Niederwildtreibjagd: Von der möglichen Wiederauferstehung einer Totgesagten

von Werner Berens

An diesem Morgen strahlt die Sonne über den Feldern. Einige niedrige Nebelschwaden halten sich noch am Waldrand und den wenigen Feldgehölzen fest. Kalte, klare Luft, ein wenig Reif, Treibjagdwetter vom Feinsten. Stille liegt über dem weiten, flachen Land am südlichen Niederrhein. Doch allmählich wird es lauter und lebhafter. Über den schmalen Asphaltweg fahren die ersten Autos auf den Bauernhof zu, vor dem die „Jagdhütte“, steht. Parken bitte am Wegrand und vor der Hütte. Jäger steigen aus, begrüßen die Jagdpächter. Hundeboxen werden geöffnet. Dann einmal rundschauen, wer ist alles hier?

Bildquelle: Jürgen Schnee

Stimmengemurmel, leises Gelächter und laute Hallo’s, Schulterklopfen, Händeschütteln, lebhafte Gespräche, Hunde, die sich an der Leine gehalten einander beschnuppern. Zeit vergeht. Sind alle da? Nun ein wenig Hektik. Einer der Jagdpächter ruft:  „Fertigmachen bitte!“ Es wird Zeit für das erste Treiben. Geräusche von Autotüren und Kofferraumklappen, Signalkleidung anlegen,  Flinte über die Schulter.

Bildquelle: Ulrich Slonek

Der Jagdleiter ruft zum Versammeln, kontrolliert Jagdschein und Impfnachweise, hält eine kurze Ansprache: Die erste Treibjagd in diesem Jahr gelte dem bunten Hahn und selbstverständlich nur dem Hahn, jede vom übereifrigen Schießfinger erlegte Henne koste 50 Euro, nach Ansage gebe es vielleicht noch ein paar Hasen an bestimmten Feldern. Im Übrigen bedanke er sich für das Erscheinen seiner Gäste und wünsche an diesem wettermäßig herrlichen Jagdtag allen seinen Gästen jeden nur denkbaren Jagderfolg. Ach ja, die Sicherheitsregeln, die er vorsichtshalber noch einmal erwähne: Nicht durch die Schützenreihe ziehen, nicht in Richtung der Vorstehschützen auf den flachen Fasan schießen und wegen der Gefahr  für die Hunde zeige die Mündung der Waffe bitte nach oben. Dann- Schützen, Treiber und Hunde bitte aufsitzen auf die beiden Anhänger.

Bildquelle: Ulrich Slonek

Der Gründünger ist nass, hoch, steht schräg und hält die Beine bei jedem Schritt fest. Ein Weimaraner, zwei Deutsch Kurzhaar, ein Deutsch Langhaar, zwei kleine Münsterländer und eine undefinierbare Mischrasse arbeiten hart und lautlos im grünen Dschungel, springen in scheinbar rhythmischen Abständen hoch aus dem Gründünger, um sich neu zu orientieren.

Bildquelle: André Brüggemann

Zwei Rehe flüchten. Scharfe Kommandos der Hundeführer rufen die zur Verfolgung ansetzenden Hunde zurück. Dann das unverwechselbare Geräusch eines startenden Fasans. „Henne!“, schallt es laut von mindesten zwei Jägern gleichzeitig und die hochgerissenen Flinten sinken in die Habachtstellung zurück. Plötzlich ruft es weiter links: „Hahn!“.

Bildquelle: JaqiZ

Schüsse fallen und ein Hahn stürzt wie ein Stein in den Gründünger. Schnell hin. Wenn er noch lebt, läuft er, und dann ist er in dem grünen Stengelgewirr nur schwer zu finden.

Bildquelle: Jutta Stickelbroek

So geht es weiter: „Henne!“ oder „Hahn!“ tönt es mehrstimmig in den klaren, kalten Morgen, oft gefolgt von Schüssen.

Bildquelle: Arno Röder

Einige stürzende Hähne und gelegentlich ein Anhalten des ganzen Treibens, wenn Herr und Hund den soeben vom Himmel geschossenen Hahn im Dünger suchen. So viele Fasanen sind nicht im Gründünger. Das müssten mehr sein.

