Der Wanderfalke

von John Alec Baker

  1. November

Ein Wanderfalke segelte im morgendlichen Sonnenschein und bei warmem Südwind über die Niederung. Ich konnte ihn nicht sehen, aber sein Zug durch den Himmel spiegelte sich am Boden im ruhelosen Aufsteigen der Regenpfeifer, dem weisen Strudel der Möwen, den klackernden grauen Wolken der Ringeltauben und Hunderten glänzender Vogelaugen, die nach oben schauten.

Als alles wieder ruhig war, flogen Terzel und Falkin nebeneinander im Tiefflug über die ausgedehnten offenen Flächen. Im Aufwind gleitend, trieben sie Goldregenpfeifer von den Stoppelfeldern. Die Falken hatten dieselbe Färbung wie sie, verschwanden aber bald im gelbbraunen Gesichtskreis der Äcker.

Regenwolken schwollen an und senkten sich über das Land, Wind kam auf, die Konturen schärften sich. Am Furtweg scheuchte ich die Falkin von einer Eiche auf. Sie flog schnell nach Nordosten davon, stieg jenseits des Bachs auf und blieb dann über den Obstgarten. Zumeist rüttelte sie, zeitweilig glitt und kreiste sie auch oder versuchte höher zu steigen, was ihr aber nicht gelang. Langsam driftete sie über den Hügel gen Osten. Unter den Vögeln in den Obstgarten gab es keine Panik, aber viele Finken und Wacholderdrosseln flogen auf und zogen ziellos unter der Falkin hin und her, als könnten sie sich nicht entscheiden, ob sie gegen sie hassen sollten oder nicht. Für die meisten Vogel ist ein rüttelnder Wanderfalke schwer einzuordnen. Sehen sie ihn im schnellen Flug, wissen sie sofort, was zu tun ist, rüttelt er aber über ihnen wie ein Turmfalke, beunruhigt sie das weit weniger. Die einzigen Vögel, die die Gefahr sofort erkennen, sind Rebhühner und Fasane. Beide Arten sind von rüttelnden Wanderfalken am ärgsten bedroht und kauern sich entweder auf den Boden oder rennen in die nächstbeste Deckung. Rüttelnde Turmfalken hingegen ignorieren sie.

Ich ging über die Felder zum südlichen Teil des Weges und schreckte drei Brachvögel auf. Am Einundzwanzigsten waren es noch vier gewesen; möglicherweise hatte seitdem ein Wanderfalke einen von ihnen getötet. Als sie rufend davonflogen, erschien etwa einhundert Meter westlich der Terzel. Flink stiegen Kiebitze in seiner Flugbahn von den Stoppelfeldern auf, doch sie hatten die Stärke des Windes unterschätzt und ihre Flucht kam zu spät. Der Terzel schnellte empor, die hohlen Flügel vom Wind wie Segel aufgebläht. Für einen Moment stand er still in der Luft, dann legte er die Flügel flach an und zischte herab, stieß durch den Wind zum letzten Nachzügler der aufziehenden Gruppe. Der Streifhieb war so schnell vollführt, dass ich ihn gar nicht sah. Ich sah nur, wie der Falke mit seiner Beute im Wind davonflog.

Ein einstündiger Regenguss brachte unter sich den Tag zum Erlöschen. Die Niederung war ein triefender brauner Schwamm, falb verhangen. Sechzehn Stockenten flogen vorüber, und eine Pfeifente pfiff. Noch einmal kam heftiger Regen, und in die hohle Dämmerung ergossen sich die platschenden Rufe der Schnepfen.

 

  1. November

Bei Tagesanbruch zogen Krähen und Möwen über die verregnete Stadt: die Krähen zur Mündung, die Möwen ins Binnenland. Unweit der rauschenden Flut sangen Grauammern in den Garten der Landhäuser. Als es heller wurde, blies leichter Niesel. Watvögel versammelten sich auf dem schrumpfenden Uferstreifen, dunkle Kopfe vor weißer Gischt. Kiebitzregenpfeifer fraßen vornübergebeugt wie Vorstehhunde und lauschten drosselgleich am Boden. Ein vorsichtiger Schritt, ein Schub mit dem Kopf nach vorn und über das Ziel, gespannte Aufmerksamkeit; dann stößt der Schnabel in den Schlick, spießt einen Wurm heraus, schnell und federnd wie ein Fechter. Einige Knutts ruhten. Mit ihren mongolisch anmutenden Augenschlitzen glichen sie schlafenden Schlittenhunden. Fünfzig flogen hinaus über das Wasser, als ich durch klebrigen Schlamm über den Deich stolperte. Graue Vögel im Tiefflug unterm glatten, kieselweisen Horizont und dem hohen grauen Himmel, der bis zur regenbespritzten Gischt und dem gescheuerten Strand hinabreicht, dem schwarz-violetten Tang, den grasgrünen Inseln und den langen, sanft wogenden Wellen.

