Buchvorstellung
»Die Feticheuse von Poto-Poto, dem Armenviertel von Brazzaville, bedachte uns mit einem Lächeln, kniete auf dem Fußboden ihrer Hütte nieder, nahm eine Handvoll Kaurimuscheln aus ihrem Hüftbeutel und warf sie vor sich auf die Kokosmatte. Wir, Larry Shaffer und ich, beugten uns auf unseren Schemeln vornüber und studierten das nichtssagende Muster, das die Muscheln auf der Matte bildeten. Sie sahen schon sehr abgegriffen aus und glänzten im Schein der Paraffinlampe wie altes Elfenbein. Das Lächeln der Feticheuse erstarb. „Einer von Ihnen“, sagte sie bedächtig auf Französisch, „ist sehr krank.“«
Schon mit diesen ersten, beinahe hypnotischen Worten befinden wir uns mitten in Schwarzafrika. Unser Reiseleiter durch diese dichten Kulissen ist kein Geringerer als der unvergleichliche Redmond O’Hanlon. Dem geneigten Leser des KRAUTJUNKER ist dieser humorvolle, zutiefst gebildete britische Gelehrte kein Unbekannter mehr; seine literarischen Expeditionen in Trawler, Ins Innere von Borneo sowie Redmonds Dschungelbuch haben hier bereits ihre Spuren hinterlassen. O’Hanlon ist ein Mann, dessen innerer Kompass sich selten am gesunden Menschenverstand orientiert und der für seine jeweiligen Reisegefährten regelmäßig zum wandelnden Albtraum avanciert.
Wieder einmal führt uns der Weg weit weg von der vertrauten Heimat, hinein in einen Dritte-Welt-Slum, dessen Name wie ein afrikanischer Trommelschlag nachhallt. Da ist jene Seherin, die aus westlicher Perspektive kulturell der Steinzeit näher scheint als dem 21. Jahrhundert – und da sind wir, heillos überfordert mit einer existenziellen Szenerie, auf die uns kein bürgerlicher Lebenslauf jemals vorbereiten konnte. Die Nacht ist drückend heiß, die Ungewissheit groß. Zwischen der unglückseligen Einnahme eines hirnzerstörenden, lokalen Halluzinogens und der permanenten Furcht unbekannten Parasiten, die sich mit Vorliebe in den Schritt graben, besteht kein Zweifel: Wir sind zurück im finstersten, herrlichsten O’Hanlonia.
Zu behaupten, dass Kongofieber typisch für Redmond O’Hanlon ist, darf als uneingeschränkte Empfehlung für alle Liebhaber extremer, ausschweifender Reiseliteratur verstanden werden. Es ist seine unverkennbare literarische Stimme – diese intensive, hochpersönliche Präsenz im Text –, die das Fundament guter Reiseliteratur bildet. Sie wiegt weitaus schwerer als bloßer Wagemut oder die Exotik der Schauplätze. Paddelte O’Hanlon 1984 in Ins Innere von Borneo noch in Begleitung des Dichters James Fenton die Flüsse Sarawaks hinauf und schlug er sich 1988 in Redmonds Dschungelbuch mit dem Nachtclubbesitzer Simon durch Venezuela, so führt ihn diese Expedition in die äquatorialen Sumpfwälder des Kongo. Es ist eine Reise in das Reich der Pygmäen und Gorillas, der dunklen Magie und des chronisch frustrierten Magens. Die Rolle des leidgeprüften fällt diesmal dem amerikanischen Psychologen Professor Larry Shaffer zu. Wie so oft nutzt O’Hanlon die psychologischen Spannungen zwischen den ungleichen Charakteren geschickt als komisches, zutiefst menschliches Gegengewicht zu den realen Gefahren des Urwalds.
