Stilkritik: Über Country Gentlemen am Beispiel des Laksen Herrenhemdes Drake

Modische Regeln verloren vielfach ihre Verbindlichkeit, selbst wenn jene, welche sich als Traditionsverachter und Regelbrecher aufplustern, selten die Traditionen kennen oder die Regeln beherrschen.

Es bringt jedoch nichts, außer schlechter Laune, Fehler bei seinen Mitmenschen zu suchen. G. K. Chesteron, Großmeister im Entdecken der Neurosen unserer Zeit, beendete einst eine lange Leserbriefdebatte zum Thema „Was läuft falsch in unserem Land?“ mit dem Satz:  „Sir, ich weiß ganz genau, was in diesem Land falsch läuft. Ich bin es.“ Hätten alle geschrieben, es sei nicht die Schuld der Jungen oder der Alten, der Armen oder der Reichen, der Linken oder der Rechten, allen außer ihnen selbst, sondern nur ihre eigene, dann würden wir in einem goldenen Zeitalter leben.

Unter diesen Bedingungen richte ich mich nach dem britischen Statement. „You are what you wear“ und orientiere mich am Leitbild eines Country Gentleman.

Abb.: Fotos aus „Brunos Gartenkochbuch“ des britischen Autors Martin Walker

Ursprünglich bezeichnete man als „born Gentlemen“ Landadelige, später reiche Gutsbesitzer. Im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung schenkten die Befreiung aus der Ständegesellschaft und allgemeiner Wohlstand durch die Einflüsse des Liberalismus auch einfachen Jungs die Chance, sich mit Hilfe von Erziehung und Bildung zum „bred Gentleman“ zu entwickeln. Dafür muss man noch nicht mal ein elitäres britisches Knabeninternat besucht haben, dessen Nebenwirkungen oftmals Vorlieben für perverse Sexualpraktiken und Fleischpudding sind. Soweit kann es nämlich kommen, wenn man Orientierung sucht am vorchristlichen Griechenland, in dem die feine Welt das Leben nach dem Motto feierte: „Eine Frau aus Notwendigkeit, einen Knaben zum Vergnügen, eine Ziege für die Ekstase.“

Erasmus von Rotterdam schrieb, „Es ist eine Schande für hochgeborene Menschen nicht die Umgangsformen zu haben, die ihrer vornehmen Herfkunft entsprechen. Jene aber, die Fortuna zu […] Menschen geringen Standes oder gar zu Bauern gemacht hat, müssen umso mehr danach trachten durch Umgangsformen die Vorteile wettzumachen, die ihnen das Glück versagt hat.“ Das Neuartige an seinem Humanismus war, dass ein angenehmeres Miteinander und gesellschaftlicher Aufstieg durch einen von allen erlernbaren Verhaltenskodex möglich wurde.

Vielen mag die Erscheinung und das Verhalten eines Country Gentleman als eine verstaubte Angelegenheit vorkommen, aber sucht man nicht angenehme Manieren und ästhetische Kleidung zumeist bei jenen vergeblich, welche von sich behaupten, die Welt zu einem besseren Ort machen zu wollen? Halten wir es mit dem bekennenden Provinzler Montaigne: „Das deutlichste Anzeichen von Weisheit ist anhaltend gute Laune“. Kombiniert man dies mit Charme, Souveränität und mit einem gewissen Hang zur Selbstironie, bewahrt in jeder Lage die Contenance und ist höflich zu allen, befindet man sich auf der sicheren Seite.

Der Country-Gentleman blickt mit Heiterkeit, auch Faszination auf die Absurditäten der Welt, fühlt sich zeitweise herausgefordert, aber ist nicht dauernd beleidigt, wie es Ideologen geschieht. Sein realistischer Blick auf die Menschen und ihre Geschichte bewahrt ihn davor. „Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt’s nicht“, wusste schon Adenauer.

In Ich bin so Frey – Meine goldenen Jahre, schrieb der Gentleman Stephen Fry: »Wenn ein Mensch nicht viel weiß, dann nur deswegen, weil ihm nichts daran liegt. Er ist desinteressiert. Interesselosigkeit ist die merkwürdigste und allertörichtste Schwäche, die es gibt.
Stellen Sie sich die Welt als eine Stadt vor, deren Gehwege dreißig Zentimeter hoch von Goldmünzen bedeckt sind. Man muss hindurchwaten, um voranzukommen. Ihr Klimpern und Scheppern ist allgegenwärtig. Stellen Sie sich vor, in einer solchen Stadt begegnen Sie einem Bettler.
„Bitte geben Sie mir etwas. Ich habe keinen Penny.“
„Aber sieh dich doch nur um“ , würden Sie rufen. „ Da liegt so viel Gold, dass es für dein ganzes Leben reichen würde. Du brauchst dich nur zu bücken und es aufzuheben!“
Wenn sich Menschen beschweren, dass sie keine Literatur kennen, weil sie in der Schule so schlecht unterrichtet worden sind, oder dass sie von Geschichte nichts mitbekommen haben, weil auf dem Stundenplan entweder Geschichte oder Biologie zur Auswahl standen, oder wenn sie mit sonst einer lachhaften Ausrede aufwarten, dann fällt es schwer, nicht ebenso zu reagieren.
„Aber es doch überall in Reichweite!“, möchte ich rufen. „Du brauchst dich nur zu bücken und es aufzuheben!“«

