Königshuhn & Stutenmilch – Eine Reise durch die Kochtöpfe der Mongolei

Buchvorstellung

Bei der Recherche für einen von Game of Thrones inspirierten Fantasy-Roman, suchte ich ein Buch, in dem die authentische Küche eines antiken oder mittelalterlichen Nomadenvolkes beschrieben wurde, denn der schnellste und sinnlichste Weg zum Verständnis einer fremdartigen Kultur führt über das Essen.
Ich fragte viele kluge Leute. Unter anderem wandte ich mich auch über einen Dritten an einen Mitarbeiter der Botschaft der Mongolei in Berlin. Schlussendlich wurde immer nur ein Buch empfohlen: Königshuhn & Stutenmilch – Eine Reise durch die Kochtöpfe der Mongolei.
In der Masse der jährlich auf den Markt geschwemmten Kochbücher ist der Titel seit seiner Veröffentlichung im Jahr 2011 ein absolutes Unikat. Es ist nicht nur eine Sammlung originalgetreu beschriebener Rezepte und ihren Zutaten, sondern trägt durch seine einfühlsamen und klugen Essays auch zu einem tieferen Verständnis der Mongolei und der Mongolen bei, als wenn man sich tagelang Film-Dokumentationen auf dem Bildschirm anschaut.

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Viel besser als ein Kluger,
der nur an einem Ort festgesessen hat,
ist ein Dummer, der viel gereist ist.
VOLKSTÜMLICHE REDENSART

MEINE REISE ZU DEN KOCHTÖPFEN DER MONGOLEI

oder: Wie alles anfing und nicht enden will

von Amélie Schenk

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Wer in die Mongolei reist, kommt der großartig wilden Natur, womöglich auch der Reiterei, der Jagd, des Angelns wegen oder gar in geschäftlichen Angelegenheiten, aber sicher nicht um des Essens willen. Warum also ein Buch über die mongolische Küche? Einige, denen ich davon erzähle, wundern sich: Haben die mongolischen Nomaden überhaupt eine nennenswerte Küche, sodass es sich lohnt, darüber zu schreiben? Andere wiederum freuen sich: Es ist an der Zeit für ein derartiges Buch!
Eigen und herzhaft-urtümlich ist die mongolische Küche. Sonne und Wind, Felsgestein und Sand, Wildwasser und Salzseen, das weite Grasland schmecken immer hervor. Es schmeckt schlicht und erfrischend rau, aber nie roh oder gar flau. Manche behaupten, die Mongolen hätten keine eigenen traditionellen Speisen. Sie hätten ohne viel Aufhebens einfach das gegessen, was sie fanden, dort, wo sie sich gerade aufhielten. Und die Zubereitungsart war denkbar einfach: Fleisch wurde auf dem Schild der Krieger gebraten – das Barbecue entstand, zerstoßenes Trockenfleisch kam in heißes Wasser – die Instantbrühe entstand, getrocknete Quarkbrocken wurden im Mund eingespeichelt und gelutscht – die Kraftnahrung war erfunden, Grassamen, Wildgemüse und -früchte wurden geerntet. Die wirklichen Lebens-Mittel wuchsen gleich neben dem Lagerplatz – da war nichts Totes, alles war natürlich und ohne Frage gesund.
Marco Polo, der 17 Jahre im Dienste Kublai Khans, des Enkels von Dschingis Khan, stand, rühmt die zähe Ausdauer und Beweglichkeit der mongolischen Reitertrupps auf ihren Kriegszügen. Auf den langen Strecken führten die Reiter abgesehen von zwei Lederflaschen keine Geräte mit sich, weiters einen Kochtopf zum Fleischkochen und zum Schutz gegen Regen ein kleines Zelt. Nicht nur einmal preist er ihre Tüchtigkeit: „Sollte es nötig sein, reiten sie gut zehn Tage, ohne etwas zu essen, ohne Feuer zu machen. Sie ernähren sich vom Blut ihrer Pferde; jeder läßt seinen Gaul zur Ader und trinkt das Blut. Sie haben auch eingetrocknete Milch bei sich, die teigig fest ist; portionenweise weichen sie sie im Wasser auf, bis sie flüssig und trinkbar wird.“
Was hat sich von dieser natürlichen Einfachheit und der Anspruchslosigkeit, der alten Verwegenheit, dem durch Entbehrungen geschulten Geist und der ausgezeichneten körperlichen Verfassung bis heute gehalten? Wie leben und ernähren sich die Nachfahren von Dschingis Khan, die – wenn auch nur für kurze Zeit – auf das größte uns bekannte Weltreich der Geschichte zurückblicken können?
So frage ich – und ich bekomme Antworten. Denn in den langen Jahren, die ich in der Mongolei unterwegs bin, forsche ich, gehe dem Traditionellen nach, suche das, was auszusterben droht. Neugieriges Wandern und sorgloses Umherstreunen, gezieltes Suchen und absichtsloses Finden in den Weiten der Steppe und der Wildnis wechseln einander ab. So erkunde ich das Nomadenleben und suche nach seinem Wesenskern. Das ist meine Schule, die Schule des Lebens unter den Nomaden, die mir unerschöpflich Stoff bietet, auch wunderlichen und rätselhaften.
Welch ein Kosten also, Auskosten und Genießen, gelegentliche Unbekömmlichkeiten eingeschlossen: der Speisen, der Menschen und der Lebensart! Wenn ich im fernen Europa bin, fängt bald die unsägliche Sehnsucht nach dem freien Leben in der Mongolei an. In jüngster Zeit sehne ich mich sogar nach dem würzigen Schaffleisch der Nomaden, dem Geruch ihrer Dungfeuer. Das Leben dort hat mich längst an die Brust genommen, und ich habe oft Heimweh danach, meistens brennend, gelegentlich aber auch nur flüchtig und leise. Der Zauber wirkt, ich kann mich ihm nicht entziehen.
Ein Trost: In den Bergen des mongolischen Altai habe ich eine Hütte aus Lehm und Holz. Dorthin kehre ich auch im Winter zurück, ungeachtet der mörderischen Kälte. Auf die Frage: Wie ergeht es dir in der Mongolei, wenn die Temperaturen unter 40 Grad minus sinken?, reichen wenige Worte als Antwort: Es ist gut, ein Feuer in der Nähe zu wissen, und man braucht Fett und Fleisch, Filz und Fell. Seit Gedenken sind das die altbewährten Überlebensmittel in der kalten Jahreszeit. Und ich halte mit. Halte mich von außen warm, indem ich einen dicken Lammfellmantel, eine Fuchspelzmütze, die bis tief in die Stirn und über die Ohren reicht, und hochschaftige Filzstiefel trage. Und ich esse, was alle essen, gekochtes Fleisch mit Fett, Teigtaschen mit gehacktem Pferdefleisch und Nudelsuppe mit Fleisch, die immer wärmt.
Mit dem Frühjahr ändert sich der Speiseplan, der Magen soll sich erholen, der Mensch isst leichter Verdauliches. So ist es zumindest auf dem Land bei den Nomaden. Dann, mit dem Sommer, kommt die herrliche Zeit, da Milch fließt und es Milchspeisen in Hülle und Fülle gibt. Wilde Früchte und Gemüse, Wurzeln und Knollen, Gräser, Samen und Kräuter werden gesammelt, getrocknet oder sonstwie haltbar gemacht. So essen die Menschen den vier Jahreszeiten und dem harten, trockenen Klima angepasst und ernähren sich von dem, was es vor Ort gibt, was angebaut und geerntet, gesammelt und erjagt werden kann.
Zugegeben, manche Vor- und Fehlurteile über die Küche der Mongolen sitzen tief. Sie beruhen, wie ich meine, auf Unkenntnis, sind aber auch in der Tatsache begründet, dass sich die Küche der Mongolen längst an den benachbarten Küchen Russlands und Chinas, an denjenigen Koreas, Europas und Amerikas »angesteckt« hat und nicht mehr wirklich ursprünglich ist. So wie auch im Alltag will man zeitgemäß und anders, sprich verfeinerter, kochen und anderes schmecken. Die nicht wirklich den Beinamen »mongolisch« verdienende Küche, die inzwischen überall in Europa aufkommt, wo auf heißem Stein Fleisch und Gemüse gebraten wird, tut das übrige. Umso begeisterter und entschlossener möchte ich hier vorstellen, was uns aus alten, ja fast altertümlichen Zeiten überliefert wurde.
Die Küche der Mongolei mit ihren Zutaten aus der Wildnis ist bedroht, vergleichbar den immateriellen Kulturgütern anderer kleiner Völker auf der Welt. In diesem Sinne möge dieses Buch hier auch verstanden sein:
als Versuch, ins Blickfeld zu kehren, was bisher vernachlässigt wurde – die biologisch einwandfreie, natürliche Küche der Nomaden der Mongolei, von den endlosen Ebenen des Ostens bis zu den vergletscherten Gipfeln des Altai-Gebirges im Westen.
Möge etwas von ihrem ureigenen Geschmack durchdringen!

