Der Ruf des Seevogels – Aus dem Leben von Papageientauchern, Tölpeln und anderen Meeresreisenden

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Buchvorstellung

Bis ich Der Ruf des Seevogels las, hielt ich Eissturmvögel, Möwen, Lummen, Tölpel und was es sonst noch für Arten fliegender Fischjäger gibt, nicht für sonderlich interessante oder kluge Lebensformen. Sie sitzen zumeist in großen Schwärmen am Ufer, erfüllen die Luft mit aggressivem Gekreische und Gestank, hinterlassen Unmengen von Dung, fliegen übers Meer, jagen Fische und fliegen wieder zurück.

Mittlerweile sehe ich sie mit ganz anderen Augen und bin voller Ehrfurcht vor ihren Leistungen. Der Brite Adam Nicolson, der seine obsessive Begeisterung für Seevögel und Meeresküsten von seinem Vater geerbt hat, ist über mehrere Jahrzehnte Seevögeln über den Atlantik gefolgt und lässt den Leser an seiner Passion teilhaben:
»Sie sind Vögel, die mich fesseln, die mich Jahr um Jahr aufs Neue herbeilocken, teils voller Staunen über die Nacktheit ihres Lebens in all seiner Grausamkeit und Schönheit und der aufs Wesentlichste reduzierten Art des Daseins, teils mit Neid und der Sehnsucht danach, zu sein, was sie sind.
Und jeder veranschaulicht eine andere Facette der zentralen Frage nach dem Leben in drei Elementen. Seevögel sind die seltenste Spielart der Schöpfung, die einzigen Tiere die auf und im Meer, in der Luft und an Land zu Hause sind. Es gibt keine fliegenden Meeressäuger, keine Seefledermäuse, keine Seeinsekten, keine fliegenden Krabben oder Lufthummer. Diese Vögel erfüllen radikal gegensätzliche Anforderungen – und machen Großartiges aus den Gegensätzen. Als fliegende Wesen, die an Land brüten, weil ihre Eier nun mal an der Luft sein müssen, damit das Junge nicht erstickt, gelingt es den Seevögeln, sich die Reichtümer des Meeres zu erschließen und zugleich seinen Gefahren zu entgehen. Wie bringen sie das fertig? Und Wie kommt es, dass aus diesen Anforderungen so viel Grazie und Kraft, Findigkeit und Schlauheit erwächst?
Darauf hat jede Art eine andere Antwort. Die Scharben und Kormorane sind hauptsächlich Küstenbewohner, die sich selten in die Tiefe, in die Weite des Meeres wagen, die aber wunderschöne, leicht fremdartige, düstere, sehr effiziente Aasfresser und Taucher sind. Meist trifft man sie in Küstennähe, wo sie mit den Möwen zusammensitzen – die ihrerseits spannende ganz andere und oft schlaue Lösungen für ihre Probleme gefunden haben.
Die Papageientaucher, Lummen, Tordalken und der heute ausgestorbene Riesenalk – alles Vettern – sind (waren) Tief- und Verfolgungstaucher, die mit langen, harten, flügelgetriebenen Tauchgängen schneller und nahrhafter Beute nachsetzen. Diese Alkenvögel besetzen vorwiegend den mittleren Bereich der Kolonien, über dem Wasser, doch durchaus nicht die höchsten Etagen, und füllen die ökologischen Nischen, die südlich des Äquators die Pinguine besetzen. So gut wie nie dringt ein Pinguin auf die Nordhalbkugel vor, und kein Alk hat je auf der südlichen Hemisphäre gelebt – vielleicht, wie der kanadische Vogelkundler Anthony Gaston meinte, weil in den tropischen Gewässern Haie patrouillieren und die Alken nie imstande waren, diese bewehrte, hungrige Front zu durchbrechen. So sind beide, Alken wie Pinguine auf die nahrungsreichen, kalten Gewässer der hohen Breiten angewiesen in denen die Haie nie schnell genug schwimmen konnten, um sie zu erbeuten.
