Der Ruf der Stille – Die Geschichte eines Mannes, der 27 Jahre in den Wäldern verschwand

Buchvorstellung von Martin D. Wind

„Eine wahre Geschichte über ein Leben in der Natur, in absoluter Einsamkeit und Stille.“ Mit diesen verheißungsvollen Worten bewirbt der Verlag Wilhelm Goldmann aus München auf der Rückseite des Schutzeinschlages die deutsche Ausgabe eines Buches des amerikanischen Publizisten Michael Finkel. Finkel hatte es sich, nach Angaben des Verlages, zur Aufgabe gemacht, „das außergewöhnliche Leben des Chris Knight zu dokumentieren“. Unter dem Titel „Ruf der Stille“ beschreibt Knight auf 241 Seiten seine persönlichen Beobachtungen und Gespräche mit Christopher Knight, der im Sommer 1986 in den Wäldern des US-Bundesstaates Main verschwand und erst 27 Jahre später gezwungenermaßen wieder in die menschliche Gesellschaft zurückkehren musste: Er war bei einem Einbruch auf frischer Tat ertappt und festgenommen worden.

Für Naturliebhaber sind der Titel und die Inhaltsskizze des Verlages sicher ein Kaufanreiz. Leider werden Erwartungen an echte Naturbeschreibungen, an Schilderungen eines Überlebens in und mit der Natur oder auch die Schilderung der Stille vom Inhalt nicht erfüllt. Zugegeben: Das sind Erwartungen, die man als Käufer haben kann, wenn man das Buch zum ersten Mal in der Hand hält. Aber gleich auf den ersten Seiten wird geschildert, wie Chris Knight in ein Feriencamp einbricht und dabei verhaftet wird. Es stellt sich heraus, dass er alles, was er zum Überleben brauchte durch Einbrüchen organisiert hatte. Er brach bevorzugt in Ferienhäuser und Blockhütten ein und nahm von dort alles mit, was er für ein Leben in der „Wildnis“ benötigte: Lebensmittel aller Art, Gasflaschen, Gaskocher, Planen, Uhren, Batterien – von kleinen für die Taschenlampe bis hin zu Autobatterien für den Betrieb eines gestohlenen Fernsehers – Bücher, Zeitungen und Zeitschriften oder auch kleine Taschencomputerspiele.

Von der Natur und von Stille ist da wenig die Rede. Vielmehr spürt man bald, dass es dem Autor um eine Annäherung an ein Phänomen geht, das für ihn nicht fassbar ist: Wie kann ein Mensch 27 Jahre lang alleine und ohne wirklichen Kontakt zu leibhaftigen Menschen als einsamer Aussteiger leben? Man kann Finkel nicht vorwerfen, dass er sich nicht kundig gemacht habe. Alleine der Anhang mit seiner Aufzählung vielfältiger Quellen, ausgewiesener psychologischer Fachleute, die Darstellung der Annäherung an das Eremitenwesen oder auch die Befragung vieler Menschen, die Knight vor seinem Ausbruch aus der Gesellschaft kannten, füllt noch einmal zehn Seiten.

Und das ist dann der eigentliche Inhalt des Buches. Es ist der Versuch, das für einen „normal“ sozialisierten Menschen, der Teil der Gesellschaft ist, mit Frau und Kindern, unfassbar freie und unkonventionelle Leben nach (begrenzt) eigenen Regeln und ohne Kontakt zu Mitmenschen geführte Leben zu erfassen. Man spürt förmlich den Wunsch, diesen Außenseiter endlich zu verstehen, seine Beweggründe zu durchforsten und ihn letztlich dann doch kategorisieren zu können. Immerhin ist die Selbstbeherrschung des Autors so groß, dass er nicht in diese Falle tappt. Er schildert seine Rat- und Hilflosigkeit angesichts einer so konsequent gelebten „Unabhängigkeit“, Freiheit und einer so rigorosen Abkehr vom Wahnsinn und der Oberflächlichkeit unserer „zivilisierten Welt“.

Gleichzeitig gewährt Finkel dem Leser einen Einblick in den unsagbar blauäugigen und recht hilflosen Umgang der „Gesellschaft“ mit diesem Menschen, der sich einfach nicht „fassen“, nicht einordnen lässt. Das beginnt beim Verhalten der Familie, geht über die Polizei bis hin zum Gericht, den Bewährungshelfern und ehemaligen Freunden sowie den Menschen, die durch die Einbrüche Knights geschädigt wurden. Niemand weiß – bei aller Selbstsicherheit – wie man letztlich mit diesem „Phänomen“ umgehen soll. Es wird zwar ein Urteil gesprochen, es ist aber ein Kompromiss aus dem Willen zur Durchsetzung einer Strafe und dem Eingeständnis der völligen Hilflosigkeit gegenüber eine Menschen, der durch alle gängigen Raster durchfällt.

Wer also ein Psychogramm lesen möchte, das viel über den Autor preisgibt, dennoch das Mysterium des eigentlich Beschriebenen nicht zu durchbrechen vermag, wer keine Naturbeschreibungen, nur wenig Überlebenstechnik sucht, der kann sich hier mit einem typisch amerikanisch süffig geschriebenen Buch etwas Kurzweil verschaffen. Mehr aber auch nicht.

 

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KRAUTJUNKER

Anmerkungen

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Der Ruf der Stille von Michael Finkel

Titel: Der Ruf der Stille – Die Geschichte eines Mannes, der 27 Jahre in den Wäldern verschwand

Autor: Michael Finkel

Verlag: Goldmann Verlag

Verlagslink: https://www.randomhouse.de/Buch/Der-Ruf-der-Stille/Michael-Finkel/Goldmann/e524536.rhd

ISBN: 978-3442314683

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