Pfade in der Wildnis: Eine indianische Erzählung von der Natur

Buchvorstellung von Thomas Thelen

Meine snobistische Haltung, möglichst nur Bücher zu lesen, die eine gewisse bibliophile Grundausstattung bieten – fester Einband, Fadenheftung, Lesebändchen, besser noch mit farbig bedrucktem Buchblock und feinem Satz – diese Erwartungshaltung wird zumindest auf den ersten Blick erfüllt von diesem Band der hochdekorierten und renommierten Anderen Bibliothek.

Bildquelle: Die Andere Bibliothek

Worum geht es? – Grey Owl, geboren in Hastings, Großbritannien, als Archibald Stansfeld Belaney, lebte von 1888 bis 1938. Seine Kindheitsträume verwirklicht er, als er Anfang des 20. Jahrhunderts als junger Mann nach Kanada aufbricht, um den hohen Norden als Trapper zu erobern. Er lebt in einem Stamm der Anishibane, erlernt ihre Sprache und gründet eine Familie, während er seine britische Herkunft verleugnet: Aus Archibald Stansfeld Belaney wird Grey Owl. Die Pfade in der Wildnis sind sein erstes Buch, das – schön kitschig – als Grey Owl mit Pierce Brosnan und Annie Galipeau verfilmt wurde (Regie: niemand geringeres als Oscar-Preisträger Lord Richard Attenborough).

Freiheit in der Welt von Grey Owl besteht bestenfalls in der Entscheidung des Protagonisten und der anderen im Buch beschriebenen Waldläufer und Fallenjäger, sich auf »den Pfad«, auf die winterliche Jagd zu begeben. Denn auf dem Pfad, in den unerbittlichen Wäldern jenseits der nördlichen Grenzen der Zivilisation, der »Front«, gibt es weder Freiheit noch Erbarmen, sondern nur und ausschließlich Notwendigkeiten, Lebensnotwendigkeiten, Überlebensnotwendigkeiten, die naturgemäß rund um die Uhr, Tag für Tag, Nacht für Nacht, Woche für Woche zu erfüllen sind, ansonsten droht der sichere Tod durch Erfrieren, Ertrinken, Verhungern oder einen wildgewordenen Elch.

Die Natur, so wie sie sich für Grey Owl darstellt und wie er sie in Pfade in der Wildnis beschreibt, ist bösartig, böswillig, heimtückisch, hinterlistig, gemein- gefährlich, gnadenlos, monströs:

»Die Natur ist grausam und die fleischfressenden Tiere und Vögel töten ihre Beute auf blutrünstigste Weise, indem sie Stücke vom Fleisch herausreißen und fressen, obwohl das unglückliche Tier noch lebt. Der Gedanken daran vermindert deutlich die Gewissensbisse, die man vielleicht dabei hat, fleischfressende Tiere in Fallen zu fangen; dabei bekommen sie nur eine Dosis ihrer eigenen Medizin verabreicht, erdulden nicht mal ein Zehntel der Qualen, die sie ihren Opfern zufügen, und beschleunigen noch durch ungeheure Tobsuchtsanfälle ihr eigenes Ende.«

Andererseits…

»Bei genauerer Betrachtung stellt man allerdings fest, dass fast alle von ihnen (den wilden Tieren) über mehr natürliche Intelligenz verfügen als jene Tiere, die seit Generationen vom Menschen abhängig sind, und unter den weiter entwickelten Arten sind ihre „persönlichen“ Beziehungen derart ausgeprägt, dass die abfällige Bezeichnung „Bestie“ völlig unzutreffend ist. So grausam auch manche von ihnen zweifellos sind, wenn sie ihre Beute verfolgen, so haben sie doch alle ihre guten Seiten, und ihr Leben verläuft fast ebenso geregelt ab wie das der Menschen, die unter den selben Umständen leben.«

Anthropozentrismus

Und dort, wo die Natur einmal nicht unter dem allgegenwärtigen Aspekt des Überlebenskampfes des sie freiwillig, bewusst und gezielt betretenden Menschen beschrieben wird, wird sie ebenfalls vermenschlicht, zumindest aber Menschen-bezogen dargestellt, wenn Wolfsrudel taktisch klug jagen wie Soldaten im Feld, Fischotter im Schnee herumtollen wie übermütig rodelnde Kinder, intelligente Biber Vorposten mit Spähern besetzen und einander warnen oder Vögel wilde Winde aussegeln, vermutlich „nur“ zu ihrem Vergnügen. 

