Die Wikinger: Das Zeitalter des Nordens

Seitdem um 800 n. Chr. die ersten Klöster und Siedlungen von Wikingern überfallen wurden, nehmen die Wikinger einen festen Platz in der europäischen Völkerfolklore ein. Hemmungslose Barbaren die mit  Hörnerhelmen und Äxten gerüstet, auf ihren Drachenbooten die Meere beherrschen, so erscheinen sie in unserer Phantasie.

Ob wir zuerst Mitleid mit ihren christlichen Opfern haben und die Vernichtung von Kulturschätzen bedauern, sie als supermännliche Kriegshelden sehen, ihr seemännisches Können bewundern oder an Kinderabenteuerfilme und –bücher denken. Das sagt mehr über uns selbst, als über die Wikinger  als Projektionsfläche aus.

Je länger Gewalt und Krieg vergangen sind, umso mehr werden sie verklärt. In meiner Stadt wurde ein mongolisches Restaurant nach einem der alptraumhaftesten Kriegsfürsten aller Zeiten, Dschingis Khan, benannt. Sein Motto lautete „Die größte Freude im Leben ist es, seine Feinde erbarmungslos zu schlagen und zu töten, ihre Pferde zu reiten und ihre Frauen und Töchter zu schänden“. Heute geht man dort mit seiner Familie essen und das Personal ist wirklich sehr nett, auch zu Frau und Tochter.

Hielten unsere mitteleuropäischen Vorfahren Wikinger für eine verfluchte Höllenbrut, so ist ihr Ruf mittlerweile überwiegend positiv. Von ihrem Namen inspirierte Markenbezeichnungen werben für Kücheneinrichtungen, Heimwerkergeräte, Fischgerichte und die Football League von Minnesota. Ein digitales Datenübertragungssystem wurde nach einem berühmten Häuptling benannt. Ich bin mit der Zeichentrickserie „Wickie und die starken Männer“ groß geworden, lache seit Jahren über „Hägar den Schrecklichen“ und schätze die Fernsehserie „Vikings“ mit ihrem Anführer Ragnar. In diesem Jahr faszinierte mich die Atlantiküberquerung mit dem Drachenschiff  Draken Harald Hårfagre.

Hagar_Family_Christmas_20061225

Wir assoziieren Wikinger heute mit archaischer Männlichkeit, Abenteuerlust und einer harten, aber herzlichen nordische Lebensart.

Auch mit dem kühlen Abstand, der Historikern des 21. Jahrhunderts leichter fällt, als einem Bauern, dessen Hütte abgefackelt wird, während Frau und Tochter Umschulungen als Sklavinnen entgegensehen, muss man konstatieren, dass die Kultur der Nordmänner extrem gewalttätig war. Piraterie und Krieg bildeten jedoch nicht ihre Hauptbestandteile. Wikinger waren in einer ohnehin gewalttätigen Epoche meist kühl abwägende Opportunisten. Auf unterschiedliche Szenarien reagierten sie mit unterschiedlichen Strategien.

Klöster, in denen friedfertige und unbewaffnete Männer auf reicher Beute saßen, bildeten „weiche Ziele“ und waren unwiderstehlich für nichtchristliche Krieger. Zumindest in der Anfangszeit waren die Nordmänner keine überragenden und gut ausgerüsteten Kämpfer, so dass sie den organisierten Streitkräften der Feudalherren eher auswichen und in starken Handelsmetropolen als Händler auftraten. Bemerkten sie jedoch, dass der militärische Schutz schwand, traten die gleichen Männer (oder ihre großen Brüder) kurz darauf als Piraten bei einem Kommandoangriff in Erscheinung. Schutzgeld nahmen sie ebenfalls gerne entgegen. Und machte ihnen ein Fürst ein Angebot, dass sie nicht ablehnen konnten, kämpften sie auch gegen Invasionstruppen aus der Heimat. Ihr, sich über alle bekannten Küsten erstreckendes Informationsnetz und ihre skrupellose Flexibilität bei der Wahl ihrer Handlungen, sind die eigentlichen Geheimnisse ihres Erfolges.

Gold und Sklaven wurde von den Häuptlingen in die Geschenkökonomie transferiert, womit die Gefolgsleute dazu gebracht wurden, auf ihre Waffen Treue zu schwören. Wer nicht so handelte, verlor seine Anhänger und lief Gefahr, selber ein hilfloses Opfer zu werden. Daraus entstand eine kriegerische Dynamik, die im Laufe der Zeit zu immer weniger und immer größeren Königreichen führte, welche heute noch in Skandinavien Bestand haben.

