Lebenszeit: Vom Wert der Vergänglichkeit

Buchvorstellung von Michael v. Prollius

Reinhold Messners Bücher lese ich seit Langem gern: wegen ihrer Klarheit und Geradlinigkeit, ihrer Intensität und geerdeten Lebensphilosophie, und wegen des Eigenwilligen, Suchenden und Unangepassten, das ich mit ihm verbinde. Sein neues Buch, gemeinsam mit seiner Frau Diane verfasst, kommt für mich zur rechten Zeit, denn auch ich habe viel über Vergänglichkeit nachgedacht: über Tod und Sinn, Erleben und Ertragen, Bilanz und Wertschätzung.

Zwei Stimmen, ein Thema

Lebenszeit ist keine Altersbiographie, sondern eine Sammlung meist kurzer, namentlich gezeichneter Essays; Diane Messners Beiträge stehen im Inhaltsverzeichnis kursiv und eingerückt. Jeder Text hat sein Thema und greift doch in die anderen: Sterben und Sinn, das Alter als Erfahrung, Lebensweisheit, Nähe und Abgrenzung, Loslassen, Liebe, das Großfamilienleben auf einem Hof und damit unsere Herkunft. Dazu kommen berührende Ereignisse wie der letzte Anruf oder die wohl letzte Rückkehr zum Nanga Parbat.

Der Wechsel der Stimmen reizt mich, denn er erhellt weniger die Endlichkeit als die Beziehung der beiden: Zwei Menschen deuten dasselbe Leben verschieden. Daraus entstehen Augenblicke großer Zartheit. Diane Messner erzählt von »Petersilienmomenten«, vom kleinen Herz im Terminkalender und vom Zettel mit der Botschaft: »Ich bin vielleicht alt, aber meine Liebe zu dir ist nicht. Liebe altert nicht.« (S. 63)

Entlang der letzten Grenze

Messner bestieg als Erster alle vierzehn Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff und eroberte danach die extremen Horizontalen der Eis- und Sandwüsten. Sein Leben war ein Leben an Grenzen; nun geht er an der letzten entlang, ehe er sie überschreitet. Das naheliegende Bild greift er bezeichnenderweise nicht auf: Er stilisiert das Altern nicht zur letzten Expedition, er beschreibt es.

Ich gestehe ein gewisses Befremden, denn 82 Jahre sind heute kein biblisches Alter. Doch beide zeichnen Messner als wirklich alten Mann: »Das Altern, dieser unaufhaltsame Prozess, der des Zerfalls zuletzt, setzt uns immer mehr zu.« (S. 143) Ausgerechnet der Mann legendärer Zähigkeit wirkt gebrechlich. Das ist der eigentliche Bruch mit dem eigenen Mythos und eine Stärke des Buchs: Messner inszeniert die Schwäche weder als Heldentat, noch verdrängt er sie.

Er geht das Altern an wie seine Projekte, nachdenklich, klar, planend, nur fehlt die Kraft zur Umsetzung. Sichtbar wird ein Weg vom Tun zum Loslassen, zur Beschränkung auf das persönlich Angenehme und das Wichtige im Kleinen, vom Älter-Sein-als-man-sich-fühlt zum Sich-alt-Fühlen und Alt-wahrgenommen-Werden. Wer Jean Amérys Über das Altern (1968) kennt, erkennt das Motiv: Das Altern entfremdet uns vom eigenen Körper, und andere sehen uns als alt, ehe wir es selbst annehmen. Geschlagen gibt Messner sich dennoch nicht: »Sinnhaftigkeit entsteht doch weiterhin beim Umsetzen von Ideen in das Tun.« (S. 65)

Was Leben heißt

Wo Messner sagt, was Leben für ihn bedeutet, wird er grundsätzlich: »Leben heißt für mich handeln, gestalten, entscheiden, reagieren auf das Geheimnisvolle, das Unbekannte. […] Selbstbestimmtes Handeln ist in einer überregulierten Welt aber weder gewollt noch möglich. Ohnmacht ist die Folge, das Glück bleibt auf der Strecke. Oder wir ziehen unser Programm durch.« (S. 140f.) Das ist der Messner, den man kennt: Selbstverantwortung ist für ihn eine Lebensform, keine politische Parole. Dazu passt seine Bestimmung des traditionellen Abenteuers: »Maßhalten, Selbstverantwortung, Stille, Respekt vor der Natur und vor allem Demut vor dem, was größer ist als wir.« (S. 80f.) Und: »Weisheit besteht darin zu erkennen, was möglich ist und was nicht.« (S. 100)

