Wintervögel: Buntspecht (Dendrocopos major)

von Lars Jonsson

Im Winter beobachte ich oft vom Fenster aus die Stammgäste an meinem Futterplatz. Wenn dann plötzlich ein Buntspecht die Ruhe stört, werden die kleineren Samenfresser vorsichtig. Einige liegen sogar in den nächsten Busch. Einem größeren Vogel an der Fütterung weichen kleinere stets aus. Man gewöhnt sich schnell an die täglich erscheinenden Kohlmeisen, Feldsperlinge und Grünfinken. Ein Buntspecht mit weißem Hemd, schwarzem Frack und roten Lackschuhen ist ein besonderes Ereignis. Wegen seines Gewichts und der spezialisierten Füße landet er nur selten direkt auf dem Meisenknödel oder Futterspender, sondern zunächst auf einem kräftigeren Ast oder Stamm in der Nähe, um die Lage zu erkunden. Ein an einem Nagel aufgespießtes Stück Speck oder ein Netz mit Talgbrocken am Baumstamm liegt er sofort an. Gibt es nur Nüsse im Netz oder Talgknödel, zögert er. Dann hüpft er so nahe wie möglich heran, liegt hin und klammert sich von unten daran. Rasch lernt er, die Netze mit Haselnüssen zu öffnen und die ganzen Nüsse herauszuholen. Damit liegt er zu einem geeigneten Stamm oder größeren Ast und bearbeitet sie dort weiter.

Buntspecht

Wenn der Buntspecht seinen Kopf zur Seite legt und zu überlegen scheint, wie er zum Futter gelangen könnte, sieht man erst einmal, wie schön er ist. In seinem oft ausdrucksvollen Gesicht fallen die dunkel rotbraune Iris, die ansprechend beigefarbene Stirn und der fast blaugraue Schnabel auf. Weibchen und Männchen sehen gleich aus, dem Weibchen fehlt nur der rote, rechteckige Nackenleck. Der Steiß ist stets leuchtend karminrot. Manche Vögel haben eine kreideweiße Unterseite, oft sind Bauch und Brust aber auch ocker- oder beigefarben getönt. Ich bin überzeugt, dass diese Einfärbung von Harzen stammt, mit denen die Spechte bei der Bearbeitung von Stämmen oder in der Übernachtungshöhle in Berührung gekommen sind. Der Farbton variiert, manche Spechte zeigen eine krätig eingefärbte Unterseite, andere Vögel haben eine „weiße Weste“.

 

Federwechsel

[Text nur im Buch]

 

An der Spechtschmiede

Der Buntspecht ist in Nordeuropa der häufigste Specht und ein regelmäßiger Gast am Futterhaus, sofern er dort Talg, Meisenknödel oder Nüsse vorfindet – selbst in offener Landschaft mit nur wenigen Bäumen im Garten. Er brütet im Allgemeinen in allen Landschaftstypen mit Wald oder Baumgruppen und fehlt nur in den zentralen Fjällgebieten. In Schweden rechnet man mit über 200 000 Brutpaaren.
Buntspechte erbeuten vor allem Insekten und deren holzbewohnende Larven, sie ernähren sich aber auch von verschiedenen Samen und Nüssen. In der Brutsaison fressen sie nicht selten Eier und Jungvögel. Kiefern- und Fichtensamen bilden im Winterhalbjahr ihre Grundnahrung. Daher ist dieser Specht in den meisten Waldtypen häufig. In Nadelwäldern findet man oft auf dem Boden zahlreiche Fichten- und Kiefernzapfen dicht beieinander, die ein Buntspecht in seiner „Schmiede“ bearbeitet und „geleert“ zu Boden geworfen hatte. Die Schmieden befinden sich meist an den äußeren Ästen oder oft an abgestorbenen Teilen im Wipfelbereich. Dabei handelt es sich um eine Stelle an einem dickeren Ast oder am Stamm mit einer Spalte oder einer vom Specht gehackten Vertiefung, in der er sein „Werkstück“ festklemmt. Wenn der Zapfen gut sitzt, bearbeitet ihn der Buntspecht mit gezielten Schnabelhieben aus verschiedenen Winkeln, bis er die Samen herausklauben kann. Oft muss er den Sitz des Zapfens nachjustieren, und so kann er sich mehrere Minuten lang mit einem einzigen Zapfen beschäftigen. Bevor sich im Frühjahr oder Vorsommer die Zapfenschuppen von selbst öffnen, sind nur Buntspechte und Kreuzschnäbel in der Lage, die nahrhaften Samen aus ihrer schwer erreichbaren Hülle zu holen. Dazu brechen die Spechte die Zapfen ab und transportieren sie im Schnabel zur Schmiede. Wenn sie dabei in einer Fichtenspitze herumklettern, wirken sie oft recht unbeholfen.
In Jahren mit gutem Bruterfolg, aber eher schlechtem Samenansatz kann man manchmal im Spätsommer deutliche, nach Süden gerichtete Zugbewegungen feststellen. Dann trifft man diese Spechte in beträchtlicher Anzahl auf südlichen Landzungen, Inseln oder anderen strategischen Punkten des Vogelzugs. Aus Südfinnland gibt es Berichte von fast 10 000 Buntspechten an einem einzigen Beobachtungspunkt.
Obwohl der Buntspecht sehr zahlreich vorkommt, hat man oft das Gefühl, dass nur ein Vogel oder wenige an einer Futterstelle erscheinen. Ich sehe jedoch häufig ein Weibchen und ein Männchen an meinem Futterplatz, aber nie beide gleichzeitig. Sie scheinen wie andere Spechte die meiste Zeit des Jahres Einzelgänger zu sein.

Buntspechtskizze

 

Kurzer Trommelwirbel

[Text nur im Buch]

 

Andere„Buntspechte“

[Text nur im Buch]

 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Wintervögel

Titel: Wintervögel

Autor: Lars Jonsson

Illustrator: Lars Jonsson

Verlag: Franckh Kosmos Verlag

Verlagslink: https://www.kosmos.de/buecher/ratgeber/natur/voegel/6637/wintervoegel

ISBN: 978-3440152904

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Bereits veröffentlichte Leseprobe: https://krautjunker.com/2018/02/11/sperber-accipiter-nisus/

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