Stellung beziehen zur Jagd

von Steven Rinella

Dieses Buch hat den unschlagbaren Vorteil, dass es eine Jagdgeschichte ist. Jagdgeschichten sind nämlich die älteste und am weitesten verbreitete Erzählform der Welt. Es gibt diese Gattung schon so lange, und ihre Wurzeln reichen so tief, dass sie nicht auf die Menschheit beschränkt ist. Wenn zwei Wölfe aufeinandertreffen, gehört es oft zum Begrüßungsritual, dass sie am Atem des anderen riechen. Ein Wolf, der seine Nase einem anderen Wolf vor das Maul hält, stellt damit eine Frage: „Wie war die Jagd?“ Mit dem Ausatmen kommt die Antwort: „Du kannst das Blut noch riechen.“
Natürlich erzählt kein Tier solche Jagdgeschichten wie ein Mensch. Vor langer Zeit haben sich unsere Vorfahren womöglich Jagdgeschichten auf ähnliche Weise erzählt, wie es heute die Tiere tun. Es gibt die Vermutung, dass der menschliche Kuss ursprünglich aus einer Mund-zu-Mund-Begrüßung herrührt, ähnlich dem heute noch bei Wölfen üblichen Ritual. Einer ähnlichen Theorie zufolge diente unser Händeschütteln einmal als Beweis dafür, dass keiner der Grüßenden eine Waffe versteckte.
Aber irgendwann – spätestens vor 50 000 Jahren, möglicherweise aber auch viel früher – begannen wir unsere Jagdgeschichten in den komplexen Sprachen zu erzählen, die zum wichtigen Merkmal unserer Art geworden sind. Linguisten und Anthropologen haben die Theorie aufgestellt, dass sich die menschliche Sprache zu ebendiesem Zweck herausgebildet hat: um Jagd- und Sammeltätigkeiten zu koordinieren, um das immer komplexer werdende Arsenal an Jagdwerkzeugen und -waffen zu benennen und um sich über die Eigenschaften von Tieren und Orten zu verständigen, die außer Sicht waren. Kurz: Die Sprache entstand genau zu dem Zweck, den ich mit ihr gerade verfolge.
Zugegeben, diese ersten Jagdgeschichten waren wahrscheinlich gar keine „Geschichten“, zumindest nicht in dem Sinne, in dem wir das Wort heute verstehen. Ich stelle sie mir eher wie Anleitungen oder Beschreibungen vor, aber auch das passt, denn das meiste, was heute zum Thema Jagd geschrieben wird, verfolgt das Ziel, dem Leser irgendetwas beizubringen. Dieses „Etwas“ ist oft ziemlich speziell. Womöglich handelt es sich um eine Methode zur Jagd von Stockenten auf überfluteten Maisfeldern in Iowa oder um eine Erörterung der Frage, ob man sein Häutemesser lieber im Winkel von 13 Grad oder von 15 Grad schleifen sollte. Es geht bei dieser Art von Lektüre immer um das Wie, und ich habe solche Wie-Texte immer in Mengen und mit großem Vergnügen gelesen. Aber auch wenn dieses Buch einen Fundus an Tipps und Tricks für Jäger bietet, ist es nicht als Wie-Lektüre gedacht. Es sollte eher als Warum-, Wer- und Was-Buch gelesen werden. Dieses Buch sucht nämlich mittels der uralten Kunst der Jagdgeschichte nach Antworten auf die Fragen: Warum jage ich, wer bin ich als Jager, und was bedeutet die Jagd für mich?
Beim Nachdenken über die erste dieser Fragen – warum jage ich? – kommen mir zwei Momente in den Sinn. Der erste ereignete sich im letzten Frühjahr, als ich in den Powder River Badlands im Südosten von Montana zusammen mit meinem Bruder Matt Truthahne jagte. Am frühen Morgen ließen wir Timmy und Haggy, Matts Packlamas, angebunden bei unserem Lager zurück. Matt wandte sich nach Süden, während ich nach Westen ins nächste Tal aufbrach. Im Laufe des Vormittags setzte ich einem Truthahn nach, den ich ein paar hundert Meter weit entfernt kollern hörte. Ich verfolgte den Vogel fast eine Stunde lang, wobei ich ihn nur einmal kurz erblickte. Er ging rasch am Rand einer Sandsteinklippe entlang, etwa 30 Meter oberhalb von und 200 Meter vor mir. Ich ließ mich in einem Gestrüpp aus umgefallenen Baumstämmen nieder und ahmte mithilfe eines Lockinstruments das leise Gackern einer Truthenne nach.
Kaum hatte ich damit begonnen, hüpfte der Hahn von der Klippe und flog auf. Nach etwa sechs Flügelschlägen segelte er direkt über mich hinweg. Truthahne zeigen weder beim Fliegen Anmut noch beim Landen. Dieses Exemplar krachte durch die Zweige einer Gelbkiefer und plumpste auf den mit Totholz bedeckten Hang einer links von mir gelegenen Schlucht. Ich drehte meinen Kopf in diese Richtung und gackerte weiter. Ich hoffte, der Hahn würde nachschauen, woher die Rufe kamen, aber minutenlang sah und hörte ich nichts von ihm. Ich rief noch ein paarmal, aber weiterhin geschah nichts. Bei der Truthahnjagd muss man sehr darauf achten, welche Bewegungen und Geräusche man macht, daher blieb ich weiterhin völlig regungslos, obwohl ich den Vogel seit seiner Landung nicht mehr gesehen hatte. Etwa fünf Minuten verstrichen, ohne dass ich den Kopf von der linken Schulter wegdrehte. Und dann geschah auf einmal etwas Seltsames. Plötzlich seufzte jemand sehr laut hinter meiner rechten Schulter. Mit meinem Truthahnruf hatte ich schon einmal Kojoten und Rotluchse angelockt, aber dieser Seufzer klang nach einem genervten Menschen, der nach der schnellen Besteigung eines Berghangs etwas außer Atem war. Ich reagierte sofort und drehte den Kopf schnell in die Richtung des Geräuschs. Und erblickte einen großen Schwarzbären, der auf den Hinterbeinen stand und sich mit den Vorderbeinen auf einen Baumstamm stützte, der auf dem Baumstamm lag, gegen den ich mich gerade lehnte. Offenbar hatte er erwartet, ein Nest voller Truthahneier vorzufinden und mit etwas Glück auch die Henne zu erwischen. Jetzt starrte er mich äußerst wissbegierig an und schraubte an seiner Erwartungshaltung herum. Ich habe einmal im Radio ein Interview mit einem Hirnforscher gehört, der die Denkvorgänge in extremen