Widersprüche, die bleiben

Der Wert der Vergänglichkeit liege »nicht im Schönreden. Nicht im Trösten. Sondern im Hinschauen. Im Erkennen dessen, was verschwindet.«, schreibt Messner früh (S. 10f.). Bald darauf findet er Trost darin, dass wir aus einer langen Linie von Geschichten stammen und etwas von uns weitergeht (S. 48). Das eigene Nicht-Mehr-Sein schreckt ihn nicht: »Der Tod gehört zum Leben, so wie der Abend zum Tag gehört.«, (S. 252) Und doch ringt er damit: »Die Vorstellung im Nichts zu verschwinden, ist trotzdem schwer zu ertragen. Aber sie ist die ehrliche Antwort auf die Frage, was danach kommt.« (S. 127)

Inkonsequenz oder Ehrlichkeit? Ich lese es als Ehrlichkeit. Ein Buch über das Altern, das die Spannungen der Wirklichkeit glättete, wäre ein schwaches Buch. Epikur hielt den Tod für nichts, was uns angeht: Wo wir sind, ist er nicht, und wo er ist, sind wir nicht. Das ist logisch elegant, psychologisch aber unzureichend, und Messner bestätigt beides: Er denkt das Nichts, ohne zu verzweifeln, und kommt doch nicht davon los. Montaignes Satz, Philosophieren heiße sterben lernen, findet hier eine sehr persönliche Anwendung als fortwährendes Ringen: »Langsam kehrt das Empfinden zurück, das ich lange verdrängt hatte: die Gewissheit, dass alles ein Ende hat. Die schönen Dinge ebenso wie die schmerzhaften.« (S. 77) Die Endlichkeit nähert sich »lautlos«, bis man erkennt, »dass Auflösung nicht Vernichtung ist, sondern zuletzt ein Teil des Weges.« (S. 53)

Rückkehr in die Vergangenheit

Mythenpflege gehört zu Messner, doch worin besteht der Mythos? Die Himalaya-Reise ist ein lebendiger Reisebericht und zugleich eine Reise in eine schmerzvolle Vergangenheit; beide haben dabei geweint. Der Tod des Bruders Günther hat Messners Weg zu den Höchstleistungen vielleicht mitgeformt und bleibt eine offene Wunde. Diane Messners Text Günthers Schuhe (S. 255–285), länger als die übrigen, finde ich großartig.

Der Bruch in der Familie wird nur gestreift; Thema ist das Verhältnis zu einem Sohn in dessen Kindheit. Schon in einem früheren Buch zeigte sich Messner offen, bis zum wörtlichen Abdruck der Worte seiner damaligen Lebenspartnerin, die verraten, wie schwierig er zuweilen war. Diese Selbstentblößung prägt auch Lebenszeit.

Was bleibt

Das Buch hat mein Nachdenken angestoßen. Der eigene Tod rückt erst später in den Blick, wenn die Kinder groß sind und Eltern und andere dieser Generation sterben. Dann wird eine vorläufige Bilanz zum Thema. Vieles steht fest, Optionen und Opportunitätskosten verfestigen sich zu Pfadabhängigkeiten. Vielleicht erwächst daraus der Gedanke: So ist das Leben – also.

Dann die Frage: Was bleibt? Sie wirkt ins Leben hinein, über den Tod hinaus. Eigentümlich, dass mir das wichtig ist, obwohl es mir nach meinem Tod ohne Belang sein wird. Tote, die wir kannten, geben uns noch Jahrzehnte etwas, nicht nur die Großen der Geschichte: durch das, was wir bewahren, was sie schufen und wie wir sie deuten. Wir sind vergänglich, doch unser Tun und Sein kann zumindest zeitweise bleibenden Wert für andere haben.

Vielleicht gehört auch dazu, geliebt worden zu sein: einander begegnet zu sein, ein Stück Leben gemeinsam gegangen zu sein und daraus schöpfen zu können. Für ein geschaffenes Werk gilt das ebenso, selbst gegenüber Menschen, denen man nie begegnet ist. Messner sagt es auf seine Weise: »Was bleibt, sind eine Stille und Erinnerungen an einen Menschen, die mit der Zeit verblassen.« (S. 48) Was verblasst, ist dennoch eine Weile da gewesen.

