Neurovisuelle Kalibrierung bei Morchelblindheit

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Die neurovisuelle Kalibrierungsmethode – warum wir Morcheln übersehen und wie wir lernen, sie sofort zu erkennen.

Interview mit Jürg Marti

Mykologie: Herr Marti, viele Pilzsammler kennen das Gefühl: perfekte Bedingungen – und trotzdem keine Morcheln. Woran liegt das?
MARTI: Das ist tatsächlich ein sehr verbreitetes Phänomen. Viele glauben, es liege daran, dass keine Morcheln vorhanden sind. In Wahrheit ist oft das Gegenteil der Fall: Die Morcheln sind da – wir sehen sie nur nicht. Dieses Phänomen nenne ich Morchelblindheit.

MYKOLOGIE: Was genau versteht man unter Morchelblindheit?
MARTI: Morchelblindheit ist kein Wissensproblem, sondern ein Wahrnehmungsproblem.
Das Auge registriert die Morchel – aber das Gehirn erkennt sie nicht als relevant.
Man läuft buchstäblich mehrmals daran vorbei, ohne sie bewusst wahrzunehmen. Besonders faszinierend ist: Andere finden im selben Gebiet plötzlich mehrere Morcheln – genau dort, wo man selbst bereits gesucht hat.

MYKOLOGIE: Woran erkennt man, dass man davon betroffen ist?
MARTI: Typische Anzeichen sind:• Morcheln werden im direkten Sichtfeld übersehen• Der Fokus liegt auf „falschen“ Strukturen wie Blättern oder Ästen• Die Suchintensität steigt, während der Erfolg ausbleibt• Frustration nimmt zu• Und dann geschieht etwas Entscheidendes: Nach dem ersten Fund „tauchen“ plötzlich überall Morcheln aufDieser Moment ist der Schlüssel.

MYKOLOGIE: Was passiert dabei im Gehirn?
MARTI: Unser Gehirn arbeitet nicht wie eine Kamera – sondern wie ein Filter.Bei der Morchelsuche wirken mehrere Effekte gleichzeitig:• Selektive Aufmerksamkeit: Das Gehirn priorisiert die falschen Muster• Gestaltverkennung: Die typische Wabenstruktur wird nicht als Ganzes erkannt• Kontrastverschmelzung: Morcheln tarnen sich perfekt im Waldboden• Erwartungsbias: Zu viel Erwartung blockiert die intuitive WahrnehmungDas Resultat: Man ist „blind“, obwohl man eigentlich sieht.

MYKOLOGIE: Sie haben dafür eine Methode entwickelt. Was steckt hinter der neurovisuellen Kalibrierungsmethode?
MARTI: Die neurovisuelle Kalibrierungsmethode basiert auf jahrelanger praktischer Erfahrung im Gelände.
Das Ziel ist klar: das visuelle System neu zu kalibrieren – also dem Gehirn beizubringen, Morcheln wieder korrekt zu erkennen.

MYKOLOGIE: Wie funktioniert das konkret?
MARTI: Die Methode besteht aus fünf zentralen Modulen:

1. Visuelles Priming
Vor der Suche bewusst eine Morchel anschauen – real oder als Bild.
Das aktiviert die neuronale Mustererkennung.

2. Defokussierte Wahrnehmung
Den Blick weich machen statt fixieren.
Morcheln werden oft peripher wahrgenommen.

3. Perspektivwechsel
Nicht nur geradeaus schauen – Winkel variieren.
Licht und Schatten lassen Strukturen plötzlich sichtbar werden.

4. Rhythmische Bewegung
Ruhig und gleichmässig gehen statt hektisch suchen.

Das reduziert mentale Übersteuerung.

5. Der Trigger-Effekt
Der erste Fund verändert alles.
Das Gehirn schaltet in den „Erkennungsmodus“.

MYKOLOGIE: Das klingt fast wie ein Schalter im Kopf.
MARTI: Genau so wird es oft beschrieben. Viele sagen nach kurzer Zeit:„Jetzt sehe ich sie überall.“

MYKOLOGIE: Gibt es praktische Beispiele dafür?
MARTI:Ja, sehr viele. Ein klassischer Fall:Ein erfahrener Sammler sucht stundenlang erfolglos.Dann wendet er die Methode an:• Nach 10–15 Minuten: erster Fund• Kurz darauf: mehrere Morcheln im selben Gebiet
Sein Feedback:
„Es ist, als hätte jemand den Fokus scharf gestellt.“

MYKOLOGIE: Was macht diese Methode so besonders?
MARTI: Sie zeigt etwas Grundsätzliches:• Wahrnehmung ist trainierbar• Sehen ist nicht gleich Erkennen
Und vor allem: Morchelblindheit ist kein Dauerzustand – sie kann sich oft innerhalb weniger Minuten auflösen.

MYKOLOGIE: Lässt sich das auch auf andere Bereiche übertragen?
MARTI: Absolut. Die gleichen Prinzipien funktionieren auch bei:
• Wildbeobachtung
• Pflanzenbestimmung
• Allgemeiner Mustererkennung in der Natur
Es geht immer darum, wie das Gehirn filtert.

MYKOLOGIE: Ihr Fazit in einem Satz?
MARTI: Die Morchel ist nicht das Problem – der Blick ist es.Oder anders gesagt:Der Wald ist nicht leer. Dein Blick ist nur noch nicht eingestellt.

Und Du? Hast Du Morchelblindheit schon erlebt – und wann kam Dein persönlicher Aha-Moment?

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Wer es bis jetzt nicht bemerkte: April! April!

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Jürg Marti

Wer die Filiale der Bernerland Bank in Hasle-Rüegsau betritt, trifft auf einen Mann, der Bodenständigkeit verkörpert. Jürg Marti (* ca. 1967) leitet dort seit vielen Jahren das Team und ist tief in der Region verwurzelt. Doch wer glaubt, der 58-jährige Berner fühle sich nur in der Welt der Zahlen wohl, der irrt gewaltig. 

Sobald Jürg Marti den Banker-Anzug ablegt, zieht es ihn in die Wälder des Emmentals. Er ist leidenschaftlicher Pilzkenner und hat es als Pilzfluencer zu beachtlicher Bekanntheit gebracht. Auf Social-Media-Kanälen wie Instagram teilt er seine Funde und sein Wissen mit einer wachsenden Community. 

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Anmerkungen

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