Adele oder Die Waffen der Frau im jagdlichen Einsatz

von Werner Berens

Liebe Mitjägerinnen und Mitjäger,
Vorweg : Im Rahmen einer jagdlichen Nachbesprechung erfuhr ich von folgenden Begebenheiten, von denen ich nicht weiß, ob sie bis ins letzte Detail wahr sind. Größere Mengen hopfenhaltiger Kaltgetränke und die in einschlägigen Kreisen bekannte „Wahrheitsliebe“ der Erzähler waren Begleitumstände erwähnter Nachbesprechung. Als gelegentlicher Jagdgast ist mir die originelle Persönlichkeitsstruktur der Erwähnten ebenso bekannt, wie der dementsprechend „außergewöhnliche“ Zustand des Reviers. Doch bildet euch selbst ein Urteil, denn ich berichte nur, was mir von den beiden Beständern erzählt wurde.

Im Revier der beiden Erzähler muss man, wenn man Reineke auf seinen heimlichen Pfaden und am einzigen Luderplatz überraschen will, auf dem Weg zum und vom entsprechenden Sitz die Reste einer ehemals blühenden, nun aber ungepflegten Wildwiese überqueren. Das ist schon bei Tag nicht ungefährlich, aber bei Dunkelheit geradezu als leichtsinnig anzusehen, denn der Weg ist mit zahlreichen Unwägbarkeiten gepflastert:  Man tritt in Kaninchenbauten, landet womöglich in einem scharf gestellten Schwanenhals oder Tellereisen, vom immer schon etwas schludrigen Jagdaufseher seit 25 Jahren vergessen oder  steht plötzlich in der modernden Leiche des im vorigen Jahr gekrellten 220kg-Keilers, der nie gefunden wurde.
Doch neben diesen Unwägbarkeiten gab es auch eine Wägbarkeit: Auf dieser Wiese hatte ein alter, in Ehren ergrauter Rammler sein Zuhause. Ihm waren in den Jahren seiner nicht ungefährlichen Existenz etliche Schrote um die Löffel gepfiffen und das eine oder andere unter der Decke stecken geblieben. Selbiger Rammler hieß/heißt Gottfried, weil er einem ehemaligen Klassenkameraden der Beständer gleichen Namens wie aus dem Gesicht geschnitten war. Die Schrote unter der Haut bereiteten Gottfried vermutlich fortlaufendes Unbehagen und hatten ihn im Laufe eines anstrengenden und möglicherweise freudarmen Lebens ziemlich missmutig werden lassen. Kurz: Er mochte aus verständlichen Gründen keine Jäger, weshalb er sie im Schutze der Nacht, wenn sie auf dem Rückweg vom Ansitz waren, kompromisslos angriff. Er pflegte dabei laut klagend auf den überraschten Jäger zuzustürmen, und ehe der wusste, wie ihm geschah, war er mit zwei kurzen Sätzen an ihm hoch gesprungen und hatte ihm zwei kräftige Backpfeifen mit den Vorderläufen verabreicht. Sodann wendete er auf der Brust das Jägers und nässte ihm im Herunterspringen noch die in der Brusttasche steckenden Zigaretten zielsicher ein, sodass auch diese unbrauchbar wurden. Sodann verschwand er und machte sich in der ungepflegten Graswildnis unsichtbar. Wenn er besonders schlecht gelaunt war, musste der Jäger auf dem Weg zum Auto mit zwei bis drei solcher Angriffe rechnen. Übrigens griff er nur Jäger an, die nicht mit einer BBF, einem Drilling oder einer Flinte unterwegs waren. Gegen kugelförmige Körper aus Blei mit etwa 3mm Durchmesser hatte er eine nachhaltige Aversion entwickelt.

Aber nun zum eigentlichen Ereignis, welches sich laut Erzähler wie folgt abgespielt habe.
Die Jungjägerin Adele W. war bei hellem Mondschein auf dem Rückweg von einem erfolglosen Sauen- und/oder Fuchsansitz. Es war Juli und auch in der Nacht noch brütend heiß. Adele W. war entsprechend luftig gekleidet.
Man muss wissen, dass Adele W. die recht attraktive Tochter des Großbauern Franz W. ist und mit beiden Beinen auf der Erde bzw. der erklecklichen Zahl väterlicher Hektar steht. Neben ihrer praktischen Veranlagung verfügt Adele W. als weiteres hervorstechendes bzw. hervorragendes Merkmal über eine überaus ausladende Oberweite, die „körbchenbuchstabenmäßig“ irgendwo in der zweiten Hälfte des Alphabetes zu verorten ist, und sie neigt zu ausdauernden Redefluten mit dem Zweck, immer das letzte Wort zu behalten.

