Jagd und Glück

von José Ortega y Gasset

Das Leben, das uns gegeben ist, ist auf die Minute bemessen und außerdem ist es uns leer gegeben. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen es auf unsere eigene Rechnung ausfüllen oder anders gesagt, wir müssen es auf diese oder jene Weise „okkupieren“, d.h. durch unsere Beschäftigungen in Besitz nehmen. So beruht also die Substanz eines jeden Lebens auf seinen Beschäftigungen. Dem Tiere ist nicht nur das Leben gegeben, sondern auch das unveränderliche Repetitorium seines Verhaltens. Ohne sein eigenes Dazutun haben seine Instinkte schon entschieden, was es tun und lassen muss. Deshalb kann man vom Tier nicht sagen, es beschäftige sich mit mit diesem oder jenem. Sein Leben war nie leer, unbestimmt. Aber der Mensch ist ein Tier, welches das System seiner Instinkte verloren hat oder, was dasselbe heißt, welches davon nur noch verkrüppelte Überreste bewahrt hat, die nicht mehr fähig sind, ihm einen Plan für sein Verhalten aufzuerlegen. Wenn er gewahr wird, dass er existiert, befindet er sich vor einer erschreckenden Leere. Er weiß nicht, was er tun soll, er muss sich sein Tun und seine Beschäftigungen selbst erfinden. Hätte er unbeschränkte Zeit vor sich, so würde das nicht viel bedeuten: er könnte immer tun, was ihm gerade einfiele, und so nacheinander alle nur erdenklichen Beschäftigungen ausprobieren. Aber das ist es ja! Das Leben ist kurz und rängt; es besteht vor allem aus Eile, und es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich ein bestimmtes Daseinsprogramm auszuwählen und alle übrigen auszuschließen, man muss darauf verzichten, das eine zu sein, um das andere sein zu können, kurz, man muss gewisse Beschäftigungen den übrigen vorziehen. Die Tatsache, dass unsere Sprachen für Beschäftigung und Besetzung  dasselbe Worte gebrauchen (Anmerkung: im Spanischen), zeigt, dass die Menschen von Alters her, vielleicht von Anfang an, das Leben als einen Zeit-„raum“ sahen, den unsere Taten ausfüllen, die sich ebenso wie die Körper gegenseitig nicht durchdringen können.

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Mit dem Leben ist uns natürlich eine große Reihe von unumgänglichen Notwendigkeiten auferlegt, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, wenn wir nicht unterliegen wollen. Aber die Mittel und Wege, ihnen gerecht zu werden, sind uns nicht auferlegt worden, so dass wir uns selbst in diesem Bereich des Unabänderlichen das Repertorium unserer Handlungen erfinden müssen, und zwar jeder Einzelne für sich oder durch Übernahme von Gebräuchen und Überlieferungen. Noch mehr: inwieweit sind diese sogenannten Lebensnotwendigkeiten streng genommen wirklich solche? Sie werden uns auferlegt in dem Maße, wie wir fortleben wollen, und wir werden nicht fortleben wollen, wenn wir für unser Dasein nicht einen Sinn erfinden, einen Reiz, einen Geschmack, den es an sich nicht hat. Deshalb sagte ich vorhin, es sei uns leer gegeben. Das Leben ist an und für sich ausdruckslos, weil es nur ein einfaches „da sein“ ist. Dieses Dasein wird aber für den Menschen zu einer dichterischen Aufgabe gleich der eines Dramaturgen oder Novellisten: seinem Dasein einen Inhalt zu ersinnen und ihm eine Gestalt zu geben, die es irgendwie anregend und begehrenswert macht.