Während der Lebensmittelpunkt der kurzflügeligen Alken unter Wasser ist, sind andere hier lebende Vögel grandiose Flieger. Die Dreizehenmöwe hat, außer zur Brutzeit, das Leben an der Küste aufgegeben hat sich aufs Meer verlegt und fischt in Oberflächennähe. Der Tölpel ist der grimmige Beherrscher des Nordatlantiks, ein erstaunlich kräftiger Stoßtaucher und der einzige Vogel in diesem Meer, dessen Zahl und Verbreitung unter dem Druck der Moderne sogar zunehmen. Auch die Nistplätze spiegeln die Lebensweise: Die Dreizehenmöwe nistet geschützt auf schmalen, für Räuber zugänglichen Felssimsen, der Tölpel in riesigen, furchterregenden Versammlungen von beispielloser Wildheit, in die Artfremde nur auf die Gefahr eigener Vernichtung hin eindringen können.
Die verbleibenden drei, der Eissturmvogel, der Sturmtaucher und der Albatros – lauter Verwandte aus der Ordnung der Röhrennasen oder Procellariiformes -, sind die Helden der Geschichte, großartig angepasst an das Leben auf dem Meer, zu ungeheuren Flugreisen imstande, langlebige, prächtige Geschöpfe des Windes, die im Toben von Sturm und Wellen zu Hause sind, ausgestattet mit aller Leichtigkeit, die ihnen die Evolution und ihre eigene Lern- und Anpassungsfähigkeit geschenkt haben.
Nur 350 von rund 11.000 Vogelspezies haben sich auf das Meer spezialisiert. Bei allen Unterschieden eint sie doch eine Lebensweise, die sie mit kaum einem anderen Vogel gemeinsam haben: Sie leben nicht ein oder zwei Jahre, sondern, wie die allerältesten Albatrosse, bis zu achtzig, neunzig; sie brüten nicht gleich in der ersten Saison nach ihrer Geburt, sondern entwickeln sich langsam und warten viele Jahre, bis sie ein Ei legen; sie setzen nicht die Hoffnung der Verzweifelten in ein Gelege mit acht oder neun Eiern, sondern ziehen oft nur ein einziges Junges auf, das lang bebrütet und lang im Nest gefüttert wird; sie wechseln selten von einem Partner zum nächsten, sondern leben viele Jahre monogam, und beide Elternteile beteiligen sich in gleicher Weise an der Aufzucht der nächsten Generation. Diesen Lebensverlauf teilen bezeichnenderweise nur die Geier, die ebenfalls nach seltenen Beutekonzentrationen in den weiten, feindlichen Öden der Welt suchen müssen – nicht auf See, sondern in der Wüste. Sie alle sind die Bewohner der Ränder, deren Leben so weit hinter das Normale zurück- und in ein derart unwirtliches Habitat ausgewichen ist, dass sie nur mit langsam und kumulativ erworbener Meisterschaft reagieren können, die am Ende auf Genialität hinausläuft.
Der Schriftsteller Arthur Koestler vertrat die Ansicht, wir erfassten die Wirklichkeit auf drei unterschiedlichen, aber gleichwertigen Ebenen: mit den Körpersinnen, mit dem denkenden Verstand und mit dem Geist, oder der Seele: der Fähigkeit, „das Ozeanische“ wahrzunehmen, jenen Bereich, der weder den Sinnen noch dem Verstand zugänglich ist, „so wenig, wie man mit der Haut die Anziehung eines Magneten spüren kann“. Dieses Buch handelt von Seevögeln, wie die Menschen sie kennen und kennenlernen auf allen drei Ebenen; keine hat Vorrang, aber jede speist die anderen, und jede erhellt die große, zentrale, allen gemeinsame Realität.