Neben Bildung, Humor und einem altmodischen Lebensstil mit seinen vornehmen Gepflogenheiten, ist gut dosierte Exzentrik wunderbar. Über meinem Schreibtisch hängt ein Zitat des Erasmus von Rotterdam, „Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit.“ Wäre das Leben ohne einen Ticken Wahnsinn ansonsten nicht ein aneinandergereihter Donnerstag? Warum soll von Dir nicht bekannt werden, dass Du nachts nur mit einem Tigerfell bekleidet tanzt? Die Nebenwirkung des geheimen Bundeswehr-Experimentes, welches grauenvoll danebengegangen ist. Tabu sind hingegen komplett wahnsinnige Taten wie die Teilnahme an Schwarzen Messen, Zwiesprache mit Außerirdischen oder Fridays for Future.

Selbstironie ist unverzichtbar, da alle Ideale und Utopien unerreichbar sind, weil wir Menschen grundsätzlich über zwei Eigenschaften verfügen: Wir sind alle anders und wir sind alle fehlerhaft. Was nicht heißt, dass es bei aller Ironie nicht Dinge gibt, die heilig sind und für die es bis zur letzten Patrone zu kämpfen lohnt.

Solcherart unverletzlich wie die Rinder des Apollo, bewegen sich Country-Gentleman durch die feindseligsten Biotope, egal ob sie als Schwule Ankara bereisen oder als Heteros Köln. Die Welt ist eine unordentliche Angelegenheit, nur gut sortiert behält man den Kopf oben.

Eigentlich kann man sagen, dass alle Zeitenwenden kein Ausgeliefertsein bedeuten. Die Umstände zwingen uns vielmehr, uns darüber klarzuwerden was unsere Vorlieben sind, was uns als erhaltenswert erscheint und wie wir uns weiterentwickeln werden. Man sollte einfach alles einmal ausprobieren außer Volkstanz, Inzest oder ein Leben in Berlin. Jenen, denen diese Dialektik nicht gelingt, werden entweder übellaunig in den Gesäßfalten der Zeitgeschichte versinken oder hirnlos unausgegorenen Ideen hinterherlaufen. Entweder Du modifizierst oder Du mumifizierst. Und natürlich wäre es dumm, sich über die Welt zu ärgern. Sie kümmert sich nicht darum, wusste schon Marcus Aurelius und um es ihr heimzuzahlen, benötigt man zu teure Anwälte.

Zu den zeitlosen Passionen der Country Gentlemen zählen neben der Bibliomanie und der guten Küche die Leisure Activities wie Hunting (Fuchsjagd), Shooting (Fasan- und Moorhuhnjagd), Fishing (Fliegenfischen) und natürlich Reitsport. Wenn ein Country Gentleman in seinem Leben noch nie Sex wie in seinen Träumen hatte, mag es daran liegen, dass er in seinen Träumen von der Hüfte abwärts ein Pferd ist. Seine Freude aus den Leisure Activities schöpft er nicht deswegen, weil sie kostspielig oder altmodisch sind, sondern weil sich kultivierte Menschen seit Jahrhunderten bei ihrer Ausübung vollkommen lebendig und auf grandiose Weise vollendet fühlen.

So nobel kann und muss man hierzulande und heutzutage nicht leben. Im Grunde verfolgt ein Country-Gentleman ein klassenloses Ideal, das die Hochkultur repräsentiert, aber nicht unbedingt die Upperclass. Das Format einer ausbalancierten Persönlichkeit ist wichtig, nicht ihre Lebensumstände. Aristoteles rühmte dies einst als megalopsychia, Großherzigkeit. Seine Freizeit in der Natur zu verbringen, lieber Bücher zu lesen, als in den Fernseher zu schauen und ein Misstrauen gegenüber Politiker zu pflegen, welche sich wie Erziehungsberechtigte aufführen, ohne jemals für ihre Entscheidungen die Verantwortung zu tragen und zu haften, ist vollkommen ausreichend. Aus Sicht eines Country-Gentleman leistet der Staat schon viel, wenn er die Leute nicht bei der Arbeit und in ihrem Privatleben stört. Er würde einiges dafür geben, von der Obrigkeit nicht weiter behelligt zu werden. Die Sucht, seinen Zeitgenossen Vorschriften zu machen und sie in eine Ordnung zu zwängen, die angeblich zu ihrem besten ist, hat sich immer wieder als unheilvoll erwiesen. Country-Gentlemen misstrauen zurecht dem offiziellen schlangenzüngigen Gerede von Verantwortung und Weltverbesserung, auch wenn die Mehrheit aus Trägheit, Feigheit, Unterwürfigkeit und langjähriger Gewöhnung daran gewöhnt ist, sich zu fügen und sich dabei modern wähnt.