Nun ist aber für fast alle Menschen der größte Teil des Lebens mit erzwungenen Beschäftigungen ausgefüllt, mit Tätigkeiten, die sie nach ihrem eigenen Geschmack nicht ausüben würden. Da dieser Zustand so alt und andauernd ist, würde es eigentlich natürlich erscheinen, dass es dem Menschen gelungen wäre, sich daran zu gewöhnen und ihn infolgedessen reizvoll zu finden. Aber es sieht nicht so aus, als ob er dies erreichen sollte. Wenn uns auch die fortwährende Belästigung etwas unempfindlich gemacht hat, so erscheinen uns jene durch die Not auferlegten Beschäftigungen doch immer noch recht mühsam. Sie belasten unser Dasein, bedrücken und zerreiben es. Deshalb nennen wir sie Arbeiten, trabajos, ein Wort, das ursprünglich eine schreckliche Tortur bezeichnete (trepalitum). Was uns aber bei der Arbeit am meisten quält, ist, dass sie dadurch, dass sie die Zeit unseres Lebens ausfüllt, uns diese zu nehmen scheint, oder anders ausgedrückt, dass das Leben, das wir auf die Arbeit verwenden, uns nicht wahrhaft unser Leben zu sein scheint, so wie es sein sollte, sondern im Gegenteil die Vernichtung unseres wirklichen Daseins. Mit sekündären Überlegungen, die versuchen, die Arbeit in unseren Augen zu adeln und ihr eine Art Heiligenlegende anzudichten, wollen wir uns zwar ein wenig Mut einflößen; aber der unbestechliche Grund, der stets in unserem Inneren lebendig ist, protestiert immer wieder und bestätigt den schrecklichen Fluch der Genesis. Daher rührt es auch, dass das Wort Beschäftigung für uns häufig einen so schlechten Klang hat. Wenn uns jemand sagt, er sei sehr „beschäftigt“, so gibt er uns damit gewöhnlich zu verstehen, dass er sein wahres Leben ausgeschaltet hat, als hätten fremde Wirklichkeiten diesen Bereich eingenommen und das Leben verdrängt. Das geht so weit, dass der Arbeitende in der mehr oder weniger vagen Hoffnung arbeitet, sich eines Tages die Befreiung seines Lebens zu verdienen, einmal mit der Arbeit aufhören zu können und … anzufangen wahrhaft zu leben.

Das zeigt, dass der Mensch, der in seine Arbeiten und seine unumgänglichen Beschäftigungen peinvoll versunken ist, mit Hilfe seiner Phantasie, weit entfernt von ihnen, ein anderes Lebensbild entwirft, das aus ganz anderen Beschäftigungen besteht, bei denen er seine Zeit nicht zu verlieren, sondern im Gegenteil zu gewinnen vermeint, in dem er sie zu seiner Zufriedenheit und nach seinem Geschmack ausfüllt. Gegenüber dem Leben, das sich selbst vernichtet und verfehlt – dem Leben als Arbeit -, entwirft er das Programm eines Lebens, das sich selbst gewinnt – das Leben als Freude und Glück. Während die unumgänglichen Beschäftigungen als fremde Belastungen erscheinen, fühlen wir uns zu jenen anderen wie von einer inneren Stimme gerufen, die aus geheimen ud tiefen Windungen in unserem verborgenen Sein nach ihnen verlangt. Diese äußerst seltsame Erscheinung, dass wir uns selbst rufen, um gewisse Dinge zu tun, ist die „Berufung“.

Es gibt eine allgemeine Berufung, die allen Menschen gemeinsam ist. In der Tat fühlt sich jeder Mensch dazu berufen, glücklich zu sein, aber in jedem Individuum nimmt dieser unklare Ruf eine mehr oder weniger einmalige Form an, unter der ihm das Glück erscheint. Glück ist das Leben, das Beschäftigungen gewidmet ist, zu denen der Mensch eine besondere Berufung besitzt. Diesen Beschäftigungen hingegeben, vermisst er nichts;  die Gegenwart füllt ihn ganz aus; er ist frei von Wunsch und Sehnsucht. Die mit der Arbeit verbundenen Tätigkeiten üben wir nicht um ihrer selbst willen aus, sondern wegen des Ergebnisses, das sie zeitigen; den Beschäftigungen der Berufung dagegen geben wir uns hin, weil wir an ihnen selbst Gefallen finden, ohne dass uns ihr Erfolg letztlich interessierte. Deshalb wünschen wir, sie möchten niemals aufhören. Wir möchten sie ewig dauernd, endlos machen. Und wahrhaftig, wenn wir in eine glückliche Beschäftigung versunken sind, so empfinden wir einen flüchtigen Vorgeschmack der Ewigkeit.

