»Im Auftrag des Reichsmarschalls« – Als Offizier im Spannungsfeld zwischen Ideologie, Gehorsam, Gefahr, Gewissen und Rechtfertigung. Bialowies 1942-1943

Buchvorstellung von Thomas Thelen

Der Autor des Buches Im Auftrag des Reichsmarschalls ist der Schweizer promovierte Forstwissenschaftler Andreas Gautschi, bekannt geworden mit umfangreichen Arbeiten und Buchveröffentlichungen zur preußisch-deutschen Jagd- und Forstgeschichte, er gilt als Spezialist für das Jagdgebiet der Rominter Heide. Nach seinem Studium war er als Waldarbeiter, Projektverfasser und Forstbeamter tätig, bevor er 1991 in die Rominter Heide übersiedelte, um die Jagdgeschichte der Region zu erforschen.

Erst auf der Rückseite erhellt sich dem Leser das konkrete Thema des Bandes:
»In diesem Buch geht es um die Handlungsweise des Kommandeurs eines Sicherungsbataillons im polnisch-weißrussischen Waldgebiet Bialowieser Heide in den Jahren 1942 bis 1943, des Majors Emil Herbst, eines Reserveoffiziers der Luftwaffe, im Spannungsfeld zwischen Ideologie, Gehorsam, Gefahr, Gewissen und Rechtfertigung.

Das Problem, wie sich gute Menschen in einem bösen Umfeld verhalten, in das sie durch Befehl hineingestellt sind und dem sie kaum entrinnen können, ist die Grundfrage dieses Buches. Wie Major Herbst umfangreiche Umsiedlungen aus dem Waldgebiet vornehmen musste, wie er die Partisanen bekämpfte und die von diesen und kriminellen Banden gegen die Zivilbevölkerung verübten Raubzüge und Brandschatzungen ahndete, findet ebenso Erörterung in diesem Buch wie das Verhalten seines Bataillons gegenüber im Wald sich versteckenden Juden, die Ausübung der Gerichtsbarkeit und die Handhabung von Vergeltungs- und Abschreckungsmaßnahmen.«

Eine Buchbesprechung, mit der ich lange, monatelang gehadert habe. Einfache moralische Positionen, vom ethisch korrekten hohen Ross oder eine aufwändige sachgerechte Auseinandersetzung, die eine Einarbeitung in die komplexe, mir nicht ausreichend vertraute Materie voraussetzt? –KRAUTJUNKER soll doch dem Eskapismus dienen… Doch die teils bizarren Auseinandersetzungen der Corona-Zeit, insbesondere bizarr vor dem Hintergrund der aktuellen Kriegssituation in der Ukraine, haben mir immer wieder eines bewusst werden lassen:

Ich liebe das Institut des Rechtsstaates; ich halte es für die größte und eine der überraschendsten Leistungen der Menschheit überhaupt. Denn anders als naturwissenschaftlich-technische Errungenschaften, die zur Zeit ihrer Entdeckung / Erfindung oft genug auch als Wunder und als unmöglich wahrgenommen, teils verteufelt wurden (Metalle aus Erzen gewinnen, Erde ist eine Kugel, die Sonne Mittelpunkt unseres Systems, Flugversuche, Atomspaltung, Funkübertragungen u.v.m.), die aber doch „nur“ technisch-physikalischen Gesetzen folgen und daher naturgemäß natürlich sind, erscheint mir das Institut des Rechtsstaates in dem Sinne übernatürlich, weil es die allzu menschlichen, archaischen Regungen von Auge um Auge, Zahn um Zahn auf eine andere, regelbasierte und von Gleich zu Gleich ausgehende Systematik hebt – einzigartig und meiner Meinung nach ein Wunder.