Nicht oft genug mag ich den Gentleman, Jäger und Gelehrten José Ortega y Gasset zitieren: Das ist die größte Gefahr, die heute die Zivilisation bedroht: die Verstaatlichung des Lebens, die Einmischung des Staates in alles, die Beanspruchung jedes spontanen sozialen Antriebs durch den Staat; das heißt die Unterdrückung der historischen Spontaneität, die letzten Endes das Schicksal der Menschheit trägt, nährt und vorwärtstreibt.“

Auf die Massenideologien reagiert der Country-Gentleman nicht mit Zynismus und Resignation, sondern setzt mit seinem ländlichen Bildungsbürgertum ein trotziges und optimistisches Zeichen. Die Ideen des Westens, die im Kern in Freiheitswerten bestehen, sind nicht tot, sondern immer warten nur darauf, wieder entfesselt zu werden.

Die zu diesem Lebensgefühl passende Kleidung steht in Beziehung zur europäischen Landschaft und dem aktiven Leben in ihr aus. Sie verfügt über funktionale Schnitte, einheimische Wolle und Naturtöne. Stellvertretend für viele Bekleidungsstücke verweise ich auf das Laksen Herrenhemd Drake.

Mir gefallen der zeitlose englische Stil im traditionellen Tattersall-Karo sowie der angenehme Tragekomfort aufgrund des Materialmixes aus Baumwolle und Wolle. Ich sehe darin aus, als ob ich in einer Staffel von Blackadder mitspiele. Das Countryhemd ist sozusagen ein Panzer, in dem ich unbeirrt über jede Mine rolle. Das Hemd hätte Siegfried in einer Folge von Der Doktor und das liebe Vieh ebenso tragen können, wie man es noch in fünfzig Jahren aus dem Schrank holen kann. Was darf man sich modisch größeres erhoffen?

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Produktlink bei GRUBE: https://www.grube.de/laksen-herren-langarmhemd-drake-88-832-01-s/?number=88-832-01-S

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

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Dieser Blog-Beitrag entstand als Reaktion auf den ersten Text über die Laksen Herren-Steppjacke Hampton (siehe bitteschön: https://krautjunker.com/2018/03/14/stilkritik-laksen-herren-steppjacke-hampton/).

Die Grube KG (www.grube.de) kam auf mich zu und bot mir an, einen weiteren Beitrag über ein Produkt aus dem Sortiment des Fachhändlers und Speziallieferanten für Jäger und Outdoor-Enthusiasten zu schreiben. Wieder einmal wurde auf mich kein Einfluss bei der Produktauswahl und den Inhalt des Textes genommen. Wie zuvor wählte ich ein Produkt von Laksen Sporting (siehe: https://laksen-sporting.com/de/ ).

Ich erhielt das wunderbare Hemd, jedoch kein Honorar und verstehe diese Stilkritik nicht als Werbung. Dieser Text gibt ausschließlich meine private Meinung wieder. Ich spreche weder für Laksen Sporting, die Grube KG oder die anderen Autoren des KRAUTJUNKER-Blogs.

Der Text ist nicht in jeder Zeile bierernst zu interpretieren. Höchstselbst bin ich nicht mit einem silbernen Löffel im Mund geboren worden, bin ganz sicher kein Großgrundbesitzer und entspreche nicht unbedingt selbst den Idealen, über die ich schreibe. Mit Pferden habe ich ziemlich wenig am Hut. In meiner frühen Jugend zarten Blüte hörte ich immer, Überlass das Denken mal den Pferden, die haben einen größeren Kopf als du.“ Die Idee mit Sexträumen, in denen man unterhalb der Hüfte einen Pferdekörper hat, fand ich allerdings großartig. Ob Pferde Sexträume haben, bei denen sie Menschenunterkörper tragen?

Die eine Formulierung und der andere Gedanken mag bei meinen geschätzten Lesern und Freunden für Entsetzen und Fassungslosigkeit gesorgt haben. Eventuell sind sie an den Wörtern und Sätzen mit den Augen vorbeigefahren, wie an einer Karambolage am Straßenrand. Bitte bedenkt dabei: Texte, denen jeder zustimmt, sind überflüssig.

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Luisa sagt:

    Grossartig! 🙂
    Da erinnere ich mich direkt an ein Zitat, das mir von einem Freund mit auf den Weg gegeben wurde:
    „Wenn einer eine Schraube locker hat, dann hat das Leben mehr Spiel.“

    Gefällt 2 Personen

  2. KRAUTJUNKER sagt:

    Ist wohl ein Freund von mir, auch wenn wir uns noch nicht begegnet sind. Du sowieso. Dir schicke ich meine Töchter zum Abschliff ihrer Erziehung. Das wird ein Spaß für Dich und endlich Ruhe für mich.

    Gefällt 2 Personen

  3. Ich habe mich beim lesen köstlichst amüsiert! 😀 Danke 🙂
    Und wenn Luisa Gouvernante wird, möchte ich bitte Mäuschen spielen 😉

    Gefällt 2 Personen

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