Unter Jägern und Schamanen: Tagebuch der Thule-Fahrt

Buchvorstellung von Werner Berens

Das Buch ist die übersetzte und gekürzte Zusammenfassung der Tagebuchaufzeichnungen von Knud Rasmussen (* 7. Juni 1879; † 21. Dezember 1933), bekannter Ethnologe und Polarforscher, über die Thule-Expedition.

Abb.: Knud Rasmussen (vermutlich Anfang des 20. Jahrhunderts); Bildquelle: Wikipedia

In 14 Kapiteln und 346 Seiten führt der Autor den interessierten Leser in die Welten der Küsten- und Festlandinuit in den Jahren 1921-22. Zweck der Expedition ist, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Sprache, der Kultur und der alltäglichen Lebensweise verschiedener Inuitpopulationen zu erforschen, BEVOR die Zivilisation der Weißen und die Anbindung daran die Unterschiede verwischt und/oder die Inuitkultur auslöscht.

Dass Inuit nicht gleich Inuit ist, sondern die Art der Beute, die das Überleben des Jägervolkes sichert, zwei in vielerlei Hinsicht unterschiedliche Volksgruppen hervorbringt, ist für den durchschnittlich gebildeten Mitteleuropäer möglicherweise die erste Überraschung. Dem Leser öffnet sich – wenn er so viel oder so wenig über die Inuitkultur weiß, wie der oben erwähnte Mitteleuropäer- eine völlig fremde Welt aus Kälte, Sturm und Eis, aus Hundeschlittenfahrten, aus Sagen und Mentalitäten einer Menschenwelt, die sich von der wohlbehüteten Gegenwart in gemäßigten Breiten unterscheidet wie die Nacht vom Tag.

Der Autor und Ich-Erzähler sucht mit Hundeschlittengespannen und wechselnden Begleitern die Wohnplätze der Küsten- und der Inlandinuit auf, um dort die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der jeweiligen Gruppen zu erfahren und aufzuzeichnen. Dabei begleitet ihn der Leser durch die Gefahren, durch die Freuden und Überraschungen der Reise.

Rasmussen nimmt den Leser mit in eine Welt von Fleischessern, die bei Jagderfolg in Fülle leben und bei Misserfolg, weil die Beute ausbleibt oder weil sie falsche Entscheidungen trafen, hungern und sterben müssen. In dieser Welt ist nichts absolut sicher. Der Leser erfährt von Küsteninuit, die das Walross, den Seehund, den Wal jagen, die ihre Iglus mit dem Tran ihrer erbeuteten Tiere beleuchten und heizen. Und er erfährt von Inlandinuit, die ganz anders leben und denken, die den Zügen der Rentiere folgen, ausschließlich von der Jagd auf diese Tiere leben und niemals irgendein Seegetier essen würden, weil das eines der zahlreichen Tabus ist, die das Leben der Inuit bestimmen und erschweren. Es ist eine Welt des Augenblicks, in der nur bedingt planbar ist, was morgen geschieht. Wenn die Fleischgruben des natürlichen Kühlschranks leer sind, bleibt nicht viel Zeit, neue Nahrung zu beschaffen. Und damit das gelingt, müssen zahlreiche Regeln und Tabus beachtet werden, um »das Weib unter dem Meer« die Hilfsgeister oder eine andere Gottheit nicht zu verärgern. Zauberer und Schamanen sorgen in komplexen und komplizierten Ritualen für das Wohlwollen der Götter und für Kontakte zu den Verstorbenen. Aber das manchmal undurchdringliche Dickicht der Tabus engt auch ein.

Rasmussen ist Forscher, vollständig vom Drang erfüllt, die Sagenwelt und die teilweise gravierenden, manchmal aber auch marginalen Unterschiede in der Lebensweise und Kultur der verschiedenen Inuit aufzuzeichnen. Er beschränkt sich-leider- im Wesentlichen auf die Vorstellungswelt der Inuit. Dadurch offenbart sich dem Leser das Bild eines Naturvolkes der 1920er Jahre, das aufgrund völliger Unkenntnis der physikalischen, chemischen und medizinischen Kenntnisse der Zeit darauf angewiesen ist, sich ein Bild von Ursachen und Folgen in ihrer Welt zusammenzureimen. Diese dunkle, bedrückende, aber für den modernen Menschen spannende  Vorstellungswelt öffnet Rasmussen dem Leser, indem er seine Schamanen und Zauberer ausführlich zu Wort kommen lässt.

Das ist eine der Stärken des Buches. Aber eine bedauerliche Schwäche des Werkes ist, dass der Leser zwar sehr viel über das Innenleben der Inuit erfährt, aber zu wenig über das Außenleben. Wir erfahren, DASS Meeresgetier und dass Rentiere gejagt werden, aber nicht wie. Wir erfahren, DASS Schneehäuser gebaut werden, aber nicht wie. Für Rasmussen ist das nichts Neues. Er ist mit dieser Kultur verwandt, spricht ihre Sprache. In seiner Suche nach kulturellen Unterschieden und Übereinstimmungen der Vorstellungswelten sind die Selbstverständlichkeiten des Alltagslebens der Inuit für ihn vermutlich belanglos. Doch der lesende Mitteleuropäer wüsste durchaus gern mehr über die Jagd, die Werkzeuge und Waffen, die Nahrungszubereitung und den Umgang mit 50 Grad minus.……An dieser Stelle täte der Verlag sich und seinen Lesern einen Gefallen, wenn die Wiedergabe der Aufzeichnungen Rasmussens um die ein oder andere Sage reduziert würde. Ein stattdessen eingeschobener Text zur Jagd und zur Alltagsbewältigung der zwei verschiedenen Inuitkulturen würde dem Leser bei der Verbildlichung der Geschehnisse helfen.