Universale Rechte – Freiheits- und Menschenrechte, Selbstbestimmungsrechte, Natur- und Umweltrechte – werden von denen, die ihnen zuwider agieren, als Bedrohung, ihre Einforderung und Durchsetzung als „Einmischung in innere Angelegenheiten“ empfunden und diskreditiert – aktuell „schön“ zu beobachten im Ukraine-Krieg, zuvor während der Olympischen Spiele oder während der Pandemie und bei erschreckend vielen anderen Gelegenheiten zuvor.

Inwiefern passt das Buch Im Auftrag des Reichsmarschalls zum KRAUTJUNKER? – Ausschlaggebend ist die Nutzung der wald- und wildreichen Region als riesiges, unberührtes Jagdgebiet. Der im Titel erwähnte Reichsmarschall, Hermann Göring, war im Dritten Reich ab 1934 Reichsjägermeister, Reichsforstmeister und Oberster Beauftragter für den Naturschutz. Um seiner Jagdleidenschaft nachgehen zu können, ließ er zwei Landsitze errichten – ab 1933 Carinhall in der Schorfheide und 1936 den Reichsjägerhof Rominten in der Rominter Heide. Und auch die Wälder rund um Białowieża hatten es dem Reichsmarschall angetan; so wie auch alle Eroberer und Besatzer zuvor in der ebenso wechsel- wie leidvollen Geschichte der Grenzregion zwischen Polen, Weißrussland und Russland bereits die einzigartigen Jagdgründe für die jeweiligen Herrscher reservierten, seien es nun Zaren, Kaiser und Könige oder später kommunistische „Volksvertreter“.

Dem umfassenden Werk vorangestellt ist ein Zitat von Carl von Clausewitz, das offenlegt, unter welcher Prämisse der Autor seine selbstgestellte Aufgabe, die Beantwortung der Frage nach der moralischen Bewertung des Verhaltens des Offiziers Herbst, bewertet wissen will:
„Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung derselben keine Grenzen; so gibt jeder dem anderen das Gesetz, es entsteht eine Wechselwirkung, die dem Begriff nach zum Äußersten führen muss.“

Bialowies – oder besser gesagt: Białowieża liegt im Nordosten Polens an der aktuell wiederum so im Scheinwerferlicht der Aufmerksamkeit stehenden Grenze zu Belarus. Im Buch verwendet Gautschi durchweg die deutsche Schreibweise, mit der für seinen hohen wissenschaftlichen Anspruch bemerkenswerten Begründung, dies sei »einfacher«, obwohl »diese Bezeichnung hauptsächlich bei den Besatzern im Ersten (…) und Zweiten (…) Weltkrieg im Gebrauch stand, vom Wortstamm her nicht richtig ist und historisch bedingt keinen guten Klang besitzt«, so Gautschi in seiner Einleitung. Worin in Zeiten von elektronischem Satz und präziser Suche-Ersetze-Funktion in jedem Textverarbeitungsprogramm diese Einfachheit bestehe, bleibt sein Geheimnis.

Weiter führt er in der Einleitung aus:
»Major Herbst kommandierte die Einheit der Luftwaffen-Erdtruppe in Bialowies (…) vom 29. Juli 1942 bis zum 18. März 1943. Anhand der im Bundesarchiv sowie im Staatsarchiv Hamburg lagernden Akten wird hier sein schwieriger Weg durch acht Monate dunkelster Kriegszeit im Spannungsfeld zwischen Ideologie, Gehorsam, Gefahr, Gewissen und Rechtfertigung verfolgt. Nicht um ihn anzuprangern, sondern um sein Wirken an der Bandbreite der Möglichkeiten zu messen, die ihm vorgegeben war…«.