Stresssituationen untersuchte. Ihm zufolge berichteten Menschen, dass sie in den Sekunden, die beispielsweise ein Sturz vom Dach eines Hauses dauerte, Dutzende verschiedener Gedanken hatten. Der Hirnforscher vertrat jedoch die Ansicht, dass wir diese Gedanken gar nicht dann denken, wenn wir meinen, sie gedacht zu haben, sondern sie aufgrund eines Gedächtnisfehlers bei der Erinnerung an den Unglücksmoment gedacht zu haben glauben. Aber egal, was der Professor behauptet, ich weiß jedenfalls, dass mir innerhalb der nächsten Sekunde die folgenden Gedanken kamen: Ich dachte daran, wie seltsam es war, dass dieser Bär und ich zufällig am selben Ort und zur selben Zeit auf Truthahnjagd waren; ich dachte daran, wie seltsam es war, dass ich einen Truthahn hatte überlisten wollen, um ihn zu töten und zu essen, dadurch aber ein anderes Tier überlistet hatte, das den Truthahn ebenfalls gerne getötet und gefressen hätte; ich fragte mich, welche Wirkung mein Truthahnjagdgewehr, eine mit kupferbeschichtetem 3-mm-Schrot geladene 12-kalibrige Flinte, aus kurzer Distanz auf einen Schwarzbären haben wurde; ich stellte mir vor, wie ich mich bei der Ermittlung durch die Jagdaufsicht wegen unbefugten Abschusses eines Schwarzbären auf Notwehr berufen wurde; ich stellte mir vor, wie es wäre, von einem Schwarzbären zerfleischt zu werden, und dass es in dem Fall wohl nur zu kleineren Zerfleischungen kommen wurde, weil der Bär schnell einsehen wurde, dass ich nicht das war, was er haben wollte; dann dachte ich daran, dass Schwarzbären sich sehr selten mit Menschen anlegen; und dann stellte ich mir vor, dass ich diese Geschichte, egal, wie sie ausginge, noch sehr lange erzählen würde.
Der Bär unterbrach diese wirbelsturmartige Gedankenkaskade mit einem „Wuff“, das etwa so klang wie der erste Laut, den ein Hund von sich gibt, wenn es an der Tür klopft. Dann lief er mit dem entspannten Tempo eines Joggers zwischen dem Totholz davon. Das Geräusch seiner Schritte erstarb, und es kehrte wieder die gewohnte, luftig-frische Waldruhe ein. Ich lehnte mich zurück, um meinen Puls zu beruhigen, denn ein derartiges Herzrasen schien mir ungesund. Ich blieb ungefähr fünf Minuten sitzen, atmend und nachdenkend. Ich spürte Dankbarkeit und Erleichterung, wie wenn man plötzlich merkt, dass man nach einer langen Grippe endlich wieder gesund wird. Dann hörte ich einen Truthahn gackern, so weit entfernt und leise, dass das Geräusch eher zu fühlen als zu hören war. Ich stand auf, um nachzuschauen, und freute mich darüber, am Leben zu sein, mitten in dieser wundervollen, uralten Welt mit seufzenden Bären und gackernden Truthähnen.
Der zweite Moment, der zu der Antwort auf die Frage, warum ich jage, beiträgt, ereignete sich gut 2000 Meilen nördlich von dem Ort meiner Truthahnjagd. Ich kampierte an der Nordseite der Brooks Range in Alaska, etwa 75 Meilen südlich der zum Arktischen Ozean gehörenden Beaufortsee. Seit einer Woche war ich dort und wartete auf die Ankunft der Karibus, der wilden Rentieren. Ich hatte nicht vorgehabt, so lange dort zu bleiben, und die Vorräte gingen zur Neige. Meine Sorge darüber wurde vom Geräusch vorbeifliegender Nahrung unterbrochen. Ich lag in meinem Schlafsack, als das erste Licht der Morgendämmerung aufschien, und das Geräusch, das ich hörte, waren Flügelschläge, so nah an meinem Zelt, dass der Nylonstoff erzitterte. Dann ertönte das seltsame Geschnatter von Schneehühnern, einer Art von Hühnervögeln, die größer sind als Wachteln, aber kleiner als Fasane. Meinem Bruder Danny wurde ihr Ruf einmal mit den Worten go-back, go-back, go-back beschrieben, aber mich erinnert er immer an das charakteristische Lachen von Curly von den Three Stooges – eine Art nyack-nyack-nyack.
Meine Stiefel waren gefroren, aber ich zog sie, so gut es ging, an und trat hinaus auf die vereiste Kiesbank. Ich zog einen Gummituchseesack unter dem umgekippten Kanu hervor, nahm eine 20-kalibrige Flinte in die eine und ein paar Patronen in die andere Hand und stapfte in die Richtung, in die die Vogel geflogen waren. Ich überquerte einen zugefrorenen Teich, den ein vom Hauptstrom abgeschnittener Flussarm gebildet hatte. Er war fast bis auf den Grund gefroren, und durch das Eis sah ich einen Schwarm Stichlinge auf das Ende ihrer kleinen Welt warten. Der Teich endete an einem abgebrochenen Steilufer. Ich zog mich an der Kante empor und richtete mich auf. Jetzt standen meine Füße auf dem weichen, moosgefederten Tundraboden. Die Vögel hatten sich bereits in ihr weises Winterkleid gemausert, obwohl noch kein Schnee lag. Das war schlecht für sie, aber gut für mich, konnte ich sie doch so deutlich über den Erdboden laufen sehen wie Tennisballe auf dem Rasen.
Ich folgte ihnen. Bald schon hatte ich sie vor einem zugefrorenen Teich zusammengetrieben, wobei ein starker Wind von mir aus auf sie zublies. Vögel brauchen zum Fliegen Luftwiderstand gegen ihre Flügel. Bei starkem Wind müssen sie in den Wind springen, um abzuheben. Diese Vögel waren also in einer schlechten Position – entweder mussten sie in den Wind springen und direkt auf mich zufliegen oder ohne Deckung über die Eisflache laufen. Sie waren offenbar gelähmt vor Unentschlossenheit und taten weder das eine noch das andere. Gemäß neueren Vorstellungen von Fairness hätte ich die Vogel aufscheuchen müssen, um ihnen eine bessere Fluchtchance zu geben, bevor ich zu schießen begann. Aber ich hatte Hunger und keine Lust, meine eigenen Chancen aufs Spiel zu setzen, also richtete ich den Lauf auf ein paar ihrer Köpfe und drückte ab.