Die christliche Kultur Mitteleuropas war in dieser verrohten Zeit nur etwas weniger gewalttätig. Insbesondere Konflikte mit Angehörigen anderer Religionen wurden besonders unbarmherzig geführt. Karl der Große führte in meiner ostwestfälischen Heimat einen Vernichtungskrieg gegen die heidnischen Sachsen und ist mit dem „Internationalen Karlspreis zu Aachen“ Namenspatron eines Friedenspreises, über den man einige spöttische Worte verlieren könnte. Unser Bild von dieser Epoche wurde jedoch von schreibenden Mönchen geprägt, da sie Verfasser fast aller, aus dieser Zeit erhaltenen, Texte sind.

In der Hochzeit der Wikinger, von 800 bis 1100, ging Skandinavien einen anderen Weg, als das übrige Europa. Mit ihren großartigen Schiffen unternahmen sie nicht nur Eroberungszüge, sie etablierten auch neue Handelswege, schufen die Keimzelle des russischen Zarenreiches und entdeckten Grönland, Island und Nordamerika. Wikinger eroberten ebenso die Normandie und normannische Adelige später England, Süditalien und Sizilien. Sie dienten als Kaisergarde im byzantinischen Reich, führten den islamischen Kalifaten im großen Stile Sklaven und Pelze zu, zerstörten Städte und Königreiche.

Obwohl sie ihre martialische Männlichkeit betonten, waren die Frauen der Wikinger keine bedeutungslosen Anhängsel. Sie besaßen vergleichsweise viele Rechte und führten, während der Abwesenheit ihrer Männer, das Regiment in Haus und Hof. Auch konnten sie gegen den Willen ihrer Ehemänner die Scheidung verlangen. Alle Aspekte der nordischen Kultur entwickelten sich dabei auf eine eigenständige und oft sehr reizvolle Art, die uns heute noch in ihren Bann zieht.

Im Beitrag über die Schiffe erstaunte mich das Fehlen der Sonnensteine, die zur Navigation genutzt wurden. Ebenso vermisste ich zumindest die Hinweise, dass sich Frauen an den Kriegshandlungen beteiligten. Dies berichteten beispielsweise türkische Chronisten nach einer Schlacht. Zuletzt erfuhr ich, dass ein Großteil der Skulpturen der Griechen und Römer aus Bronze und nicht aus Marmor erschaffen wurden. Uns sind nur sehr wenige der Bronzeskulpturen bekannt, da ein großer Teil in skandinavische Schmelzöfen wanderte. Hier kann es jedoch sein, dass diese wissenschaftliche Erkenntnis neuer als das Buch ist.

Bisher unbekannt und aufregend für mich war der positive Einfluss der Wikingerüberfälle auf die Wirtschaft, so furchtbar sie sich auch auf die Betroffenen auswirkten. Nach dem Untergang des weströmischen Imperiums basierte die Wirtschaft zum großen Teil auf Tauschhandel. Dieses System kann überraschend gut funktionieren, stößt jedoch an seine Grenzen. Zwei Personen können nur tauschen, wenn jeder hat, was der andere benötigt. Edelmetall und somit Münzgeld war ein knappes Gut. Die Bergwerke förderten nur geringe Mengen. Einiges wurde zu Kunstwerken und Reliquien in Klöstern und Kirchen verwandelt. Mit dem, was zu Münzen wurde, kauften Fürsten von Händlern Luxusgüter aus dem Orient, wie Seide, Gewürze oder Schmuck. Bis auf Pelze hatten Europäer den Morgenländern wenig anzubieten. Der Handel mit christlichen Sklaven war Christen verboten. Modern gesprochen litt der Kontinent unter einer negativen Handelsbilanz mit dem Orient. Die europäische Wirtschaft benötigte also eine Edelmetallinjektion und die Wikinger machten diesen Job. Egal, ob sie Gold und Silber durch Räubereien in Europa erbeuteten oder als Fernhändler in Form von arabischen Dirham erwarben, dies war der Impuls, der die europäische Wirtschaft wachsen ließ und ein erstes Fundament für den Wiederaufstieg Europas schuf.

