Friesische Freiheit

von Florian Asche

„Das soll ein Rindsleder sein? Willst Du mich veralbern? Das ist so klein, dass es noch nicht einmal für ein Paar Sandalen reicht!“ Der römische Steuereinnehmer schaut den Bauern grimmig an und brüllt in die Menge der Umstehenden. „Auerochsenleder wollen wir! Eure Wälder sind schließlich voll davon! Bringt ihr mir noch einmal solche Fetzen, dann nehme ich stattdessen Eure Frauen und Kinder mit. Rom braucht helfende Hände!“ Man muss sich jetzt ein feistes Lachen vorstellen.

So ähnlich beschreibt der Historiker Plinius der Ältere (23-79 n.Chr.) den Steuerkonflikt Roms mit den Friesen, einem Volksstamm am nördlichen Rand des römischen Imperiums. Nachdem der Feldherr Drusus diesem kleinen Bauernvolk die Lieferung von Rinderhäuten auferlegt hatte, mussten die Quästoren (Finanzbeamte) feststellen, dass die Zuchtrinder in Friesland recht klein geraten waren, zu klein für den Bedarf südlich des Limes. Auerochsen gab es zwar vereinzelt in Friesland, doch für eine Tributzahlung war der vorhandene Bestand wohl zu dünn. Als Strafaktion versklavten die Römer deshalb Kinder und Frauen der Friesen und lieferten dadurch den Grund für den ersten Aufstand dieses Stammes, der beinahe zwanzig Jahres dauerte. Die Kämpfer von der Waterkant erwiesen sich dabei als wenig zimperlich. Sie griffen eine römische Befestigung an und kreuzigten die Besatzer. Bei Baduhenna sollen sie eine Einheit von 900 Legionären vollständig aufgerieben haben.

In den folgenden Jahrhunderten war die Bevölkerung an der westlichen und nördlichen Küste vielen Einflüssen unterworfen. Jüten und Sachsen wanderten durch Friesland und vermischten sich mit den Ureinwohnern. Doch so viele Veränderungen mit solcher Zuwanderung verbunden sind, ein gewisser Grundcharakterzug dieser Bevölkerung blieb anscheinend erhalten, der Wunsch nach Unabhängigkeit. An der Küste mit dem flachen Land und dem rauen Wetter gedeihen zwischen Ebbe und Flut offenbar besonders entschlossene, freiheitsliebende Naturen.

Schon Karl der Große scheint das gemerkt zu haben, denn als er 785 Friesland in das Frankenreich eingliederte beließ er den Friesen weitgehend ihre Selbstverwaltung und verfügte, ihr Recht, das lex frisionum, aufzuzeichnen. Die Jagd taucht in dieser Sammlung nur am Rande auf, wenn es um die Entschädigung von Hunden geht. Deren Höhe wuchs mit dem Einsatzbereich, vom Habichthund bis zum Wolfstöter. Mehr findet man zur Jagd nicht in diesem Gesetz. Offenbar gab es bei den Friesen keine Sonderrechte für den Adel, wenn es um die Nutzung von Wildtieren ging. Jäger konnte jeder sein.

Insofern bildet das freie Waidwerk in Friesland eine absolute Ausnahme. Die Franken machten die Jagd zu einem Sonderrecht, wenn sie in bestimmten Bannforsten ausgeübt wurde. Hier durfte nur der König mit seinem Hof dem Wild nachstellen. Diese „Inforestration“ entwickelte sich im Heiligen Römischen Reich des späten Mittelalters zu einer Sonderechtigung des hohen und niederen Adels. Landständische Bauern waren hingegen von der Jagdausübung ausgeschlossen, sofern sie die Nutzung des Jagdausübungsrechts nicht in Ausnahmesituationen, z. B. bei besonderer Abgelegenheit ihres Hofes vom Grundherrn pachteten.

Im Zuge der frühen Neuzeit nahm diese Form der Sonderberechtigung des Adels außergewöhnlich scharfe Züge an. Den Bauern war es nicht nur verboten, Wild auf ihren selbst genutzten Flächen zu bejagen, das standesrechtliche Regal ging sogar so weit, dass der Bewirtschafter zu Schaden gehendes Wild nicht von seinen Flächen vertreiben durfte. Darüber hinaus wurde der Bauer vom Grundherrn zu sogenannten Hand- und Spanndiensten herangezogen. Dazu zählte auch die Jagdfrohn, einer Form von Hilfsdienst als Treiber, Jagdhelfer, beim Hundedienst oder bei der Wildbergung. Das war ein zweifelhaftes Vergnügen, für die Herrschaft durch den Wald zu stolpern, während daheim die Wirtschaft brachlag.