Als ich mit dem Rupfen fertig war, erweckte mein Lager mit dem ganzen Blut und den herumfliegenden weisen Federn den Eindruck, hier hätte eine Kissenschlacht ein schreckliches Ende gefunden. Ich bohrte einen kleinen Einschnitt in den Bauch jedes Schneehuhns, gleich unterhalb des Brustbeins, steckte zwei Finger in den Schlitz und zog die verschlungenen Innereien heraus. Die Kaumagen, Herzen und Lebern landeten in dem Kaffeebecher meines Kochgeschirrs. Ich ging mit den Schneehühnern zum Fluss und tauchte sie über die dünnen Eiszacken am Ufer hinweg in den Strom. Pinkfarbenes Wasser kräuselte sich flussabwärts. Mit Zeige- und Mittelfinger meiner rechten Hand fuhr ich in die Brusthöhle der Vögel und kratzte ihre Lungen von der Innenwand ihres Ruckens. Das zermahlene Gewebe verschwand in violetten Klumpen in der Strömung.
Um hierherzukommen, hatte ich mein Kanu neun Meilen flussaufwärts gezogen. Ich war überzeugt, Bullen und Kühe in gemischten Gruppen vorzufinden, auf dem Weg nach Süden zu ihren Paarungs- und Winterrevieren in oder hinter den Bergen. Aber bis jetzt hatte ich nur eine Gruppe von Kühen und Kälbern gesehen, die in der anderen Richtung unterwegs waren, also nordwärts. Egal, wohin sie zogen, mit ihnen konnte ich nichts anfangen, denn schießen durfte ich nur Bullen. Zwei davon waren mir erlaubt, genug Fleisch, um damit ein Jahr lang ohne Zukauf auszukommen. Ich hatte mit der Idee gespielt, mir fünf oder sechs Meilen weiter flussaufwärts ein neues Jagdrevier zu suchen, aber das schien mir nicht ratsam, da der Fluss dort oben streckenweise durchgefroren war. Ich musste einfach aushalten und auf mein Glück vertrauen. Ich hatte an diesem Morgen noch gar nicht Ausschau gehalten, also legte ich das Schneehuhnfleisch auf mein umgekipptes Kanu und bestieg die kleine Anhöhe hinter meinem Lager. Mit dem Fernglas spähte ich nach vorbeiziehenden Karibus, entdeckte jedoch keine. Nach Norden hin konnte ich nicht sehr weit sehen, da die Flanke des Tals hinter mir steil anstieg, aber in alle anderen Richtungen hatte ich ziemlich weite Sicht. Nach Osten und Westen hin erstreckte sich das verschlungen mäandernde Tal des Flusses, an dem ich kampierte. Seine vielen kleinen Zuflüsse und Altarme und Kiesbänke waren mit Alaskaweiden und Büffelbeeren und Spitzkiel gesäumt. Im Süden verlief in etwa anderthalb Meilen Entfernung ein langer Berggrat parallel zum Tal. In dieser Richtung gab es sehr starke Luftspiegelungen; der Übergang zwischen Land und Luft schimmerte und tanzte wie verrückt, wie die Hitzewellen auf einem Highway in der Wüste, nur noch starker. Am Tag zuvor hatten dort oben zwei Rotfüchse herumgetobt, und es hatte gewirkt, als hätten sie Beine aus Draht. Ein paar Stunden später waren vier Moschusochsen vorbeigezogen und hatten in der spiegelnden Luft mit ihren langen Zotteln ausgesehen wie zerfledderte, braune, im Wind flatternde Zelte.
Der aus Kanada stammende Polarforscher Vilhjálmur Stefánnsson, der ziemlich genau 100 Jahre vor mir diesen Landstrich durchquerte, berichtet ausgiebig vom trügerischen Licht der Arktis. Er selbst hielt einmal ein nah bei ihm stehendes Erdhörnchen für einen weit entfernten Grizzly. Ein anderer Jäger soll einen Lemming von rund 100 Gramm mit einem mehrere Zentner schweren Moschusochsen verwechselt haben. Außerdem berichtet er von einem Mann, der sein Boot auf einen „dunklen Berg mit Gletschertalern auf beiden Seiten“ zusteuerte. Als der Mann näher kam, tauchte der Berg unter. Es war in Wirklichkeit ein Walrosskopf, und die Gletscher waren die Stoßzähne.*
Ich stieg den Hügel hinab und fachte mein Feuer mit den Wurzelstrünken von Weiden an, die aus dem Flussufer heraus erodiert waren und sich am Kopfende von Kiesbanken zu großen, wie zerzauste Vogelnester aussehenden Haufen gesammelt hatten. Nachdem ich die Innereien im Kaffeebecher mit reichlich Wasser bedeckt hatte, stellte ich diesen zum Kochen auf die Glut. Dann brach ich zwei der Schneehühner längs der Wirbelsäule auf, entfernte die durchscheinend flachen Brustbeine und drückte die Hälften mit der flachen Hand platt. Ich zerließ ein wenig Schmalz in der Pfanne und gab die vier Vogelhälften hinein. Nachdem alles gekocht und gebraten war, stieg ich wieder auf die Anhöhe.
In der kalten Luft wurden mir die Zehen taub und ich sehnte mich auf einmal nach dem wärmeren Augustwetter. Aber dann rief ich mir ins Gedächtnis, dass wärmeres Wetter in dieser Gegend seinen Preis hat. Stechmücken, Dasselfliegen und Kriebelmücken können die Karibujagd zu einer körperlichen Strapaze machen. Als ich einmal zum Ausnehmen und Häuten eines Karibus die Handschuhe auszog, wurden mir die Finger so zerstochen, dass ich die angeschwollene Hand kaum um den Messergriff schließen konnte. Berichten zufolge wurden schon Karibukälber von Insekten getötet. Am liebsten stechen sie auf Hautpartien mit kurzer Behaarung zu, etwa an den Unterschenkeln, um die Augen herum oder am Bauch. Etwas weiter südlich erlegte mein Freund Matt Moisan einmal einen Karibubullen, dessen Auge so dicht von Kriebelmücken umwimmelt war, dass ich an die Luftbilder von Footballstadien denken musste, auf denen die Menschenmasse ein leeres Feld umgibt.
