Wie ist es, ein Falke zu sein?

von Helen Macdonald

Zu behaupten, die Lebenswelt eines anderen Menschen zu verstehen, ist philosophisch fragwürdig; bei einem anderen Tier erscheint der Versuch gar absurd – ist aber zweifelsohne sehr reizvoll. In unserem allgemein unhinterfragten Anthropomorphismus meinen wir Menschen, die Welt, die der Falke erlebt, müsse ganz ähnlich wie unsere sein, nur das er sie eben intensiver wahrnehme. Dagegen weisen viele Indizien und Belege darauf hin, dass sich die Sinneswelt des Falken von der unseren ebenso stark unterscheidet wie die einer Fledermaus oder einer Hummel. Dank seines extrem schnellen Sinnes- und Nervensystems ist er viel reaktionsfähiger. Seine Welt bewegt sich etwa zehnmal so schnell wie unsere, so dass Ereignisse, die wir nur verschwommen wahrnehmen – zum Beispiel eine Libelle, die vor unseren Augen vorüberzischt -, für ihn viel langsamer vor sich gehen. Unser Gehirn kann maximal zwanzig Ereignisse pro Sekunde verarbeiten, beim Falken sind es siebzig bis achtzig; umgekehrt erkennt er auf einem Fernsehbildschirm, der fünfundzwanzig Bilder pro Sekunde zeigt, keine Bewegtbilder. Da der Falke im Vergleich zu uns mehr Dinge sehen kann, die zeitlich näher beieinander liegen, ist er beispielsweise in der Lage, bei voller Fluggeschwindigkeit den Fuß auszustrecken und sich aus der Luft einen Vogel oder eine Libelle zu greifen.

Wenn ein Falke seinen Blick auf einen Gegenstand gerichtet hat, nickt er typischerweise einige Male mit dem Kopf. Mithilfe dieser sogenannten Bewegungsparallaxe ermittelt er dessen Größe und Entfernung. Seine Sehschärfe ist dabei erstaunlich. Ein Turmfalke kann ein zwei Millimeter großes insekt auf eine Entfernung von achtzehn Metern erkennen. Wie ist das möglich? Zum einen dank der Augengröße: Seine Augen sind so riesig, dass die Außenwände der Augäpfel in der Schädelmitte gegeneinander drücken. In der Netzhaut befinden sich keinerlei Blutgefäße, wodurch Schatten und Lichtstreuung minimiert werden – ihr Nährstoffe erhalten die Nerenzellen der Retina aus einem langkettigen, eingefalteten Polysaccharid, dem sogenannten Pektin.
(…)
Aber Falken sehen nicht nur besser  und klarer als Menschen, sie sehen die Dinge auch anders. Man nimmt an, dass sie polarisiertes Licht sehen können, was bei bewölktem Himmel von Vorteil ist. Und sie sehen Ultraviolett. Alles in allem ist die Erscheinungswelt des Falken von der menschlichen grundverschieden. Wir besitzen drei verschiedene Farbrezeptoren, für Rot, Grün und Blau – alles, was wir sehen, ist aus diesen drei Farben zusammengesetzt. Falken und andere Vögel aber haben vier. Unser Farbensehen ist dreidimensional, ihres vierdimensional. Das ist nicht ganz leicht zu begreifen. Laut Dr. Andy Bennet, der über das Sehen bei Vögeln forscht, unterscheiden sich Mensch und Vogel in ihrem Sehvermögen ungefähr wie ein Schwarz-Weiß- und ein Farbfernseher. Rein funktional gesprochen, könnte man sagen: Ein Falke besteht aus einem Augenpaar, das in einem kampfstarken, technisch hochgerüsteten Flugwerk steckt. …

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KRAUTJUNKER-Kommentar:

Dies ist der gekürzte Anfang eines Unterkapitels aus dem Buch Falke – Biographie eines Räubers. Der Text in dem Buch geht noch weiter. Es wird die sinnreiche Konstruktion des Falkenschnabels beschrieben, dann die Unterschiede in der Fußgröße bei verschiedenen Falken, welche sich aus den unterschiedlichen Beutetieren zu Lande und in der Luft erklären. Zum Schluss das Faszinierndste: das extrem leichte Skelett welches in Kombination mit der enorm leistungsfähigen Muskulatur Falken zu den schnellsten Lebewesen macht, die jemals auf diese Welt gelebt haben.

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Hier die Verlagsinformation zum Buch, meine Rezension folgt später:

Falken sind die schnellsten Tiere der Erde. Sie sind von einer erregenden Schönheit und strahlen eine natürliche, gefährliche Erhabenheit aus. Helen Macdonald, Autorin des preisgekrönten Bestsellers H wie Habicht, erkundet in ihrem brillant geschriebenen Buch die ganze Welt dieser Räuber, die die Menschheit seit Tausenden von Jahren magisch angezogen haben.
In einer virtuosen Verbindung von Natur- und Kulturgeschichte schildert Helen Macdonald das Eigenleben der Falken ebenso wie unser Leben mit ihnen. Wie die Welt für einen Falken aussieht, wie der Vogel seine ehrfurchtgebietende Geschwindigkeit erreicht und seine Beute schlägt, stellt Macdonald so lebhaft und plastisch dar wie die Fantasien, welche die Menschen mit den Falken verknüpft, und den Nutzen, den sie aus ihnen gezogen haben. Falken wurden als Götter verehrt und zur Jagd abgerichtet, von Dichtern besungen und zur Spionage eingesetzt, sie dienten als erotische Symbole und für militärische Zwecke. Helen Macdonald führt einfühlsam und eindrucksvoll vor Augen, wie Falken dem Menschen seit Urzeiten als Gefährten gedient haben und trotzdem immer undurchdringlich fremde Wesen geblieben sind.

Helen Macdonald ist Schriftstellerin, Naturforscherin, Historikerin und Illustratorin. Sie forscht am Institut für Geschichte und Philosophie der Naturwissenschaften an der University of Cambridge. Zuvor hat sie u. a. als professionelle Falknerin gearbeitet und Jagdfalken gezüchtet. Für ihren internationalen Bestseller H wie Habicht (Rezension siehe Anmerkungen) erhielt sie u.a. den Samuel Johnson Prizek, den angesehensten Preis für Sachbücher in Großbritannien sowie den Costa Award für das beste Buch des Jahres.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

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Falke - Biographie eines Räubers

Titel: Falke – Biographie eines Räubers

Autorin: Helen Mcdonald

Übersetzer: Frank Sievers

Verlag: C.H.Beck; Auflage: 1 (16. März 2017)

ISBN: 978-3-406-70574-8

Verlagslink: http://www.chbeck.de/Macdonald-Falke/productview.aspx?product=17634371

Leseprobe des Verlages: http://www.chbeck.de/fachbuch/zusatzinfos/df.pdf

Titelbild: Das Buch ist reich in Schwarz-Weiß illustriert, aber da der Verlag die Bildrechte nicht freigeben konnte, ist das Titelbild nicht aus dem Buch. Für das Foto bedanke ich mich bei dem Fotografen und Falkner Frank Seifert.
Bildquelle: Frank Seifert www.franksfotografie.de

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KRAUTJUNKER-Rezension von H wie Habicht und mehr über Greifvögel:

https://krautjunker.com/2016/06/13/h-wie-habicht-helen-mcdonald/

https://krautjunker.com/2017/02/12/der-adler-eine-verbindung-fuers-leben/

https://krautjunker.com/2016/12/10/der-wanderfalke/

 

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