Buchvorstellung von Wjatscheslaw M. Steiner
Mit Reisebüchern ist es so eine Sache. Einerseits macht es Spaß, eine aufregende, gefahrvolle und entbehrungsreiche Reise im Lesesessel mitzuerleben, ohne den damit verbundenen Unannehmlichkeiten ausgesetzt zu sein. Andererseits denkt man ein ums andere Mal, dass man eine solche Reise selbst gern einmal machen würde, bzw. man wird sich der Tatsache bewusst, dass es schon sehr lange her ist, seit man das letzte Mal mit dem Rucksack in obskuren Weltgegenden unterwegs war.
So ging es mir jedenfalls, als ich kürzlich Peter Flemings 1933 erschienenes Reisebuch Brasilianisches Abenteuer las. Die Frage, wie aufregend, gefährlich und entbehrungsreich die darin beschriebene Expedition in den brasilianischen Hinter(ur)wald wirklich war, ist allerdings schwer zu beantworten. Schuld daran ist die typisch britische Kaltschnäuzigkeit des damals gerade 25-jährigen Autors, dessen Buch manchmal den Eindruck vermittelt, eine Reise durch die brasilianische Tropenwildnis wäre kaum abenteuerlicher als eine Entenjagd im Lake District. Wann immer Fleming, Bruder des James-Bond-Erfinders Ian Fleming, auf die vermeintlichen Schrecken des Dschungels – Alligatoren, Piranhas, Indios, Jaguare, Moskitos, Waldbrände – zu sprechen kommt, ist er bemüht, sie in den harmlosesten Farben zu schildern. Flemings notorisches Understatement, sein allgegenwärtiger Sinn für Ironie und Merkwürdigkeiten unterscheidet das Buch von allen Reiseberichten, die ich kenne.
Die Geschichte der Reise ist nicht weniger merkwürdig als Flemings Bericht. In der Times entdeckt Fleming, damals literarischer Redakteur des Wochenmagazins The Spectator, eine Kleinanzeige, in der Teilnehmer für eine Expedition nach Brasilien gesucht werden. Ziel des Unternehmens ist es, im zum Teil unerforschten Urwald Zentralbrasiliens nach Spuren des dort seit Jahren verschollenen Abenteurers und Schatzsuchers Colonel Fawcett zu suchen. Flemings Bewerbung hat Erfolg, und nachdem die entsprechenden Vorbereitungen getroffen wurden, schifft er sich mit fünf Gefährten nach Brasilien ein. Die Reise gleicht in vielerlei Hinsicht einem Himmelfahrtskommando. Keiner der Expeditionsteilnehmer war jemals in Brasilien oder auch nur in den Tropen. Niemand spricht portugiesisch. Verlässliche Karten des Expeditionsgebietes gibt es nicht, und die Berichte zum Verschwinden Colonel Fawcetts sind widersprüchlich und ungenau. Bei ihrer Ankunft in Brasilien wird die Expedition obendrein Zeuge einer Revolution, die in einen Bürgerkrieg auszuarten droht. Dennoch machen sich Fleming und seine Genossen unter der Führung eines landeskundigen Verbindungsmannes bald auf den Weg in das Innere Brasiliens.
Es liegt auf der Hand, dass die folgende Reise von Sao Paulo im Süden bis nach Para im Norden Brasiliens nicht der Spaziergang gewesen sein kann, als die sie Flemings Bericht oft erscheinen lässt. Über mehrere tausend Kilometer kämpft sich die merkwürdige Truppe voran. Den größten Teil der Reise legt sie in Booten auf dem Fluss Araguaya zurück und vertreibt sich die Zeit unter anderem damit, Alligatoren und andere Tiere abzuknallen, wann immer sich eine Gelegenheit bietet – eine Beschäftigung, die bei derartigen Unternehmungen im 21. Jahrhundert undenkbar wäre. Schließlich erreicht man die Stelle, an der der Tapirapé in den Araguaya mündet, das Eingangstor zur Urwaldprovinz Matto Grosso. Vor ihnen liegt ein Gebiet, in dem nur sehr wenige Weiße je waren, wo angeblich mörderische Indios hausen und das auch sonst einen denkbar schlechten Ruf hat.
Hier müsste nun die eigentliche Suche nach Fawcett beginnen, doch der landeskundige Expeditionsleiter weigert sich, Fleming und die anderen bei diesem wahnwitzigen und nach seiner Auffassung selbstmörderischen Unternehmen zu unterstützen. Es kommt zum Streit, und die Expedition trennt sich. Fleming und einige Gefährten machen sich auf die Suche nach Fawcett, während der Rest der Expedition mit dem Großteil der Ausrüstung und der Expeditionskasse in Richtung Norden davonfährt. Es sind nicht nur Pflichtbewusstsein und die Hoffnung auf eine gute Story für die Times, die Fleming dazu bewegen, die Warnungen des Expeditionsleiters in den Wind zu schlagen und auf eigene Faust loszuziehen. Was ihn vorantreibt, sind echte Abenteuerlust, Entdeckerfreude und das erregende Gefühl, dem Glück vertrauen zu müssen.
Die Suche nach Fawcett verläuft jedoch am Ende ergebnislos, und nach einigen Wochen machen sich auch Fleming und seine Reisegruppe auf den Weg nach Norden. Ständig am Rande des Bankrotts stehend, sind sie gezwungen, nach und nach Teile ihrer Ausrüstung zu verkaufen, um ihr Fortkommen zu sichern. Die Reise entwickelt sich zu einem Wettrennen, in dem beide Expeditionsteile versuchen, die Küste zuerst zu erreichen – ein Rennen, das Fleming am Ende für sich entscheidet.
