Morchelmusik

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Es ist Frühling und wir freuen uns auf die Morchelsaison. Wie man das Gold des Waldes am ehesten findet, wurde hier schon im April 2019 beschrieben und das Gold des Waldes unter anderem hier gerühmt.

Bildquelle: Alla Kemelmakher auf Unsplash

Beim Pilzesammeln und dem anschließenden kulinarischen Finale in der heimischen Küche sind stets alle Deine Sinne gefordert. Insbesondere die Morcheln sind Meister der Tarnung. Dein Auge scannt den Waldboden, Deine Nase fängt den erdigen Duft ein, Finger tasten über die Erde, Waldgeräusche in Deinen Ohren und Dein Gaumen wartet sehnsüchtig auf den Schmaus.

In gängigen Kochbüchern finden wir zu jedem Rezept die obligatorische Weinbegleitung. Doch für das volle sensorische Erlebnis bei der Zubereitung unserer geliebten Morcheln fehlt oft die akustische Untermalung.

Wer die Vorbereitung seiner Beute auf ein neues Level heben möchte, dem sei ein besonderes Stück estnischer Kulturgeschichte ans Herz gelegt: die Mushroom Cantata (Seenekantaat) von Lepo Sumera (* 8. Mai 1950 in Tallinn; † 2. Juni 2000 ebenda).

Es ist nicht verwunderlich, dass dieses Werk aus Estland stammt. Die Esten sind nicht nur ein tief musikalisches Volk, das sich mit der Singenden Revolution seine Freiheit erstritt, sie sind auch besessene Pilzjäger.

Angeblich bricht im estnischen Spätsommer regelmäßig die Wirtschaft ein, weil ganze Belegschaften – vom Pförtner bis zum CEO  – „krankgemeldet“ auf der Dritten Jagd sind, wie das Pilzesammeln nach der Jagd und dem Angeln bezeichnet wird.

Abb.: Estnische Wälder; Bildquelle: Stefan Hiienurm auf Unsplash

In Estland führte die sogenannte Singende Revolution zwischen 1987 und 1991 durch gewaltlosen, musikalischen Widerstand zur Wiedererlagung der Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Dabei versammelten sich bis zu 300.000 Menschen – etwa ein Drittel der Bevölkerung – auf dem Sängerfestplatz in Tallinn, um gemeinsam verbotene patriotische Lieder zu singen und so ihre nationale Identität gegen die linken Diktaturen des Ostblocks zu behaupten.
Wer in Deutschland heutzutage auf dem Marktplatz patriotischer Lieder singt, macht vermutlich bald Bekanntschaft mit der Antifa und dem Verfassungsschutz, aber das ist ein anderes Thema.

Sumera war ein Pionier der elektroakustischen Musik und zeitweise estnischer Kulturminister. Seine Kantate ist ein musikalisches Kuriosum: Der gesamte Text besteht ausschließlich aus den lateinischen Bezeichnungen heimischer Pilzarten.

Der Komponist selbst begründete die Wahl seiner Lyrik damit, dass Musik herkömmliche Gedichte oft ihrer poetischen Intimität beraube. Stattessen vertraute er auf den Rhythmus der Nomenklatur. Die Widmung des Werkes spricht uns aus der Seele: „Hoc cantatum dedicatum est eis, qui fungos amant“ – Diese Kantate ist denen gewidmet, die Pilze lieben.

Abb.: Lepo Sumera hört Morchelmusik; Bildquelle: KI

Passend zur aktuellen Saison widmet sich der erste Satz dem Frühling. Zwischen den Harmonien lassen sich akustisch die Spitzmorchel (Morchella conica) und die Speisemorchel (Morchella esculenta) ausmachen.

Ein idealer Soundtrack, um die Butter in der Pfanne aufzuschäumen und den Wein zu öffnen.


Erschienen bei BIS Records 2005: https://bis.eclassical.com/label/bis/sumera-mushroom-cantata-other-choral-works.html

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