In dieser Wahrnehmung besteht der Wald aus Wild, aus: jagdbarem Wild = Fleisch (notwendig fürs eigene Überleben als Nahrung) und = Felle (Beute und Handelsware) und aus Bäumen = Holz für Bau und Feuer, vor allem für Feuer, überlebenssichernder Energie.

Die Wandlung vom Trapper zum Wildschützer und Ranger folgt spät, seine Frau, eine first nation aus dem Volk der Mohawk, und einige von ihr gerettete und zahm gewordene Biberjunge bewirken die Öko-Wende des Möchtegern-Indianers. Doch auch diese Volte bleibt für mich vor allem zweckorientiert, denn ein Hauptargument für den werdenden Ex-Trapper und künftigen Ranger ist die Erhaltung der Jagdgründe: Vor dem Hintergrund der absehbar nahenden Ausrottung von Biber und Büffel sieht er die Existenz der first nations, aber auch ganz profan seine eigenen Jagdgründe schwinden…

Abb.: Grey Owl; Bildquelle: Yousuf Karsh

Insgesamt bleibt es aus meiner Sicht ein fader Pfad, auf den uns der wiederentdeckte Autor Grey Owl – oder ist es doch Archibald Stansfeld Belaney? –, der „Ökologe der ersten Stunde“, ein Vorreiter des „nature writing“ mitnimmt in die unendlichen Weiten und die unwirtliche Kälte Nordkanadas.

Das Unbehagen beginnt für mich bereits mit dem Titelbegriff: Ein „Pfad“ ist nach meinem Sprachverständnis ein bereits existierender Weg, und sei es „nur“ ein Wildwechsel. Grey Owl aber und die anderen Trapper, erst recht die first nations, begehen neue Wege, sie erkunden neues Land, sie überschreiten Grenzen. Pfadfinder? Kriegspfad? – Jedenfalls bleibt für der Begriff „Pfad“ für mich ein Stolperstein.

Gestolpert bin ich auch über das mir zu modern erscheinende Bild, dass Hechte wie U-Boote im eiskalten Wasser liegen, um dann aber zu lernen, dass bereits Ende des 19. / zu Beginn des 20. Jhdt. U-Boote bei unterschiedlichen Marinen im Einsatz waren.

Bedauerlich ist, dass bei der Anderen Bibliothek Lektorat / Korrektorat nicht mehr so auf Zack sind, wie es früher einmal war. Sonst wären Satzfehler wie diese unterschiedlichen Temperaturangaben nicht ins Buch gekommen: „– 50 Grad“ (S. 24) vs „minus 50 °C“ (S. 56). Auch ins Leere laufende verlegerische Hinweise wie der im Impressum, dass die Übersetzung der „Eingangsseiten“ Studierende Uni München geleistet haben, lassen den Leser ratlos zurück: Welche Seiten sollen das sein, die „Eingangsseiten“? – Das Vorwort?

Abb.: Die Andere Bibliothek

So reiht sich der Titel eher ein in eine vor allem in Deutschland beliebte Art von „Indianerliteratur“, die den „Edlen Wilden“ ins Zentrum rückt, als in eine Reihe bedeutender nature writing-Werke. Von Karl May bis zu Jack London und vielen weiteren Autoren, doch das ist eine andere Geschichte.

Aber der »Wunsch, Indianer zu werden«, scheint vor einhundert Jahren grassiert zu haben: Franz Kafkas Erzählung von 1913 trägt genau diesen Titel und sie ist fix zu lesen:

»Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glattgemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.«

*

KRAUTJUNKER-Rezensent Thomas Thelen

Thomas Thelen ist Deutsch-Drahthaar-Bändiger, Leihhund-Bespaßer, Fliegenfischer, Holzwerker und Genießer – und eher nebenher Unternehmensberater und Autor.
Zuhause in den südbadischen Weinbergen, hält er nicht nur nach Schwarz- und Rehwild Ausschau, sondern auch nach empfehlenswerter Lektüre und leckeren Rezepten. Wenn sie seinen Geschmackstest bestehen, werden sie hier umgehend weiterempfohlen – oder kritisch betrachtet.

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Pfade in der Wildnis: Eine indianische Erzählung von der Natur

Autor: Grey Owl

Übersetzer: Peter Torberg

Herausgeber: Die Andere Bibliothek

Weblink des Herausgebers: https://www.die-andere-bibliothek.de/Originalausgaben/Pfade-in-der-Wildnis::770.html

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