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Vorstellung der Autorin:
Amélie Schenk ist eine promovierte Ethnologin, Literaturwissenschaftlerin und Schamanenforscherin, Kennerin verschiedener Naturvölker, die sich selber auch als „wissenschaftliche Nomadin“ bezeichnet. Sie lebte unter anderem bei den Indianern Nordamerikas und in Indien. Vor über 20 Jahren erreichte sie über Indien und Tibet das erste Mal in die Mongolei.
Ihr Anliegen ist das Lernen von anderen Kulturen und die tatkräftige Unterstützung der letzten kleinen Naturvölker. Sie lehrt an der Universität Konstanz.
Veröffentlichungen u.a.: „Schamanen auf dem Dach der Welt“ (Graz 1994), „Im Land der zornigen Winde“ (Unionsverlag 1998), „Herr des schwarzen Himmels“ (München 2000), „Gesang des Himmels“ (Frankfurt 2006), „Das Meckern der Pferdekopfgeige“ (Frauenfeld 2010) und „Der Steppe raue Freiheit“ (waldgut lektur 2019).

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Rezensions-Empfehlung im EPIKUR – Journal für Gastrosophie:

https://www.epikur-journal.at/de/ausgabe/detail.asp?id=230&art=Rezension&tit=SCHENK%2520Am%C3%A9lie%3A%2520Koenigshuhn%2520%26amp%3B%2520Stutenmilch%2E%2520Eine%2520Reise%2520durch%2520die%2520Kochtoepfe%2520der%2520Mongolei%2E%2520Mandelbaum%2520Verlag%2C%2520Wien%25202011

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Interview der Autorin:
http://www.general-anzeiger-bonn.de/region/vorgebirge-voreifel/alfter/%E2%80%9EDas-Leben-ist-jetzt%E2%80%9C-article3414207.html

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Titel: Königshuhn & Stutenmilch – Eine Reise durch die Kochtöpfe der Mongolei

Autorin: Amélie Schenk

Fotos: Amélie Schenk

Verlag: Mandelbaum Verlag

Verlagslink: https://www.mandelbaum.at/buch.php?id=408  

ISBN: 978385476-336-9

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