So stehen also die Menschen zwei ganz verschiedenen Gruppen von Beschäftigungen gegenüber: den mühsamen und den glücklichen. Es ist rührend und bedrückend zu sehen, wie in jedem Menschen beide miteinander kämpfen. Die Arbeiten rauben uns die Zeit, glücklich zu sein, und die Freuden nagen, soviel sie können, von der Zeit ab, die die Arbeit verlangt. Sobald der Mensch einen Spalt oder Riss in dem Dickicht seiner Arbeit entdeckt, schlüpft er hindurch, um seine glückbringenden Tätigkeiten auszuüben.
An diesem Punkt stellt sich uns aber, mit allen geradezu weiblichen Reizen, mit denen sich die großen Probleme zu umgeben verstehen, folgende Frage entgegen: Welches Bild eines glücklichen Daseins hat sich der Mensch gemacht, wenn es ihm die Umstände erlaubten? Und angenommen, ihre Zahl sei groß, ja unermesslich gewesen, hat es nicht irgendwelche gegeben, die deutlich hervortraten? Es ist dies von größter Bedeutung, denn in den glückhaften Beschäftigungen verrät sich, wie ich wiederhole, die Berufung des Menschen. Zu unserer Überraschung und Entrüstung stellen wir jedoch fest, dass man diesem Thema noch nie nachgegangen ist. Es fehlt, so unglaublich es scheint, vollkommen eine Geschichte der Vorstellung, die sich die Menschen vom Glück gebildet haben.

Lassen wir die außergewöhnlichen Berufungen beiseite, so stoßen wir auf die erstaunliche Tatsache, dass, während die unumgänglichen Beschäftigungen radikalen Wandlungen unterworfen waren, das Programm des glücklichen Lebens im Laufe der menschlichen Entwicklung kaum eine Änderung erfahren hat. Wir sehen, dass die Menschen, sobald ihnen in ihren Arbeiten eine Atempause beschieden war, sich immer und überall eilig, eifrig und begeistert daran machten, ein und dasselbe beschränkte Repertorium glückbringender Tätigkeiten auszuüben. Die Sache ist, ich sage es noch einmal, zwar äußerst seltsam, aber im Wesentlich erscheint sie mir nicht zweifelhaft. Um sich davon zu überzeugen, genügt es, etwas methodisch vorzugehen und damit zu beginnen, die Beweismittel abzugrenzen. Welche Klasse von Menschen ist am wenigsten von Arbeiten bedrückt worden und hat am ehesten Spielraum gehabt, glücklich zu sein? Offenbar die Aristokratie. Natürlich hatten auch die Aristokraten ihre Arbeiten, häufig sogar die allerhärteste: Krieg, Verantwortlichkeit für die Regierung, Sorge um den eigenen Reichtum. Nur die degenerierten Aristokraten haben aufgehört zu arbeiten, aber die vollkommene Muße dauerte nicht lange, denn die degenerierten Aristokratien wurden schnell hinweggefegt. Aber die Arbeit des Aristokraten, die eher einer „Bemühung“ glich, war so, dass sie dem Einzelnen einen großen Teil seines Lebens frei ließ. Und darum handelt es sich ja hier: Was tut der Mensch, wenn und solange er frei ist, das zu tun, wozu er Lust hat? Nun dieser weithin befreite Mensch, dieser aristokratische Mensch, hat immer dasselbe getan: Er ist viel geritten oder hat in körperlichen Übungen gewetteifert, er hat Feste gefeiert, in deren Mittelpunkt meist der Tanz stand, und die Unterhaltung gepflegt. Aber vor allem und über all dies und mit größerer Beständigkeit … hat er gejagt. Wenn wir also nicht utopische Vermutungen ausspinnen, sondern uns an die Tatsachen halten, dann entdecken wir, ob wir wollen oder nicht, zu unserer Freude oder unserem Ärger, dass die glückhafte Beschäftigung, die der normale Mensch am meisten geschätzt hat, die Jagd war. Das Jagen war die Lieblingsbeschäftigung der Knige und der Edelleute. Aber auch die übrigen sozialen Klassen haben dasselbe getan oder tun wollen und dies in solchem Maße, dass man die glückhaften Beschäftigungen des normalen Menschen fast in die vier Kategorien zusammenfassen kann: Jagd, Tanz, Reiten und Unterhaltung. Man unterbreche den breiten und anhaltenden Fluss der Geschichte, wo man wolle, und man wird sehen, dass auch der Bürger und der Arme aus der Jagd ihre glücklichste Beschäftigung zu machen pflegten. Niemand stellt das mittlere Niveau zwischen dem spanischen Adel und dem Bürgertum des ausgehenden 16. Jahrhunderts besser dar als der Ritter des Grünen Mantels. In seinem Lebensprogramm, das Don Quijote formell niederlegt, stellt dieser vor allem fest, dass „Jagd und Fischfang sein Zeitvertrieb“ ist. Da er schon ein Fünfziger ist, ist seine Jagd nicht so verwegen wie die des Grafen Yebes. Er verzichtet auf Windhund und Falken; das zahme Rebhuhn und das dreiste Frettchen genügen ihm. Es ist dies die am wenigsten rühmliche Jagdart, und man versteht, dass Don Quijote kurz darauf in einer Anwandlung von Ungeduld, die seiner gewöhnlichen Höflichkeit widerspricht, die beiden Tierchen schmäht im Vergleich mit dem gewaltigen marokkanischen Löwen, den Fortuna der Gefräßigkeit seines Heldentums vorwirft.

