Kochen mit Fernet-Branca

am

Buchvorstellung von Sybille Lengauer

»Eine alte Jungfer, die am Flußufer wohnt, beschwert sich bei der Polizei über die kleinen Jungen, die vor ihrem Haus nackt baden. Der Inspektor schickt einen seiner Leute hin, der den Bengeln aufträgt, nicht vor dem Haus, sondern weiter flußaufwärts zu schwimmen, wo keine Häuser mehr sind. Am nächsten Tag ruft die Dame erneut an: Die Jungen sind immer noch in Sichtweite. Der Polizist geht wieder hin und schickt sie noch weiter flußaufwärts. Tags darauf kommt die Entrüstete zum Inspektor und beschwert sich: „Von meinem Dachbodenfenster aus kann ich sie mit dem Fernglas immer noch sehen!“« 
Anleitung zum Unglücklichsein von Paul Watzlawick

Garry Samper, britischer Ghostwriter und gut bezahlter Biograph berühmter Spitzensportler, hat sich unlängst in ein kleines Steinhaus in den apuanischen Alpen zurückgezogen, um in der Abgeschiedenheit und Stille jener unberührten Berge an seinem neuen Buchprojekt zu arbeiten. In blumigen Worten lobt er die Herrlichkeit der Natur, den berauschenden Ausblick auf das weit entfernte Mittelmeer und vor allem die unvergleichliche Ruhe, nach der es ihm so dringend verlangt. Zum Glück kann er sich auf das Ehrenwort seines Maklers, Hr. Benedetti, verlassen, der ihm vor Abschluss des Kaufvertrages versicherte, dass Garrys einziger Nachbar ein mucksmäuschenstiller Ausländer sei, der nur für einen kurzen Monat im Jahr zu verweilen pflege. Mit einer beschwingten Rossini-Arie auf den Lippen, macht Garry sich daran das kleine Häuschen nach seiner Vorstellung zu gestalten, während er im Geiste die Biografie des dreimaligen Formel-Eins-Weltmeisters Per Snoilsson (bekannt als „Der fliegende Schwede“) vollendet, den er dem geneigten Leser mit folgenden Worten beschreibt:

»Außer hundsgemein ist Per noch ein ausgemachter Schwachkopf. Wie sollte es auch anders sein, wo er es sich zum Beruf gemacht hat, in mörderischem Tempo Runde um Runde im Kreis zu fahren? Dennoch wäre es mir lieber, er würde sich erst umbringen, wenn mein Buch schon eine Weile auf dem Markt ist. Dann könnten wir eine Gedenkausgabe mit Bildern des tödlichen Unfalls veranstalten. So was verkauft sich richtig gut, denn das Tragische am modernen Motorrennsport ist, daß tödliche Unfälle viel zu selten werden.«

Gerry ist guter Dinge, die Renovierungsarbeiten am Haus gehen leicht von der Hand, das Manuskript wächst und gedeiht, genau wie die ausgefallenen Rezeptideen, die der begeisterte Hobby-Gourmet in seiner frischgestrichenen Küche kreiert. Es könnte nicht besser laufen für Gerry Samper, doch leider will es das Schicksal, daß sich schon bald dunkle Gewitterwolken über seiner munter dahinplätschernden Existenz zusammenbrauen.

Eine jener Gewitterwolken hört auf den klingenden Namen Marta, entstammt einer dubiosen Adelsfamilie aus dem fernen Woinowien und hat sich erst unlängst in die apuanischen Alpen zurückgezogen, um in der Abgeschiedenheit und Stille jener vielgerühmten Berge die Filmmusik zu Piero Pacinis neuestem Geniestreich „Arrazzato“ zu komponieren. Nüchtern beschreibt sie den ersten Eindruck, den eine Fahrt entlang der Küstenstraße von Viareggio bei ihr hinterlässt:

»Rechts kommen, nach den Liegeplätzen und Jachthäfen der Arnomündung, allerlei Ferienanlagen am Strand. Sie wirken leicht hysterisch in der protzigen und doch billigen Art, wie sie sich mit Heckenwänden und pompösen Einfahren und Namen wie „Eden“ und „Nirvana“ in Leuchtschrift gegenseitig Konkurrenz machen. Es ist das erste Mal, daß ich Landratte aus Osteuropa eine dieser goldenen Rivieras leibhaftig betrete, aber ich kann nicht behaupten, daß sie sich sehr von den Stränden bei Danzig unterscheidet… Vermutlich ist die Sonne hier heißer, aber die Hafenkräne in der Ferne sehen genauso aus.«

