Warum dem Wolf die Weltherrschaft gebührt

von Werner Berens

Vor einigen Minuten noch hatte ich von der Kanzel gelassen den Spielen unserer letzten zwei adulten Hasen zugesehen und mich darüber gefreut, dass die fünf sichtbar umherstreifenden Katzen keine Chance haben, neben den Kindern auch die Eltern zu erwischen, hatte mich vergewissert, dass der Drilling auch geladen ist, falls der alte missmutige, zurückgesetzte Gabler austritt, da kam ich – wie ich heute weiß – auf die unüberlegte Idee, die einsetzende Langeweile mithilfe des Smartphones zu vertreiben. Ich weiß, auf der Kanzel schaut man nicht aufs Smartphone, es sei denn, dass der Mitjäger anruft und darum bittet, dass man ihm beim Bergen der gerade erlegten 200-kg-Sau helfen solle. Aber es ist nun einmal geschehen. NRW ist Wolferwartungsland, und man könnte ja einmal nachschauen, was „man“ so über die Wölfe denkt, die ich gestern als freudig zu begrüßende Neueinwohner in NRW kurz im Fernsehen sah. Ein wenig verunsichert und weil ich Jubelarien grundsätzlich misstraue, blätterte ich im Gesichtsbuch von Wolf-ja-bitte bis Wolf-nein-bitte-nicht…………und las: „Vielleicht sollten wir mal darüber nachdenken, dass der Wolf lange VOR uns da war und wir eigentlich kein Recht haben, ihm seinen ehemals angestammten Lebensraum streitig zu machen!“

Das hatte ich so nicht erwartet: ER WAR VOR UNS DA, sprang mich in zahlreichen, ähnlich lautenden Kommentaren an. Rumms! Das saß! Erst dachte ich an Timur Vermes Er ist wieder da . Eine Satire?

Nein, die meinen das ernst. Die – vorwiegend – Kommentatorinnen, die das auf den einschlägigen Seiten völlig zutreffend und scharfsinnig feststellen, haben Recht. Schlimmer noch: Das  Gleiche gilt auch für den Fuchs, die Graugans, den Biber, den Hasen und die Feldmaus …………Und waren nicht auch Grottenolm und der Molch vor uns da? Die Kriebelmücke, der Feuersalamander, der Grasfrosch und der Säbelzahntiger? Die Schwarzkiefer, der Bärlauch und die gemeine Zecke? Oh, Gott, das konnte nicht ohne Konsequenzen bleiben. Nicht, dass ich Wölfe schießen will – Gott bewahre. Nein…. ER WAR VOR UNS DA, trifft auch auf den oben erwähnten Rehbock zu, auf die Nilgans und den Waschbär. Ich bin ein nachdenklicher Mensch. Und als waid- und zeitgerechter Jäger habe ich den wechselnden Entwicklungen der Tierrechts- und Tierschutzmoral Rechnung zu tragen. Unter diesen Umständen blieb mir nichts anderes, als den Drilling zu entladen, nach Hause zu fahren, den Jagd- und Fischereischein abzugeben, mein Haus mit der Abrissbirne einzuebnen, um den Lebensraum für die vor mir da Gewesenen wieder herzustellen und für mich und meine Frau eine Erdhöhle in der Abbruchkante des Flusses zu graben- dort, wo ich den Eisvogel, der auch vor mir da war, nicht störe. „Schlaf noch eine Nacht drüber“, sagte die beste Ehefrau von allen, „bevor du zur Kreisverwaltung fährst, um deine Papiere abzugeben.“

An dem drei Meter hohen Zaun hing ein Schild, auf dem stand: LEBENSRAUM. Aus einem oberflächlich zusammengezimmerten Holzhäuschen mit Schalter hörte ich eine Stimme rufen: „Der Nächste bitte!“ und sah- aufgrund der Entfernung nur schwer zu erkennen- wie an der Spitze der nahezu endlosen Schlange gerade Sinodelphys, der früheste bekannte Beutelsäuger, eintrat. Er lebte vor 125 Millionen Jahren und ich stand als Letzter in der endlos langen Schlange. Irgendwo vor mir mussten Wolf, Biber Hase und Feldmaus stehen. Ich seufzte hörbar, und vor mir drehte sich ein Schimpanse um und tröstete: „Mach dir nichts draus, manchmal geht es auch schneller und sie lassen fünf oder sechs, die sich gut vertragen, zusammen rein, bevor die anderen ausgestorben sind. Aber der „Boss“ ist immer der, der vorher da war. Die hinten Stehenden müssen sich unterordnen. Und hier gilt nicht das Recht des Stärkeren, sondern das des VORHERDASEIENDEN“………….. Die Schlange war deutlich länger als die, die Engländer für gewöhnlich an der Bushaltestelle bilden, und auch die Schlangen in der DDR, wenn es Bananen gab, müssen kürzer gewesen sein. Im schlechtesten Fall hatte ich 125 Millionen Jahre zu warten – und nirgendwo versuchte sich jemand vorzudrängen, sondern alle standen brav an ihrem Platz ………… Schreiend fuhr ich im Bett hoch, stieß mir den Kopf am Bettende und versuchte- noch halb im Schlaf- an die Spitze der Schlange zu gelangen. Ich rannte, so schnell ich konnte, aber noch während ich alles gab, überholte mich hämisch „quakend“ eine Nilgans über mir. „Typisch Mensch“, meinte ich zu verstehen. Aber jetzt war ich wach- und unendlich erleichtert, dass neben mir meine Frau lag, statt vor mir ein Orang-Utan.