Einer der wenigen Textge über die Kunst der Jagd, die uns aus dem Altertum überliefert sind, ist der Cynegeticus von Arrian, dem großen Geschichtsschreiber Alexanders, einem Griechen, der zur Zeit von Antoninus Pius und Mark Aurel lebte. In diesem Buch beschreibt Arrian die Jagden der Kelten, und mit überraschender Ausführlichkeit untersucht er im Einzelnen die Art des Jagens bei den Mächtigen, bei den Menschen mittleren Standes und bei den Armen (Kapitel 19 und 20). Das heißt also, dass Jedermann jagte, und zwar aus Liebhaberei, in einer primitiven Kultur, die ungefähr der ersten Eisenzeit entspricht.

Der schlagendste Beweis für die Verbreitung der Jagdlust in der ganzen Geschichte liegt jedoch in der entgegengesetzten Tatsache, nämlich, dass man sehr häufig im Laufe der Jahrhunderte nicht Jedermann jagen ließ, sondern aus dieser Betätigung ein Vorrecht gemacht hat, eines der charakteristischsten Vorrechte der Mächtigen. Gerade weil fast alle Menschen jagen wollten und in dieser Tätigkeit eine Glücksmöglichkeit sahen, musste man ihre Ausübung einschränken; sonst hätte es bald keine Jagd mehr gegeben, und weder die Vielen noch die Wenigen hätten auf diesem Wege ihr Glück gefunden. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Jagd schon in der jüngeren Steinzeit gewisse Züge eines Vorrechts angenommen hat. Der Mensch dieser Epoche, der schon den Boden bebaut, der Tiere gezähmt hat und aufzieht, braucht sicht nicht wie sein Vorfahr aus der Altsteinzeit vorwiegend von der Jagd zu ernähren. Nachdem sie ihren Charakter als Lebensnotwendigkeit verloren hat, wird die Jagd zum Sport erhoben. Der Mensch der jüngeren Steinzeit ist schon reich, und das bedeutet, dass er in echten Gesellschaften lebt, also in klassenmäßig geschichteten Gesellschaften mit ihrem unvermeidlichen  „oben“ und „unten“. Schwerlich wird die Jagd nicht auf die eine oder andere Art eingeschränkt gewesen sein.