Bildquelle: Bernd Hanrath

Aber vielleicht ist er zu nass. Der Mais ist trocken, von etlichen Fasanen offenbar vorübergehend bewohnt und in diesem Jahr mehr als 3 Meter hoch. Nicht gut zum Schießen für die Hundeführer, die den Mais durchkämmen. Aus ihm steigen die Fasanen himmelhoch, werden von den Flanken- und Vorstehschützen anvisiert. Zu weit, zu hoch, der Finger bleibt gerade. Passt, der Schuss bricht. Anerkennende Rufe  und hochgereckte Daumen quittieren die Meisterschüsse auf den himmelhoch und pfeilschnell fliegenden Vogel, Fluchen und Kopfschütteln die weniger erfolgreichen. Das ist gar nicht einfach hier. Etliche der hohen, schnellen Vögel entkommen. Nicht schlimm, meint der Beständer. Die Hähne sollen ihre Chance haben. Die haben sie. Das sind nur wilde Fasanen, die im Gegensatz zu ihren Aussetzverwandten hervorragend fliegen. Der Fasanenbestand übertrifft den aller umliegenden Reviere. Aber das kommt nicht von selbst. Regelmäßig beschickte Fasanenschütten und Fasanentränken in dichten Einständen, Winterfutter auf den Feldern und Kurzhalten der „Räuber“ sind dafür verantwortlich.

Bildquelle: Maria Kraus

Die Dämmerung setzt ein. Eine bunte Strecke junger und alter Hähne kündet vor der Jagdhütte vom Erfolg. Der Tag war schön, und er war anstrengend. Die Hunde sind müde, die Jäger auch.

Bildquelle: Ulrich Slonek

Die Tische vor der Jagdhütte werden gedeckt: Selbst gebackenes Schwarzbrot des Kochkundigen der beiden Jagdpächter, Schmalz, Wurst vom Wildschwein und Wurst vom Grill. Leise und laute Gespräche über Jagd, über Hunde und die guten und schlechten, die einfachen und schwierigen Schüsse des vergangenen Jagdtages, aufschlussreiche Diskussionen mit den Jägern aus den Niederlanden und Belgien über die jagdlichen Möglichkeiten und Fesseln in ihren Ländern. Leise, müde Zufriedenheit lässt die Jagdgesellschaft allmählich still werden. Man verabschiedet sich voneinander und von den Beständern, bedankt sich bei ihnen eingedenk der Arbeit, die die Vorbereitung einer solchen Jagd bedeutet und wünscht, dass die nächste Jagd in diesem Revier so reich an Jagdwetter, Jagderfolg und Zusammensein sein möge wie die gewesene.

*

Die heutige Treibjagd gilt vor allem den Hasen.

Bildquelle: Frank Derboven

Fasanenhähne sind diesmal eher der erlaubte „Beifang“. Das Wetter meint es nicht ganz so gut mit den Jägern wie bei der Fasanenjagd. Die Sonne lässt sich nur gelegentlich blicken. Mehr Jäger, mehr Hunde und weniger Gründünger. Hasen sitzen nicht gern in dem taunassen Zeug und wenn doch, kann man nicht darauf schießen, weil man sie erst sieht, wenn sie aus dem „Dschungel“ auf den blanken Acker sprinten. Rübenfelder, Maisstoppel, Winterweizen und Weite.

Bildquelle: Emi Thomas Emmert

Vom Horizont bewegt sich eine Kette orangefarbener Gestalten über Winterweizen langsam auf das Feldgebüsch und die Vorstehschützen zu. 800 Meter sind das mindestens.

Bildquelle: André Brüggemann

Die ersten leisen Schüsse sind in der Ferne zu hören.

Bildquelle: Ulrich Slonek

Wenn man als Vorstehschütze genau hinschaut, kann man sehen, wie sich der ein oder andere Jäger bückt, einen Hasen aufhebt, ihn am Gürtel befestigt.

Bildquelle: Ulrich Slonek

Die Hunde sind an der Leine wegen der viel befahrenen Straße am Feldrand. Dann etwas, mit dem auf einer Treibjagd niemand rechnet: Aus dem schmalen Feldgebüsch in der Ferne flüchten sieben Gestalten, eine große und sechs kleinere. Für Hasen zu groß, Rehe bewegen sich anders. Es dauert ein wenig, bis wir Vorstehschützen erkennen können, dass da eine Bache mit sechs Frischlingen auf unsere Kette zu flüchtet. Wir blicken auf freies Feld mit dem Rücken am Waldrand. Jetzt wird es spannend. Doch die Bache prescht ziemlich genau zwischen meinem Nachbarn und mir durch die Reihe und stoppt auch nicht, als sie hinter uns krachend und knackend ins Gebüsch bricht. Die schon kräftigen Frischlinge sind vor der Schützenreihe stehen geblieben und laufen auf dem Feld unschlüssig im Kreis, bis einer sich traut durch die Schützenkette der Bache zu folgen und die anderen ihm hinterher flüchten. Die Schweine sind verschwunden. Gelächter, Kopfschütteln und verwunderte Kommentare in der Vorstehschützenreihe. Doch nun beanspruchen die ersten Hasen die Aufmerksamkeit. Einige flüchten auf die Reihe zu. Einer verharrt, weiß nicht, wohin er will, wagt sich zu nah heran und rolliert, als er das Feld über die Flanke verlassen will. Sehr viele Hasen verlassen die Felder über die Flanken an diesem Tag.