Kein Geschöpf von Geburt so gering,
dass es nicht hätte, erforschten wir ihn,
seinen ureigenen, überlegenen Wert:
dass es nicht schüfe, so gefügt vom Geschick,
sein je gesetztes Werk, erränge nicht eigenen Ruhm,
obsiegend in der Welt, überragend allein.
«

In diesem Textabschnitt ist schön zu erkennen, wie virtuos Nicolson zwischen wissenschaftlichen Fakten, präzisen Beschreibungen und Poesie wechselt. Daten, Grafiken und Fotos visualisieren in dem sorgfältig und schön gestalteten Buch die Forschungsergebnisse und Kulturgeschichte.

Abb.: Blick ins Buch; Bildquelle: Der Ruf des Seevogels

Wer sich die Zeit und Ruhe nimmt, um sich auf Der Ruf des Seevogels einzulassen, entdeckt erstaunliches. Beispielsweise die Gedanken des Jakob Baron von Uexküll, dem Prospero und verborgenen Magier aller modernen Studien über Seevögel. Den 1864 im heutigen Estland geborenen deutsch-baltischen Biologen und Philosoph führte Kants Leitgedanke, dass unser Geist die Welt nach unserer Wahrnehmung formt, zur Erforschung der sensorischen und kognitiven Strukturen der unterschiedlichen Arten.
»Jede Spezies lebt in einem eigenen, einzigartigen sensorischen Kosmos, für den wir ganz oder teilweise blind sind weshalb wir nicht von der „Wahrnehmung“ oder „Intelligenz“ eines Tieres sprechen dürfen, sondern im Plural von den „Wahrnehmungen“ oder „Intelligenzen“. Die „Bedeutungswelt“ jedes Tieres ist unter keinen anderen Bedingungen als dessen eigenen zu verstehen.«
»Die Anerkennung der Subjektivität anderer Wesen, die bis zum 20. Jahrhundert allein die Domäne von Dichtern und Träumern war, steht jetzt im Mittelpunkt jedes modernen wissenschaftlichen Verständnisses der Natur.«
»„Es gibt jede Menge großartige kognitive Anpassungen, die wir nicht haben oder nicht brauchen … Die kognitive Evolution ist geprägt von vielen Spitzen der Spezialisierung“. Wir besitzen kein Monopol auf Intelligenz. Niemals könnten wir nach Heringen stoßtauchen oder den Mittelatlantischen Rücken am Geruch lokalisieren. Wir könnten uns nicht in den Aufwinden vor einem Kliff behaupten oder uns allein, ohne Hilfsmittel einen ganzen Winter lang auf dem Atlantik zurechtfinden. Wir können in keiner anderen Weise als unserer eigenen existieren. Die Seevögel besitzen eine Intelligenz, die sich von unserer erheblich unterscheidet.«

Die Schönheit der Sprache verpackt das Grauen in Melancholie, wie schlimm Menschen mit Seevögeln umgehen. Zwar sind allein an den Küsten der Britischen Inseln 70.000 Tonnen Seevögel »im Fluge«, aber es wird befürchtet, dass ihr Bestand in den letzten sechzig Jahren um mehr als zwei Drittel zurückgegangen ist. Insbesondere die exzessive Fischerei sowie die Umweltverschmutzung zerstören ihre Lebensgrundlagen. Noch vor einigen Jahrzehnten wurden sie auch in rauhen Mengen aus Spaß geschossen oder, wie der faszinierende Riesenalk, als lecker-fettiger Braten bis zur Ausrottung vertilgt.

Doch es gibt Hoffnung. Auf der einen Seite entwickeln sich auf menschlicher Seite Wissenschaft und Technik immer weiter. Wir verstehen die Natur besser und können ihre Ressourcen schonender nutzen. Vielleicht gelingt es auch mithilfe der Gentechnik ausgestorbene Arten wieder zurückzuholen? Auf der anderen Seite sind auch Seevögel nicht zwangsläufig passive Opfer der tiefgreifenden Veränderungen ihrer Umwelt. Sie reagieren, kämpfen, lernen und verfügen über Anpassungsfähigkeiten und Entwicklungspotentiale.

Der Ruf des Seevogels ist exzellentes Nature Writing, informativ und emotional anrührend. Für Wenigleser, die sich nach einem anstrengenden Tag zerstreuen möchten, ist das Buch nicht geeignet. Adam Nicolson schreibt auf hohem Niveau für anspruchsvolle Leser, die ihm konzentriert folgen müssen. Wer sich darauf einlässt, kommt aus dem Staunen nicht heraus.

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Verlagsvorstellung von Adam Nicolson

Adam Nicolson wurde 1957 in der Grafschaft Hampshire geboren. Nach der Schulausbildung in Eton besuchte er das Magdalene College in Cambridge. Anschließend arbeitete er als Journalist bei der Sunday Times, beim Daily Telegraph und dem National Geographic. Er produzierte zahlreiche Fernsehfilme und Hörfunkserien. Für seine Buchveröffentlichungen wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Somerset Maugham Award und dem Heinemann Award. Mit Der Ruf des Seevogels gewann er den Wainwright Prize und den Jefferies Award für Nature Writing. Adam Nicolson wohnt mit seiner Familie auf einer Farm in Sussex.

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Pressestimmen

„Adam Nicolson ist eine differenzierte Darstellung gelungen, die auch Kenner der Materie beeindrucken wird.“
—Kai Spanke, Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Nicolsons sehr schön und sorgfältig ausgestattetes Buch ist ein bewegendes, beeindruckendes und kenntnisreiches Stück Nature Writing, ein absolutes Lesevergnügen und zugleich eine Aufforderung, die Welt nicht nur immer im menschlichen Maßstab zu messen.“
—Günther Wessels, Deutschlandfunk Kultur

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Becher aus Porzellan und Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Der Ruf des Seevogels – Aus dem Leben von Papageientauchern, Tölpeln und anderen Meeresreisenden

Autor: Adam Nicolson

Illustrationen: Kate Boxter

Übersetzung: Barbara Schaden

Verlag: Verlagsbuchhandlung Liebeskind GmbH & Co. KG

Verlagslink: https://www.liebeskind.de/buecher/backlist/item/der-ruf-des-seevogels

ISBN: 978-3-95438-136-4

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