An einem Augusttag vor ein paar Jahren verbrachte ich mit meinem Kumpel Dan Bogan einen ganzen Tag auf einem Hügel, der wie der Busen einer Frau geformt war. Wir saßen gut versteckt im Dekolleté. Es war bedeckt und sehr windig, und wir hatten noch kein einziges Karibu zu Gesicht bekommen. Dann legte sich der Wind, die Sonne kam heraus, und auf meinem Rücken ließen sich so viele Kriebelmücken nieder, dass es aussah, als hätte sich auf der Kleidung eine Schimmelschicht gebildet. Ein paar Minuten verstrichen, dann tauchten hinter einem fernen Hügelkamm sechs Karibus auf, die mühsam bergan strebten, wo sie Wind zu finden hofften, der die Insekten vertreiben könnte. Zwei weitere Gruppen erschienen in größerer Entfernung. Plötzlich tauchte am Ufer eines nur eine Meile entfernten Sees noch ein Karibu auf. Es rannte in vollem Galopp von uns weg und ich verfolgte es mit dem Fernglas, bis ich das Geweih auf seinem Kopf erkennen konnte. „Ein Bulle“, sagte ich zu Bogan. Er steuerte auf zwei Seen zu, die durch eine schmale Landbrücke getrennt waren, und es sah so aus, als ob er dort in die Enge geraten würde. In der Deckung eines Hügels rannten wir dorthin, und bei Einbruch der Nacht saßen wir wieder im Lager und aßen scheibchenweise gebratenes Karibuherz.
Aber jetzt war Oktober, nicht August, und statt der Mücken plagte mich das Gefühl, umsonst gekommen zu sein. Einen kurzen, aufregenden Augenblick lang sah ich drei Karibus über dem nördlichen Hügelkamm auftauchen und auf mich zukommen. Aber ich brauchte nur ein, zwei Sekunden, um sie alle als Kühe zu identifizieren. Ich sah sie genau dieselbe Route nordwärts nehmen, die auch die kleine Gruppe vor ein paar Tagen gegangen war. Es war nichts zu erkennen, was einer Spur oder einem Pfad geähnelt hätte, und ich fragte mich, wonach sie sich richteten. Ich ging 400 Meter nach Süden, um mir ihre Fährte anzuschauen. Ich wünschte, ich hätte irgendeinen Schamanentrick auf Lager, der mir verraten hätte, wo sie hingingen und ob ihnen Bullen folgen wurden. Aber das Einzige, was mir ihre Fußspuren verrieten, war meine eigene Ratlosigkeit.
Als ich mich wieder auf den Weg zur Anhöhe machte, kam ein seltsamer Nebel vom Meer hergeweht. Er war so dicht und massiv, dass es schien, als ob er mein Zelt vom Boden kratzen und davontragen könnte, aber dann zerteilte er sich in hauchdünne Fetzen, die wie verwehte Bettlaken über die Landschaft trieben. Gerade als eines dieser Laken an mir vorbeischwebte, blickte ich nach rechts und sah eine Karibuherde über den Höhenzug auf mich zukommen wie ein Erdrutsch aus braun, weiß und grau verhüllter Muskelmasse. Über der Masse schwebte ein Dickicht aus Geweihen. Alles Bullen.
In Sekundenschnelle hatten sie den Fluss erreicht. Wenn sie weiter geradeaus gelaufen wären, hätten sie den Fluss durchquert und wären an mir vorbeigelaufen. Stattdessen aber bogen sie scharf rechts ab und liefen flussaufwärts. Um ihnen zu folgen, müsste ich die Anhöhe verlassen und hätte dann die Herde aus den Augen verloren. Irgendetwas riet mir, abzuwarten und zu sehen, wohin sie liefen. Aber etwas Stärkeres sagte: Los!
Ich packte mein Gewehr und meinen Rucksack und rannte, so schnell ich konnte, los, immer flussaufwärts, parallel zur Route der Karibus. Ich rannte, bis mir die Lunge brannte, ohne die Tiere vor mir auch nur zu erblicken. Ich legte ungefähr eine Meile ebener Tundra zurück, bevor das Terrain wieder anstieg. Aber auch von der Höhe aus konnte ich auf dem anderen Flussufer keinen einzigen Bullen ausmachen. Sie waren entweder weiter flussaufwärts hinter einer Biegung verschwunden oder hatten sich hinab in das entmutigend dichte Weidengestrüpp geschlagen, das die Talsohle bedeckte. Mein erster Impuls war, weiter flussaufwärts zu ziehen, aber dann fiel mir etwas an der Struktur dieser Landschaft auf. Auf der anderen Seite des Flusses führte eine kleine Schlucht von der Höhe zur Talsohle. Sie schien einen gangbaren Weg von der Uferhöhe hinab zu bieten. Etwas versetzt grub sich auch auf meiner Seite eine ebensolche Schlucht ins steile Ufer. Zwischen den beiden Schluchten war der Boden nicht ganz so dicht mit Weiden bewachsen wie im Rest des Tals. Dies schien mir eine Eigenheit des Geländes, die die Karibus vielleicht nutzen würden.
Ich stieg in die Schlucht und folgte ihr bis zum Tal. Sie endete an einem trockenen Bachlauf, der so breit war wie eine Garageneinfahrt. Ich konnte 100 Meter flussauf- und flussabwärts sehen, aber nur 30 Meter in die Richtung, aus der die Karibus hoffentlich kommen würden. Ich versteckte mich hinter einem Weidengebüsch, legte den Rucksack quer vor mich hin, um den Gewehrlauf darauf abzustützen.
Die Minuten verstrichen, und nichts geschah. Ich bekam ein drückendes Gefühl in der Magengegend. So breit war das Tal nicht, und die Karibus waren in schnellem Tempo unterwegs. Sie hätten längst da sein müssen. Ich dachte daran, flussaufwärts zu rennen, erkannte aber, dass es dafür nun zu spät war. Wenn sie diesen Weg genommen hätten, dann wären sie längst auf und davon. Nach einer weiteren Minute stand ich auf, um möglicherweise über die Weiden hinwegspähen zu können. Und dann kam jener Augenblick, auf den ich die ganze Zeit hinauswill, ein Augenblick nämlich, der den Grund, warum ich jage, deutlich macht: Ich war in der Wildnis, hatte Hunger, und es kamen ein paar Tonnen Karibu daher, 50 Meter weit weg und rasch herannahend. In so einem Augenblick hält man sich nicht mit Befindlichkeiten auf. In so einem Augenblick sind treffsichere Entscheidungen gefragt, in so einem Augenblick kommt es auf geistige und körperliche Gewandtheit an. Es zählen Tatkraft, Präzision, Disziplin. In so einem Augenblick tut man das, wozu man in Jahrmillionen währender Evolution gemacht wurde. Und während man es tut, erfährt man sich unmissverständlich als menschliches Raubtier in Reinform, von allem Unwesentlichen befreit. In einem solchen Augenblick im Angesicht von Gewalt und Sterben wird einem urplötzlich die Schönheit des Lebens bewusst.

