Meine europäische Familie: Die ersten 54 000 Jahre

Buchvorstellung

In vielen schriftlosen Kulturen wird erwartet, dass junge Menschen die Namen und Leben ihrer Ahnen über sieben bis zehn Generationen auswendig vorstellen können. Selbst unter akademisch gebildeten Mitteleuropäern geraten die meisten ins Stottern, sofern sie nach den Namen, Berufen und Wohnorten ihrer Urgroßeltern gefragt werden. Die preisgekrönte schwedische Wissenschaftsautorin Karin Bojs bildete hier keine Ausnahme. Doch anlässlich des Sterbens ihrer Mutter sinnierte sie über deren Leben. Ihre einst vielversprechende Karriere als Medizinerin war aufgrund einer langen Geschichte gravierender Probleme bereits mit fünfzig Lebensjahren zu Ende gegangen. Krankheit, Scheidung, Missbrauch und Konflikte hatten sie aus der Bahn geworfen und zerbrochen. Im Grunde ist ihre gesamte Familie klein und zerrüttet. Aufgrund der vielen familiären Probleme lernte die Autorin nur selten überhaupt irgendwelche Verwandten kennen. Kam ihr als Jugendliche Ahnenforschung albern vor, war ihr durch ihre Tätigkeit als Wissenschaftsjournalistin mittlerweile klar geworden, wie wichtig das Wissen um das Leben unserer Ahnen in den meisten ursprünglichen Kulturen ist.

Seitdem 1995 die Untersuchung der vollständigen DNA eines winzig kleinen Bakteriums gelungen ist, hat die Genforschung in einem schwindelerregenden Tempo Fortschritte gemacht. Sie sind dramatischer als die Fortschritte in der Datentechnologie, auch wenn sie im Alltag weniger präsent sind, als die offensichtlicheren Veränderungen von Computern, Telefonen und Internet.

Seit kurzem sind Wissenschaftler nicht nur in der Lage das Erbgut von lebenden Menschen zu analysieren, sondern in einigen Fällen sogar das von jenen, die vor hunderttausenden von Jahren starben.

DNA-Tests sind mittlerweile auch für Normalverdiener erschwinglich zu erwerben.

Gestützt auf diese Tests nahm Karin Bojs die Fährte ihrer Ahnen auf und folgte ihr bis zu den ersten Europäern unserer Art. Sie verließ sich dabei nicht nur auf Laborergebnisse und Interviews mit Archäologen und Genforschern, sondern besuchte auch die bedeutendsten archäologischen Stätten sowie die Orte, an denen ihre Urahnen nachweislich lebten.

Es ist ganz erstaunlich, was sie dabei herausfand. Vor ungefähr 200.000 Jahren lebte in Afrika eine Frau, von der alle heute lebenden Menschen abstammen. Vermutlich vor 54.000 Jahren hinterließ ein Neandertaler sein Erbgut in der mütterlichen Linie der Autorin. Unwahrscheinlich, dass hier Galanterie geschweige denn Freiwilligkeit eine Rolle spielten. Das genetische Erbe dieses Aktes, wenn es auch nur bei 3 % liegt, bescherte den meisten Europäern Fähigkeiten, welche ihnen das Überleben im eiszeitlichen Europa erleichterten. Wobei sich natürlich die Lebensgrundlagen schneller ändern als unser Erbgut. 
Ein Gen erhöht heute das Risiko für Diabetes Typ 2 und Übergewicht. Unter den harten Lebensbedingungen unserer Vorfahren verringerte es das Risiko zu verhungern. Es weist einiges darauf hin, dass wir den Neandertalern weiterhin glattes und helles Haar sowie einen lichten Teint verdanken.

Auf Grundlage ihrer Gen-Analyse fand die Autorin direkte Vorfahren, welche vor über 40.000 Jahren Europa erreichten und zur Untergruppe U5b1 gehörten. Auf dem Höhepunkt der Eiszeit, während des Solutréen, suchten sie Zuflucht in Südwesteuropa.

Sie folgt immer weiter den genetischen Spuren, die ihre Familie über tausende von Jahren an vielen weiteren Stellen in Europa verstreute.

Nach den ersten eiszeitlichen Jägern kamen vor etwas mehr als 8.000 Jahren Bauern aus dem Nahen Osten. Die Schnurkeramiker-Kultur, welche vor 4.800 Jahren in Mitteleuropa auftauchte, ist ein Erbe der Indogermanen, einem Hirtenvolk aus dem Kaukasus. Im Gegensatz zu idealisierten Vorstellungen früherer Jahrzehnte, waren die Indogermanen nicht blond und blauäugig, sondern ziemlich dunkel. Nicht nur im Vergleich zu heutigen Europäern, sondern auch zu den Bauern, die seinerzeit Mitteleuropa bevölkerten. Unter allen Völkern fand Bojs Verwandte. Nicht immer waren die Zeugungen wohl freiwillig, denn als um 1.000 n. Chr. eine Schottin das Skandinavien der Wikinger erreichte und in ihre Familie eintrat, tat sie es wahrscheinlich nicht aus freien Stücken.

