Verwobenes Leben: Wie Pilze unsere Welt formen und unsere Zukunft beeinflussen

Buchvorstellung

»Pilze sind überall, aber man übersieht sie leicht. Sie sind in uns und um uns herum. Sie sorgen für uns und für alles, worauf wir angewiesen sind. Während Sie diese Worte lesen, verändern Pilze den Ablauf des Lebens, wie sie es schon seit über einer Milliarde Jahre tun. Sie fressen Gestein, produzieren Erde, verdauen Umweltgifte, ernähren und töten Pflanzen, überleben im Weltraum, erzeugen Visionen, produzieren Nahrung, stellen Medikamente her, manipulieren das Verhalten von Tieren und haben Einfluss auf die Zusammensetzung de Erdatmosphäre. Pilze eröffnen uns entscheidende Einblicke in unser Denken, Fühlen und Verhalten – über 90 Prozent aller Pilzarten sind noch nicht dokumentiert. Je mehr wir über sie erfahren, desto weniger verbleibt, was ohne sie Sinn ergibt.«

Auch wer in Sachen Pilzen schon einiges gelernt hat und weiß, das Pilze mehr sind als das, was mit Stiel und Hut im Wald sprießt, kommt bei Merlin Sheldrakes Buch aus dem Staunen nicht mehr heraus. Zwar sind Pilze längst nicht mehr optisch so auffällig wie vor 400 Millionen Jahren, als Fruchtkörper von der Größe zweistöckiger Häuser allenfalls meterhohe Pflanzen überragten, aber seit dieser Urzeit sind alle Landlebewesen in irgendeiner Form mit ihnen verbunden und von ihnen abhängig. Entstehen neue Vulkaninseln oder ziehen sich Gletscher zurück, sind Flechten – Symbiosen aus Pilzen und Algen oder Bakterien – die Pioniere des Lebens. Ökosysteme sind nur jenen verständlich, welche die Beziehungen zwischen Pflanzen und Pilz-Mykorrhiza begreifen. In Pflanzen wie auch uns Menschen können hunderte von Pilzen leben und unverzichtbare Werke tun. Die alarmierende Verschlechterung der Gesundheit von Bäumen in Europa findet laut Sheldrake seine Ursache in der Zerstörung dieser Netzwerke durch menschliche Eingriffe und auch viele humanmedizinische Krankheiten entstehen durch die Störung und Beschädigung von Mikroorganismen, weil wir »Keime« loswerden wollen.

Nicht weniger wichtig sind sie, wenn es mit dem Leben der Lebewesen vorbei ist, denn unser Planet würde kilometertief unter Leichen versinken, gäbe es keine Pilze, die abgestorbene Tiere und Pflanzen zersetzen. Rätselhaft ist es, wie ihre Netzwerke, fünfmal dünner als Menschenhaare, intelligente Entscheidungen treffen können und offensichtlich sogar über ein Richtungsgedächtnis verfügen. So gibt es Forscher, die von Schleimpilzen U-Bahn-Netze oder Brandschutzwege planen lassen, da diese die effektivsten Verbindungen herstellen. Die Evolution schenkte ihnen die Fähigkeit räumliche und geometrische Problemstellungen zu lösen, denn ständig stehen sie vor der Frage, wie sie sich am besten verteilen. Mycel sind Körper ohne Bauplan.

Was mich auch faszinierte: »Der amerikanische Musikwissenschaftler Louis Sarno zeichnete Mitte der 1980er-Jahre die Musik der Aka auf, eines Volkes, das in den Wäldern der Zentralafrikanischen Republik zu Hause ist. Eine Aufnahme trägt den Titel „Frauen beim Pilzesammeln“, Während sie auf der Suche nach Pilzen herumlaufen, zeichnen sie mit ihren Schritten die die unterirdische Form eines Mycel-Netzwerks nach; die Frauen singen inmitten der Tiergeräusche des Waldes. Jede Frau stimmt eine andere Melodie an; jede Stimme erzählt eine andere musikalische Geschichte. Viele Melodien verweben sich, und doch bleiben es viele. Stimmen strömen um andere Stimmen herum, winden sich umeinander oder laufen nebeneinander her.«

Gruselig hingegen, wie Zombie-Pilze (Ophiocordyceps unilateralis) Ameisen manipulieren. Das Mycel breitet sich im Körper des Insekts aus und bringt die Ameise dazu, sich in genau 25 cm Höhe auf eine Pflanze zu klettern und in ein Blatt zu beißen. Nach dem »Todesbiss« wächst der Pilz aus ihr heraus, macht die Ameise an der Pflanze fest und verdaut sie. Aus ihrem Kopf sprießt ein Stiel, der Sporen auf darunter herumlaufende Ameisen regnen lässt…