Das Ende der Wikingerzeit kam gegen 1100 durch zwei Faktoren. Die wirtschaftlichen Impulse durch das Gold der Wikinger ließen die europäischen Reiche erstarken und Kaperfahrten zu immer weniger lohnenden Himmelfahrtskommandos werden. Das Christentum war für den Aufbau von großen Gemeinschaften besser geeignet, nicht nur, weil es mit den großen Herrschern der damaligen Zeit verknüpft war und deshalb mehr Prestige hatte. Mit der Christianisierung veränderten sich die sozialen Beziehungen. Der König verwandelte sich zu einem, von Gott eingesetzten, Herrscher. Seine Gefolgsleute wurden, von einer Kriegerelite, zu einer Dienstaristokratie und Gewalt unter Christen als Selbstzweck geächtet. Kriegerische Expeditionen wurden nur noch in die heidnischen Länder Osteuropas, südlich der Ostseeküsten, unternommen. Vordergründig um die Verteidigung zu organisieren, lernten die skandinavischen Könige von der Kirche das administrative Know-how der Steuerverwaltung. Dieses Geld baute den Staatsapparat auf. Dieser Prozess war lang und komplex. Einiges lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Doch am Ende gliederten sie sich in die europäische Gesellschaft ein. Sie waren keine Wikinger mehr und ihre Epoche beendet.

Interessanterweise – und auch das taucht nicht in dem Buch auf – fanden diese Prozesse erst sehr viel später in der isländischen Wikingergesellschaft statt, die sich in ihrer Isolation noch lange auf traditionelle Weise weiterentwickelte*.

Der Professor für mittelalterliche Geschichte an der amerikanischen Yale University, Anders Winroth, hat mit „Die Wikinger: Das Zeitalter des Nordens“ ein absolut faszinierendes und gut lesbares Panorama dieser Kultur in ihrer Zeit vorgelegt. Das schafft er auch dadurch, dass er das Buch schon mit der Schilderung eines Festgelages, in der monumentalen Halle eines Häuptlings, beginnen lässt.

Der Häuptling protzt mit seiner Beute, belohnt seine Männer und sie prassen, trinken und singen, bis sie berauscht schwören, im nächsten Frühling gemeinsam zu kämpfen und noch mehr zu gewinnen. Die Halle war dabei kein beliebiger Nutzraum, sondern ein sakraler Ort. Das Gelage war kein ordinäres Besäufnis, sondern ein Ritus, bei dem Reden gehalten und Trinksprüche ausgebracht wurden. Die Gäste saßen entsprechend nach ihrer Position in der Rangordnung fraktioniert an der Tafel. Es waren keine Söldner oder Soldaten, sondern freie und stolze Männer, die in auf Ehre und Beute beruhenden Freundschafts- oder Abhängigkeitsbeziehungen verwoben waren.

Es sind Szenen, wie diese, welche ein einprägsames Bild von den sozialen Beziehungen und dem Kreislauf der Gewalt, der Gold aus aller Welt nach Skandinavien spülte und die westliche Welt veränderte, vor Augen führen. Vielleicht sogar noch besser als jede wissenschaftliche Beweisführung.

 

*  Islands Kultur inspirierte  den liberalen Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman und seinen radikaleren Sohn David D. Friedman zu spannenden Theorien über eine funktionierende gesellschaftliche Ordnung ohne staatliche Strukturen und Steuern.

 

Anmerkungen

Dem Verlag danke ich für die Genehmigung des Copyrights für das Titelbild.

Autor: Anders Windroth

Übersetzerin: Susanne Held

Verlag: Klett-Cotta

ISBN: 978-3-608-94927-8

Verlagslink: https://www.klett-cotta.de/buch/Geschichte/Die_Wikinger/70078

 

Der Professor an seiner Universität: http://history.yale.edu/people/anders-winroth

Sonnensteine: http://www.welt.de/wissenschaft/article114182428/Forscher-finden-Hinweis-auf-Wikinger-Sonnenstein.html

Wikinger Museum Haithabu in Schleswig-Holstein: http://www.schloss-gottorf.de/haithabu

collage 1

Wikingerschiffmuseum (Vikingskipshuset) in Oslo: http://www.khm.uio.no/besok-oss/vikingskipshuset/

P1010307-313.1+323.2

Atlantiküberquerung mit Drachenschiff: http://www.drakenexpeditionamerica.com/

Fernseh-Serie „Vikings“. Trailer zur 1. Staffel: https://www.youtube.com/watch?v=_L91yGbZVGs

Veranstaltungshinweis: http://www.wikingertage.de/

 

 

 

 

 

3 Kommentare Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s