Deutlicher noch wird Gautschis Einstellung in einem weiteren Absatz der Einleitung, in dem er postuliert, dass Herbst in eine zweite, positiv besetzte Kategorie von Wehrmachtsoffizieren gehöre, die anständig und korrekt gewesen seien, die das Militär und seine Traditionen liebten, die sich allerdings den Forderungen der obersten Führung unterwarfen. Trotzdem »verriet bei ihnen das Bemühen um eine gerechte Behandlung der Bevölkerung und heimlich gewährte Hilfe und Unterstützung einzelner, sich in Gefahr befindlicher Verfolgter jüdischer und kommunistischer Abkunft, dass ihnen Barmherzigkeit noch eigen war und sie in dieser Hinsicht persönliche Risiken in Kauf nahmen.« – Ritter in Uniform, in den Augen Gautschis. Und eine überraschende Erkenntnis: Gautschi lässt uns wissen, dass Kommunisten Kommunisten zeugen!

Im Hauptteil des Bandes schildert Gautschi zunächst die Situation, die Herbst zu Beginn seiner Zeit in Białowieża vorfand, um dann eine außerordentlich akribische, umfassende Darstellung vieler Details, Zahlen, Daten und Fakten zu liefern, abgeschlossen wird mit einer Betrachtung des Zeitraumes nach Herbsts Abberufung und Berichten aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg über die juristische Aufarbeitung.

Immer wieder betont Gautschi, dass sein Werk dem Leser eine Bewertung der Vorkommnisse vor dem Hintergrund der damaligen Rahmenbedingungen ermöglichen solle; alle Informationen liefere, um sich selbst der Frage zu stellen »Wie hätte ich in der Situation gehandelt?«. Immerhin eröffnet der detaillierte Tatsachenbericht auf Aktenbasis dem Leser diese Möglichkeit, eigenständig kritisch seine Positionen und Entscheidungen zu prüfen. Eine harte Prüfung!

Eine Bewertung aus heutiger Sicht erscheint Gautschi wohlfeil und damit auch ungerecht gegenüber Major Herbst.

Trotz des grundsätzlich ehrenwerten Ansatzes und als Ergänzung zu den im Nachwort vorzufindenden teilweise kritischen Einschätzungen fehlt mir im Band eine deutlich kritischere Einordnung.

Denn spätestens seit der Affäre Filbinger (1978) hat die Aussage, die im Kern Hans Filbinger zugeschrieben wird, aber in ihrer plakativen Zuspitzung wohl der Spiegel-Redaktion entstammt, längst keinen Bestand mehr: „Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein!. Doch Gautschi bewertet drastische Maßnahmen und Aktionen, die Major Herbst zur Umsetzung seines Auftrags durchführte, auf Basis der Filbingerschen Einschätzung, freilich ohne diese explizit zu benennen.

Längst aber haben Gesellschaft, Politik und auch die höchsten bundesrepublikanischen Gerichte bis hin zum Bundesverfassungsgericht erkannt, dass viele Urteile schlicht Unrechtsurteile waren. Denn in einem Unrechtssystem kann es keine rechtsstaatlichen Inseln juristischer Unbeflecktheit geben. Die moralische Fallhöhe hat der deutsche Philosoph Theodor W. Adorno, der Auslöser der damaligen Affäre Filbinger, in seinem Werk Minima Moralia definiert: »Es gibt kein richtiges Leben im falschen« (Leseempfehlung!).

Und selbst Rechtsbereiche, die von der grundsätzlichen Unrechtseinschätzung durch die Einschränkung, dass sie auch heute noch Straftatbestände darstellen, ausgenommen sind, zeigen die missbräuchliche Anwendung der Rechtsprechung als Mittel der Diktatur im Dritten Reich. So ist ein in aktuellen Studien (Studien, die wohl erst nach Gautschis Buch veröffentlicht worden sind!) publizierter Vergleich der Zahlen pars pro toto schlagend: mehr als 17.000 vollstreckten Todesurteilen der Wehrmacht wegen Fahnenfluchts im Zweiten Weltkrieg stehen ein Todesurteil bei der US-Armee und keines in der britischen Armee im gleichen Zeitraum gegenüber. Im gesamten Ersten Weltkrieg sind in der deutschen Armee „nur“ 48 Urteile vollstreckt worden.