Ich muss es leider in politisch korrekten Zeiten erwähnen, bevor man mich des unverhohlenen Sexismus bezichtigt. Adele ist eine patente, hilfsbereite Person mit 1er-Abitur, die aber- wie wir alle- auch die ein oder andere anstrengende Eigenschaft ihr Eigen nennt. Kurz: Adele ist so und sieht so aus, wie ich sie beschreibe. Ich kenne sie seit ihrer Grundschulzeit, und es würde nichts helfen, würde ich ihr genderpolitisch korrekt den Busen- sprachlich- verkleinern oder sie als schweigsames, feinfühliges in sich gekehrtes Wesen verfälschen. Außerdem wäre dann die hochgradige Traumatisierung Gottfrieds nicht nachvollziehbar- aber ich schweife ab.

Also-um es kürzer zu machen:  Adele war auf dem Rückweg vom Sitz, als Gottfried wie immer überraschend angriff. Er sprang mit zwei kurzen Sätzen an der völlig perplexen Adele hoch, versetzte ihr die obligatorischen Backpfeifen—und rutschte, bevor er die Wende nach unten einleiten konnte, unversehens mit den Hinterläufen in Adeles luftiges Dekolleté. Er verlor sozusagen den Boden unter den Läufen. Die Schwerkraft und die nachgiebige Konsistenz des Untergrundes bewirkten, dass er heftig um sich schlagend unaufhaltsam tiefer sank. Währenddessen schrie Adele W. ebenso heftig und Gottfried versank durch sein unüberlegtes Gezappel – es muss sich um wenige Sekunden gehandelt haben- in einer dunklen, schwülwarmen Enge aus Shirt und „Körperteilen“, die ihn rücksichtslos umschlossen und festhielten. Erst als seine Hinterläufe auf dem Hosengürtel Adeles wieder Grund fanden, stoppte der Sinkvorgang. Aus dem Dekolleté Adeles ragten nun nur noch die Löffel still empor, während der Rest Gottfrieds panisch aber wirkungslos – wenn man von den Vibrationen der Gesamtkomposition aus Adeles schon erwähnten Körperteilen und Gottfried absieht- zappelte.
Inzwischen war Adeles Schrecken einer veritablen Verärgerung, um nicht zu sagen Wut gewichen, weshalb sie energisch Gottfrieds Löffel mit festem Griff umschloss und ihn an die Oberfläche bzw. aus ihrem Dekolleté zerrte. Sodann hielt sie den Zappelnden an ausgestrecktem Arm in Hüfthöhe von sich und versetzte ihm einen kräftigen Tritt in die Gegend seiner Blume, während sie ihn beschimpfte und ihm ausführlich und lautstark erklärte, dass er dort, wo er sich befinden hatte, nichts zu suchen habe. Das nahm- für Adele nicht ungewöhnlich- längere Zeit in Anspruch. Ob Gottfried alles verstanden hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Doch er begann noch in der Luft und an seinen Löffeln hängend mit Laufbewegungen und schoss, als Adele ihn fallen ließ, mit dem Erreichen des Bodens raketengleich davon, durch die Wildwiese, über den angrenzenden Stoppelacker und verschwand ohne Tempoverringerung als sich schnell bewegender und kleiner werdender Punkt im Mondlicht am Horizont.

Fortan waren die Jagdkollegen vor Gottfried sicher. Er wurde nie wieder gesehen. Adele erhielt einen Sechserbock frei- und schweigt – für sie sehr ungewöhnlich-mehr oder weniger vielsagend, wenn ich sie nach dem Wahrheitsgehalt der von ihren Mitjägern im kleinen Kreis erzählten Geschichte frage.

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KRAUTJUNKER-Autor Werner Berens

Abb.: Werner Berens beim Fliegenfischen; Bildquelle: Werner Berens

Werner Berens ist Fliegenfischer, Jäger, Autor (siehe: https://www.kosmos.de/search?sSearch=werner+berens) und Genussmensch, der den erwähnten Tätigkeiten soweit als möglich die lustvollen Momente abzugewinnen versucht, ohne aufgrund kulinarisch attraktiver Beute übermäßig in die falsche Richtung zu wachsen. Als Leser und Schreiber ist er ein Freund fein ziselierter Wortarbeit mit Identifikationssmöglichkeit und Feind von Ingenieurstexten, die sich lesen wie Beipackzettel für Kopfschmerztabletten. Altermäßig reitet er dem Sonnenuntergang am Horizont entgegen und schreibt nur noch gelegentlich Beiträge für das Magazin Fliegenfischen.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Bildquelle: Photo by Wolfgang Hasselmann on Unsplash

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