Der Wildtierarzt ermittelt: Interessante und besondere Fälle im Revier

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Buchvorstellung von Janine Brunner

»Allgemein entsteht das Geweih der Hirsche (Hirschartigen) aus der Haut auf den Stirnbeinen, lediglich beim Rehkitz aus dem darunterliegenden Stirnhautperiost (= Knochenhaut). Bei Verpflanzung der für die Geweihbildung verantwortlichen Haut an andere Körperstellen entwickeln sich dort Stangen. Das Geweihwachstum wird vom Wachstumshormon Somatotropin beeinflusst, während der Wachstumsstillstand durch ein Gonadotropin (Geschlechtshormon), das Testosteron, gesteuert wird. Bei hoher Konzentration des Somatotropins erfolgt der Aufbau des Geweihes, bei Absinken dieser Konzentration und Ansteigen der Testosteronmenge im Blut wird das Geweihwachstum allmählich eingestellt. Wenn der Testosterongehalt dominiert und der des Somatotropins seinen Tiefpunkt erreicht hat, wird die Basthaut verfegt.

Bei Kastration junger, noch geweihloser Hirschkälber oder Bockkitze wird zeitlebens kein Geweih geschoben, bei späterer Kastration wird ein anhaltend wachsendes, wucherndes Bast-(„Perücken“-)-geweih gebildet. Das Gehweichwachstum dürfte möglicherweise auch durch die Schwerkraft beeinflusst werden, nachdem Lahmheiten oft zu asymmetrischen Geweihen führen.«

Abb.: Foto aus Wildkamera mit Zwitter oder Kitz-Kastrat; Bildquelle: Janine Brunner

»Bei Rehgeißen kann im hohen Alter durch die Verminderung der Tätigkeit der Eierstöcke eine „Maskulinisierung“ eintreten. Dann werden vorerst die Ansätze einer Rosenstockbildung – wie bei Böcken an der äußeren Stirnbeinleiste, aber viel weiter in Richtung Augenbogenrand – unter der Decke als Wülste erkennbar. Darauf kann es auch zum Schieben von rosenlosen Kolben kommen, die aber geperlt sind und einem Perückengeweih ähneln können. Die Bildung von Rosenstöcken setzt einen länger dauernden Testosteronspiegel im Blut voraus…

… „Geißgeweihe“ bleiben meist recht klein, werden auch nicht gefegt oder abgeworfen…«

Bildquelle: Der Wildtierarzt ermittelt

Diesen ersten Abschnitt des Fach-Taschenbuches habe ich im Hinblick auf den bevorstehenden Aufgang der Bockjagd gewählt, wo die Gehörne der dieser kleinen, primitiven Hirsche wieder viele Grünröcke kaum schlafen lässt 😉

Bildquelle: Der Wildtierarzt ermittelt

Gerade die Perückenböcke zählen zu den Trophäen mit dem höchsten Ansehen, da sie untrüglicher Beweis für einen absolut notwenigen Hegeabschuss sind. Werden Perückenböcke nicht rechtzeitig erlegt, verenden sie unter schrecklicher Qualen, da ihnen die nach unten wuchernden Bastgehörne in die Augenhöhlen und in die Schädeldecke drücken, bis sie erblinden oder an Gehirnentzündung eingehen.

Auch abnorme Böcke (asymmetrische Gehörne) gelten bei vielen Waidmännern als Ziel der Begierde und auch da kann man einen gewissen Hege-Gedanken als Ursprung erahnen: nicht nur Lahmheiten (wie oben zitiert) führen zu abnormer Geweihbildung, sondern auch ausheilende Schädelfrakturen (z. B. nach Verkehrsunfall), starker Parasitenbefall und allgemein Krankheit. Natürlich gibt es aber auch Abnormitäten im Geweih durch Bastverletzungen und Stangenbrüche; diese wären im Folgejahr wieder korrigiert.

Auch gehörnten Geißen wird nachgestellt. Der oben zitierte Buchabschnitt würde vermuten lassen, dass es sich bei ihnen immer um alte, unfruchtbare Geltgeißen handeln muss, dann würde auch da der Hege-Gedanken als Grund für die Jagd auf sie greifen, aber es kommt durchaus vor, dass neben einer gehörnten Ricke zwei putzmuntere Kitze stehen, die wohl das Lehrbuch nicht gelesen haben.

Ausführlich aufgearbeitet werden im Taschenbuch Der Wildtierarzt ermittelt, erschienen 2021 im Leopold Stocker Verlag GmbH, Graz, vom österreichischen Jäger und Veterinär, Armin Deutz, nebst des zitierten Abschnitts zur Geweihbildung die Themen Schalenkrankheiten, Zahnmissbildungen, Trächtigkeitsprobleme, Tumoren („Krebs“), Zoonosen (Infektionskrankheiten zwischen Mensch und Tier), Wilderei, Wildseuchen wie die ASP, Aujeszky etc., Erkrankungen durch Parasitenbefall, Wildbrethygiene und sogar auf spezifische „Berufsrisiken“ der Jagdhunde wird eingegangen.

Das gut 200 seitige Buch ist ein Sachbuch mit Erzählcharakter und kann mit dem detaillierten Inhaltsverzeichnis auch als Nachschlagewerk genutzt werden. Herr Deuz bezeichnet es selbst als einen Ratgeber.