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Wenn ich daran denke, was Jäger an Verblüffendem und Inspirierendem erleben, wundert es mich, dass sich so viele Menschen von dieser Lebensweise abgewandt haben. Heutzutage leben auf der Erde, prozentual gesehen, weniger Jäger als zu jedem anderen Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte. Nur etwa fünf von hundert Amerikanern jagen, vor einem Jahrzehnt waren es noch sieben Prozent. In Kalifornien, Massachusetts und New Jersey jagt nur ein Hundertstel der Bevölkerung. Merkwürdigerweise gibt es hierzulande mehr Golfspieler als Jäger. Wie es dazu kommen konnte, ist mir ein Rätsel. Irgendwie erscheint mir Golf wie eine Revolte gegen das Jagen. Wir haben kollektiv die penetrante Unberechenbarkeit des Waldes gegen die sterile Sicherheit von manikürtem Rasen eingetauscht. Zerbrachen wir uns einst den Kopf über die Wanderrouten des Wildes in der Landschaft, überlegen wir heute, ob ein schnelles oder langsames Grün vor uns liegt. Drangen wir einst auf der Suche nach bisher unentdeckter Beute tief in die Wildnis vor, bitten wir heute höflich darum, durchspielen zu dürfen. Genossen wir einst über dem offenen Feuer gegrillte Hirschleber zusammen mit frischem Quellwasser, kaufen wir unser Bier heute aus einem motorisierten Kühlwagen, der auf einem Kiesweg parkt.
Natürlich gibt es immer noch eine ganze Reihe Angler, was ich sehr erfreulich finde. Angeln ist mir immer wie eine Variante des Jagens vorgekommen. Das meine ich im historischen Sinne, denn für die frühen Menschen war das Fischen ein Nebenzweig der Jägerei, sie stellten Fischen oft mit denselben Waffen nach, mit denen sie auch Landtiere jagten; ich meine es aber auch philosophisch, in dem Sinne, dass viele Menschen heute am Fischfang ähnliche Dinge reizen wie an der Jagd, nämlich das Abenteuer, das Einssein mit der Natur, die körperliche Aktivität, die Liebe zum Handwerklichen und der Wunsch nach einer direkten Beziehung zum eigenen Essen. Zudem fühlen sich Jagen und Fischen manchmal ganz ähnlich an. Man denke ans Heilbuttangeln. Um Heilbutt zu fischen, muss man meistens gefährliches Wasser in entlegenen Gegenden aufsuchen. Diese Fische sind groß, manchmal so groß wie Rehe. Hat man einen an der Leine, muss man ihn unter Umständen mit der Büchse oder der Flinte erschießen. Tut man das nicht, kann der Fisch einem den Arm brechen. Und wenn er tot ist, hat das Zerlegen eines großen Heilbutts weit mehr mit Schlachten zu tun als mit Filetieren. Das Fleisch eines Heilbutts reicht wochenlang für ein allabendliches Essen mit Freunden. All dies soll illustrieren, warum ich das Angeln von Heilbutt als eine Form von Großwildjagd ansehe, nur dass das Mittel dazu nicht die Gewehrkugel ist, sondern der Angelhaken.
Beunruhigender als die schwindende Zahl der amerikanischen Jäger ist vielleicht die wachsende Zahl der Amerikaner, denen die Jägerei suspekt ist. Heutzutage lehnt etwa ein Fünftel aller Amerikaner das Jagdwesen rundheraus ab. Grob zusammengefasst, ist der Tenor der verschiedenen Antijagdeinstellungen, dass sich die Zeiten geändert haben und Jäger heutzutage nicht mehr zur Nahrungsbeschaffung, aus Tradition oder aus Liebe zur freien Natur jagen, sondern einfach nur Tiere töten wollen, aus Spaß und zum Beweis ihrer Männlichkeit.
Das Argument mit dem Wegfall der Nahrungsbeschaffung verwirrt mich, denn es wirft bei mir die Frage auf, was es bei uns zu Hause denn dann sonst immer zum Abendessen gibt. Das Argument, es gehe uns um unsere Männlichkeit, hat einen wahren Kern, und darauf möchte ich noch zurückkommen. Das Spaßargument ist viel uninteressanter, wirft aber eine Frage auf, auf die ich gerne kurz eingehen würde: Wenn wir Jäger wirklich zum Spaß Tiere töten würden, warum sollten wir uns dann die Mühe machen, unter oft äußerst schwierigen Bedingungen wilde und unberechenbare Beutetiere aufzuspüren? Wir könnten doch einfach dem Tierschutzbund beitreten und nachmittags ein paar Dutzend Katzen und Hunde einschläfern oder uns einen Job im Schlachthof suchen und in Neonlicht und klimatisierter Luft Tag für Tag Hunderte von Rindern töten.
