Denken wie ein Neandertaler

Buchvorstellung

 „Dafür musst du doch kein Buch lesen“, kommentierte meine Frau die Lektüre von Denken wie ein Neandertaler. Interessant daran ist nicht nur, wie primitive Kommentare ein selbstverständlicher Teil des Ehelebens werden, sondern dass auch Zeitgenossen, die mit Anthropologie oder Archäologie nichts am Hut haben, der Neandertaler klischeehaft geläufig ist. Ein grobschlächtiger haariger Geselle mit gebückter Haltung, der am Feuer steht und verzückt den Geruch angebrannten Fleisches wittert. Erinnert tatsächlich etwas an mich beim Grillen und es gibt noch weitere Parallelen, wie ein offenbar gering ausgeprägtes Orientierungsvermögen, aber der Reihe nach.

Der Archäologie-Professor Thomas Wynn (Forschungsschwerpunkte paläolithische Archäologie und kognitive Evolution) und der Psychologie-Professor Frederick L. Coolidge (Spezialist für Verhaltensgenetik und kognitive Archäologie) arbeiteten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Buches seit zehn Jahren an der Universität von Colorado im Bereich der Kognitionsevolution zusammen. Ihr Ansatz macht sich etablierte Konzepte der Kognitionswissenschaft zunutze, um paläoanthropologische Überreste zu interpretieren. In Denken wie ein Neandertaler begleitet sie der Leser zuerst bei der Vorstellung des Neandertalers und sodann bei ihren waghalsigen Gedankenexperimenten. Ziel ihrer Darstellung ist es zu verstehen, wie die Neandertaler mutmaßlich dachten, um auch die Unterschiede zu uns zu verstehen.

Die Neandertaler erlebten ihre kulturelle Blüte von vor etwa 200.000 bis vor 30.000 Jahren. Wurden sie noch vor einigen Jahrzehnten als recht äffisch dargestellt, hat sich unser Blick auf sie mittlerweile gewandelt. Sie sind nicht unsere Vorfahren, sondern eine ausgestorbene Seitenlinie, die sich vor etwa 500.000 Jahren von uns getrennt hat. Genetisch unterschieden sich mindestens drei Mal so sehr von uns, wie sich jeder von uns von jedem anderen modernen Menschen. Da es in der Steinzeit teilweise zu Kreuzungen mit unseren Ahnen kam, teilen moderne Asiaten und Europäer ungefähr 1 – 4 % ihrer Gene.

Evolutionär wurden sie stärker als wir durch die Eiszeiten geprägt. Zwei Biologen des 19. Jahrhunderts, der Deutsche Christian Bergmann und der Amerikaner Joel Allen haben die den Unterschieden zugrundeliegenden Gesetzmäßigkeiten als Erste entdeckt. Laut der Bergmann’schen Regel nehmen bei Exemplaren derselben Spezies die Körpermasse mit dem Breitengrad zu. Das heißt, dass in kalten Klimazone kompakte und massige Körper evolutionär begünstigt werden. Physikalisch logisch, denn die ideale Form zum Zurückhalten von Wärme ist eine Kugel, da sie über die geringste Oberfläche im Vergleich zur Masse verfügt. Und werden wir nicht alle um Weihnachten herum immer fetter? Laut der Allen’sche Regel verfügen Säugetiere in kalten Klimazonen über kürzere Gliedmaßen, als jene in warmen Klimazonen, um weniger Körpertemperatur zu verlieren. So verfügen die Inuit (vulgo Eskimos) über kurze und kompakte Körper mit relativ kurzen Armen und Beinen, während die Ureinwohner des Sudan im tropischen Afrika groß und dünn sind mit langen Arme und Beinen sind. Die niedrigste Lufttemperatur, bei der moderne Menschen vollkommen nackt und ohne Feuer überleben können liegt bei 10,5°C. Für Neandertalern nimmt man 8°C an. Ohne die Hilfe von Feuer und Kleidung hätten auch sie im eiszeitlichen Europa nicht überlebt. Der Anthropologie-Professor Erik Trinkaus hat 75 mögliche anatomische Merkmale von Neandertalern mit denen von modernen Menschen verglichen und fand heraus, dass nur 25 % für Neandertaler charakteristisch sind. 50 % sind charakteristisch für den modernen Menschen und die restlichen 25 % kommen bei beiden vor. Da uns die Neandertaler zeitlich und genetisch von allen Hominiden am nächsten sind, können wir davon ausgehen, dass die Ähnlichkeiten zwischen uns die Unterschiede bei weitem überwiegen.

