Wintervögel: Haubenmeise (Lophophanes cristatus)

von Lars Jonsson

Die Haubenmeise ist die am stärksten auf Nadelwald spezialisierte Meise, sie kommt nur dort vor, wo es älteren Kiefern- oder Fichtenwald gibt, wobei sie Kiefernwald vorzieht. Im Zentrum von Norrland wird sie nach Norden zu selten, in den fjällnahen Kiefernwäldern fehlt sie ganz. Ihr Verbreitungsareal ist auf Europa beschränkt, im Westen reicht es bis zur Iberischen Halbinsel. In Schweden kommt sie am häufigsten im Osten der beiden südlichen Landesteile Götaland und Svealand vor. Auf den Inseln Gotland und Öland fehlt sie, was aber nicht überrascht, sondern von ihrer Ortstreue zeugt. In Schweden schätzt man die Anzahl auf etwa 400 000 Paare, was etwa der Zahl der Tannenmeise entspricht. Haubenmeisen trifft man aber viel seltener an Fütterungen an, da sie ihren Heimatwald nur ungern verlassen. Bei der Wintervogelzählung im Januar kam diese Art einmal auf den letzten Platz der 30 häufigsten Futterplatzbesucher.

In seinen Vogelkolumnen von 1921 schrieb der naturinteressierte Zeitungsmann Oscar Reinhold Ericson unter dem Pseudonym Reinhold Winter alias Regulus, dass die Haubenmeise genügsam, fröhlich, arglos und heimattreu sei. Die Kolumne zeichnete sich durch ziemliche Vermenschlichungen aus, aber im Fall der Haubenmeise geht das fast allen so. Ihr angenehm rollendes, fast aufmunterndes „Pürüllüllütt“ wird als fröhlich bezeichnet. Ich freue mich immer, wenn ich diesen Ruf vernehme, und bin gespannt, die Haubenmeise zu sehen. Ganz aus der Nähe kann man auch spitze „zitt“-Rufe hören. Die Federhaube und die deutliche Zeichnung verleihen der Haubenmeise einen eigenen Gesichtsausdruck, der ganz anders ist als bei jeder anderen Meise oder Kleinvogelart. In der Gattung Lophophanes gibt es neben der Haubenmeise nur noch eine weitere Art, die Grauhaubenmeise (Lophophanes dichrous), die im Himalaja und im östlichen China vorkommt.
Besucht keine Haubenmeise Ihren Futterplatz und wollen Sie trotzdem eine aus der Nähe sehen, imitieren Sie in einem Wald, in dem beide Arten leben, einen Sperlingskauz. Es dauert meist nicht lange, bis zuerst Weidenmeisen und dann Haubenmeisen herankommen, um mit energischen Warnrufen die vermeintliche Gefahr zu erkunden. In dieser Situation richtet die Haubenmeise ihre Federhaube auf und streckt den Hals. Aus der Nähe erkennt man den schönen rotbraunen Farbton der Iris, der unter Meisen einzigartig ist. Das komplizierte Kopfmuster mit schwarzem Band und Kommazeichen über die Wangen scheint eines der vielen schwer zu begreifenden Muster in der Natur zu sein. Jedoch hat es eine spezielle Funktion, die mein Malerkollege Dan Zetterström als Erster erkannte: Die Haubenmeise hat ein sogenanntes Okzipitalgesicht. Wenn sie einen Zapfen bearbeitet oder sonst ihre Aufmerksamkeit nach hinten vernachlässigt, schützt sie ein Muster im Nacken, das einem Gesicht ähnelt. Der Sperlingskauz, ihr Todfeind, hat ebenfalls ein falsches Gesicht im Nacken, um selbst vor größeren Greifvögeln und Eulen geschützt zu sein. Wenn der Angreifer glaubt, sein Beutetier erblickt ihn, sieht er vielleicht von der Attacke ab.

Der Gesang besteht meist aus dem typischen Lockruf, dem ein hohes, spitzes „Si si“ vorangeht. Mitunter wird die kurze, rollende Tonreihe alternierend in schneller Folge wiederholt. Ihre Tonlage wechselt dabei leicht. Das Adjektiv heimattreu ist bei der standorttreuen Haubenmeise durchaus berechtigt. Hat man eine Meise in einem bestimmten Waldgebiet gehört, ist die Chance groß, sie beim nächsten Besuch wieder zu hören. Größere Wanderbewegungen der Jungvögel sind nicht erkennbar.
Als Nadelwaldbewohner sind Haubenmeisen ein fester Bestandteil der Kleinvogeltrupps im Wald, zusammen mit Tannen- und Weidenmeisen bilden sie oft den Kern der Gruppe. Sie suchen ihre Nahrung vor allem im mittleren Abschnitt der Zweige, während Weidenmeisen die stammnahen und Tannenmeisen die äußeren Bereiche absuchen. Die Winternahrung besteht hauptsächlich aus gehamsterten Kiefern- und Fichtensamen sowie überwinternden Insekten und deren Larven, die in Ritzen der Zweige verborgen sind oder die in Depots gehortet werden. Im Sommerhalbjahr verzehren Haubenmeisen vorwiegend Insekten und Spinnen. Samen werden oft zwischen den Flechten entlang des mittleren Zweigabschnitts versteckt und nicht selten noch mit kleinen Flechtenstücken „getarnt“.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Wintervögel

Titel: Wintervögel

Autor: Lars Jonsson

Illustrator: Lars Jonsson

Verlag: Franckh Kosmos Verlag

Verlagslink: https://www.kosmos.de/buecher/ratgeber/natur/voegel/6637/wintervoegel

ISBN: 978-3440152904

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Bereits veröffentlichte Leseproben: https://krautjunker.com/?s=winterv%C3%B6gel

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