Nun frage ich mich, ob die sachkompetenten Natur-Tier- und vor allem Wolfsfreunde auf den Facebook-Seiten und in den Kommentarspalten der Zeitungen etwas missverstanden haben, wenn sie glauben, dass die Evolution nach dem Prinzip funktioniert bzw. funktionieren sollte, dass derjenige, der vorher da war, auch das Sagen haben sollte. Denn man muss bedenken, dass unter diesen Umständen sowohl die gemeine Möhre als auch die Frühlingszwiebel und ebenso das Schneeglöckchen VOR den deren Recht ignorierenden Feldhasen und Feldmäusen da waren…….Derzeit stößt meine Behauptung (noch), dass dem Quastenflosser die Weltherrschaft gebühre, auf wenig Gegenliebe, obwohl es doch leicht einzusehen ist, dass Latimeria chalumnae eine herausragende Rolle zukommt, weil sich aus ihm die ersten Landwirbeltiere entwickelt haben und er selbst vor den Wölfen da war. Bei Facebook allgemein, Wolf ja bitte und ähnlichen Seiten folgt man meiner stringenten Argumentationslinie nur deshalb nicht, weil -so habe ich den Verdacht- Quastenflosser als Garanten eines stetigen Spendenstroms nicht besonders geeignet sind, denn erstens sind sie nicht kuschelig und die Chance, dass man ihnen im Wald begegnet, ist auch recht gering………

Aber- ein Ätsch kann ich mir hier nicht verkneifen- das mit dem VORHERDASEIN habe ich mir gemerkt. In einer leichten Abwandlung des Prinzips versuche ich auf der Kanzel zu sein, BEVOR der Bock da ist. So kann ich als rabulistisch geschulter Mensch, der ohnehin sowohl dem Wolf als auch dem Quastenflosser, womöglich sogar den Wolfs-, Fuchsfreunden und gar den Apologeten des VORHERDASEINS argumentativ gewachsen sein könnte, den Bock guten Gewissens erlegen, denn schließlich war ich vorher da.

*

KRAUTJUNKER-Autor Werner Berens

Abb.: Werner Berens beim Fliegenfischen; Bildquelle: Werner Berens

Werner Berens ist Fliegenfischer, Jäger, Autor (siehe: https://www.kosmos.de/search?sSearch=werner+berens) und Genussmensch, der den erwähnten Tätigkeiten soweit als möglich die lustvollen Momente abzugewinnen versucht, ohne aufgrund kulinarisch attraktiver Beute übermäßig in die falsche Richtung zu wachsen. Als Leser und Schreiber ist er ein Freund fein ziselierter Wortarbeit mit Identifikationssmöglichkeit und Feind von Ingenieurstexten, die sich lesen wie Beipackzettel für Kopfschmerztabletten. Altermäßig reitet er dem Sonnenuntergang am Horizont entgegen und schreibt nur noch gelegentlich Beiträge für das Magazin Fliegenfischen.

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch schicke Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Foto: Marc-Olivier Jodoin on Unsplash

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Sylvester sagt:

    Sehr geehrter Herr Berens,
    Ihre Stellungnahme ist gut formuliert aber was hier fehlt ist die klare Aussage das die Beute den Predator reguliert und das dies in einer Kulturlandschaft wie unserer durch Forstkulturen ohne Deckung und Weidetierhaltung zu einer weiteren Bedrohung für die heimischen Tiere wird, denn der Hunger der hier Welpen eingehen lässt oder harte Winter zum Verhängnis werden lässt für den Wolf als Predator flachfallen durch Schafe und Mülltonnen Mülldeponien Rastplätze und und und.
    Diese Nahrungsquellen führen zum massiven Ungleichgewicht und gehen zu Lasten der anderen Tiere, was aber die einfachen Geister erst merken wenn es zu spät wird.
    Der Forst lässt den Bauern den Verbissschutz bauen und finanziert hier Verbände die sich Naturschützer nennen um den Profit im Wald durch Wegfall der Schutzmaßnahmen zu generieren.
    Desertieren muss ein Förster keinen Jagdschein mehr haben und keine Sachkunde nachweisen, denn dies steht schon inzwischen bei der Waldbauernlobby als Interessenkonflikt in der Bewertung eine Försters eine wichtige Rolle bei den Aufstiegsmöglichkeiten.
    Ich bitte sie dies von mir in Ruhe zu lesen und würde mich freuen hierzu wie zur ASP Anordnung die fast kein Jägdpächter auf den Schirm hat eine Rückmeldung zu bekommen.
    https://steemit.com/deutsch/@huntingday/woelfe-in-deutschland-2019
    Und
    https://steemit.com/deutsch/@huntingday/falle-jagdpachtvertrag

    Liken

  2. Werner Berens sagt:

    Werner Berens
    Lieber,liebe? Sylvester,
    „Warum dem Wolf die Weltherrschaft gebührt“ ist eine Satire (keine Stellungnahme), die sich über ein Argument lustig macht, welches von den „Wolfsfreunden“ immer wieder zur Rechtfertigung der ungehemmten Ausbreitung des Wolfes angeführt wird, nämlich, dass er vor uns Menschen da war und deshalb sozusagen Vorrechte besitzt.
    Absicht der Satire…….. (Satiren ziehen Ansichten/Verhaltensweisen u.a. in’s Lächerliche, um sie dadurch zu kritisieren/auf ihre Absurdität aufmerksam zu machen)……….war es, sich ausschließlich mit diesem Argument auseinanderzusetzen. Deshalb fehlt alles andere, was zu einer umfassenden STELLUNGNAHME zur Wolfsproblematik dazugehört hätte.

    Der Wolf in Deutschland mit all den Auswirkungen, die das mit sich bringt, ist ein anderes-sehr umfangreiches- Thema, mit dem ich mich in einer kurzen Antwort auf Ihren Kommentar nicht befriedigend auseinadersetzen kann.

    Viele Grüße
    W. Berens

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