Vor diesem Hintergrund stechen besonders die selbstherrlich und allein gefällten Standurteile und Todesstrafen des „Titelhelden“ Major Herbst heraus: Selbstjustiz ohne Grund, ohne dass „Gefahr im Verzug“ gewesen sei. Ein Beispiel für Hitlers willfährige Helfer – perfekt rundlaufende Rädchen im Getriebe des Mordens. Was also bleibt? Ein detailversessenes Buch, eine akribische Fleißarbeit, die sich aber um die Bewertung drückt. Wesentliche Erkenntnis für mich: Den Rechtsstaat verteidigen, wo immer es geht. Konsequent. Als staatstragende Idee. Als funktionales System. Darauf kommt es an. Damals und heute. Immer.

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Ein schwieriges Thema. Meine beiden Großväter sind als wehrpflichtige Infanteristen an der Ostfront gefallen. Inwieweit es ihnen gelang in dem schrecklichen Zweiten Weltkrieg im Rahmen ihrer Möglichkeiten anständig und tapfer zu handeln oder sie an Kriegsverbrechen beteiligt waren, entzieht sich zum allergrößten Teil meiner Kenntnis. Wie ich selbst als indoktriniertes Kind dieser Zeit gewesen wäre, ebenfalls.
Das eigentlich beunruhigende ist ja, dass sich diejenigen, welche im Nationalsozialismus, Sowjetsozialismus oder anderen Verbrechersystemen vorher und nachher Furchtbares verantworteten, sich nicht selbst als Verbrecher sahen, sondern zumindest anfangs Idealisten waren, die eine bessere Welt schaffen wollten, für die Opfer gebracht werden mussten.
Die ganze alptraumhafte Geschichte des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges traumatisiert uns Deutsche immer noch so nachhaltig, dass nach meiner Einschätzung fast nur Wissenschaftler aus anderen Ländern, wie der in Australien geborene und in Großbritannien lebende Historiker Sir Christopher Clark, objektiv urteilen können.

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Verlagsvorstellung des Autors Dr. Andreas Gautschi

Der Schweizer Forstwissenschaftler Dr. Andreas Gautschi (* 1956) ist mit umfangreichen Studien zur preußisch-deutschen Jagd- und Forstgeschichte bekannt geworden und gilt als Spezialist für das Jagdgebiet der Rominter Heide.
Nach seinem Studium der Forstwirtschaft war er als Waldarbeiter, Projektverfasser und Forstbeamter tätig, bevor er 1991 in die Rominter Heide ging, um die Jagdgeschichte zu erforschen.
Die Frucht seiner jahrelangen, aufwendigen Recherchen bilden zahlreiche biografische Werke zu bedeutenden Jägern und Malern des 19. und 20. Jahrhunderts sowie einige belletristische und lyrische Veröffentlichungen.

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Thomas Thelen

Thomas Thelen ist Deutsch-Drahthaar-Bändiger, Leihhund-Bespaßer, Fliegenfischer, Holzwerker und Genießer – und eher nebenher Unternehmensberater und Autor.
Zuhause in den südbadischen Weinbergen, hält er nicht nur nach Schwarz- und Rehwild Ausschau, sondern auch nach empfehlenswerter Lektüre und leckeren Rezepten. Wenn sie seinen Geschmackstest bestehen, werden sie hier umgehend weiterempfohlen – oder kritisch betrachtet.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Becher aus Porzellan und Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: »Im Auftrag des Reichsmarschalls« – Als Offizier im Spannungsfeld zwischen Ideologie, Gehorsam, Gefahr, Gewissen und Rechtfertigung Bialowies 1942–1943

Autor: Dr. Andreas Gautschi

Verlag: Verlagsbuchhandlung Sabat UG

Verlagslink: https://www.vb-sabat.de/autoren-von-a-z/gautschi-andreas/#cc-m-product-19155731725

ISBN: 978-3-943506-91-4

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