Abb.: Reinhold Messner; Bildquelle: Hagen Schnauss in Auf Schloß Juval bei Reinhold Messner

Lesepausen

Die Texte sind sehr persönlich und teils von besonderer Offenheit. Mitunter empfiehlt sich eine Pause, um die Intensität zu verarbeiten und selbst nachzudenken; das ist kein Einwand, sondern eine Auszeichnung. Lebenszeit bietet spezifische und doch zeitlose Texte zum Mit- und Nachdenken, in einer alternden Gesellschaft geradezu zeitgemäß. Mir gefällt der offene Umgang mit Altern, Tod und dem Nichts danach. Die Messners haben uns etwas zu sagen, und es bereichert, es zu lesen.

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Diane Messner

© Christopher Conin

Diane Messner ist seit 2021 mit Reinhold Messner verheiratet, die beiden leben auf Schloss Juval im Südtiroler Vinschgau, u.a. mit Familienhund Flint. Diane Messner wurde 1980 in Luxemburg geboren und wuchs in Kayl auf, einer kleinen Gemeinde im Süden des Herzogtums. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie Messner Mountain Heritage (MMH) gegründet, um das traditionelle Bergsteigen in die Zukunft zu tragen und um einen respektvollen Umgang mit der Natur im Sinne Reinhold Messners weiterzugeben.

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Reinhold Messner

© Foto: Diane Messner

Reinhold Messner, geboren 1944, ist der berühmteste Bergsteiger und Abenteurer unserer Zeit. Als Kletterer, Höhenbergsteiger, Grenzgänger und ›Philosoph in Aktion‹ hat er immer wieder neue Maßstäbe gesetzt. Messner bestieg als erster Mensch alle vierzehn Achttausender, darunter erstmals den Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff und allein (›Everest Solo‹). 1989/90 gelang ihm zusammen mit Arved Fuchs die Durchquerung der Antarktis zu Fuß. Heute kämpft Reinhold Messner als Autor und Filmemacher für einen ökologisch nachhaltigen Umgang mit der Natur, bewirtschaftet Bergbauernhöfe und gestaltet sein Bergmuseum, das Messner Mountain Museum, mit seinen sechs Standorten.
www.reinhold-messner.de

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Dieser Text ist eine leicht gekürzte und bearbeitete Fassung der Buchvorstellung Der letzte Grenzgang, welche am 17. Oktober 2026 auf Michael von Prollius’ Blog veröffentlicht wurde.

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Michael v. Prollius

Dr. Michael v. Prollius ist ein Denker, der die Natur ebenso versteht wie die Architektur menschlicher Ordnungen. Dass ihm der Wald am Herzen liegt, ist kein Zufall: Als Sohn eines Forstdirektors wuchs er mit dem Blick für forstliche Kreisläufe auf. Seinen scharfen Blick für komplexe Systeme vertiefte er im Studium der Betriebswirtschaftslehre und Geschichte, gefolgt von einer Promotion über das Wirtschaftssystem der Nationalsozialisten. Er arbeitete als Unternehmensberater, wirtschaftspolitischer Referent und lehrte Wirtschaftsgeschichte an der FU Berlin.
Heute gilt er als einer der profiliertesten Köpfe des klassischen Liberalismus im deutschsprachigen Raum. Er lenkt als stellvertretender Vorsitzender die Geschicke des Stiftungsrats der Friedrich A. von Hayek-Stiftung, wirkt als Senior Experte beim Institut für Unternehmerische Freiheit und forscht für das Liberale Institut in Zürich. Zudem gründete er das Liberale Privatseminar und die Autorenplattform Forum Freie Gesellschaft.
Dr. von Prollius ist verheiratet und lebt in Berlin.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe.

Titel: Lebenszeit: Vom Wert der Vergänglichkeit

Autoren: Diane Messner und Reinhold Messner

Verlag: S. Fischer

Verlagslink: https://www.fischerverlage.de/buch/diane-messner-reinhold-messner-lebenszeit-9783103978193

ISBN: ‎ 978-3103978193


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