisterung überschlagen. Für ein Angelbuch schon sehr ungewöhnlich, sofern es nicht von Ernest Hemingway geschrieben wurde. Der Vergleich hinkt, ich weiß, Hemingway nahm sich viel ernster, weswegen es auch böse mit ihm endete.

Christoph Schwennicke ist seit 2012 Chefredakteur des politischen Magazins Cicero und häufiger Teilnehmer der sonntäglichen Radio- und Fernsehdebatte Presseclub.

Die Illustration dieses Beitrages ist von mir.

 

Titel: Das Glück am Haken: Der ewige Traum vom dicken Fisch

Autor: Christoph Schwennicke

Verlag: Verlagsgruppe Droemer Knaur

ISBN: 978-3-426-27518-4

Verlagslink: http://www.droemer-knaur.de/buch/2435552/das-glueck-am-haken

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