Es ist nicht lange her, da begründeten Männer ihre Überlegenheit gegenüber Frauen mit ihrem größeren Gehirn. Auch wir vergleichen gerne unser Hirnvolumen mit dem unserer Vorfahren, um unsere höhere Intelligenz zu erklären. Bei den Neandertalern fällt die Prüfung zu unseren Ungunsten aus, denn ihre Gehirne waren um etwa 10 % größer als unsere. So misst das moderne Gehirn durchschnittlich etwa 1.300 cm³, während Neandertaler durchschnittlich 1.427 m³ zwischen den Ohren hatten. Allerdings wurden diese Daten aus nur 28 zur Verfügung stehenden Neandertalerschädeln errechnet. Waren sie auch 10 % schlauer? Vermutlich nicht. Die Korrelation zwischen der Größe des Gehirns und der Intelligenz ist nicht so klar, da noch viele weitere Faktoren hineinspielen. »Auf der Basis archäologischer Funde sind die meisten Anthropologen heute der Meinung, dass die Neandertaler nicht intelligenter oder dümmer waren als wir. In diesem Buch werden wir zu einem etwas anderen Schluss kommen: Die Neandertaler waren sowohl intelligenter als auch dümmer (…) ihre Intelligenz war lediglich eine andere.«
Zwar kann man einige Rückschlüsse über die Ausprägung verschiedener Hirnareale ihrer Schädelinnenseiten ziehen, aber für die Autoren sind die archäologischen Überreste weitaus wichtiger für die Interpretation ihrer Denkweisen.

Neandertaler ernährten sich vorwiegend von Fleisch, da es in ihrem Lebensraum nur wenige essbare Pflanzen gab. Selbst unter modernen Völkern von Jägern und Sammlern besteht diese Korrelation fort. In den Tropen ernährt man sich hauptsächlich pflanzlich, während Bewohner der Arktis fast ausschließlich tierische Produkte zu sich nehmen. Sie wurden anscheinend nicht älter als 45 Jahre und ihre Skelette wiesen Verletzungsmuster auf, die jenen von Rodeo-Cowboys sehr ähnlich sind. So vermutet man, dass sie »viele unschöne Begegnungen« mit großen Tieren gehabt haben müssen. Da sie im Gegensatz zu den steinzeitlichen Homo sapiens nicht über Wurfspeere verfügten und Großwildjäger der robusten Art waren, ist dies keine Überraschung. Ob sie ähnlich wie Rodeo-Reiter in unserer Zeit eine Vorliebe für Latzhosen, zerbeulte Pickups und Country-Musik pflegen würden, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Dabei kamen 87 % der Kopf- und Halsverletzungen bei männlichen Exemplaren vor. Doch nicht nur, dass sie ein strapaziöses Leben mit hohem Verletzungsrisiko führten, regelmäßig waren sie auch Hunger ausgesetzt. Bei dem Jagen mit Stoßspeeren auf ihre Hauptbeute im eizeitlichen Nordeuropa– Mammut und Wollnashorn – handelte es sich um ein riskantes Lebensmodell. Technologisch erreichten sie nicht den Technologie-Level neuzeitlicher arktischer Naturvölker. Dass sie es trotzdem schafften, rund 200.000 Jahre zu überleben, ist der Erfolgsbeweis »ihrer eher körperlichen Annäherung an das gefährliche tägliche Leben.«

»Der Vergleich mit modernen Jägern und Sammlern vermittelt uns aber auch Unterschiede, von denen einige kognitive Implikationen haben können:

