Die Jagd, das Fischen und der Tod

von Werner Berens

Sieben, acht, neun Jahre alt waren wir, lagen auf dem Bauch am Bachufer, ließen den nackten Arm ins Wasser hängen. Mit der linken Hand hielten wir uns an einem Strauch, zur Not an einem Grasbüschel fest, um von der Bachböschung nicht ins Wasser zu rutschen. Kam ein Stichling in Griffnähe und verharrte in der Strömung, näherten wir unsere Hand unendlich langsam bis auf etwa 10 cm an die mögliche Beute, um dann blitzschnell zuzuschnappen. Genauso schnell musste die Hand sich schließen, ohne das Fischchen zu quetschen oder sich an ihm zu stechen. Erst dann war es möglich, den Stichling in das abseits stehende mit Wasser gefüllte Glas gleiten zu lassen. Etliche Stunden der Übung waren nötig, bevor man schnell und griffsicher genug war, um regelmäßig erfolgreich zu sein. Und ebenso bedurfte es einiger Erfahrung, die richtigen Fangplätze zu finden. Erst wenn man beides konnte, hatte man sich den Respekt der gleichaltrigen Mitfischer als guter „Fischjäger“ verdient. Kammmolche und Bergmolche fingen wir auf die fast gleiche Weise. Sie waren leichter zu fangen, weil sie nicht so schnell waren und weil man sie mit offener Hand sanft gegen das Ufer drücken konnte, wo sie sich ergaben und nur noch wenige Fluchtversuche unternahmen. Ich erinnere mich meines Schulklassenrekordes von 32 Molchen in einer halben Stunde. In den glasklaren Niederungsbächen meiner Heimat wimmelte es von Leben: Stichlinge und Molche versteckten sich im flutenden Hahnenfuß. Gelbrandkäfer klammerten sich an die Stiele der Wasserpflanzen. An manchen langsam strömenden Stellen war die Wasseroberfläche nicht mehr zu sehen, und ein geschlossener Teppich aus Entengrütze erzeugte die Illusion eines begehbaren grünen Weges. Das Gequake tausender laichender Grasfrösche erfüllte bis in die Dunkelheit hinein unsere Nachmittage mit den Lauten einer Natur im Überfluss.
Drei bis sechs Tage, sehr selten anderthalb Wochen überlebten die Stichlinge in den mit Wasser gefüllten Einmachgläsern, die auf der Schuppenmauer standen. Wir wussten nicht, warum sie starben und nahmen an, dass ihre Überlebenschance größer wäre, wenn wir ihnen ein Stückchen vom flutenden Hahnenfuß oder ein wenig Entengrütze in die Einmachglasbehausung gäben. Aber es half nichts. Manche starben früh, andere etwas später und einige holte die Katze. Es war uns nicht gleichgültig, was mit den Fischen geschah, die wir fingen, und wir spekulierten uns die Köpfe heiß, was man denn noch tun könne, damit die Fische am Leben blieben. Eine Zeit lang versuchten wir es mit täglich frischer Wasserfüllung, aber auch das half nichts. Molche ließen wir gleich nach dem Fang wieder frei, denn unsere anfänglichen Kasernierungsversuche in etwas größeren Einmachgläsern hatten regelmäßig zur Folge, dass am nächsten Tag das Glas zersplittert an der Schuppenmauer lag, weil eine der zahlreichen Katzen den Molchen ans Leben wollte. Die Erwachsenen interessierte das alles nicht, bis auf die zersplitterten Einmachgläser. Wir konnten niemanden fragen und wussten nur, wie man die Beute fing, sonst wussten wir nichts über sie. An einem Tag fingen wir eine seltsame Art von Molch, nicht im Wasser, sondern am Bachufer. Weil dieser „Molch“ so anders aussah, als alle, die wir kannten und wir wollten, dass der seltene Fang überlebte, brachten wir ihn zu einem Klassenkameraden, der ein Aquarium hatte. Dort wäre die Eidechse fast ertrunken, wenn nicht im letzten Augenblick einer von uns im Naturkundebuch eine Abbildung gefunden hätte, die dem „Molch“ ähnelte und die ihn als Eidechse auswies.
Wir wollten Beute machen, fangen, jagen, über die Beute triumphieren. Wenn wir sie „besiegt“ hatten, hatte sie ihren Zweck erfüllt, dass sie starb, wollten wir nicht.
Aber da gab es auch noch die anderen. Die, die von ihren Vätern gelernt hatten, wie man einem Frosch einen Strohhalm in den Anus schiebt und ihn aufbläst, bis er platzt. Die Väter hatten das von ihren Vätern gelernt. Die „Anderen“ interessierten sich nicht für das Fangen. Sie interessierten sich für das Töten, weil es einfacher war, weil man es immer schon so machte und weil es offenbar einen Schauder versprach. Und neben den „Tätern“ gab es noch die Zuschauer ähnlich denen, die heute als Gaffer die zerstörten Fahrzeuge und menschlichen Körper eines Verkehrsunfalls filmen.
Die dicht an dicht nebeneinander und aufeinander sitzenden, quakenden, sich paarenden Froschleiber in den Bächen konnte man nicht verfehlen, wenn man mit Steinen auf sie warf. Und so kam der hundertfache Tod in die Lebensfülle der Bäche. Neun-zehn-elfjährige Jungen steinigten fast jeden Abend die Frösche, bis sie im letzten Leben zuckend, ihre weißen Bäuche nach oben drehten. Auch ich wollte kein Feigling sein und versuchte es ein einziges Mal an einem Frosch- und dann nie mehr. Noch Jahre hat mich der weiße Bauch des Frosches in meinen Träumen verfolgt, wie er nicht sterben wollte, wie er immer noch zuckte, nicht endlich tot sein wollte. Es war kein Erwachsener da, der sich gekümmert hätte.