Der Titel ist etwas irreführend, da er dem geneigten Leser suggeriert ihn auf einen Krimi mit ins Revier zu nehmen. Stattdessen wird er mit lauter, zwar durchaus spannender, aber dennoch harter, tiermedizinischer und wildtierbiologischer Fakten inklusive Farbfotos und Quellenangaben überhäuft. Irritiert durch den Sachbuch-Inhalt, habe ich mich nach den ersten Seiten kurz gefragt, ob es die Meinung des Autors ist, dass man das Taschenbuch am Stück durchliest, oder ob es nicht eher ein Werk über die Wildkrankheiten für die Jägerausbildung oder zum Nachschlagen bei konkreten Fragestellungen sein möchte.

Durch die spannenden Inhalte und die fundierte Aufarbeitung einiger Fragestellungen, die ich als jagende Tierärztin selbst schon hatte, fiel die Entscheidung dann doch leicht: das Buch möchte natürlich von A bis Z gelesen werden…

…nur schon um beim nächsten Jägerstammtisch aus den Vollen schöpfen zu können 😉

Die Erkrankungen der Wildtiere gleichen zwar oft denen der Haustiere bzw. auch denen des Menschen, trotzdem nehmen sie einen sehr untergeordneten Platz im Studium der Tiermedizin ein, so dass das Taschenbuch auch für mich interessant war.

Der Jäger übernimmt in der »Lebensmittel-Produktionskette tierischen Ursprungs« eine Sonderstellung ein; darf er doch Fleisch in den Verkehr bringen ohne dass ein Tierarzt die Lebend- und die Fleischbeschau gemacht hat! Er alleine entscheidet draußen im Wald welches Tier er entnimmt, ob es sich vor dem Schuss „gesund“ verhalten hat und ob es beim Aufbrechen (Entfernen der inneren Organe) Anzeichen auf Krankheiten gibt, oder ob das Fleisch zum menschlichen Verzehr geeignet ist. Unter diesem Gesichtspunkt ist es nur ratsam, dass wir Jäger nicht nur auf das grüne Abitur zählen, sondern uns auch ein Leben lang weiterbilden um unsere Wildtiere im Revier, uns selbst und auch unsere Wildbretkunden vor übertragbaren Krankheiten zu schützen.

*

Dr. Janine Brunner

Als Tierärztin bleiben einem ernährungstechnisch drei Optionen, wenn man mit sich selbst im reinen sein möchte: entweder vegan zu leben, selbst Nutzvieh zu halten und zu Hause zu schlachten oder jagen zu gehen. Für alle anderen Wege weiß man durch das Tiermedizinstudium schlichtweg zu gut Bescheid.

Ich habe mich vor vielen Jahren für den dritten dieser Wege entschieden. Einmal wach gerüttelt wie Lebensmittel im großen Stil produziert werden, zieht sich das Thema schnell durchs ganze Leben: nach der Jagd kam der Gemüsegarten. Es folgten Obstbäume, Beerensträucher, dann ein jagender Imker und seine Bienen. Fehlt nur noch eine Kuh…

So kam es, dass die Nahrungsmittelbeschaffung, Verarbeitung und Zubereitung mittlerweile einen großen Teil unserer Zeit in Anspruch nimmt.

Dieses Jahr haben wir als @vomWaldindenMund begonnen auf Facebook und Instagram über die Jagd, die Arbeit unserer Jagdhunde, die Honigbienen, die Natur um uns herum, aber vor allem über gutes Essen zu berichten.

Wir genießen das Glück in den großen Spessart-Wäldern jagen zu dürfen, haben dort einen Pirschbezirk wo sich Sauen und Rotwild an den Suhlen die Klinke in die Hand geben. Manchmal passen gar nicht alle Sauen einer Rotte auf die Bilder der Wildkamera, so viele möchten gerne aufs Foto.

Nur leider hat das Wild scheinbar ein ausgeklügeltes Jäger-Frühwarnsystem, so dass wir die allermeiste Zeit vergebens im Wald sitzen und den Bäumen beim Wachsen zu sehen.

Um nicht ganz ohne Beute heimgehen zu müssen, suche ich nach frustrierenden Ansitzen Pilze. Daraus wurde eine kleine Sucht, so dass ich nicht mehr im Hellen auf Wild pirschen kann, ohne den Blick ständig am Waldboden haften zu haben, anstatt in der Ferne nach Reh, Sau und Hirsch Ausschau zu halten. Vermutlich wird mein Blick von einem inneren Realismus gelenkt: es ist viel wahrscheinlicher ausreichend essbare Pilze im Wald zu finden, als eine passende, erlegbare vierbeinige Beute.

https://www.facebook.com/VomWaldInDenMund/

https://www.instagram.com/vomwaldindenmund/

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Becher aus Porzellan und Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Der Wildtierarzt ermittelt: Interessante und besondere Fälle im Revier

Autor: Armin Deutz

Verlag: Leopold Stocker Verlag

Verlagslink: https://www.stocker-verlag.com/buch/der-wildtierarzt-ermittelt/

ISBN: 978-3-7020-1944-0

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