Da ich weder Geschichte noch Archäologie studierte und nur interessierter Laie bin, waren mir zwar bisher Begriffe wie Bandkeramiker oder Glockenbecherkultur aus einzelnen Büchern geläufig, doch erst durch die Lektüre dieses Buches habe ich für mich eine innere Chronologie der Epochen und Besiedlungsströme Europas gebildet. 

Nebenbei erfährt der Leser Wissenswertes über den Beginn der Bekleidung, das Weltbild von Schamanen oder die Anfänge von Musik, Handwerk und Bauerntum. Interessant auch die Passage, wo Dr. Amanda Henry, (zuvor Max-Planck-Institut in Leipzig, jetzt Universiteit Leiden) mit den populärwissenschaftlichen Mythen über die sogenannte Paläo-Diät aufräumt. Nahezu jeder neuzeitliche Europäer verfügt über eine Mischung aus „Jägergenen“ und „Bauerngenen“, da unterschiedliche Einwanderungswellen unsere frühe Geschichte prägten. Eine ideale Nahrung gibt es für uns nicht, da unsere Vorfahren nahezu alles aßen, was halbwegs genießbar war. Über langfristige Folgen musste man sich nicht den Kopf zerbrechen. Hauptsache, man verhungerte nicht.

Interessant für Außenstehende auch, wie die Sicht von Historikern und Archäologen durch ihre jeweilige Perspektive verändert wird, so sehr sie sich auch um Objektivität bemühen. Britische Wissenschaftler sehen die Wikinger-Kulturen ganz anders als skandinavische Forscher.
Vom Sozialismus geprägte Menschen, beurteilen Genetik und Gentechnik generell eher skeptisch. Karin Bojs zitiert einen Kulturhistoriker, welcher aus heiterem Himmel behauptete, dass „alle Genetiker im Grunde Faschisten sind“. Hintergrund ist, dass für Sozialisten Gene „bourgeois“ und „konterrevolutionär“ sind, da laut Das Kapital die Umwelt das einzig Entscheidende für die Entwicklung von Menschen sei. Die Verbrechen, welche beispielsweise die Nationalsozialisten in Deutschland auf Grundlage ihrer rassistischen Ideologie verübten, taten ihr Übriges, die Debatte zu emotionalisieren. Das ist irrational und traurig. „Wir können uns ja nicht von Hitler diktieren lassen, worüber wir fünfzig Jahre später forschen“, erklärte Svante Pääbo der Leitung der Max-Planck-Gesellschaft als man tatsächlich darüber diskutierte, ob Deutschland nach dem Rassismus des Nationalsozialismus ein neues anthropologisches Forschungsinstitut einrichten solle.

Doch auch ehrwürdige altgediente Wissenschaftler beurteilen die Genforschung kritisch. Archäologen, die den Großteil ihrer idealistischen Berufslaufbahn damit verbrachten, Fundstücke auszugraben und zu interpretieren, um darauf ihre Theoriegebäude zu errichten, reagieren mit Verbitterung, wenn Gentests ihre jahrzehntelangen Arbeiten pulverisieren. 

Ich musste dabei an das Bonmot des von mir verehrten Douglas Adams denken: „Alles, was vor unserer Geburt an Technik da ist normal und gewöhnlich. Alles, was zwischen unserem 15. und 35. Lebensjahr auftaucht, ist neu, aufregend und revolutionär. Alles, was danach auftaucht, ist gegen die natürliche Ordnung der Dinge“

Das vorletzte Kapitel des Buches heißt „DNA – FRAGEN UND ANTWORTEN“ in dem u.a. Unternehmen empfohlen werden, bei denen man seine DNA untersuchen kann und wie ein Test für Privatpersonen abläuft.

Das allerletzte lautet „QUELLEN, LITERATURHINWEISE UND REISETIPPS“. Es beinhaltet eine Fülle von Anregungen für alle Leser, die tatsächlich selbst die Fährten ihrer Ahnen aufnehmen möchten. Hier finden sich zu jedem Kapitel des Buches die von der Autorin besuchten Forschungsinstitute, Museen und Denkmäler mit Adressen sowie Empfehlungen zu Hotels und Gaststätten und weitere Reisetipps.

Meine europäische Familie: Die ersten 54 000 Jahre ist ein außergewöhnliches Buch und eine faszinierende Zeitreise in die ethnologische Vergangenheit unseres Kontinents. Wer sich für Anthropologie, Genetik, Ahnenforschung und die Ursprünge der europäischen Völker interessiert, wird in diesem prämierten Werk eine Fülle von kontroversen Anregungen finden.

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Verlagsinformation über die Autorin:
Karin Bojs war über 15 Jahre als Wissenschaftsredakteurin bei Schwedens größter Tageszeitung »Dagens Nyheter« tätig. Für ihre Arbeit erhielt sie u.a. folgenden Auszeichnungen: die Eherendoktorwürde der Universität Stockholm sowie den Science Media Award der Royal Swedish Acadamy of Engineering Sciences. »Meine europäische Familie« wurde außerdem mit dem August-Preis als bestes schwedisches Sachbuch ausgezeichnet. 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Titel: Meine europäische Familie: Die ersten 54 000 Jahre

Autorin: Karin Bojs

Verlag: wbg Theiss

Verlagslink: https://www.wbg-wissenverbindet.de/11742/meine-europaeische-familie

ISBN: 978-3-8062-3674-3

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