Liest man Jagdzeitschriften oder betrachtet Meinungsumfragen, könnte man glauben, dass die gesellschaftliche Debatte um das Jagen etwas Neues ist und dass unsere moderne Gesellschaft einen rasanten, tief greifenden und unaufhaltsamen Umbruch erlebt, der die Jäger zu anachronistischen Ausgestoßenen machen könnte. In Wahrheit aber wurde diese Debatte bereits in vielen Phasen der Menschheitsgeschichte geführt. Sogar in der Bibel gibt es einen Hinweis auf die Spannungen zwischen Jägern und Nichtjägern. Als Isaaks Frau Rebekka Zwillinge gebiert, kommt als Erster Esau zur Welt, ein Baby mit dichtem Fell, „wie ein härener Mantel“. An seine Ferse geklammert, folgt Jakob. „Und die Knaben wuchsen heran. Und Esau wurde ein jagdkundiger Mann, ein Mann des Feldes; Jakob aber war ein sanfter Mann, der in den Zelten blieb.“
Diese beiden Jungs können von Anfang an nicht miteinander. Der Jäger Esau wird von seinem Vater Isaak geliebt, „denn Wildbret war nach seinem Munde“, während der unbehaarte, eher häusliche Bauer Jakob ein Muttersöhnchen zu sein scheint. Eines Tages geht Esau mit seinem Bogen auf die Jagd. Wie jeder Bogenjäger weiß, kann dies ein prekäres Unterfangen sein. Und siehe da, Esau kommt so hungrig nach Hause, dass er beinahe umfällt. (Ist mir auch schon passiert.) Er trifft auf Jakob und bittet seinen Zwillingsbruder um ein paar Linsen. Jakob will ihm keine geben, es sei denn, dass Esau ihm seine Rechte als Erstgeborener abtritt. Es bleibt unklar, ob Esau den Deal nicht ernst nimmt oder ihm sein Erstgeborenenrecht nicht so wichtig ist oder ob er einfach Riesenhunger hat, jedenfalls geht er auf den Handel ein und isst die Linsen.
Jahre vergehen. Der Vater der beiden Brüder wird schließlich alt und erblindet, und eines Tages ruft er seinen älteren Sohn zu sich, weil er eine Bitte hat. Esau soll seine Waffen holen, „deinen Köcher und deinen Bogen“, und „hinaus aufs Feld gehen und mir ein Wildbret erjagen“. Isaak verspricht Esau, dass er ihn nach Erfüllung der Bitte segnen wird, bevor er stirbt. Also packt Esau seine Ausrüstung zusammen und geht auf die Jagd.
Was nun passiert, ist ein weiterer Beleg dafür, wie schwierig das Jagen mit Pfeil und Bogen ist: Esau bleibt so lange weg, dass seine Mutter und sein Bruder genug Zeit für einen ausgefeilten Betrug haben. Rebekka lässt Jakob eines seiner Hausschafe schlachten. Sie weist ihn an, sich in das Schafsvlies zu hüllen und das Fleisch nach Art von Wildbret zuzubereiten. Jakob gehorcht und geht zu seinem blinden Vater. Isaak fühlt die Schafwolle auf Jakobs Rücken und hält sie für das Haar seines Erstgeborenen. Auch das Hammelfleisch kommt ihm vor wie sein geliebtes Wild. Derartig getäuscht, gibt Isaak dem falschen Sohn seinen Segen.**
Esaus Jagdgeschichte macht mir noch mehr Sorgen als die Popularität von Sportarten wie Golf. Sie besagt nämlich, dass der Rückgang des Jagdwesens seit alter Zeit vorhergesagt ist. Dass der Jäger Esau vor dem Bauern Jakob aus dem Mutterleib kam und dass der Bauer schließlich über den Jäger siegte, deckt sich ja auch mit dem weltlichen Verständnis der Menschheitsgeschichte. Auch wenn diese in vielen Details verschwommen und lückenhaft und oft umstritten ist, gibt es doch weitgehende Einigkeit darüber, dass vom Körperbau und Verhalten her moderne Menschen vor weniger als 100 000 Jahren in Afrika auftauchten. (Nähme man also ein Baby aus jener Zeit und schickte es per Zeitmaschine ins Heute, wurde es nicht besonders auffallen und beispielsweise lernen können, wie man ein Flugzeug fliegt und Apps aufs Smartphone lädt.) Heute bezeichnen wir diese Menschen als die Urahnen der Menschheit. Vielleicht waren es nur 5000 an der Zahl, aber sie besaßen alle Merkmale des Menschentums: Sie sprachen eine komplexe Sprache; sie bewohnten selbst gebaute Unterkünfte; sie waren in Familien- und Sippenverbunden organisiert; sie machten Musik, schufen Kunst; schnitten und frisierten sich wahrscheinlich die Haare; sie bauten Handelsnetze auf; trugen maßgefertigte Kleidung und waren fähige Jäger, die mithilfe raffinierter Jagdwaffen aus Knochen, Elfenbein und Horn gefährliches Großwild erlegen konnten.
Es erstaunt, wie schnell sich die Nachfahren dieser Jäger über die ganze Welt verbreiteten. Afrika verließen sie vor ungefähr 50 000 bis 60 000 Jahren.*** Australien erreichten sie vor 45 000 Jahren. Vor 36 000 Jahren waren sie in Mitteleuropa, wo sie Wildpferde jagten, indem sie sie von Klippen hinuntertrieben. Vor 20 000 Jahren kamen sie bis nach Sibirien und töteten dort mit ihren Speeren Yaks, Mammuts, Kurznasenbären und Wollnashörner. Sie überquerten vor etwa 14 000 bis 15 000 Jahren die Beringstraße nach Alaska und siedelten schon 1000 Jahre später ganz unten in Südamerika. Vor 13 000 Jahren hinterließen Jäger im Süden Chiles ein halb befestigtes Lager, das noch heute Spuren von Krebspanzern, Fischgräten, Eierschalen, Lamaknochen, zerbrochenen Mastodonrippen, Fleischfetzen, steinernen und elfenbeinernen Werkzeugen, Salzvorräten, Holzbalken und in Mastodonhaut gehüllten Zeltstangen aufweist.