Nein, meines Wissens sind die, die damals Freude am Töten und die, die Freude am Zuschauen hatten, weder Jäger noch Fischer geworden. Freude am Töten ist kein Konstitutionsmerkmal speziell der Jägerpsyche. Jägern wirft man das dennoch vor. Wer aus „Hobby“ jage, tue das, weil er Freude am Töten habe. Übelwollenden und weniger denkfreudigen, denkfähigen Zeitgenossen gelingt es, Jagd auf den Tötungsakt zu reduzieren und nicht sehen zu wollen oder zu können, dass die Freude am Aufsuchen, am Nachstellen und am Fangen/Erlegen sich in der Gesamtheit so sehr von der Freude am Töten unterscheidet, wie die Freude am Autofahren von der Freude am Benzinverbrennen. Das erste ist das alle Sinne fordernde volle Leben, mitsamt seiner emotionalen Täler und Berge, und das Zweite ein notwendiger und meist ungeliebter Teilvorgang, den man möglichst professionell hinter sich bringt und der Erleichterung hinterlässt, wenn es schnell ging. Es mindert die „Schuld“, die ein in abendländischen Werten erzogener Beutemacher nie ganz zum Schweigen bringen kann, wenn der Bock nicht leiden muss, sondern im Knall verendet. Und es fällt mir schwerer, die mit der Flinte vom Himmel geholte noch lebende Taube händisch zu töten als die in 100 Meter Entfernung im Sterben schlegelnde Sau zu betrachten. Im ersten Fall blitzt immer noch manchmal kurz der weiße Bauch des sterbenden Frosches in meiner Erinnerung auf.
Als Beute machender Fliegenfischer habe ich es einfacher: Der Sinn und Abschluss des Beutemachens ist die Verfügungsgewalt über die Beute, die ich als Fischer wieder schwimmen lassen kann. Wenn ich den Fisch nicht mitnehmen kann oder will, muss ich ihn nicht töten. Bei der Jagd muss ich die Beute töten oder sie in einer Falle fangen, um sie in meinen Besitz zu bringen. Das unterscheidet die Jagd vom Fischen. Der Unterschied ist kein „moralischer“, sondern liegt in der Notwendigkeit oder Nichtnotwendigkeit eines Teilvorganges.
Der durch mich als Jäger und Fischer verursachte Tod, der michseit meiner Kindheit begleitet, ist der gleiche geblieben, der er schon war, als ich versuchte, das Leben meiner Stichlinge zu verlängern und als ich versuchte den Frosch zu töten. Der Tod hat in meiner Erinnerung einen weißen Bauch. Aber ich habe mich mit ihm arrangiert. Da, wo er in der Fülle meiner Passionen unvermeidbar ist, soll er sein Werk tun. Dort, wo er nicht nötig ist, gehört er nicht hin. Er ist nicht mein Freund, und es macht mir keine Freude, mit ihm umzugehen. Aber Beutemacher bin ich, seit ich mit aufgekrempeltem Ärmel und anderen „Fischjägern“ an den klaren Bächen meiner Kindheit lag, Stichlinge und Molche fing. Und Beutemacher werde ich bleiben. Als Fliegenfischer und Jäger werde ich den Tod nicht los. Aber er bekommt nicht mehr an Leben, als unbedingt nötig ist.

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KRAUTJUNKER-Autor Werner Berens

Abb.: Werner Berens beim Fliegenfischen; Bildquelle: Werner Berens

Werner Berens ist Fliegenfischer, Jäger, Autor (siehe: https://www.kosmos.de/search?sSearch=werner+berens) und Genussmensch, der den erwähnten Tätigkeiten soweit als möglich die lustvollen Momente abzugewinnen versucht, ohne aufgrund kulinarisch attraktiver Beute übermäßig in die falsche Richtung zu wachsen. Als Leser und Schreiber ist er ein Freund fein ziselierter Wortarbeit mit Identifikationssmöglichkeit und Feind von Ingenieurstexten, die sich lesen wie Beipackzettel für Kopfschmerztabletten. Altermäßig reitet er dem Sonnenuntergang am Horizont entgegen und schreibt nur noch gelegentlich Beiträge für das Magazin Fliegenfischen.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titelbild: Photo by Hunter Brumels on Unsplash

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