Der Gesang der Flusskrebse

Buchvorstellung

„Lesen ist denken mit fremden Gehirn“, formulierte der Schriftsteller Jorge L. Borges den Rausch der Bibliomanen. Für den Erstroman der 70jährigen Naturforscherin Delia Owens, Der Gesang der Flusskrebse, gilt dies im besonderen Maße. Die Zoologin, welche über zwanzig Jahre in Afrika forschte, verfügt über die rare und kostbare Gabe, Bildung zu teilen, ohne zu langweilen. Auf gedruckten Worten glitt ich in die Marschlandschaft von North Carolina und in das Leben eines Mädchens aus dem White Trash.

Die ersten Zeilen des Prologs lauten, »Marschland ist nicht gleich Sumpf. Marschland ist ein Ort des Lichts, wo Gras in Wasser wächst und Wasser in den Himmel fließt. Träge Bäche mäandern, tragen die Sonnenkugel mit sich zum Meer, und langbeinige Vögel erheben sich mit unerwarteter Anmut – als wären sie nicht fürs Fliegen geschaffen – vor dem Getöse Tausender Schneegänse.
Doch auch im Marschland schleicht sich hier und da echter Sumpf in tief liegende Moore, vorborgen in feuchtkalten Wäldern. Sumpfwasser ist still und dunkel, hat das Licht mit seinem schlammigen Schlund verschluckt.«

Im ersten Kapitel wird die sechsjährige Kya 1952 von ihrer Mutter verlassen.

»Kya wollte ihr hinterherrufen, aber sie hatte Angst, Pa zu wecken, deshalb öffnete sie nur die Tür und trat auf die wackeligen Holzstufen. Von dort konnte sie den blauen Koffer sehen, den Ma in der Hand trug. Normalerweise wusste Kya mit dem Vertrauen eines jungen Hundes, dass ihre Mutter zurückkommen würde … Aber sie trug nie die Krokoschuhe, nahm nie einen Koffer mit.«

Zermürbt von der Ehe mit einem gewalttätigen und nichtsnutzigen Alkoholiker in der Wildnis, kann sie ihr Leben als »Sumpfgesindel« nicht mehr aushalten und flieht.

Hart für Kya, aber frei nach der Hollywood-Methode, „Mit einem Erdbeben anfangen und dann langsam steigern“, wird für sie und ihre Geschwister das Leben in der Wildnis-Bruchbude noch unmenschlicher und trostloser. Sie sind alleine mit ihrem Vater und der Angst, dass ihm der Whisky seinen Verstand raubt, sein Gebrüll und seine Schläge kein Ende finden.

Ihre drei älteren Geschwister rennen kurze Zeit später weg, nur ein Bruder bleibt noch kurze Zeit, ehe auch er sich in Sicherheit bringt. Nicht viel später macht sich selbst der Vater vor sich selbst aus dem Staub. Halbherzige Anläufe des Öffentlichen Dienstes, Kya einzuschulen oder gar betreuen zu lassen, verlaufen im Treibsand des Marschlandes.

Ihr Umfeld ist dem einsamen Kind im Sumpf keine Hilfe. Ganz im Gegenteil. Bis in die Sechzigerjahre werden in North Carolina Menschen aufgrund von Rasse, Geschlecht und Gesellschaftsschicht sortiert.

Allen Widrigkeiten zum Trotz überlebt das Wolfskind als »das Marschmädchen«. Sie sammelt Muscheln und räuchert selbstgefangene Fische, um Lebensmittel sowie Benzin für ihr Boot einzutauschen. Weil niemand da ist, mit dem sie reden kann, wird erst die Wildnis ihr Freund und dann die Wissenschaft. Doch ihre Entwicklung zu einer verlockenden Naturschönheit führt zu einer Tragödie, die in einem spektakulären Kriminalfall endet.

In Der Gesang der Flusskrebse beschreiben lange, jedoch nicht langatmige Passagen, das Aufwachsen von Kya im Marschland. Ohne in Kitsch abzugleiten, schildert Delia Owens die Schönheit der seltsamen Landschaft gleichermaßen poetisch wie objektiv. Mit Kya begegnen wir einem verlassenen, traumatisierten und verwilderten Kind, dessen Leben von Ablehnung geprägt ist. Doch die Härten des Lebens zerbrechen sie nicht, sondern schleifen sie zu einer Frau, die hart, schön und gefährlich wird. »Ein Teil ihres Herzens voller Sehnsucht, der andere auf Selbstschutz bedacht.«

Zwischen allen Irrungen, Wirrungen und Wendungen, bis zu dem unvorhersehbaren Schluss, fragt sich der Leser: Sympathisiere ich mit einem Opfer oder einem Täter?

»Ein Mensch, der in die Enge getrieben wird, verzweifelt oder isoliert ist, greift auf die Überlebensinstinkte zurück. Schnell und gerecht. Diese Instinkte werden immer Trumpfkarten sein, weil sie häufiger von einer Generation an die nächste weitergegeben werden als die sanfteren Gene. Das hat nichts mit Moral zu tun, sondern schlicht mit Mathematik. Tauben kämpfen untereinander ebenso oft wie Falken.«

Es war »keine Bosheit im Spiel, nur das Leben, das seinen pulsierenden Weg ging, auch auf Kosten einiger Beteiligter.«

Außergewöhnliche Literatur, die den Leser in den Kopf eines seltsamen Menschen eintauchen lässt, der die Wildnis lebt.

*

Vorstellung der Autorin

Abb.: Delia Owens; Fotografin: © DawnMarie Tucker

Delia Owens, 1949 geboren in Georgia, lebt auf einer Ranch in North Carolina, wo sie als Kind ihre Sommerurlaube erlebte. Als Zoologin bereiste und erforschte sie mit ihrem ehemaligen Mann über zwanzig Jahre lang den afrikanischen Kontainent, bevor sie mit knapp siebzig ihren ersten Roman verfasste. Die Erfolgsgeschichte ihres Debütromans, der 2018 in den USA unter dem Titel Where the Crawdads Sing erschien, ist beispiellos: über 3 Millionen verkaufte Exemplare in den USA, 25 Wochen in Folge Platz 1 der NYT-Bestsellerliste, in 41 Ländern lizensiert und die Verfilmung wird von Reese Whiterspoon geplant.
www.deliaowens.com

Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, beide Jahrgang 1955, übersetzen seit vielen Jahren englische und amerikanische Literatur von Autoren wie Harper Lee, Dave Eggers, Jodi Picoult und Zadie Smith.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Titel: Der Gesang der Flusskrebse

Autorin: Delia Owens

Übersetzung: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Verlag: hanserblau

Verlagslink: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/der-gesang-der-flusskrebse/978-3-446-26419-9/

ISBN: 978-3446264199

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