Als dieses Lager bewohnt war, waren fast alle bewohnbaren Lebensräume, abgesehen von ein paar isolierten Inselketten in den entlegensten Winkeln der Ozeane, von Jägern und Sammlern besiedelt. Es würden noch Jahrtausende vergehen, bis vor etwa 10 000 Jahren in der Gegend des Irak die Landwirtschaft entstand. Unabhängig davon wurde sie etwa 5 000 Jahre später in der Neuen Welt noch einmal erfunden.
Einfach ausgedrückt, bringt Landwirtschaft mehr Nahrung; mehr Nahrung bringt größere Population; größere Population bringt berufliche Spezialisierung; Spezialisierung bringt Erfindungen; Erfindungen bringen die Entwicklung größerer Waffen; größere Waffen bringen Eroberungen. Die Folge war, dass die Landwirte die Sammler und Jäger praktisch niedermachten, über Jahrhunderte hinweg. Dies geschah auf physische Weise, indem zum Beispiel die landwirtschaftlich lebenden Mayas die am Rande ihres Imperiums lebenden Sammler-und-Jäger-Volker umbrachten oder versklavten; es geschah auf kulturelle Weise, etwa indem die Festlandeuropäer den steinzeitlichen Jägern der Britischen Inseln die Landwirtschaft beibrachten, ohne sie dabei physisch zu vertreiben; und es geschah auf eine Weise, die physisch und kulturell überwältigend wirkte, etwa auf den Kontinenten Afrika, Australien, Nord- und Sudamerika, die von Europa praktisch geschluckt und verdaut wurden.
Als auf dem Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten der erste Kontakt mit Europäern stattfand, waren die mächtigsten Ethnien – die Irokesen-Konföderation, die Stämme der Mississippi-Kultur – auf den Schultern der Landwirtschaft zur Herrschaft aufgestiegen. Dass es ausgerechnet diese Volksgruppen waren, die als Erste den europäischen Eroberern zum Opfer fielen, ist eine unübliche Wendung in der Geschichte der weltweiten unerbittlichen Vernichtung der Jäger und Sammler durch die Landwirtschaft. Die Ackerbau treibenden Stämme in Nord- und Sudamerika lebten an festen Orten und in geschlossenen Gruppen. Daher waren sie leicht aufzufinden und zu bekämpfen. Und was noch schwerer wog: Bei ihnen verbreiteten sich die von den Europäern unabsichtlich eingeschleppten Infektionskrankheiten rasend schnell. Die Nomadenvölker, die in locker organisierten Jägergruppen über das Land zogen, waren schwerer zu finden und zu unterwerfen. Sie hielten sich daher wesentlich langer. In den Vereinigten Staaten wurden die letzten frei umherziehenden Stämme der eingeborenen Sammler und Jäger ungefähr bis zum Jahr 1876 eingefangen, umgebracht oder vertrieben. Vierzehn Jahre später erklärte das staatliche Einwohneramt den „Wilden Westen“ offiziell für geschlossen. Nun war alles voller Bauern.
Was ich mit all dem sagen will, ist, dass wir in eine Ära eingetreten sind, die eines Tages als Herbst der Jägerei bezeichnet werden wird. Allerdings soll dieses Buch keine Geste der Unterwerfung sein. Es ist kein tränenreicher Abschied. Nein, für mich ist die Jagd – und das Schreiben darüber – ein Akt des Widerstands. Es ist eine Rebellion, eine Guerillastrategie gegen den unvermeidlichen Lauf der Dinge.
Als Inspiration dient mir ein Stuck fossiler Knochen, gefunden vor ein paar Jahren in der Nähe von Vero Beach in Florida. In den Knochen, der etwa vierzig mal zehn Zentimeter misst, ist unverkennbar das Bild eines Mastodons oder Mammuts eingeschnitzt: Schwanz, Beine, Rüssel, Stoßzähne, Ohren. Wer auch immer diesen Knochen geschnitzt hat, hat das Motiv seines Kunstwerks sicherlich mit eigenen Augen gesehen, er muss also in dem sehr kurzen Zeitfenster gelebt haben, in dem die Anwesenheit von Menschen in Florida mit der von Mastodons und Mammuts zusammenfiel. Nur Jahre oder Jahrhunderte später waren diese Tiere ausgestorben. Vielleicht wusste dieser Mensch, als er schnitzte, dass es so kommen wurde; vielleicht schnitzte er deswegen. Seine Mammutjägersippe würde einen neuen Lebensunterhalt finden müssen. Vielleicht wäre das auch, nach allem, was man wusste, das Ende allen Lebens. Also setzte er sich hin und schnitzte seine Version einer Jagdgeschichte in den Knochen. Dann vergingen Tausende und Abertausende von Jahren. Und einer kommt daher und hebt den Knochen auf, ohne die Schnitzerei zu bemerken. Er legt den Knochen in eine Kiste unter der Spüle. Es vergehen noch mehr Jahre. Dann holt er den Knochen hervor, macht ihn sauber und schaut ihn sich an.
Der Knochen spricht zu ihm: Ich bin ein Jäger. Dies ist meine Geschichte.