In Friesland blieb die Jagdausübung hingegen stets allgemeines Stammes- und Menschenrecht und fiel deshalb auch als Freijagdsystem den Friesen in ihrer Gesamtheit zu. Davon haben auch spätere Gesetzgeber keine Ausnahme gemacht. Zum Beispiel wurde den Friesen schon in § 113 des Ostfriesischen Konkordats von 1599 ein Sonderstatus eingeräumt und die freie Jagdausübung für jeden Ansässigen hervorgehoben. Das friesische Freijagdsystem fand auch Ausdruck in der sogenannten Aucupia, der Jagdgesetzgebung des Jahres 1785, die in § 3 der Jagdordnung von 31. Juli 1838 bestätigt wurde und in der es ausdrücklich heißt:​

„…Wilde Enten, Gänse und Schwäne und sonstige wilde Wasservögel darf jeder, auch zur Jagd nicht berechtigte Eingesessene der Provinz schießen und fangen…“

Der Gesetzgeber verdeutlicht hier einen Jahrhunderte langen Rechtsstatus, wonach der ortsansässige Volksstamm, anders als im gesamten deutschen Reich, jagdberechtigt war. Dieser Sonderstatus war Teil der allgemeinen dörflichen Selbstverwaltung in Friesland, das auch keine Gutsuntertänigkeit kannte. Das damit einhergehende Freijagdsystem der Friesen blieb auch nach der Revolution von 1848 und der Reichseinigung von 1871 unbeeinträchtigt. In der Folgezeit nutzen die ersten Hoteliers und Gastronomen an der Küste diesen Status auch touristisch aus. So konnten Badegäste – ohne Jagdschein und Erfahrung – den Seehunden während des Urlaubs nachstellen. Deutschlands scharfzüngigster Dichter Heinrich Heine berichtet in Briefen von Norderney über eine solche Tour. Sie scheint ihm nicht allzuviel Vergnügen bereitet zu haben.

Nicht nur rechtlich, sondern auch praktisch war die Jagd in Friesland ein besonders Handwerk. In der flachen Landschaft gruben die Vogeljäger ihre Stände in sog. „Poolfässer“ aus, um für ausreichend Deckung zu sorgen. In Vogelkojen wurden Enten zu tausenden gelockt, gefangen und in angrenzenden Fabriken eingedost, ein einträgliches Geschäft, das erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts seine Bedeutung verlor. Heute wird die letzte Entenkoje bei Oldsum/Föhr betrieben, ein kleines Wunder bei dem allseitigen Druck auf Jagd und Jäger.

Auch nach Ende des ersten Weltkrieges führte die Weimarer Reichsverfassung nicht zu einer Änderung der jagdrechtlichen Parameter in Friesland, so dass es, bei gleichzeitiger Bindung des Jagdrechts und des Jagdausübungsrechts an Grund und Boden, in Friesland beim rechtlich gesicherten Maßstab des Freijagdsystems der Friesen blieb.

Die freiheitliche Jagdverfassung der Friesen endete erst im Unrechtsstaat des Dritten Reichs. Durch das preußische und das Reichsjagdgesetz (1935) wurde das freie Jagdausübungsrecht der Friesen ausdrücklich aufgehoben. Unabhängig davon verblieb es bei der stark regional ausgerichteten Jagdnutzung. Die Jagd in friesischen Gemeinden wird grundsätzlich nicht an außenstehende Nicht-Ortsansässige vergeben, sondern von Jägern aus der Dorfbevölkerung als Teil der freiheitlichen Landnutzung in Friesland gepachtet.

Nach Hermann Göring dürfen heutzutage die Nationalparkverwaltungen im niedersächsischen und schleswig-holsteinischen Wattenmeer für sich in Anspruch nehmen, die Jagdfreiheit in Friesland am meisten zu bedrohen. Obwohl dieser Volksstamm seit 1995 als Minderheit vom EU-Rat anerkannt wurde, hindert das die Politik nicht daran, den Friesen zu diktieren wie sie in ihrer Natur zu leben haben. Insulaner, die noch als Kinder und Jugendliche zwischen den Dünen spielten, dürfen Großteile ihrer eigenen Inseln nicht mehr betreten, weder Beeren sammeln noch fischen oder auf die Jagd gehen. Ein Loch für ein Poolfass zu graben wird unter dem Aspekt des Natur- und Landschaftsschutzes ebenso verboten wie die Jagd auf die in großer Zahl vorkommende Waldschnepfe. Es ist bemerkenswert, dass die Politik in unserem Land jedesmal zu Tränen gerührt erscheint, wenn es um Minderheitenschutz geht. Das gilt jedoch nur, so lange es Volksgruppen nach ihrem Gusto sind. Unsere Entwicklungshilfe setzt sich für die Buschleute in Namibia ein oder die Yanomami am Amazonas. Unser eigener ländlicher Raum wird hingegen vom Kulturgut zum Energie- und Versorgungspark der Städte. Das Recht der Friesen, auf ihren Inseln zu jagen, die es ohne ihren tagtäglichen Einsatz gegen die Gezeiten längst nicht mehr gäbe, steht mehr und mehr unter Druck. Diesmal ist es keine diktatorische Gewalt, die die Nutzung der Naturressourcen beeinträchtigt, sondern ein Naturschutzkonzept ohne Rücksichtnahme auf Landeskultur und Minderheitenschutz.

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Florian Asche

Der Rechtsanwalt Dr. Florian Asche ist Vorstandsmitglied der Max Schmeling Stiftung und der Stiftung Wald und Wild in Mecklenburg-Vorpommern.
Einem breiten Publikum wurde er bekannt durch seinen literarischen Überraschungserfolg über den göttlichen Triatlhlon: Jagen, Sex und Tiere essen (siehe: https://krautjunker.com/2017/01/04/jagen-sex-und-tiere-essen/https://krautjunker.com/2017/09/19/sind-jagd-und-sex-das-gleiche/)

Website der Kanzlei: https://www.aschestein.de/de/anwaelte-berater/detail/person/dr-florian-asche/

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Mehr von Dr. Florian Asche: https://krautjunker.com/?s=florian+asche

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe und Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

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Bildquelle: Photo by Gary Bendig on Unsplash

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