Es ist ein glücklicher Zufall, daß der weltberühmte Meister des italienischen Films, Piero Pacini, die unbekannte woinowische Komponistin entdeckte. Mit seinem lukrativen Auftrag bietet er Marta eine realistische Möglichkeit, die lang ersehnte Unabhängigkeit von ihrer übermächtigen Familie zu erlangen. Marta fühlt sich seit vielen Jahren eingeengt. Von ihrem engstirnigen, kontrollwütigen Vater, dem unumstrittenen Patriarch der Familie; von den bäuerlichen Strukturen, die das verarmte Woinowien prägen und den mittelalterlichen Vorstellungen, die diese Strukturen mit sich bringen. Vom zarten Gefühl neuentdeckter Freiheit beflügelt, widmet Marta sich der diffizilen Aufgabe, eine geeignete Filmmusik zu Meister Pacinis neuem Meisterstück zu komponieren. Zum Glück kann sie sich auf das Ehrenwort ihres Maklers, Hr. Benedetti, verlassen, der ihr vor Abschluss des Kaufvertrages versicherte, dass Martas einziger Nachbar ein mucksmäuschenstiller Ausländer sei, der nur für einen kurzen Monat im Jahr zu verweilen pflege. Marta ist guter Dinge, sie besucht die Dreharbeiten zu Arrazzato, genießt die außergewöhnliche Gastfreundschaft der Familie Pacini  und schreibt ermutigende Briefe an ihre kleine Schwester Marja, die zuhause in Woinowien mit einem grobschlächtigen Bauerntölpel verheiratet werden soll. Ihr Glück könnte perfekt sein, doch leider will es das Schicksal, daß sich schon bald dunkle Gewitterwolken über ihrer munter aufwärtsstrebenden Existenz zusammenbrauen.

Wer, so wie ich, die Romane des Meisters der britischen Stiff-Upper-Lip-Satire, Tom Sharpe, mit Leidenschaft verschlungen hat, wird sich auch bei Hamiltons Kochen mit Fernet Branca köstlich amüsieren. James Hamilton-Paterson verfügt über jenen bärbeißigen Sinn für Humor, jene messerscharfe Beobachtungsgabe und die essentielle Prise perverser Bosheit, die für einen erheiternden Ritt, tief hinunter in die Abgründe menschlichen Miteinanders nötig sind.

Die Figuren seiner Geschichte wirken erfrischend lebensecht und sind dem Leser oft viel näher, als dieser vielleicht wahrhaben möchte. Die bizarren Situationen, die sie oftmals selbstverschuldet durchleiden müssen, beginnen ganz unspektakulär und steigern sich dann ins abartig Skurrile, wobei Hamliton den Bogen des guten Geschmacks jedoch nie so gewaltig überspannt, wie es für einen Tom Sharpe gewohnheitsmäßiger Standard war*.

Fast möchte man meinen, Hamilton habe sich Paul Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein zum Vorbild genommen, denn seine Charaktere halten sich wacker an die Anweisungen, die der österreichische Professor für Psychotherapie allen Aspiranten dauerhaften Unglücks hinterlassen hat.

»Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ICH gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er „Guten Tag“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie sich Ihren Hammer, Sie Rüpel!“«

* Ich möchte hier gerne seine Romane Puppenmord und Familienbande empfehlen, die Seite um Seite ein unglaubliches Schlachtfest britischen Humors und peinlicher Situationskomik abfeuern.

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KRAUTJUNKER-Rezensentin Sybille Lengauer

Sybille Lengauer, Jhg. 1980, ist Autorin für Gedichte und Kurzgeschichten. Ihr neues Buch Mottengedanken wird im November 2020 im Verlag RUP (Rodneys Underground Press) erscheinen. Wer schnuppern möchte, findet einige ihrer Texte auch hier: https://hirnwichsen.wordpress.com

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Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Titel: Kochen mit Fernet Branca

Autor: James Hamilton-Paterson

Verlag: J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659

ISBN: 978-3-442-73565-5

Verlagslink: am besten mit ISBN über www.buchhai.de suchen

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