 

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

echte männer jagen selbst

Titel: Echte Männer jagen selbst

Autor: Steven Rinella

Verlag: Riva

Verlagslink: https://www.m-vg.de/riva/shop/article/15196-echte-maenner-jagen-selbst/

Titelbild des Blogbeitrages: Photo by Rhett Noonan on Unsplash

KRAUTJUNKER-Kommentar: Dieses Buch erschien zuvor unter dem Titel „Tiere töten und essen: Von der natürlichsten aller Lebensweisen“. Mehrere Leseproben erschienen bereits auf KRAUTJUNKER: https://krautjunker.com/?s=rinella

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Rhiannon sagt:

    Kaum etwas polarisiert mehr als die Jagd. Manchmal scheint es mir, als dürfte man Jäger und Jagdgegner nicht einmal in den gleichen Raum lassen, weil sie sich sonst gegenseitig zerfleischen würden.

    Du hast eine angenehme Art den Text zu schreiben, er ist schön zu lesen und ich fand auch den Bezug zu verschiedenen Aspekten nicht uninteressant. Ein neuer Ansatz, der vielleicht einigen in ihrem Denken durchaus neue Aspekte einbringen könnte – wenn sie offen wären für Dialoge.

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    1. KRAUTJUNKER sagt:

      Freut mich,dass Dir der Text gefallen hat. Er stammt leider nicht aus meiner Feder. Der Autor heißt Steven Rinella und sein Buch „Echte Männer jagen selbst“. In den Anmerkungen findest Du alle relevanten Informationen zu Autor und Titel sowie die Weblinks zu weiteren Leseproben.

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      1. Rhiannon sagt:

        Muss ich wohl überlesen haben 😉 obwohl du das Buch selber ja erwähnst.

        Guter Blog übrigens!

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      2. KRAUTJUNKER sagt:

        Vielen Dank, Rhiannon. Schau Dir mal die Buchvorstellungen von „H wie Habicht“, „Richtig Tiere essen?!“ und „Der Geschmack von Laub und Erde“ an. Kann mir vorstellen, dass diese Bücher genau das richtige Lesefutter für Dich sind.

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  2. Luisa sagt:

    Bin ich jetzt ein echter Mann, eine echte Frau oder etwa falsch? Irgendwie verwirrend… 😉

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    1. KRAUTJUNKER sagt:

      Das Buch liest sich gut, aber beide Titel „Echte Männer jagen selbst“ sowie „Tiere töten und essen“ sind völlig daneben.

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      1. Luisa sagt:

        Wahrscheinlich ein Versuch, so vielen DMAX-Fans wie moeglich als Geschenk gekauft zu werden.

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