Das krypto-biologische und wunderbar absurde Ziel der Reise ist nichts Geringeres als die Sichtung des legendären Kongo-Dinosauriers, des Sauropoden Mokele-Mbembe. Dieses urzeitliche Wesen soll im abgelegenen Tele-See im äußersten Norden der Republik Kongo hausen. Der einheimische Biologe Marcellin Agnagna behauptet steif und fest, es mit eigenen Augen gesehen zu haben. Dass es sich dabei zweifelsfrei um einen Dinosaurier handelt, steht für die Forscher fest – zeichnen ihn die Einheimischen der Region doch prompt in den Sand, sobald man sie nach dem Mokele-Mbembe fragt.
O’Hanlon unternahm diese Expedition zu einem bemerkenswerten historischen Zeitpunkt: Kongo war damals noch eine marxistisch-leninistische Volksrepublik. Eine von kommunistischem Pathos beseelte „Arbeiterpartei“ regierte damals ein Land, das paradoxerweise fast ausschließlich aus unerschlossenem, kaum besiedeltem Urwald bestand. Von den rund 1,5 Millionen Einwohnern standen damals 80.000 als Staatsangestellte in Lohn und Brot. Rechnet man die monumentale Größe einer durchschnittlichen afrikanischen Familie ein, bedeutete dies, dass ganze Bevölkerungsgruppen direkt vom sozialistischen Staat alimentiert wurden, während weite Landesteile vom politischen Geschehen in Brazzaville völlig abgehängt blieben.
Auch in dieser Kulisse perfektioniert O’Hanlon seine Paraderolle des leicht exzentrischen, viktorianischen Professors. Ausgestattet mit einem schlaffen Sonnenhut, einer permanent beschlagenen Brille und einem monumentalen Rucksack, stapft er durch das Herz der Finsternis. Sein Gepäck besteht nicht aus dem Lebensnotwendigsten, sondern auch aus Büchern wie David Bannermans Birds of Tropical West Africa. O’Hanlon atmet den Geist der großen Naturforscher des 19. Jahrhunderts – nicht umsonst war sein erstes akademisches Werk eine Studie über Charles Darwin und Joseph Conrad.
Als leidenschaftlicher Ornithologe verfolgt er insgeheim noch ein weitaus intimeres Ziel: Er will endlich die seltene Wimpel-Nachtschwalbe mit eigenen Augen sehen. Diesen Vogel hielt er bereits im zarten Alter von elf Jahren für »den seltsamsten und begehrenswertesten Vogel der Lüfte«. Das Buch gewinnt seine ungeheure literarische Dichte durch dieses tiefe, fast zärtliche Wissen über die afrikanische Flora und Fauna. Das erotische Gefieder von Nektarvögeln, Nashornvögeln und Fischadlern wird von ihm mit einer geradezu kindlichen Begeisterung seziert. Die übersetzten Bezeichnungen der Arten sind leider teilweise fehlerhaft.
Hier liegt auch der Schlüssel zum melancholischen Charme seines Schreibens: die unauflösbare emotionale Verbindung zwischen seiner Kindheit und den Reisen des Erwachsenen. Das wahre Afrika begegnete ihm zuerst in den ledergebundenen Büchern im großen, dunklen Arbeitszimmer seines Vaters. Nun verschmilzt der unerbittliche Dschungel des Kongo im Rausch eines schweren Fiebers – vermutlich der tödlichen Malaria tropica – mit den Erinnerungen an den heimischen Pfarrgarten in Wiltshire. Die Eiben, die Büsche, in denen er als Junge Dschungel spielte, und der kleine Bach, aus dem er einst mit Brot beköderte Limonadenflaschen voller Elritzen zog, werden eins mit dem afrikanischen Sumpf. Das ist bisweilen hochgradig komisch, entlarvt es doch den Entdecker als übergroßen Schuljungen, für den die Expedition letztlich ein mühsam inszeniertes Dschungelspiel in den letzten, vom 20. Jahrhundert noch unberührten Winkeln der Erde bleibt.