Durch den Hinweis, dass der Jagdsport fast allgemein den Charakter eines Vorrechts gehabt hat, wird offenbar, wie sehr die Jagd nicht nur ein Spaß ist, sondern eine zwar vielleicht seltsame, aber doch tief und dauernd im Wesen des Menschen begründete Begierde. Darum ist es auch, als hätten wir einen empflindlichen Nerv gereizt. Von überall, das heißt von allen revolutionären Zonen der Geschichte, bricht der wilde Hass der unteren Klassen gegen die oberen hervor, weil diese die Jagd beschränkt hatten. Dies zeugt von dem gewaltigen Drang zu jagen, die die unteren verspürten. Eine der Ursachen der Französischen Revolution war der Groll der Bauern, weil man sie nicht jagen ließ; aus diesem Grunde war dies auch eines der ersten Vorrechte, auf das die Adligen verzichten mussten. Bei jeder Revolution war es immer das erste, dass das „Volk“ über die Einfriedungen der Gehege sprang oder sie niederriss und im Namen der sozialen Gerechtigkeit den Hasen und das Rebhuhn verfolgte. Und das, nachdem die revolutionären Zeitungen jahrelang in ihren Leitartikeln die Aristokraten angegriffen hatten, weil sie so frivol seien und … jagten.

Um 1938 veröffentlichte Jules Romains, der streitbare Volksfrontschriftsteller, einen Artikel, in dem er seinem Ärger über die Arbeiter Ausdruck gab, weil diese ihre vielen Mußestunden, über die sie nach der Verkürzung der Arbeitszeit verfügten, zu nichts anderem zu verwenden wussten als zu der kümmerlichsten Form der Jagd: dem Angeln, der Lieblingsbeschäftigung des guten französischen Bürgers. Der missgestimmte Schriftsteller ärgerte sich mit Fug und Recht darüber, dass man eine ernste Revolution machte und offensichtlich nicht mehr dabei erreichte als eine Vermehrung der Zahl der Angler.

Der tief eingewurzelte Groll der Männer aus dem Volk gegen das Vorrecht der Jagd ist also weder ein Zufall noch bloße umstürzlerische Anmaßung. Sie ist vollkommen gerechtfertigt: sie bekunden damit, dass sie Menschen sind wie die Aristokraten, und dass die Berufung, die glückbringende Illusion der Jagd bei allen Menschen normal ist. Ein Irrtum ist es zu glauben, dieses Vorrecht verdanke seinen Ursprung der Willkür, es sei reine Ungerechtigkeit und Missbrauch der Macht. Nein, wir werden bald sehen, warum die Jagd – nicht nur die Jagd als Sport und die Jagd als Luxus, sondern jegliche Jagd, welcher Art sie auch sei – ihrem Wesen nach Begrenzung und Vorrecht erfordert.
Man disputiere und streite, soviel man wolle, darum, wer die Priviligierten sein sollen, aber man behaupte nicht, das Quadrat sei rund und die Jagd sei kein Privileg. Es geht hier ebenso wie bei vielen anderen Dingen: seit zwei Jahrhunderten kämpft man in der abendländischen Menschheit darum, dass es keine Vorrechte mehr gebe. Das ist eine Dummheit, denn auf gewissen Gebieten ist das Vorrecht unvermeidlich und nicht vom menschlichen Willen abhängig. Es ist zu hoffen, dass das Abendland die nächsten zwei Jahrhunderte darauf verwendet – denn mit einer Pause ist bei seiner angeborenen Kampfeslust nicht zu rechnen – für etwas weniger Dummes, etwas Erreichbares und Ungeniales zu kämpfen, etwa für eine bessere Auswahl der Privilegierten.

In den Zeiten umgekehrten Vorzeichens, den nicht revolutionären, die sich unter Vermeidung aller unaufrichtigen Utopie an die Dinge halten, wie sie sind, war die Jagd nicht nur ein allgemein respektiertes Vorrecht, die unteren Schichten forderten vielmehr von den oberen ihre Ausübung, denn sie sahen in der Jagd, besonders in ihren höheren Formen – Hohe Jagd, Jagd mit dem Falken und Treibjagd auf große Raubtiere – eine strenge Disziplin und eine Gelegenheit, Mut, Kraft und Gewandtheit zu beweisen, welches die Attribute des wirklichen Mächtigen sind. Als einmal der persische Thron von dem Erbprinzen bestiegen wurde, der seit seiner Kindheit in Rom lebte und dort erzogen wurde, zwang man diesen bald zur Abdankung, da die Perser keinen Herrscher anerkennen konnten, dem an der Jagd nichts gelegen war, so traditionell war diese Beschäftigung bei den iranischen Herren und so eng mit ihrem Rang verbunden. Der Jüngling hatte sich offenbar der Literatur ergeben und galt als hoffnungslos.