Sympathisch und lesenswert ist Flemings Bericht, weil er gar nicht erst versucht, der Expedition einen heroischen oder gar wissenschaftlichen Anstrich zu geben, sondern das Groteske und Absurde der Reise immer wieder betont. Obwohl er es mit der Ironie bisweilen etwas zu weit treibt, ist es oft erfrischend, wie wenig ernst er sich nimmt. Das heißt nicht, dass das Buch nicht interessante Details über die bereisten Gegenden, treffende Charakterbilder und nachdenkliche Betrachtungen enthält, die es auch als Reisebuch an sich lesenswert machen. Überdies gelingt es Fleming nicht ganz, seinen Mut und seine Ausdauer hinter einer Fassade aus unbedarftem Understatement zu verbergen, und beides muss dem Leser Achtung abringen.
So sehr Fleming offenbar bemüht ist, sich von anderen exzentrischen und wichtigtuerischen Entdeckern und Globetrottern abzugrenzen, so ist er doch dem ewigen Dilemma seiner Zunft unterworfen: Er läuft (zeitweise) vor einer Zivilisation davon, die er doch nie abschütteln kann und als deren Repräsentant und Botschafter er sich in den entlegensten Weltgegenden wiederfindet. Bisweilen beklagt er den schädlichen Einfluss jener Zivilisation auf die Indios:
»Sie kamen zu unserer Begrüßung, stellten Federkopfputz und Prunkspeere zum Verkauf und verlangten übertriebene Preise dafür. Sie hatten eine der ersten Lehren gelernt, welche die Berührung mit der Zivilisation einem primitiven Volke beibringt: die heiligsten Dinge sind am leichtesten zu verkaufen.«
So kritisch Fleming sich hier und an anderer Stelle mit der „Zivilisation“ auseinandersetzt, so unfähig ist er, die vermeintliche „Rückständigkeit“ der Brasilianer zu tolerieren. Diese äußert sich für ihn vor allem in einer Mentalität, der westliche Arbeitswut, Pflichtbewusstsein, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit fremd sind. Fleming verliert genau dann seine philosophische Ironie, wenn er sich über diese brasilianischen Untugenden echauffiert, die sein Vorankommen behindern und erschweren. Dies gilt besonders für die letzte Etappe des Wettrennens zur Küste. Wie fremd die westliche Eile des verrückten Engländers den Brasilianern erscheinen muss und warum sie dessen Zeit- und Arbeitsnormen eigentlich akzeptieren sollen, diese Frage legt sich Fleming nie vor.
Trotz dieser Widersprüche und aus heutiger Sicht vielleicht fragwürdiger Begriffe und Perspektiven auf Land und Leute ist Brasilianisches Abenteuer ein ausgesprochen lesenswertes Reisebuch. Fleming verfügt über die seltene Fähigkeit, selbst aus den absurdesten und gefährlichsten Situationen eine amüsante Geschichte zu machen, ohne dabei die Menschen und Landschaften, denen er begegnet, aus den Augen zu verlieren. Sein Understatement ist dabei weit mehr als eine stilistische Marotte: Es bewahrt ihn davor, sich selbst zum Helden seiner Geschichte zu machen. Was bleibt, ist das lebendige Bild einer längst vergangenen Welt, eine ungewöhnliche Expedition und vor allem der Bericht eines jungen Mannes, der offenbar mit offenen Augen, einer gehörigen Portion Abenteuerlust und einem gesunden Sinn für das Absurde durch Brasilien reiste. Wer Reisebücher mag, in denen nicht nur gereist, sondern auch gut erzählt wird, sollte Fleming unbedingt kennenlernen.
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Kommentar: Der Rezensent las die 1958 bei Rowohlt erschienene Taschenbuchausgabe in der Übersetzung von Hans Bütow. Es gibt aber auch eine aktuellere Ausgabe in der Reihe Malik National Geographic (2011), für die Bütows Übersetzung wohl etwas bearbeitet wurde.
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Wjatscheslaw M. Steiner

Wjatscheslaw M. Steiner ist Weltbürger, Pazifist, Denker, Zeitkritiker, Humorist und Autor.
Geboren am 11. November 1974 in Philadelphia (Brandenburg), ist er weiten Kreisen unbekannt, erfreut sich jedoch bei Eingeweihten eines gewissen, bisweilen zweifelhaften Rufes, dem er sich zu jeder Zeit verpflichtet fühlt.
Der promovierte Hysteriker Steiner veröffentlichte mehrere wenig beachtete Werke im Berliner Schubladenverlag, darunter die Kurzgeschichtensammlung Schwamm drüber, das Anti-Gourmet-Kochbuch Der Hunger treibt’s rein (zusammen mit Peter Miese), den autobiographischen Roman Schnappatmung (2013 ausgezeichnet mit dem Copy Cat Award), die zuerst auf Samisch erschienene Realsatire Nice Friedensgrenze, oder? sowie unter dem Titel Schlüsselkind auf großer Fahrt eine Auswahl seinerzeit von der Pionierzeitung FRÖSI abgelehnter Ferienlager-Kolumnen aus den Achtzigerjahren.
Auch als Dramatiker hat sich Steiner keinen Namen gemacht. Seine zusammen mit Philip Bottomley Phelps verfasste Groteske I thought we had something special wurde kürzlich wieder nicht uraufgeführt.
Steiner ist ungeschieden und Vater mehrerer niemals geborener Kinder. Er lebt und arbeitet derzeit auf dem Planeten Erde.
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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe. Die Hemingway-Buchstütze findet Ihr hier.

Titel: Brasilianisches Abenteuer
Autor: Peter Fleming
Verlag: Rowohlt, Hamburg, 1958
ASIN : B0000BI3IF
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