Trotz des martialischen, mit SAS-Spezialausrüstung kokettierenden Machismos besitzt O’Hanlon jene wohltuende Prise Demut und Selbstironie, die wahre Reiseliteratur von fader Prahlerei unterscheidet. An diesem monumentalen Werk hat der Autor sechs lange Jahre geschrieben – immer wieder unterbrochen von schweren Malaria-Schüben. Entstanden ist ein Buch von balzacscher Dimension, welches die übliche Zweidimensionalität des Genres elegant hinter sich lässt. Wo andere Reiseberichte nur flüchtige, rhetorisch überfrachtete Fragmente liefern, erschafft O’Hanlon ein komplexes menschliches Provinztheater.
Dabei schont er sich und seine Leser nicht. Die Expedition gerät zur physischen Tortur: Er durchlebt einen permanenten »1.000-Volt-Dauerkulturschock« und versucht verzweifelt, sich dem Leben und den Geistern der Bambuti-Pygmäen anzupassen. Er flüchtet sich in die Benebelung der haschischartigen Ganja-Pfeife und ersteht bei einem lokalen Häuptling einen wirkmächtigen Fetisch: einen kleinen, abgegriffenen Beutel aus Antilopenfell, in den ein Kinderfinger eingenäht ist. Der Geist des toten Kindes soll ihm jugendliche Kraft verleihen. O’Hanlon klammert sich an diesen finsteren Talisman mit demselben unerschütterlichen Glauben, den der handfeste Larry Shaffer der Kraft seines Eherings entgegenbringt.
Fünf Monate dauert dieser exotische Thriller, auf dessen Seiten der Leser durchgeschüttelt wird wie auf einer groß angelegten afrikanischen Geisterbahn. Dem narrativen Bogen liegt dabei eine gnadenlose Antiklimax zugrunde: Der Expeditionstrupp schrumpft unaufhörlich, und der exzentrische Autor wird von seinen Begleitern immer weniger ernst genommen. Professor Shaffer wirft frühzeitig das Handtuch und kehrt in die Zivilisation zurück. O’Hanlon kämpft sich fast alleine weiter und tiefer in das Dickicht aus Dschungel, Vergangenheit und Evolutionsgeschichte hinein. Den realen Bedrohungen begegnet er dabei mit surrealer Gelassenheit und unerschrockener Heiterkeit: »Sieh mal, wenn ich nicht weiß, was ich tun soll, gehe ich schlafen. Joseph Conrad hat eine Bezeichnung dafür: Heroismus des Nichthandelns.«
Magie, Wissenschaft und Religion – O’Hanlon behandelt diese Sphären mit exakt derselben Gewichtung. Für den belesenen Literaturprofessor aus Oxford sind es nur unterschiedliche Spielarten der anthropologischen Universalie, Mythen zu produzieren. So wird der Abstecher in die traumatischen Tropen auch eine Reise ins eigene Ich, ins Reich der Urängste, ins Herz der Finsternis. Doch im Gegensatz zu Joseph Conrads berühmter, düsterer Erzählung ist das Fundament von Kongofieber ein tiefschwarzer englischer Humor, mit dem sich der Protagonist vor allem über sich selbst lustig macht.
Als er schließlich den sagenumwobenen Lac Télé erreicht, weiß er zwar, am richtigen Ort zu sein – allerdings, wie er trocken bemerkt, »leider 17 Millionen Jahre zu spät«. Anstelle von spektakulären Dinosaurierfotos bringt er ein verwaistes Gorilla-Baby mit zurück, dessen Mutter die Einheimischen zuvor verspeisten. Jenes von O’Hanlon damals so bewunderte Asyl für verwaiste Gorillas in Brazzaville existiert heute nicht mehr; seine tierischen Insassen, weit privilegierter als die gewöhnliche menschliche Bevölkerung, wurden 1997, zu Beginn des Bürgerkrieges, von französischen Soldaten evakuiert.