  • Neandertaler verwendeten weniger vielfältige Ressourcen
  • Neandertaler änderten ihr Beuteschema je nach Jahreszeit, aber planten nicht innerhalb der Jahreszeiten
  • Neandertaler verwendeten fast ausschließlich ein „Hin und zurück“- Muster
  • Neandertaler legten kürzere Entfernungen zurück
  • Bei den Neandertalern gab es keine klaren geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Nahrungssuche« Man nimmt an, dass sich Frauen und Kinder als Fährtenleser und Treiber bei der Jagd einbrachten.
  • »Die Neandertaler stellten die ganze Zeit über die gleichen Werkzeuge her. (…) im Prinzip sind 40.000 Jahre alte Werkzeuge kaum von 200.000 Jahre alten Werkzeugen zu unterscheiden (…) Die Neandertaler haben sich so gut wie nie etwas Neues einfallen lassen.«

Insbesondere der Mangel an technologischer Innovation gilt als einer der größten Unterschiede zwischen ihnen und uns.« Vermutlich wies ihr Arbeitsgedächtnis eine geringere Kapazität auf. Neue Informationen müssen aber auch verbreitet werden, sofern sie sich etablieren sollen. Da die Neandertaler, im Gegensatz zu unseren Ahnen, in weit verstreuten Kleingruppen lebten, gab es kein soziales Netzwerk hierfür. »In der Summe zeigen die archäologischen Funde, dass die Neandertaler die meiste Zeit ihres Lebens in kleinen face-to-face-Gruppen von 20 bis 40 zusammenkamen, in Ausnahmefällen noch mehr.« Diese Gruppen bildeten vermutlich Gemeinschaften welche aus bis zu 100 Individuen bestanden. Die Familien und Gruppen sahen sich nicht sehr oft. Es gibt keine Hinweise, dass sie sich aus anderen Gründen als zum Jagen und Schlachten von Tieren trafen. Davon abgesehen gibt es keine Belege für gesellschaftliche Ereignisse oder groß angelegte Rituale, an denen die ganze Gemeinschaft teilnahm, wie Hochzeiten, Initiationsfeste oder Beerdigungen. Sie verteilten sich in Westeuropa auf Gebiete von vielleicht 2.000 km². Da zudem viele jung starben, fehlten zusätzlich das Wissen und die Erfahrung von Älteren. Die Neandertaler Osteuropas hatten größere Territorien, da vielleicht das Jagdwild anders verbreitet war. »Neben Alter und Geschlecht gibt es kaum Anzeichen für soziale Rollen bei den Neandertalern. Wir haben – wieder ein Gegensatz zu unseren Ahnen – keine Hinweise darauf, dass sich erwachsene Frauen oder Männer voneinander in Hinblick auf Status oder Aktivitäten unterschieden.« Während der Homo sapiens sapiens das Feuer für mehr als nur eine Kochstelle war – er nutzte es für erweiterte soziale Interaktion und schuf sich ein spirituelles Leben – gab es bei den Neandertalern nur primitive Familien-Feuerstellen. Auch die Bestattung ihrer Leichname war vergleichsweise minimal. Zum Zeitpunkt der Entstehung des Buches existierten keine Hinweise darauf, dass Neandertaler malten oder Kunstgegenstände wie den Löwenmensch von Hohlenstein-Stadel schufen. »Es gibt in den umfangreichen archäologischen Funden zu den Neandertalern absolut nichts, das man in irgendeiner Weise als Abbild eines Tieres oder eines Menschen interpretieren könnte – oder als Abbild von sonst irgendetwas.«

Doch welche Schlüsse ziehen die Wissenschaftler über ihr Denken? Die Autoren versuchen in ihrem Buch die Komponenten der sozialen Kognition der Neandertaler aufzuspüren, indem sie danach fragen, was die Neandertaler wissen und verstehen mussten, um diejenigen sozialen Interaktionen zu leisten, welche durch archäologische Funde belegt sind. Der Leser folgt ihnen durch so unterschiedliche Themenfelder wie Sprachfähigkeit, Humor, Schlafphasen und Träume, Kreativität und Innovationsfähigkeit. Ein typisch faszinierendes Kapitel lautet »Was bewirkt das Schlafen auf dem Erdboden statt auf den Bäumen«.