Die Jagd hat wie jede menschliche Beschäftigung verschiedene Stufen: was sie in ihrer erhabendsten Form ist, kann man aus dem Buche des Grafen Yebes vielleicht besser als aus jedem anderen Werke entnehmen. Wie wenig bleibt bei einer solchen Art, die Jagd auszuüben von dem übrig, was zu Bezeichnungen wie Zerstreuung, Vergnügen, Unterhaltung Anlass gegeben hat! Das Jagen ist auf diese Weise ein hartes Unterfangen, das viel vom Menschen verlangt: Man muss sich in ständiger Übung halten, äußerste Müdigkeit ertragen und Gefahren auf sich nehmen. Es birgt eine ganze Moral in sich, und zwar von der hervorragendsten Art. Denn der Jäger, der sich die sportliche Moral zu eigen macht, fügt sich ihrem Gebot in der größten Einsamkeit, ohne andere Zeugen und anderes Publikum als die Gebirgszacken, die wandernde Wolke, die düstere Eiche, den zitternden Sadebaum und das flüchtige Tier. So ist das Jagen mit der Ordensregel der Mönche und der militärischen Dienstordnung auf eine Stufe zu stellen. Als ich es als eine Form des Glücks darstellte, was es ja auch ist, habe ich deshalb vermieden, es als Vergnügen zu bezeichnen. Zweifellos ist in jedem Glück Vergnügen, aber das Vergnügen ist das Wenigste am Glück. Das Vergnügen ist ein passiver Vorgang, und es empfiehlt sich, auf Aristoteles zurückzugehen, für den es evident war, dass das Glück immer in einem Tun bestand, in einer Energie und in einer Anstrengung. Dass diese Anstrengung dem, der sie leistet, ein Vergnügen bereitet, ist nur eine Zugabe und, wenn man will, einer der Bestandteile, die die Situation ausmachen. Aber neben den Vergnügen, die sich aus der Jagd ergeben, gibt es zahllose Mühsale. Warum nimmt man den Topf nur bei jenem Henkel und nicht bei diesem? In Wahrheit ist weder das eine noch das andere wichtig bei der Jagd und das, was sie reizvoll macht, sondern die Tätigkeit selbst, in der sie besteht.

Die glücklichen Bestätigungen sind also, das sei festgestellt, nicht nur Vergnügen, es sind Anstrengungen, und Anstrengung ist jeder wahre Sport. Man kann also nicht die Arbeit vom Sport durch ein Mehr oder Weniger von Mühen unterscheiden. Der Unterschied liegt vielmehr darin, dass der Sport eine Anstrengung ist, der man sich in völliger Freiheit unterzieht, aus reiner Freude an der Sache, während die Arbeit eine Anstrengung ist, die man im Hinblick auf ihr Ergebnis leistet.

 

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Dies ist das erste Kapitel aus dem unten vorgestellten Buchklassiker. Leider vergriffen, aber antiquarisch erhältlich und hoffentlich bald als E-Book im Handel.
Sofern man sich mit der Jagd beschäftigt und nicht gerade zu den Personen gehört, die beim Lesen die Lippen bewegen müssen, sollte man es gelesen haben. Ich hab erst versucht, den Text kürzer zu machen, kam mir dabei aber wie ein Banause vor, der aus einem antiken griechischen Säulen entfernt.

 

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KRAUTJUNKERAnmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

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Titel: Meditationen über die Jagd

Autor: José Ortega y Gasset

Verlag: Dürckheim Verlag München  http://xn--drckheim-65a.de/index.html

ISBN-13: 978-3935078696

Fotoquelle Titelbild: FRANKEN & Cie verfügbar unter www.halalico.com

Übersetzer der Originalausgabe von 1944: Gerhard Lepiorz

Die Textrechte erteilte mir dankenswerterweise Constantin von Dürckheim, die Bildrechte Alexander Prinz von Schönburg-Hartenstein.

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