Sechs Kormorane kauerten auf der Flutlinie wie geschwärzte Baumstümpfe. Weiter im Osten ruhte noch einer, die Flügel ausgestreckt, wie ein Wappentier mit der ganzen Nordsee als Schild. In langen ›V‹-Formationen flogen Ringelgänse vorbei. Das kehlige Glucksen ihrer Unterhaltung war über eine Meile weit zu hören. Ihre langen, schwarzen Reihen kratzten den Himmelsboden entlang.

Auf dem groben Kies flatterten die Flügel der Falkenbeute: eine Pfeifente und sechs Lachmöwen waren alt und verwest, ein Gänsesäger erst seit drei Tagen tot. Es ist erstaunlich, dass Wanderfalken auch Gänsesäger töten, die für den menschlichen Gaumen arg faulig und fischig schmecken. Aber es waren nur noch Flügel, Knochen und Schnabel übrig. Sogar der Schädel war blankgepickt. Dieser schmale Sägeschnabelkopf mit seinem gezackten, prähistorischen Grinsen war zu groß gewesen, um ihn zu schlucken. Eine Falkin beobachtete mich von den Pfählen weit draußen in den Salzwiesen, zusammengekauert und vergrämt saß sie im dunkelnden Regen. Sie flog selten, hatte gefressen und nichts mehr zu tun. Später zog sie landeinwärts.

In der Marsch standen Grünschenkel; alt wirkende Watvogel, graumoosig gezeichnet, neigten sich zum Fressen über ihre dünnen grauen Beine nach vorn. Wo sie nicht grau waren, waren sie weiß; düstere, bleierne Vogel, Phantombilder von Sommergrün, plötzlich hoch im Wind und herrlich anzusehen. Langsamer Regen fiel aus mittelgrauem, hellgrauem Himmel. Ein trügerisches Aufhellen und Aufklaren um elf Uhr verhieß, dass der Regen erst richtig einsetzen würde. Über eine Stunde lang, ehe das Grau alles verdeckte, glänzte das Wasser wie Milch und Perlmutt. Das Meer atmete ruhig wie ein schlafender Hund.

 

***

Pressestimmen zu dem Buch, aus dem die Leseprobe stammt:

Gregor Dotzauer, Tagesspiegel, 06. Dezember2014: »Naturkundliche Prosa von aberwitziger Präzision und Farbigkeit. Ein Klassiker von 1967 – noch nie so gut übersetzt wie hier.«

Nico Bleugte, Süddeutsche Zeitung, 27. November 2014: »Baker verwandelt die Welt aber auch durch seinen eigenen Blick und seine Sprache. Und es zeigt uns, wie nah sich naturwissenschaftliche Betrachtung und die Fragen nach dem tieferen Sinn kommen können.«

Christina Schenk, wdr3, 24. November 2014: »›Der Wanderfalke‹ ist ein Meisterwerk der Naturbeschreibung-und der Hingabe.«

Jan Küveler, Die Welt, 11. August 2014: »Akribisch und wunderschön, wie ein Proust der Naturkunde, erzählt Baker von der Schönheit des Sturzflugs.«

Kirsten Voigt, NZZ am Sonntag, 31. August 2014: »Dass aus einem solchen Stoff beeindruckende 200 Seiten Text werden, liegt am grandiosen sprachlichen Erfindungsreichtum Baker. Es ist kaum fassbar, wie variantenreich er Vögel, ihr Gefieder, ihre Augen, ihr Verhalten, Flugrouten, Witterungsbedingungen, Lichtstimmungen, Flora und Landschaft zu schildern vermag.«

Werner Herzog:»Die schönste Prosa, die ich gelesen habe.«

Marcel Beyer: »Was für ein Geschenk haben Sie mir mit J. A. Bakers „Der Wanderfalke“ gemacht! Was für eine Sprache! Wie kann ein Mensch so gut schreiben. Wie können zwei Menschen so gut übersetzen. Unfaßbar wie der Wanderfalke selbst ist das.«
 

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.
der-wanderfalke-j-a-baker

Titel: Der Wanderfalke

Originaltitel: The Peregrine

Autor: John Alec Baker

Übersetzung: Andreas Jandl, Frank Sievers

Verlag: Matthes & Seitz Berlin; Auflage: 1 (25. März 2014)

Herausgeberin: Judith Schalansky

ISBN: 978-3-88221-393-5

Verlagslink: http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/der-wanderfalke.html

 

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Für das Foto bedanke ich mich bei dem Fotografen und Falkner Frank Seifert.

 Bildquelle: Frank Seifert www.franksfotografie.de

 

 

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