»ZUSAMMENFASSEND können wir auf Basis der archäologischen Belege das folgende Persönlichkeitsprofil des durchschnittlichen Neandertalers erstellen:

  • Pragmatisch und auch skrupellos, wenn nötig
  • stoisch
  • risikotolerant
  • empathisch und einfühlsam
  • neophobisch
  • einfallslos
  • dogmatisch und unflexibel
  • fremdenfeindlich
  • direkt, aber lakonisch

Wir denken, die meisten Leser werden jetzt sagen: „So jemanden kenne ich.“ Auf jeden Fall kennen wir solche Leute. Aber ein Individuum mit allen diesen Persönlichkeitsmerkmalen fällt heutzutage eigentlich ein wenig aus dem Rahmen – so jemanden kann es geben, aber er entspricht sicherlich nicht der Norm. Beim Neandertaler war dies aber tatsächlich wohl die Norm.«

Interessant ist auch das Kapitel »Plätze tauschen«. Hier weisen die Autoren nach, dass es einem Neandertalerbaby, welches in einem modernen Haushalt aufwachsen würde, wohl eher gelingen würde, ein halbwegs normales und erfolgreiches Leben zu führen, als umgekehrt einem neuzeitlichen Baby in einer eiszeitlichen Neandertalersippe. Ein moderner Erwachsener, den man vollkommen nackt um 50.000 Jahre in der Zeit zurückkatapultieren würde, hätte vermutlich keine Chance zu überleben. »Erstens würden ihn die Neandertaler, wenn sie ihn fänden, bevor er tot wäre, wahrscheinlich für einen Feind halten und töten. Aber selbst wenn die Empathie der Neandertaler sie dazu veranlassen würde, unseren unfreiwilligen Doctor Who bei sich aufzunehmen, stünde er vor einer großen Herausforderung. Ohne das Know-how der Neandertaler, das er als Heranwachsender über Jahre hätte erwerben müssen, könnte er kaum mit ihnen mithalten, in jeder Hinsicht. Rein körperlich wäre er dazu möglicherweise schon nicht in der Lage, selbst wenn er nach modernen Standards als topfit gelten würde.«

Mein Fazit: Dass Neandertaler keine symbolischen Objekte hergestellt und Höhlenkunst geschaffen haben, wurde mittlerweile widerlegt (siehe: https://hpd.de/artikel/neandertaler-dachten-wir-15304). João Zilhão, Forscher an der Catalan Institution for Research and Advanced Studies und der University of Barcelona behauptet, »Unseren neuen Daten zufolge konnten auch Neandertaler symbolisch denken und waren kognitiv nicht vom modernen Menschen zu unterscheiden«. Diese neue Erkenntnis kann man den Autoren nicht vorwerfen, denn jede Wissenschaft behandelt nur den gegenwärtigen Stand unseres Irrtums in einer Welt, die komplexer ist, als unsere Gehirne sie fassen können.
Ich habe schon beim Lesen des provokanten Titels Blut geleckt, so dass ich dem Buch nicht widerstehen konnte. Einmal aufgeschlagen faszinierte mich von der ersten bis zur letzten Seite, wie die beiden Professoren die wilde Welt der Eiszeitmenschen wieder auferstehen ließen und ihren geballten Sachverstand in einem müheloset Plauderton wiedergaben. Man lese nur solch schöne Kapitelüberschriften wie »Zen und die Kunst einen Speer herzustellen« oder Kommt ein »Neandertaler in eine Kneipe«. Einige Gedankengänge wirkten auf mich schon sehr spekulativ, denn richtig beweisen können sie vieles nicht. So kann ich mir vorstellen, dass ihr kühnes Theoriegebäude bei eher pedantischen Archäologen als blanke Provokation wahrgenommen wird. Mich zumindest hat es sehr angeregt und für die Leichtigkeit und den augenzwinkernden Humor, mit dem wissenschaftliche Fakten und Theorien präsentiert wurden, bin ich dankbar.

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

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Titel: Denken wie ein Neandertaler

Autoren: Thomas Wynn / Frederick L. Coolidge

Übersetzer: Cornelius Hartz

Verlag: Philipp von Zabern

Verlagslink: https://www.wbg-wissenverbindet.de/6228/denken-wie-ein-neandertaler

ISBN: 978-3-8053-4604-7

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