Bildquelle: Werner Berens

Quintessenz: Man muss als Leser die Forscherpersönlichkeit Rasmussens einordnen können, um zu verstehen, dass jemand solche Entbehrungen für das Aufschreiben von Sagen auf sich nimmt. Dann erscheint es naheliegend und nachvollziehbar, dass das, was er beschreibt, im Wesentlichen das ist, was IHN interessiert. Dennoch versteht er es, seine Faszination auf den Leser zu übertragen, weil er in lebendiger und bildhafter Sprache nicht berichtet, sondern erzählt…
»Alles stürzte sich gleich gierigen Hunden über die Mahlzeit. Es kam darauf an, sich schnell die besten Stücke zu sichern…………die jüngeren rissen in der gierigen Weise, wie wir uns die Urmenschen essend denken, das Fleisch von den Knochen.«

Lohnt es sich, das Buch zu lesen? Wer ein Erklärungsbuch unter der Themenstellung erwartet: So lebten die Inuit, für den ist das Buch nicht das richtige……..Die Versuchung, den Leseprozess zu unterbrechen und Tante Google die zahlreichen Fragen beantworten zu lassen, die sich dem oben erwähnten Mitteleuropäer stellen, ist groß. Die implizite Erwartung, dass sie im Verlaufe des Lesens durch das Buch irgendwo beantwortet würden, erfüllt sich nicht. Aber man kann und darf sich von Rasmussen, von seiner lebendigen Sprache, von seiner Begeisterung entführen lassen in eine weiße, karge, kalte, lebensfeindliche Welt. Und das ist die Stärke dieses Buches: Dass es einer lebendigen, begeisterten und begeisternden Erzählweise den Leser in eine völlig fremde, archaische Welt entführt. Wenn man drauflos liest, sich auf das Buch einlässt, bereit ist, sich diese fremden Welten imaginierend zu erschließen und willens ist, aus der Fremdheit der Inuitwelten und dem Vergleich mit der eigenen Welt hier und jetzt Erkenntnis zu gewinnen, hilft das Buch, wie kaum ein anderes, die eigenen Befindlichkeiten zu hinterfragen.

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Verlagsvorstellung des Autors

Knud Rasmussen, geboren 1879 in West-Grönland, war Ethnologe und Polarforscher und gilt bis heute als einer der großen Pioniere in der Erforschung der Arktis. Im Zentrum von Rasmussens Interesse stand die Kultur der Inuit, auf seinen Reisen sammelte er ihre Mythen und Sagen und hat uns dadurch einzigartige Zeugnisse aus dem Leben der Inuit überliefert. Er starb 1933 in Kopenhagen.

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Werner Berens

Werner Berens ist Fliegenfischer, Jäger, Autor und Genussmensch, der den erwähnten Tätigkeiten soweit als möglich die lustvollen Momente abzugewinnen versucht, ohne aufgrund kulinarisch attraktiver Beute übermäßig in die falsche Richtung zu wachsen. Als Leser und Schreiber ist er ein Freund fein ziselierter Wortarbeit mit Identifikationssmöglichkeit und Feind von Ingenieurstexten, die sich lesen wie Beipackzettel für Kopfschmerztabletten. Altermäßig reitet er dem Sonnenuntergang am Horizont entgegen und schreibt nur noch gelegentlich Beiträge für das Magazin FliegenFischen.

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Pressestimmen

»Im Gegensatz zu anderen Forschern, die Eingeborene zwar studieren, sie aber nicht unbedingt als gleichwertig betrachten und den Erfolg schon gar nicht mit ihnen teilen mögen, waren Rasmussen Standesdünkel und Überlegenheitsgefühl fremd. Kameradschaftlichkeit und das Fehlen von übertriebenem Ehrgeiz gehörten zu den anziehendsten Seiten dieser aussergewöhnlichen Persönlichkeit. Rasmussen ist ein begnadeter Erzähler. Die Freude am puren Abenteuer, die Liebe zu einer extremen Natur, die Zuneigung zu den Inuit und seine Vertrautheit mit ihrer Kultur sind auf jeder Seite spürbar. Die Männer leben mit den Inuit und sind ihnen bei der Jagd und anderen Arbeiten behilflich. Abends hält Rasmussen dann fest, was ihm die Inuit an Mythen, Märchen und Glaubensvorstellungen anvertrauen. Faszinierend sind die Auskünfte der Schamanen, auch wenn diese Gespräche nicht immer den gewünschten Erfolg zeitigen.«
—Georg Sütterlin, Neue Zürcher Zeitung

»Rasmussens Tagebuch der Thule-Fahrt bleibt das spannende Zeugnis der großen ethnografischen Reisen zu den Inuit. Mit ihm und seinen Gefährten reist man zu den letzten Schamanen, großartigen Erzählerinnen und lebensfrohen Nomaden. Wer die Magie der arktischen Kultur erleben will, stößt jedenfalls unweigerlich auf Rasmussen.«
—Martin Zähringer, fluter.de/Magazin der Bundeszentrale für polit. Bildung, Bonn

»Mit Rasmussen reist man zu den letzten Schamanen, zu grossartigen Erzählerinnen und warmherzigen Menschen, und man reist zugleich in die Tiefen der dänisch-grönländischen Beziehung.«
—Martin Zähringer, St. Galler Tagblatt

»Ein sehr lebendiger Expeditionsbericht über eine Kultur im Wandel.«
—Buchkultur, Wien

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Becher aus Porzellan und Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Unter Jägern und Schamanen: Tagebuch der Thule-Fahrt

Autor: Knud Rasmussen

Übersetzung: Friedrich Sieburg

Verlag: Unionsverlag

Verlagslink: http://www.unionsverlag.com/info/title.asp?title_id=2388

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