Die Steuerung der Ameise gelingt durch eine dem LSD ähnliche Substanz. Merlin Sheldrake nahm an einem Experiment über Bewusstseinserweiterung teil und beschreibt die psychodelische Wirkung, welche sowohl indigene Schamanen als auch moderne Psychologen zum Erkenntnisgewinn nutzen.
»Nach Ansicht des Psychiaters Matthew Johnson, der an der Johns Hopkins University forscht, liegt die Wirkung psychodelischer Substanzen wie Psilocybin darin, dass sie „die Leute aufrüttelte. Es handelt sich buchstäblich um einen Neustart des Systems … Psychedelika öffnen ein Fenster geistiger Flexibilität, in dem die Leute sich von den geistigen Modellen, die wir zur Organisation der Realität nutzen, lösen können.“ Verhärtete Gewohnheiten wie jene, die zur Abhängigkeit führen oder sich zum „starren Pessimismus“ der Depression addieren, werden flexibler. In dem Psilocybin und andere psychedelische Substanzen die Kategorien aufweichen, die das Erleben der Menschen organisieren, eröffnen sie neue kognitive Möglichkeiten.«

Interessanterweise bewirken diese »mystischen Erfahrungen« auch bei zeitgenössischen überzeugten Atheisten den Glauben an ein Jenseits, welches über die uns verständliche Welt hinausweist. Ebenso wie Pilze seit Jahrmillionen durch ihre chemischen Botenstoffe das Bewusstsein von Tieren verändern, können sie sich in unseren Geist kleiden, wie manche Denker spekulieren.
„Du glaubst, die Welt sei so, wie sie bei schönem Wetter um die Mittagszeit aussieht“, sprach der Philosoph Alfred North Whitehead einmal zu seinem früheren Studenten Bertram Russell. „Ich glaube, sie ist so, wie sie am frühen Morgen zu sein scheint, wenn man aus tiefem Schlaf erwacht.“

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PRESSESTIMMEN

„buchstäblich bewusstseinserweiternd“
– Eva Behrendt ― Die Zeit

„Manchmal – eher selten – gibt es Wissenschaftsbücher, die einen aus den Schuhen hauen. Weil man so dermaßen viel Neues aus einer einem bislang unbekannten Welt erfährt, dass man es jetzt unbedingt anderen erzählen möchte.“
– Sonja Niemann, Brigitte

„Sie strömen in uns mit jedem Atemzug, ihre Geflechte umweben die Welt, die jagen, sie töten Würmen und können sogar menschliche Gedanken steuern – Pilze sind unterschätzte Wunderwesen.“
– Johann Grolle, Der Spiegel

„ein ebenso kompakter wie amüsanter und informativer Führer in eine unbekannte Welt“
– Wolfgang Koydl, Weltwoche

„Ein sprudelndes und ehrgeiziges Buch voller interessanter Einsichten, das uns bewegt und verändert.“
– Jennifer Szalai, New York Times

„Sprachlich und literarisch herausragendes Nature Writing.“
– Eugenia Bone, Wall Street Journal

„Warum Mykologie, die Pilz-Wissenschaft, die Leidenschaft des 28-jährigen ist, hat man schon nach wenigen Seiten verstanden – so mitreißend, persönlich und anschaulich schreibt Merlin Sheldrake. Es gelingt ihm, auch komplexe biochemische Zusammenhänge einfach zu erklären […]“
– Anne Kohlick, Deutschlandfunk Kultur „Lesart“

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Verlagsvorstellung des Autors

Merlin Sheldrake ist studierter Biologe, lehrte aber auch Geschichte und Wissenschaftsphilosophie in Cambridge. Er schrieb seine Dissertation über das Netzwerk der Pilze in Panama und präsentierte seine Ergebnisse u.a. in Cambridge, Marburg, der FU Berlin.
https://www.merlinsheldrake.com/

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Becher aus Porzellan und Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Verwobenes Leben: Wie Pilze unsere Welt formen und unsere Zukunft beeinflussen

Autor: Merlin Sheldrake

Übersetzung: Sebastian Vogel

Verlag: Ullstein Buchverlage GmbH

Verlagslink: https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/verwobenes-leben-9783550201103.html

ISBN: 978-3550201103

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