Das Buch gewinnt seine literarische Dichte auch durch den scharfen, politisch-satirischen Unterton. O’Hanlon fängt die Zerrissenheit einer postkolonialen Welt ungefiltert ein. Von globaler Kultur oder dem stolzen Erbe der Unabhängigkeit ist im tiefen Busch wenig zu spüren; stattdessen begegnet er Menschen, die sich vom Lauf der Geschichte schlicht verlassen fühlen. Legendär ist das bittere Diktum seines treuen Führers Dr. Marcellin Agnagna:
»„Wenn schon kolonisiert, dann von Franzosen. Sie mochten uns so, wie wir waren. Sie haben unsere Frauen geheiratet. Sie hatten schwarze Geliebte, jede Menge von Geliebten. Sie haben keine Kricket-Clubs und ähnlichen snobistischen Kram gegründet. Sie haben uns gesagt, wir wären französische Bürger, und das war schon was wert, auch, wenn sie es nicht so meinten.“«
Und während der Einbaum tiefer in die grüne Hölle gleitet, ruft ihnen der alte Xavier Bague aus dem Uferschlamm hinterher: „Vergeßt es nicht! Sagt es dem Präsidenten! Dem Präsidenten von ganz Frankreich! Xavier Bague läßt ausrichten, die Franzosen, sie sollen zurückkommen!“ Ein verzweifelter Ruf, der langsam hinter den Lianen, den dichten Bäumen und dem Schilf verebbt.
Dies ist ein wahrer Reisebericht, und es wäre kleinlich, sich zu beschweren, wenn er etwas zu lang wird, denn Redmond O’Hanlon ist ein Besessener der unglaublich viel weiß über unglaubliche Dinge. Von seinen Reisebegleitern verlangt er Ausdauer und Leidensbereitschaft.
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Redmond O’Hanlon

Redmond O’Hanlon, geboren 1947 in Dorset, studierte englische Literaturgeschichte in Oxford, promovierte 1977 über Sich wandelnde wissenschaftliche Naturkonzepte im englischen Roman, 1850–1920 und ist Mitglied der Society for the Bibliography of Natural History, der Royal Geographical Society und der Royal Society of Literature. Er ist Professor für Englische Literatur in Oxford.
In seiner britischen Heimat ist O’Hanlon längst eine Legende für seine waghalsigen Expeditionen in die entlegensten Winkel der Tropen. Seine tiefe Verbindung zur Wissenschaftsgeschichte zeigt sich auch in seinem Fernsehengagement: 2009 und 2010 begab er sich für das niederländische Fernsehen auf eine ganz besondere Zeitreise und rekonstruierte die historische Fahrt von Charles Darwin auf der Beagle.
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Anmerkungen

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Titel: Kongofieber
Autor: Redmond O’Hanlon
Übersetzung: Chris Hirte
Verlag: Eichborn Verlag, 1998
Titel der englischen Originalausgabe: Congo Journey
ISBN: 3-8218-0565-X
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Sehr lesenswertes und wohltuend ehrliches Buch. Der Autor steht ganz in der Tradition der exzentrischen, amateurhaften Globetrotter, für die die Insel so berühmt ist. Mokele-Mbembe hin oder her: Der Weg ist das Ziel. Wusste bisher nicht, dass es das auch auf Deutsch gibt. Und dann noch beim Eichborn Verlag, dessen schöne Bücher ich sehr mag. „Nilfieber“ von Brunold ist auch sehr gut. Ziemlich fiebrig, die Reihe:)
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Besten Dank für den Kommentar und die Buchempfehlung. Der KRAUTJUNKER bietet Dir gerne die Gelegenheit Deine eigene Buchvorstellung zu veröffentlichen, sofern diese thematisch passt und sich gut lesen lässt.
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My pleasure! Ich hätte eine Rezension zu Peter Flemings „Brasilianisches Abenteuer“ (1933) anzubieten. Per Mail?
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Ich bin entzückt!
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