Bildquelle: Bernd Hanrath

Der Abstand zwischen Vorsteh- und Durchgehschützen ist groß und zum Flankieren fehlen Schützen. Der „betriebswirtschaftlich“ denkende Jäger wird hier Optimierungsbedarf sehen, Aufwand und Ertrag in Beziehung setzen. Wissen die Beständer und Jagdleiter das nicht? Doch, sie wissen es. „Was  über die Flanken rauskommt, kommt raus, ist für nächstes Jahr“, erfährt man, wenn man über das Wozu nachhört, nachfragt und nachdenkt. Vielleicht ist es das das, was eine Jagd vom bloßen Ernten oder gar vom „Massaker“ unterscheidet. Die Beute, ob Hahn oder Hase, soll ihre Chance haben.

Bildquelle: Ulrich Slonek

Viele große Felder hat die Jagd. Gelegentlich hält die Kette der „Durchgehschützen an“. Ein krank geschossener über die Flanke geflüchteter Hase muss in den Rüben oder im Gründünger nachgesucht werden.

Bildquelle: Jutta Stickelbroek

Dauert das zu lange, verlässt der Hundeführer mit den beiden Deutsch-Kurzhaar-Hündinnen die wieder fortschreitende Reihe, lässt seine Hunde mit der Nase am Boden den kranken Hasen suchen, um ihn notfalls abzuschlagen. Das gehört sich so, dass man zu Ende bringt, was man begonnen hat.

Bildquelle: Joëlle Eschenauer

Es ist, auch wenn viele Hasen entkommen, genug da für eine gute Jagd und eine gute Strecke in diesem Revier: 40 Hasen und 5 Hähne für zwanzig Flinten an diesem Tag.

Bildquelle: Jürgen Schnee

Das ist weit mehr, als in den meisten Niederwildrevieren nahe der niederländischen Grenze heute noch zur Strecke kommt und gleichzeitig ist es in diesem Revier maßvolles „Abschöpfen“. Jagte man hier unter der Vorgabe maximalen Jagderfolges gemessen an Beutestücken, könnten auf den Eibenzweigen beim Streckelegen weit mehr Hasen liegen. Aber Jagderfolg bemisst sich eben nicht nur an Stückzahlen, zumindest sollte er das nicht. Die „Insel“ eines noch oder wieder intakten Niederwildreviers bleibt eine solche nur, wenn man Bestände pflegt und mit einer jagdlichen Haltung bejagt, die maßvoll abschöpft und mit „auskommenden“ Hasen kein Problem hat.

Bildquelle: Samuel Golter

Jagd ist auch nach der Jagd. Eine Suppe, Brot, Wurst und Getränke in einer liebevoll mit Grün geschmückten Halle. Ein Abend mit Gesprächen, Gelächter, hervorgeholten Erinnerungen und Erlebnissen, mit Horrido und Hörnerklang. Und mit Jägern aus den Niederlanden und Belgien, die die gesamte Tagesbeute mitnehmen, denn in ihren Heimatrevieren ist die Niederwildjagd bereits seit Jahren tot, weil es anders als in diesem Revier keine Hasen und Fasanen mehr gibt, die es sich zu bejagen lohnte.

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Wie dem aufmerksamen Leser sein wird, stammen die Bilder von unterschiedlichen Jagden verschiedener Jäger. Ich bedanke mich recht herzlich für die unkomplizierte und schnelle Unterstützung!

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Werner Berens

Werner Berens ist Fliegenfischer, Jäger, Autor und Genussmensch, der den erwähnten Tätigkeiten soweit als möglich die lustvollen Momente abzugewinnen versucht, ohne aufgrund kulinarisch attraktiver Beute übermäßig in die falsche Richtung zu wachsen. Als Leser und Schreiber ist er ein Freund fein ziselierter Wortarbeit mit Identifikationssmöglichkeit und Feind von Ingenieurstexten, die sich lesen wie Beipackzettel für Kopfschmerztabletten. Altermäßig reitet er dem Sonnenuntergang am Horizont entgegen und schreibt nur noch gelegentlich Beiträge für das Magazin FliegenFischen.

Hier findet Ihr Werner Berens‘ Bücher auf Amazon!

Hier findet Ihr ihn auf Facebook!

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Becher aus Porzellan und Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

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